S. Castro – überall Nazis

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über S.Castro, in welchem ich auch auf der Grundlage des Liedes „Venganza“ über ihn ablästerte. Einige meiner Auslassungen irritieren mich heute selbst ein wenig stark, ich werde diesen Artikel wohl noch einmal gründlich überarbeiten. Wie dem auch sei; vor etwa einem Monat tauchte S.Castro, der bis dahin zwei Jahre nichts von sich hat hören lassen, plötzlich wieder auf, und veröffentlichte einen Trailer zu „Venganza II“. Das ließ schonmal Schlimmes fürchten.

Was S.Castro dann in „Venganza II“ für einen Müll erzählt, hat mich trotz meiner schlechten Erwartungen noch einmal überrascht. Aber der Reihe nach.

(Alle eingeklammerten Zeitangaben beziehen sich auf Venganza II)

S.Castro beginnt mit ein paar pathetischen Wörtern über die geknechtete Menschheit, um bereits innert der ersten Minute wie schon in „Venganza“ krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: dieses Mal sind es freilich nicht die WTC-Türme, die von den Amis gesprengt wurden, sondern gleich der bevorstehende 3. Weltkrieg (0:45). Irgendwelche bösen Mächte würden diesen planen, um damit ihre Macht auszubauen oder dergleichen – der übliche Unsinn. Dass Rüstungsunternehmen sich freuen, wenn es auf der Welt Krieg gibt, weil sie mit Waffenverkauf Geld verdienen – geschenkt. Dass so ziemlich sämtliche Regierungen dieser Welt nur dann etwas gegen Krieg haben, wenn er ihren Interessen zuwiderläuft – geschenkt. Aber wie irre müssten die ominösen Verschwörer*innen denn sein, um in einer Welt von mit Nuklearwaffen bestückten Militärmächten einen Weltkrieg anzuzetteln? Überhaupt ist S.Castro davon überzeugt, sämtliche Politiker*innen seien Marionetten von „der Herrscherklasse“ (6:20, vgl. auch 1:59). Wer wohl diese Herrscherklasse ist? Überraschung, Überraschung: das raffende Kapital. Schließlich nennt S.Castro ausgerechnet Bankenchef*innen als Profiteure von westlichen Kriegseinsätzen (1:35), obwohl doch die Rüstungsindustrie der erste Wirtschaftszweig sein sollte, der hier als Profiteur in den Sinn kommen sollte. Aber nein, natürlich stecken die Banker*innen hinter allem Übel, und das wird dann auch mit dem passenden Bild unterlegt:

Screenshot (173)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TI1RNVSY_EY )

Das in den Hintergrund projizierte Bild zeigt einen irr blickenden Mann mit Hakennase, Bart und schlechten Zähnen. Das ist per se nicht antisemitisch – das Bild zeigt Blackbeard, einen Piraten aus One Piece, und ich habe diese Serie zwar nie gesehen, aber nach oberflächliche Recherche nichts darüber gefunden, dass diese Figur antisemitisch aufgeladen wäre (Freilich wäre das Platz für eine weitere Untersuchung: Warum wird ein Bösewicht in One Piece auf diese Weise dargestellt? Aber das würde hier zu weit führen, und ich kenne mich wie gesagt dafür zu wenig mit One Piece aus). Problematisch für die Verwendung in „Venganza II“ wird das Bild erst durch den spezifischen Kontext: „Und schon grinsen die Bankchefs“, ist die Line von S.Castro, der dieses Bild als Illustration dient. Einen geldgierigen Menschen nun mit eben jenen Stereotypen darzustellen, die die Nazis verwendeten, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren, ist klar antisemitisch.

Das wird auch nicht besser dadurch, dass S.Castro rappt, „sie“ würden sich „wie Bakterien vermehren“ (3:49), ist solches pseudo-biologische Gewäsch doch nichts anderes als Nazisprech. Etwas im Unklaren bleibt darüber hinaus, wer genau „sie“ denn sein sollen. Er spricht zuvor von der Regierung – aber war nicht die Regierung nur die Marionette der Herrscherklasse? Und es wäre ja auch seltsam, wenn die Regierung sich vermehren würde. Also vermehrt sich wohl die Herrscherklasse wie Bakterien, und, was haben wir eben gelernt, wer repräsentiert die Herrscherklasse? Die geldgierigen Bankenchef*innen. Aha, aha.

Wer so einen Müll verzapft, der rappt dann natürlich gegen Ende des Liedes auch noch in unfassbar peinlicher Manier – nämlich Buchstabe für Buchstabe -, die Menschen sollten doch bitte endlich aufwachen (8:08). Aus welcher Richtung diese Phrase kommt, sollte wohl eigentlich jedem klar sein; die Frage ist bloß, wann S.Castro seine abgewetzte Cap gegen einen Aluhut tauscht.

Nun, nun, damit könnte man diese Beitrag an und für sich beenden, und es wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen, aber eine Sache wäre da noch: S.Castro bagatellisiert in diesem Lied die Verbrechen der Nationalsozialist*innen. Oder wie genau will man eine solche Line rechtfertigen: „Euer Überwachungsstaat übertrifft schon bei weitem die Nazis“ (3:36)? Alleine aufgrund der heute gegebenen technischen Möglichkeiten mag das sogar den Tatsachen entsprechen, doch wo genau der Sinn des Vergleiches liegt, erschließt sich mir nicht. Schließlich könnte man hier zuvorderst einwenden, dass, hätten die Nazis die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, sie diese ganz sicher auch eingesetzt hätten, und zwar in noch größerem Maße als die derzeitige Regierung. Darüber hinaus hat der Vergleich aber keinen tieferen Sinn, als die Verbrechen der Nazis als harmloser denn die der derzeitigen Regierung darzustellen, und das ist in letzter Konsequenz nichts anderes als Holocaustrelativierung. Umso abstruser, dass S.Castro dann auch noch rappt, man solle ihm doch jetzt nichts von Stasi erzählen – dabei war doch schon die Stasi in Sachen Überwachung den Nazis um einiges voraus.

Nun gut, ein unangebrachter Nazivergleich, das ist doch keine Holocaustrelativierung, werden jetzt viele sagen. Aber es ist nicht EIN unangebrachter Nazivergleich (die sind ja ohnehin fast immer unangebracht, aber das wäre wieder ein anderes Thema), sondern zig davon. Bei 2:44 rappt S.Castro: „Joseph Goebbels wird heut represented von der Bild“. Jaja, die Bild ist scheiße und ein mieses Hetzblatt. Aber ausgerechnnet Joseph Goebbels zum Vergleich heranzerren? Das ist in den Dimensionen einfach vollkommen absurd. Nun, dann kommt natürlich noch „Germanys next Hitler“ (4:20), und, in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (5:00):

Seid willkommen in den 30ern, die SS steht Schmiere
Und wartet auf den Einsatz im brutalsten ihrer Spiele
Die Juden dienten damals als ein Sündenbock für Kriege
Aber heute machen wir ihnen einen Strich durch ihre Ziele

30er? Wie bitte? SS? Wovon rappt der Kerl bitte? Wie bescheuert muss man sein, um soetwas zu verbreiten? Ohne Zweifel ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung grausam und rassistisch, und ja, im „deutschen Volk“ brodelt wie immer die Lust aufs Pogrom, die sich auch immer häufiger Bahn bricht – aber das mit der Deportierung von Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen etc. in Konzentrationslager durch die SS zu vergleichen ist absurd.

Die dermaßen inflationäre und völlig sinnlose Benutzung des Nazivergleichs führt schlussendlich nur zur Bagatellisierung der deutschen Verbrechen und ist ein Instrument der Täter-Opfer-Umkehr. Ob S.Castro sich dessen bewusst ist?

Zu guter letzt darf natürlich ein Gruß S.Castros an die Antideutschen nicht fehlen: „Antideutsche Pest findet geil, dass Palästina brennt“ (8:53). Nun, erste Frage: Palästina brennt? Habe ich was verpasst? Zweite Frage: Soll die Wortwahl „verbrennen“ – und dieser Verdacht drängt sich angesichts all der Nazivergleiche nun wirklich auf – etwa einen Bezug zum Holocaust (von griech. „Brandopfer“) darstellen, also die Juden und Jüdinnen als Täter*innen eben jenes Verbrechens schuldig sprechen, das sie einst erlitten haben?

Achso, und das mit der „Pest“ ist irgendwie auch nicht so nett.

PS: Vielleicht machst du ja wieder ein paar Jahre Pause und bringst dann Venganza III raus, in welchem du noch herberen Müll erzählst. Mich würde es freuen. Nicht wegen des Liedes, aber wegen der Pause.

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Rooz und die Allmacht der Juden und Jüdinnen

Während ein anderer Hip-Hop-Reporter gerade damit beschäftigt ist, Nazis bei ihrem Einzug in den Bundestag zu helfen, würde ich gerne ein Wort über Rooz verlieren. Dass Rooz über keinerlei Haltung verfügt und eigentlich nicht viel mehr als ein Speichellecker ist, dürfte jedem klar sein, der*die auch nur eines seiner Interviews gesehen hat. Neben dieser einen unsympathischen Persönlichkeitsfacette ist Rooz allerdings auch richtig eklig unterwegs – nämlich wenn es um Antisemitismus geht.

Klar, irgendwie ist er schon dagegen, ist man ja heute. Und so erzählt er im Interview mit Ben Salomo auch, dass er mal mit jemandem gesprochen hätte, der gesagt habe, Juden und Jüdinnen würden die Welt kontrollieren, woraufhin Rooz ironisch geantwortet habe: „Dann lass uns doch Juden werden.“

Ganz soweit her ist es mit seiner Haltung gegen Antisemitismus dann aber doch nicht – nur wenige Minuten später, im selben Interview, verharmlost er Antisemitismus. Viele deutsche Rapper würden doch nur aus Like-Geilheit antisemitische Sachen posten („Juden haben wieder das gemacht“, gibt Rooz diese Postings sinngemäß wider), die wären aber auf gar keinen Fall wirklich Antisemiten! Ja klar. Wer schreibt „Juden haben wieder dies und jenes schlimme Verbrechen verübt“, der ist gewiss kein Antisemit … wer ist dann überhaupt noch Antisemit?

Ben Salomo weist ihn entsprechend zurecht, und erklärt nicht nur, warum genau der von Rooz zitierte Satz eben doch antisemitisch ist, sondern auch, warum dieser „Antisemitismus für Likes“ besonders gefährlich ist: weil er nämlich Jugendliche mehr oder minder unterschwellig mit Antisemitismus in Kontakt bringt und diese so indoktriniert. Rooz fühlt sich ertappt: wie es seine Art ist, stimmt er seinem Interviewpartner sofort ohne jede Einschränkung zu, ganz so, als hätte er genau das schon immer eigentlich sagen wollen.

Interessanterweise hat Rooz dies offensichtlich schon knapp anderthalb Minuten später wieder vergessen. Er erzählt nämlich alsbald, es sei ja doch in Ordnung, in Raptexten Verschwörungstheorien über die Rothschild-Familie zu verbreiten, weil … weil … „bis zu einem gewissen Punkt finde ich es ok, mit Lyrics zu spielen.“

Also fassen wir dieses eine (!) Interview mal zusammen: Es ist nicht antisemitisch, wenn man auf Facebook schreibt, „Juden haben wieder dieses oder jene Verbrechen verübt“, gleichzeitig ist genau das viel gefährlicher als „richtiger“ Antisemitismus, aber in Raptexten ist es ok, weil man ja damit spielen darf. Das ergibt offensichtlich keinen Sinn, aber es zeigt, wie Rooz denkt: Antisemitismus ist ok, solange man ihn nicht als solchen bezeichnet; man könnte ihn also einen verkappten Antisemiten nennen.

Denn auch ist Rooz selber einer dieser Menschen, die auf Facebook antisemitischen Müll posten, etwa während des Gazakrieges 2014:

Offensichtlich bemüht Rooz hier den Mythos herbei, es stelle in Deutschland einen Tabubruch dar, Israel zu kritisieren. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass Rooz ganz explizit davon spricht, Israel würde Deutschland „beherrschen“, also ein uraltes antisemitisches Stereotyp hervorkramt. Die Aufforderung an seine Follower, in den Kommentaren keinen Hass zu verbreiten, wirkt angesichts dessen nur noch zynisch.

Es würde mich ja wundern, dass Rooz diesen offensichtlich antisemitischen Facebookpost nicht längst gelöscht hat – aber nun ja, das hier ist Deutschland.

Ein jüdischer Gangsterrapper?

Sun Diego hat wieder zwei Tracks veröffentlicht, und in beiden kommt er – in dem einen mehr, in dem anderen weniger ausführlich – auf seine jüdische Herkunft zu sprechen. Warum er das auf einmal tut? Nun, schauen wir uns mal seine Karriere an.

Als Juliensblog damals seinen Kindermob zu einer Hatewelle gegen Sun Diego hetzte, war dessen kaum gestartete Karriere auch schon zu Ende. Erst sein Zusammenschluss mit Julien und das Kostümieren als Spongebob konnte Sun Diego in der Deutschrapszene wieder Fuß fassen lassen. Seit einiger Zeit aber versucht Sun Diego, sich von dem Image als Spongebozz zu befreien. Der Stimmverzerrer wird immer unauffälliger, er trägt das Kostüm immer weniger, er gibt immer offener zu, dass hinter Spongebozz Sun Diego steckt (in „Yellow Bar Mitzvah“ formuliert er es in der letzten Zeile in aller Deutlichkeit). Vielleicht ist ihm mittlerweile das Image als Gangsterrap-Spongebob selbst ein wenig peinlich, vielleicht ist er es auch nur leid, sich beim Rappen so sehr verstellen zu müssen. Aber ohne ein Image geht es nunmal nicht. Würde er einfach das Kostüm beiseite legen, wäre er nur noch ein x-beliebiger Gangsterrapper. Was hätte er denn, was ihn besonders macht, was ihn herausstechen lässt, was dafür sorgt, dass er Leuten im Gedächtnis bleibt? Von dem rappenden Schwamm hat jeder, der sich ein wenig mit Rap beschäftigt, irgendwann mal gehört, und sei es nur Spott über ihn. Aber von einem weiteren Rapper, der total dummen Gangsterrapscheiß produziert? Von denen gibt es dutzende.

Als jüdischer Gangsterrapper hingegen sticht er heraus. Es gibt nicht allzuviele jüdische Rapper*innen in Deutschland. Ben Salomo, sicher – den kennt man aber eher weniger wegen seiner Rapkünste. Sentino, glaube ich. Irrelevanter Typ. Und schon fällt mir keiner mehr ein.

Das extrem offensive zur Schau stellen seiner jüdischen Herkunft macht Sun Diego zu etwas besonderem, es ist ein Markenzeichen, das den Verlust des alten Markenzeichens (Schwammkostüm) ausgleichen kann. Gleichzeitig kann man damit so wunderschön provozieren – was Sun Diego mit dem Tragen eines Judensternes in „Yellow Bar Mitzvah“ auch gleich tut. Es bietet sich plötzlich eine Vielzahl von „kontroversen“ Lines über Konzentrationslager, Verfolgung, vielleicht auch Reichtum und Weltverschwörung an; all das birgt das Potenzial für Provokation, und damit für zusätzliche Aufmerksamkeit. In ACAB2 rappt Sun Diego: „Erst verbrennen sie mein Volk und dann meine CDs“, womit er sich auf die Indizierung seines letzten Albums bezieht – ein vollkommen überflüssiger, platter Nazi-Vergleich, den es absolut nicht gebraucht hätte. Die Shoah mit etwas so Banalem wie der Indizierung eines Albums auf eine Stufe zu stellen ist geschmacklos und zeugt lediglich von dem verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit.

Sun Diegos jüdischer Hintergrund würde allerdings erklären, warum er damals im JBB-Finale Gio so hart attackiert hatte. Angeblich war Sun Diego von einem Fan ein manipuliertes Fotos zugeschickt worden, auf dem Gio in eine Nazi-Demo gephotoshoppt war. Sun Diego, bzw. damals noch Spongebozz, überzog Gio geradezu mit Nazi-Lines, und verpasste ihm damit ein denkbar schlechtes Image – das Video wurde wegen der zahlreichen Falschanschuldigungen später um den letzten Part gekürzt. Sollte also Sun Diego damals wegen seines jüdischen Hintergrundes so überengagiert auf die haltlosen Vorwürfe gegen Gio reagiert haben, könnte der Beef mit Kollegah noch einmal etwas mehr Fahrt aufnehmen. Schließlich äußert Kollegah sich immer wieder antisemitisch.

Wobei die Frage ist, inwiefern man diesen Beef überhaupt ernst nehmen kann. Das Video zu „Yellow Bar Mitzvah“ wurde von Streetcinema produziert. Streetcinema.tv allerdings ist ziemlich eng mit Kollegah verbandelt – von „loyalen Geschäftbeziehungen“ zu Kollegah spricht man bei Streetcinema. Kollegah sei vor dem Dreh um sein Einverständnis gefragt worden und habe dieses auch gegeben, verkündete die Produktionsfirma auf Facebook. Damit kann sich Kollegah als „Ehrenmann“ präsentieren und sein Image ein wenig aufpolieren – allzu böses Blut, das zeigt die Sache allerdings auch, kann es zwischen den beiden nicht geben. Generell köchelt der Beef schon länger so vor sich hin, und Sun Diego wird – wohl zu recht – darauf spekulieren, durch die Auseinandersetzung mit Kollegah seine Verkaufszahlen zu erhöhen. Bei Kollegah ist es nicht viel anders; auch bräuchte er nach dem peinlichen Fanpost2 mal wieder einen Beef, in dem er sich ordentlich präsentiert.

RapUpdate macht derweil ein wenig Werbung für Sun Diegos Album, indem die offensichtliche Präsentation von Boxinhalten im Musikvideo als spektäkuläre Neuigkeit verkauft wird. „Oha, ob das mit Absicht war?“, beginnt der Artikel. Naja, warum sonst sollte die Kamera volle Lotte drauf halten? Aus Versehen? Sicherlich.

Die Berichterstattung von komischen Rapnews-Youtubern über Sun Diegos neues Lied treibt unterdessen seltsame Blüten. „ALPHA KENAN“ kann Juden und Israelis nicht auseinanderhalten, und packt gleich mal die israelische Flagge auf das Thumbnail eines Videos, in dem es Sun Diego und seine jüdische Identität geht – als hätte Sun Diego irgendetwas mit Israel zu tun.

ALPHA KENAN

In eben diesem Video heißt es dann bei Minute 5:30: „Wie ist eure Meinung darüber, dass Spongebozz ein Jude ist?“ Äh, wie bitte? Was soll man denn da für eine Meinung haben? Immerhin, in den Kommentaren zum Video gibt man sich generös:

ALPHA KENAN2.png

Er macht ja gute Musik, dann sei ihm das Jude-Sein mal verziehen! Oha. Der Typ da drunter macht es nicht besser. Aber dann wäre da ja auch noch dieser Spezialist, der bei Juden auch zuerst an Israel denkt:

ALPHA KENAN3.png

„Pälistina“ soll also befreit werden – die komischen arabischen Fantasiestaaten in der Region scheinen sich zu vermehren. Aber immerhin – mindestens 55 Anhänger hat dieser obskure neue Staat. Neunmalklug wendet noch einer ein, nicht jeder Jude sei Zionist – was auch immer das nochmal mit Sun Diego zu tun hat. Diese automatische Verknüpfung von Jüd*innen mit dem Staat Israel, nein die Reduktion von Jüd*innen auf den Staat Israel – hier auch inklusive der Dämonisierung Israels – ist eine typisch antisemitische Vorgehensweise.

ALPHA KENAN4

Hier wird dann auch schonmal präventiv die Antisemitismus-Keule-Keule geschwungen. Das ist aber auch überaus praktisch – da hat sich schon vor der Artikulation seines Antisemitismus‘ gegen berechtigte Kritik immunisieren.

Und damit hört es noch lange nicht auf:

ALPHA KENAN5.png

„Selbst wenn“, „trotzdem“ ist er ein Mensch. Alles klar.

Nun, immerhin gibt es unter dem Video neben diesen äußert ekligen Verbal-Antisemitismen auch einige Kommentare, die darauf hinweisen, es sei egal, welcher Religion ein Mensch angehöre, die Frage von „ALPHA KENAN“ sei dumm gewesen, uä. Und wenn auch die Besinnung auf seine jüdischen Wurzeln ein reiner Promo-Move von Sun Diego sein mag – vielleicht trägt die Etablierung eines jüdischen Gangsterrappers ja wenigstens ein bisschen dazu bei, antisemitische Stereotype abzubauen? Vielleicht gelingt es Sun Diego ja, ein paar seiner Fans davon zu überzeugen, dass Antisemitismus scheiße ist. Damit wäre dann immerhin ein bisschen was gewonnen.

 

 

 

Anmerkung: Ich habe die ursprüngliche Version dieses Artikels um einen Abschnitt gekürzt, da es sich im Nachhinein doch ziemlich eklig las, wie ich als nicht-jüdischer Deutscher darüber spekuliere, wie ernst es Sun Diego mit seinem Glauben nimmt. Es könnte an Görings „Wer Jude ist, bestimme ich“ erinnern; ich hoffe, der Artikel in seiner jetzigen Form lässt keine derartigen Assoziationen aufkommen.

Wenn sich Rechts und Links die Hände reichen

Es gibt viel an dem Lied „Antideutsche/Tahya Falastin“ von Thawra und Kaveh zu kritisieren. Die dummen Vergleiche und peinlichen Reimketten von Kaveh, den antisemitischen und völkischen Gehalt, die üblen Diffamierungen gegenüber der antideutschen Bewegung – eine Komponente aber sticht noch einmal extrem heraus. Und das ist Kaveh selbst, denn offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen Querfröntler – was nebenbei bemerkt auch kein gutes Licht auf Thawra wirft. Da wirkt die halbherzige Distanzierung Thawras von der Querfront in „Antideutsche/Tahya Falastin“ noch lächerlicher – zusammen mit einem Querfröntler ein antisemitisches Lied machen, und in diesem sagen, man wäre ja gegen die Querfront, ist, äh … naja, seltsam bis dumm.

Nun ja, jetzt aber zu Kaveh. Ich könnte diesen Artikel nun mit dem Hinweis darauf beenden, dass dieser Mensch sich von Russia Today und Ken Jebsen zu Interviews einladen lässt, also von einem Propagandakanal des Kreml und einem Verschwörungstheorien verbreitenden Antisemiten, die beide ein rechtes Publikum ansprechen. Aber dann würde ja völlig unter den Tisch fallen, was für verbalen Abfall er in diesen Interviews produziert hat.

Im Interview mit RT etwa halluziniert er eine Verschwörung der Medien herbei, die seiner Aussage nach gezielt Leute aus ihrer Berichterstattung ausschlössen, die propalästinensisch sind (Minute 1:30). Angesichts der Einstellung der meisten deutschen Journalist*innen zum Nahostkonflikt und der tendenziösen, antiisraelischen Berichterstattung der meisten Medien ist diese Aussage schlicht lachhaft; kaum ein Land wird von deutschen Medien so oft kritisiert und so oft mit Nazi-Deutschland verglichen wie Israel. Und in den Hip-Hop-Medien ist dies noch um ein Vielfaches verstärkt, wie sich etwa in der Berichterstattung über Kollegahs Antisemitismusskandal zeigte. Wenn Kaveh also von deutschen (Hip-Hop)Medien nicht wahrgenommen wird, so liegt das nicht an einer anti-palästinensischen Haltung dieser, sondern vielleicht einfach an der Irrelevanz von Kaveh.

In einem anderen Interview mit RT – Kaveh scheint dort Stammgast zu sein – behauptet Kaveh, Deutschland habe aufgrund der Shoah eine Verantwortung gegenüber den jüdischen Menschen, aber eben auch den Palästinenser*innen, schließlich hätte, so Kaveh, der israelische Staat es ohne die Shoah sehr viel schwerer gehabt (7:30). Diese perverse Verdrehung muss ein Mensch erstmal hinkriegen: Die Deutschen, die noch vor 70 Jahren Juden industriell getötet haben, hätten eben darum die Aufgabe, den Jüd*innen auf die Finger zu schauen, dass sie auch ja nichts Böses tun.

Diesen sehr deutschen Gedanken gräbt Kaveh auch im Interview mit Ken Jebsen aus, wo er behauptet, Deutschland hätte ebenso eine Verantwortung für die Palästinenser*innen wie für die Jüd*innen, da Deutschland mit der Shoah „schuld“ an der Gründung Israels gewesen sei und es in diesem Rahmen zur „Nakba“ gekommen sei (38:45). Den auf die Vernichtung der Jüd*innen abzielenden Überfall der arabischen Staaten auf Israel nur Stunden nach dessen Gründung, in dessen Rahmen es überhaupt erst zu den Vertreibungen kam, lässt Kaveh natürlich unter den Tisch fallen. Ebenso vergisst er, dass es 1948 mehr jüdische Menschen gab, die aus arabischen Staaten vertrieben wurden, als arabische Menschen, die aus dem jüdischen Staat vertrieben wurden – weil all das antiisraelische Gejaule von der „Nakba“ in einem völlig anderen Licht erscheinen ließe. Überhaupt ist der deutsche Staat ganz gewiss nicht schuld an der Vertreibung irgendeines Arabers aus Israel und hat auch keine besondere Verantwortung gegenüber den Palästinensern, schon gar nicht eine irgendwie vergleichbare wie die gegenüber den Jüd*innen. Die arabischen Staaten, die den jungen israelischen Staat überfielen, sind schuld, denn ohne diesen Überfall hätte es auch die Vertreibungen nicht gegeben.

Heute würden 6 Millionen Palästinenser*innen „außerhalb des ursprünglichen Staatsgebietes“ leben – was genau Kaveh wohl mit „ursprünglichem Staatsgebiet“ meint? Da es nie einen palästinensischen Staat gab, kann es schließlich kein solches Gebiet geben. Er meint wohl das Land, das im UN-Teilungsplan für einen weiteren arabischen Staat vorgesehen war. Bloß haben die Araber eben diesen Teilungsbeschluss abgelehnt – heute von diesem Gebiet als dem „usprünglichen Staatsgebiet“ Palästinas zu sprechen ist also im höchsten Maße heuchlerisch.

In diesem Zuge empfiehlt Kaveh dann auch gleich noch Bücher von Norman Finkelstein (40:35), einem Hisbollah-Sympathisanten, der bei Rechten und anderen Antisemiten sehr beliebt ist, weil er zB. den Kampf der Hisbollah gegen Israel mit dem Kampf von Partisanen gegen Nazideutschland gleichsetzte.

Natürlich verbreitet ein Mensch wie Kaveh dann auch munter die Mär vom „größten Freiluftgefängnis der Welt.“ (1:02:20) Gaza sei „eine der am meisten unterdrückten Regionen der Welt“, und Israel „das aggressivste siedlerkolonialistischste Land der Welt.“ Dass Ägypten den Gazastreifen völlig abgeriegelt hat, weil es keinen Bock auf Terroristen hat – geschenkt. Laut Kaveh ist es alleine Israel, welches Gaza in dieses „Gefängnis“ verwandelt. Dabei lässt er die Versorgung Gazas durch Israel natürlich außen vor, ebenso die faktische Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen, etwa bei medizinischen Notfällen. Der Aussage mit dem Grad der Unterdrückung könnte man vielleicht noch gerade so zustimmen – wenn er damit die Hamas meinen würde, die die Bewohner des Gazastreifens unterdrückt und immer wieder sogenannte „Kollaborateure“ abschlachtet. Aber soweit kann Kaveh nicht denken, für ihn ist immer der Jud schuld. Der Siedler-Jud. Der Kolonialisten-Jud. Nein schlimmer: Der Siedler-Kolonialisten-Jud. Daher, so Kaveh: „Ich denke, es ist die Pflicht jedes Menschen, sich für Palästina einzusetzen“. Für ihn ist Judenfeindschaft also ein konstituierendes Element von Menschlichkeit, Antisemitismus nicht nur ein Menschenrecht, sondern gar eine Menschenpflicht.

Antideutsche hingegen seien böse Rassisten. Immerhin würden sie doch glatt behaupten, dass die Palästinenser*innen, gäbe es eine Einstaaten-„Lösung“, die Jüd*innen in Eretz Israel/Palästina töten würden (43:45). Nun, diese Annahme ist keinesfalls rassistisch, sondern leider richtig. Die Hamas fordert in Artikel 2 ihrer Charta die völlige Vernichtung Israels; behauptet in Artikel 7, das komplette Land gehöre nur den Muslimen; die Hamas erzieht Kinder gemäß ihrer ekelhaften antisemitischen Ideologie; steckt sie in Terrorcamps; indoktriniert sie mit antisemitischen Kindersendungen; Hamas-Offizielle leugnen den Holocaust und behaupten, die Juden seien schlimmer als die Nazis; Hamas-Kleriker rufen zur Tötung jedes einelnen Juden auf. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer Stiftung von 2014 waren 94% der Bewohner des Gazastreifens zufrieden mit dem militärischen Handeln der Hamas, also mit dem Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten, dem Missbrauch von palästinensischen Zivilisten als menschliche Schutzschilde, und dem Graben von Terrortunneln, um Jüd*innen umzubringen. Hätte es zu diesem Zeitpunkt Wahlen in den palästinensischen Gebieten gegeben, so wird in der Studie auch festgehalten, hätte die Hamas gewonnen. Aber nunja, selbst ein Herr Abbas preist ja jeden Tropfen Blut, um Jerusalem willen vergossen werde; also ist das eigentlich auch egal. Es ist nunmal eine traurige Tatsache, dass Jüd*innen ziemlich übel dran wären, wenn es Israel nicht mehr gäbe.

Israel aber sei natürlich sowohl eine Theokratie als auch eine Ethnokratie (1:03:50), und überhaupt genauso schlimm wie der Iran. Natürlich, Israel ist eine Ethnokratie – das beweisen ja die zahlreichen arabischen Abgeordneten in der Knesset, die arabischen Richter, die drusischen Soldaten. Welch gar schröckliche Ethnokratie! (Dass es auch in Israel Rassismus gibt ist eine Tatsache – aber wo gibt es keinen Rassismus? Wäre dann nicht jedes Land eine Ethnokratie?) Der Vergleich mit dem Iran ist schon deshalb völlig deppert, weil im Iran der Ayatollah das Staatsoberhaupt ist. Der Iran ist also tatsächlich eine Theokratie – Israel aber nicht.

Das iranische Regime, so Kaveh, sei natürlich schon irgendwie doof, aber immerhin habe es seit 200 Jahren keinen Krieg angefangen, während Israel „mindestens fünf Kriege vom Zaun gebrochen hat“. Die zahlreichen Drohungen des iranischen Regimes, Israel auszulöschen, nimmt Kaveh nicht wahr, die Hinrichtungen Oppositioneller, die Unterdrückung der Frauen, die Unterdrückung von generell so ziemlich allem im Iran, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Unterstützung für Assad – aber hey, die Juden, das sind Kriegstreiber! Sie „brechen Kriege vom Zaun“, wie Kaveh im schönsten antisemitischen Code von sich gibt. Welchem Zweck diese Kriege dienten, ob sie notwendig, wer die Gegner waren – egal. Die Gazakriege wurden natürlich auch nicht von der Hamas begonnen, die tausende Raketen auf Israel abschoss, sondern immer von Israel (man merke: Wenn die Jüd*innen sich wehren, dann haben sie angefangen) Die Juden, das sind Landräuber und Kriegstreiber, das weiß Kaveh. So sei Israel natürlich auch am Syrienkonflikt schuld (1:11:00) – äh, wie bitte?

Wenn Ken Jebsen dann den Drohnenkrieg mit dem Holocaust vergleicht, hat Kaveh keinerlei Einwände (1:23:10), und wenn Jebsen Verschwörungstheorien verzapft von irgendwelchen ominösen Leuten, die wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen, erfolgt von Kaveh nur ganz schüchterner Widerspruch (1:29:30). „Sog. ‚Verschwörungstheoretiker‘ wie Ken Jebsen werden partout und zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt“, schrieb Kaveh mal. Ja … man merkt’s …

Der völkische Schulterschluss mit Jebsen muss auch noch erfolgen. Kaveh bemängelt, es gebe im Nahen Osten keine starke nationalistische Bewegung (1:26:50). Schon zuvor, als es um das Thema Fluchtursachen ging, hatte Kaveh darauf hingewiesen, die bösen USA würden all die schönen Nationalstaaten in der Region kaputt machen. Diese Faible für Nationalisten hat nun wirklich so gar nichts linkes an sich.

Wen würde es also schon wundern, wenn in der Kommentarsektion eines Interviews von Kaveh mit RT Nazis und Stalinisten Hand in Hand die Vernichtung der Antideutschen fordern würden?

Kavehs Fanboys

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 2

Ein bisschen lang ist es jetzt her, dass ich den ersten Teil dieser Quadrologie schrieb – Hausarbeiten und Lustlosigkeit kamen mir dazwischen. Wie auch immer. Was bisher geschah: Thawra und Kaveh hatten 2015 ein Lied veröffentlicht, in dem sie mit unverhohlenem Antisemitismus die antideutsche Bewegung angriffen. Im ersten Part besticht besonders ein Abschnitt in seiner Deutlichkeit: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya/ Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert/ Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“. In drei Versen eine Entmenschlichung, ein Rückgriff auf religiöse Bewertungsmaßstäbe, und auf zwei antisemitische Stereotype – Respekt, da meint es jemand ernst.

Thawra retweetete meinen Artikel zum ersten Part mit dem Kommentar „Hallo, es ist 2017“ (oder so ähnlich, ich habe den Tweet nicht mehr gefunden, vielleicht hat sie ihn gelöscht). Meine Nachfrage, ob das eine halbherzige Distanzierung von dem Track sei, wurde nicht beantwortet – vermutlich ärgert sie sich lediglich darüber, dass Antisemitismus auch nach zwei Jahren noch thematisiert wird, und wollte auf etwas kryptische Art einen Schlussstrich ziehen. Das ist ja so lange her!

Wie dem auch sei; auf das dumme Intro Kavehs und einen Part Thawras folgt die Hook, in der die beiden Interpreten vor zwei Flaggen der palästinensischen Nationalbewegung und zwei roten Flaggen posieren, zusammen mit einer Meute in Palästinenser-Tücher gehüllter Menschen. Einer dieser Menschen ist übrigens Roldán Mendívil, und unter anderem wegen der Beteiligung an diesem Video erhält sie von der Freien Universität Berlin keinen weiteren Lehrauftrag mehr. Tja, dumm gelaufen.

Was rappen Thawra und Kaveh nun in der Hook? Folgende Verse:

Tahya Falastin, tahya Falastin
Kein Frieden mit dem Besatzungsregime
Tahya Falastin, tahya Falastin
Rote Fahnen über Ghazza und Jenin!
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Kein Frieden mit dem Apartheidregime
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Rote Fahnen über al-Quds und Tal Abib!

Israel wird also sowohl als „Besatzungsregime“ als auch als „Apartheidregime“ verunglimpft, was nicht nur die Opfer wahrer Apartheid verhöhnt, sondern zusammen mit der Forderung „Freiheit für Falastin“ offensichtlich die Vernichtung Israels fordert. Obendrein solle auch kein Frieden mit Israel geschlossen werden – offener kann man antisemitischen Terrorismus kaum legitimieren. Wer Frieden mit Israel ablehnt und die „Befreiung“ Palästinas fordert, will nichts anderes als die völlige Vernichtung Israels. Das zeigt auch die Verwendung der arabischen Städtenamen „al-Quds“ und „Tal Abib“ statt „Jerusalem“ und „Tel Aviv“ – die Auslöschung betrifft nicht nur den jüdischen Staat, nicht nur die jüdischen Menschen, sondern sämtliche Aspekte jüdischer Präsenz in Eretz Israel/Palästina. Über diesen Städten sollen „rote Fahnen“ wehen, im Video sind allerdings ebenso viele Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung zu sehen. Anscheinend wird also eine Art nationaler Sozialismus gefordert, ein ethnisch reiner Nationalstaat mit (pseudo)sozialistischer/(pseudo)kommunistischer Ausrichtung. Die Querfront lässt grüßen.

Auf dieses Gejohle nach der völligen Vernichtung jeder jüdischen Präsenz in Eretz Israel/Palästina folgt Kavehs erster Part. Er beginnt gleich in dem selben Ton wie Thawra: „Ihre Ideologie geht über Leichen und verursacht Tote“. Während allerdings Thawra rappt, Antideutsche würden den Tod „lieben“, beschränkt sich Kaveh immerhin darauf, das Töten nicht als Selbstzweck, sondern als Begleiterscheinung der unterstellten Ideologie zu bezeichnen. Oder doch nicht – nur ein bisschen später heißt es dann auch bei Kaveh:

Die Empathie ist hinter ihrer Maske verblutet
Ich würds ja gerne sachte versuchen
Doch muss ich ihre Menschenverachtung verfluchen
Sie freuen sich, wenn Israel das Land zerbombt
Es sichert seine Kolonie dadurch, dass die Panzer kommen

Aber nicht nur seien Antideutsche empathielose Gesellen, die den Tod bejubelten – wenn er schon dabei ist, bezeichnet Kaveh natürlich auch noch gleich ganz Israel als „Kolonie“. Was in der Hook schon deutlich wurde, wird hier erneut unter Beweis gestellt: Vom Existenzrecht Israels halten weder Thawra noch Kaveh irgendetwas.

Auf diese Zeilen folgt allerdings auch auf einer rein ästhetischen Ebene der komplette Absturz. Man führe sich diese Reimkette zu Gemüte:

Egal ob von der Osten-Sacken oder BAK Shalom:
Ihre Köpfe sind so hohl wie n leerer Pappkarton
Völlig verloren wie ein entgleister Nachtwaggon
Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon

Ok, Köpfe, die hohl wie ein leerer Pappkarton sind – der Vergleich ist nicht sonderlich kreativ, genau genommen ist er sogar ziemlich dämlich. Denn zu sagen, etwas sei hohl wie etwas das leer sei, ist textlich ungefähr auf einem Niveau mit dem Refrain von Bibis „How it ist (Wap Bap)“. Mir fallen spontan ähnlich gute Lines ein, vielleicht hat Kaveh ja Bedarf, er kann sich gerne bedienen:

Hier ist es hell, wie an einem Ort, wo Licht scheint
Es ist als wär der Eingang zu, denn du kommst nicht rein
Wir stehen fest auf dem Boden wie ein Tisch, der nicht wackelt
Du bist es, der hier wie so ein komischer kleiner langgezogener Hund mit kurzen Beinen rumdackelt

Aber Kaveh war mit seiner Reimkette ja noch nicht fertig. Dass es sich um einen „Pappkarton“, nicht um einen „Karton“ handelt, liegt natürlich am Reim – aus dem selben Grund ist es auch ein „Nachtwaggon“, kein „Zugwaggon“, der engleist. Der Vergleich („verloren wie etwas engleistes“) ist nicht nur schief, sondern fast ebenso unterirdisch wie der Vergleich in der Line davor, und die letzte Line dieser Reimkette sprengt nochmal alle Dimensionen der blöden Vergleiche. „Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon“ – hä? Ist Israel ein Marathon? Oder bezieht sich der Marathon auf das Feiern? Aber ein Marathon ist doch ein sportlicher Wettbewerb, der sich durch seine zu Fuß zurückzulegende elendlange Distanz auszeichnet, nicht dadurch, dass man unaufhörlich jubelt. Oder bezieht sich das auf die Menschen am Rand, die den Läufern zujubeln? Aber dann wäre das ja ein „jubeln wie jubeln“ Vergleich. Naja, er wollte halt eine sicke Reimkette. Und wenn die Endreime inhaltlich eigentlich absolut nicht zusammenpassen, dann wurstet man das eben mit billigen Vergleichen hin. Wie ein Anfänger. Ich dachte Kaveh würde schon länger Rap machen?

Nach dem Beweis seiner Inkompetenz in Sachen Rap geht es dann auch mal wieder inhaltlich voran. Natürlich würden Antideutsche Muslime hassen, wären eigentlich selber total deutsch – naja, unkreativer als die depperten Vergleiche vorher kann es nicht mehr werden. Aber natürlich muss Kaveh noch schnell ein „Kauft nicht bei Juden“ raushauen: „Ich geb n Scheiß drauf, dass ich euch schockier/ Nur weil ich die Produkte Israels boykottier“. Schockieren dürfte das nur die wenigsten Leute – es widert mich an, wundert mich gleichzeitig aber nicht. Nur wer sich über die Virulenz des Antisemitismus nicht im Klaren ist und mit deutschem Rap selten bis gar nicht in Berührung kommt, würde sich über antisemitische Aussagen bei deutschen Rappern wundern, oder von diesen gar schockiert sein. Hm, naja – „euch schockier“ reimt sich eben ganz gut auf „boykottier“, sogar ohne dämlichen Vergleich.

Interessant ist an der Aussage von Kaveh übrigens besonders Folgendes: Anders als es normalerweise bei Antisemi- äh, Antizionisten der Fall ist, bezieht sich Kaveh nicht auf Produkte aus jüdischen Städten in Judäa und Samaria (sog. „Siedlerprodukte“), und redet sich also auch nicht damit heraus, er boykottiere ja nur ganz bestimmte Übeltäter und keinesfalls pauschal alle Juden in Eretz Israel/Palästina. Stattdessen ist es ganz explizit alles aus Israel – und wer würde daran zweifeln, damit sei nur alles jüdische in Israel gemeint, wo ihm doch an der palästinensischen Sache so viel liegt? Dies allerdings dürfte vor dem Hintergrund seiner Vernichtungsfantasien gegenüber Israel nur die wenigsten wundern. Und schockieren schon gar nicht.

Der janusköpfige Kollegah

Schaut man sich an, was Kollegah in der letzten Zeit so von sich gibt und tut, dann zeigt sich ein äußerst zwiegespaltenes Bild. Einerseits ist da der Kollegah, der einem wehrlosen Fan die Fresse poliert, der Kollegah, der wegen des „Beefs“ mit Bushido und dem sonstigen Personal von egj täglich in den News von Rap-Nachrichten-Youtubern ist. Andererseits ist da aber auch der Kollegah, der sich in seinem Tourblog unglaublich Fan-nah gibt, ständig Selfies mit Konzertbesuchern macht, ihre CDs unterschreibt – und der sehr gerne Mütter, generell Frauen, aber auch ältere Herren und Menschen mit Behinderung vor der Linse präsentiert, wenn sie sich auf sein Konzert verirren.

Der böse Kollegah rappt Lines wie „Du behinderter Versager, Bitch, es ist der Pimp im Game“, „Nutte, dein Rap ist wie Blindenschrift, nur Behinderte fühlen ihn“, oder „Behinderter Penner, wer ist hier der Internetgangster?“, und spricht in Interviews davon, seine Fans seien keine „perspektivlosen Spastis“. Der gute Kollegah hingegen geht zu seinen Fans mit Behinderung, macht Fotos mit ihnen, erkundigt sich, was er tun kann, um ihnen zu helfen.

Aber welcher ist der wahre Kollegah? Nun, die Sache ließe sich ziemlich leicht beantworten: Sowohl als auch. Einerseits ist Kollegah der Böse, der Schläger, der sich mit einem unheimlichen, wohl in Mafia-Geschäfte verstrickten Bushido beeft, und damit spricht er all jene kleinen Internet-Rambos an, die sich mal so richtig hart fühlen wollen. Andererseits ist er aber auch der Nette, der Behindertenfreundliche, der Kümmerer, der keinem etwas Böses will, und findet damit Anklang bei einer moralisch etwas anspruchsvolleren Käuferschicht, die sich die abscheulichen Lines Kollegahs damit schönreden kann, dass er das ja „alles nicht so meint“.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, der auf der dick und fett „PROMO“ steht. An dieser Stelle könnte man die Augen verdrehen und sein Leben wieder relevanteren Themen widmen. Viel spannender als die Frage, warum Kollegah sich mal so und mal so gibt, ist aber die Frage: Wie tickt er denn nun wirklich?

Nun, wie oben aufgezeigt rappt Kollegah sehr gerne ableistischen Müll, und benutzt selbst in seiner Alltagssprache Wörter wie „Spasti“ als Beleidigung. Behindert sein ist für Kollegah demnach eindeutig negativ konnotiert – und wen würde das wundern, ist es doch gerade Kollegah, der einem wahnhaften Körperkult fröhnt, der in seinen Tourblogs ständig im Fitnesscenter zu sehen ist, der seine „Bosstransformation“, ein Fitnessprogramm, geschäftsmännisch vermarktet. In Realtalk-Tracks wie „Du bist Boss“  rappt er: „Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst/ Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst/ Wenn du rigoros trainierst, um deine Muskeln zu stählen“. Generell ist die Essenz des Liedes: Perfektioniere deinen Körper und deinen Geist, werde zur Maschine, nur dann bist du gut.

Der Körperkult Kollegahs fügt sich in sein antisemitisches Weltbild ohne weiteres ein, in die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, in „ehrliche“ physische Arbeit und die ominösen Hinterbänkler. Das gesellt sich mit faschistoiden Zügen, wenn etwa Kollegah im Interview sagt, Diktatur sei per se nichts Schlechtes; und sich dabei auf ein Lied bezieht, in dem er eindeutig nationalsozialistische Symbolik benutzt.

Dass nun ein behindertenfeindlicher Mensch sich gegenüber Individuen mit Behinderung auf einmal sehr zuvorkommend verhält, ist zunächst nichts ungewöhnliches – man könnte hier einen Vergleich ziehen zum Antisemitismus. Im deutschen Kaiserreich war dieser in der Gesellschaft bereits weit verbreitet, die Juden, gedacht als Kollektiv, wurden von den nicht-jüdischen Deutschen gehasst; paradoxerweise hatten zahlreiche dieser Antisemiten ihren „Lieblingsjuden“, also den netten Nachbarn, den freundlichen Gemüsehändler, den hilfsbereiten Rabbi. Der Hass richtete sich gegen das (konstruierte) Kollektiv, nicht gegen das Individuum. Ähnlich verhält es sich mit Kollegahs Abwertung von Menschen mit Behinderung.

Diese Abwertung wird in zweifacher Hinsicht deutlich:

Zum einen benutzt Kollegah die Menschen mit Behinderung, die seine Konzerte besuchen, um sich selbst ein gutes Image verpassen zu können – was letztlich sowohl der Profitmaximierung als auch der Schaffung von Akzeptanz für seine ableistischen Lines dient. Genau diese Akzeptanz für seine ableistischen Lines in Teilen der Gesellschaft trägt aber dazu bei, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verfestigen. Kollegah benutzt diese Menschen also, um Abneigung gegen sie schüren zu können. Die Strategie hinter Kollegahs Verhalten zeigt sich, wenn man sich die Häufigkeit vor Augen ruft, in der er in einer einzigen Woche seine vergiftete Wohltätigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung zur Schau gestellt hat (28.03.29.03.01.04.03.04.).

Hinzu kommt dann die äußerst eklige Art und Weise, in der Kollegah mit diesen Menschen mit Behinderung umgeht – er spricht mit ihnen, wie andere Menschen mit kleinen Kinder sprechen. Besonders deutlich wird dies in diesem Video: 03.04. Menschen mit Behinderung – sind das denn für Kollegah keine zurechnungsfähigen Menschen? Sind das denn Kinder, denen man mit verstellter Stimme und in dümmlicher Satzstruktur ein paar nette Worte sagen muss? Diese subtile Abwertung über den Sprachduktus ist es, die Kollegahs Ableismus am deutlichsten entlarvt.

Die Instrumentalisierung Kollegahs von Gruppen, die zu seinen Opfern gehören, ist freilich nichts Neues – auch mit den Juden hat er dies versucht, doch glücklicherweise ging der Zentralrat der Juden in Deutschland auf dieses vergiftete Angebot nicht ein. Die Menschen mit Behinderung, die sich von Kollegah vor der Kamera ausschlachten lassen, fallen hingegen leider auf ihn herein.

„Die machen einen halt mundtot“ Oder: „Hoho, er hat Jude gesagt“

Nachdem Kollegah sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira traf, um sich von ihnen die Absolution erteilen zu lassen, legte er gleich nach, dieses Mal in seinem Tourblog. Im Video vom 23.3.2017 über den Auftritt in Hannover greift er gleich zwei Themen auf – seine Homophobie, und seinen Antisemitismus.

Fast sechs Minuten Belanglosigkeit muss man skippen, um zu der ersten relevanten Stelle zu kommen; und bei dieser bin ich mir nicht sicher, ob Kollegah dabei auf das Gespräch mit Kaufmann und Shapira anspielt, oder ob er einfach nur ein unfassbar stumpfer  Schwulenhasser ist.

Die ganze Sache läuft wie folgt ab: Seyed – der in den Tourblogs dabei ist, um ein wenig von Kollegahs Fame abzukriegen – und Kollegah selbst stehen vor dem Auftritt in einem Treppenhaus. Seyed sagt zu Kollegah: „Bist du eigentlich auch so nervös?“ Beide lachen. Dann Kollegah, kichernd: „Wie schwul.“

Der Verdacht liegt nahe, es handele sich hier um eine Referenz auf das Persilschein-Gespräch, da in diesem Kollegah ein, äh, interessantes Beispiel nutzte, um zu zeigen, warum ja das Wort „Schwuchtel“ nicht homophob sei. Dort sagte Kollegah (ungefähr bei Minute 14:20 in diesem Video):

Wenn ich jetzt zu Seyed sage, wenn er sich irgendwie gerade, weiß ich nicht … Er ist im Tourbus, und er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘, dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?

Eine strunzdumme rethorische Frage, die man trotz ihrer Eigenschaft als rethorische Frage sehr gerne mit „Ja – und wer hat dir eigentlich ins Hirn geschissen?“ beantworten würde. Denn jeder denkende Mensch muss eigentlich die dieser Frage zu Grunde liegende Hommophobie glasklar erkennen. Nun, wie dem auch – in dem von Kollegah benutzen Beispiel ging es um Seyed, und wie er als „Schwuchtel“ beleidigt wurde, und im Tourblog ist es ebenfalls Seyed, der, dieses Mal tatsächlich, als „schwul“ beleidigt wird.

Eine Referenz könnte es daher sein, nur würde sich die Frage stellen: Warum ausgerechnet auf diese Sequenz des Persilschein-Gespräches rekurieren? Nicht einmal Kollegah und Seyed können so merkwürdig sein, dieses Beispiel noch im Nachhinein für eine gelungene Argumentation zu halten. Und Shapira (geschweige denn Kaufmann) war auf dieses Beispiel auch – komischerweise – überhaupt nicht eingegangen („Ne, aber ich rede ja von was ganz anderem“), sondern ist gleich zum nächsten Thema gehüpft. Der Grund für eine Referenz scheint also nicht unbedingt gegeben.

Vielleicht ist Kollegah halt einfach ein stumpfer Schwulenhasser, und das ist tatsächlich sein alltäglicher Sprachgebrauch. Das würde – nach der Aktion in Leipzig, die auch nicht das erste Mal war, dass Kollegah jemanden zusammengeschlagen hat – ein weiteres Mal zeigen, wie wenig die von Kollegah in seinen Tracks transportierten Werte und sein tatsächliches Weltbild auseinander liegen.

Hat man sich nach den ersten fünf geskippten Minuten die sechste angetan, geht es in der siebten nicht minder erschreckend weiter. Kollegah trifft nach dem Konzert einen Fan, um sich mit diesem zu unterhalten. Die ganze Atmosphäre dieses Gespräches erzeugt Fremdscham, haben die beiden doch offensichtlich zu Beginn wenig Ahnung, worüber sie jetzt eigentlich sprechen sollen, und es kommt eine gezwungene Halbunterhaltung über das Dog-Tag des Fans – das diesen als Kollegah-Fanboy outet, aber wen überrascht das schon – herum. Um die unangenehmen Gefühle zu minimieren, die der Zuschauer unweigerlich erleiden muss angesichts einer solch gezwungenen Konversation, gibt es dann einen Cut, und man hört, wie die beiden sich über Israel unterhalten. Auweia. Kollegah beklagt sich gleichmal, er käme ja gar nicht mehr nach „Palästina“, aber es gebe ja Schleichwege. Daraufhin enwickelt sich folgende Gesprächssequenz:

Fan: „Ich habe mir gestern noch das angeguckt was du gemacht hast, mit den, äh … mit den … Kat Kaufmann …“

Kollegah: „Mit den zwei Juden da.“

Fan (lacht, sagt dann, immernoch lachend): „Ja, genau“

Wer bei dem Wort „Jude“ schon so ein „Hoho, er hat ‚Jude‘ gesagt“ loslässt, hat offensichtlich eine andere Einstellung gegenüber Juden denn gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. Oder würde er bei dem Wort „Christ“ ebenso lachen? Aber was ist denn am Wort „Jude“ so spektakulär? Jude, Jude, Jude. Kommt jetzt irgendwer und steinigt mich?

Offensichtlich hat dieser junge Mann also eine etwas verklemmte Ansicht bezüglich Juden, auf jeden Fall löst dieses Wort etwas in ihm aus, und zwar den Reiz des Tabubruches. Aber wie es dann weitergeht ist ja noch viel spannender. Der Typ regt sich nämlich im nächsten Atemzug darüber auf, er trenne ja strikt zwischen Juden und Zionisten und hätte nichts gegen Juden, sondern nur gegen Zionisten, aber es käme dann immer jemand und würde einen als Antisemit bezeichnen. Äh, bitte was?

Das ist an sich schonmal ein interessanter Sprung von „über das Wort ‚Jude‘ lachen, als hätte man heimlich genascht“ zu „Zionisten sind doof“ – aber das mag der Thematik des Persilschein-Gespräches geschuldet sein. Zudem stellt sich aber auch die Frage: Warum hat der Kerl was gegen Zionisten? Weiß er überhaupt, was Zionismus bedeutet? Wenn er es nicht weiß, und es dennoch mit etwas Negativem assoziiert, dann zeigt das höchstwahrscheinlich Antisemitismus. Und wenn er es doch weiß, dann frage ich mich – warum hat er nur etwas gegen die jüdische Nationalbewegung? Was ist an dieser denn so schlimm? Und ist es nicht vielmehr so, dass die jüdische Nationalbewegung auf dieser Welt eine der wenigen ist, die überhaupt einen vernünftigen Grund hat?

Kollegahs geistreicher Kommentar zu der Aussage seines Fanboys ist übrigens: „Die machen einen halt mundtot damit.“ Ahja, Kollegah, wie gut das mit dem „mundtot“ machen funktioniert, sieht man ja an deinen bestens besuchten Konzerten, an deinem Gespräch mit Shapira und Kaufmann, das schon jetzt über 250.000 Aufrufe auf Youtube hat, an deinem baldigen Auftritt beim Afrika-Karibik-Festival, an deiner „Doku“, die schon über 1,3 Mio Aufrufe auf Youtube hat, man sieht es daran, dass du mit der Single „Legacy“ Gold gegangen bist, dass du mit deinen Alben „Zuhältertape Volume 4“ und „Imperator“ Gold, und mit „King“ sogar dreifach Gold gegangen bist. Es ist ja wirklich furchtbar, wie man dich mundtot macht!

Mir drängt sich überdies die Frage auf: Wer sind „die“?

Aber der Fanboy setzt dem Ganzen noch die absolute Krönung des Unwissens auf:

Kollegah: „Man muss ja jede Politik kritisieren dürfen auf der Welt.“

Fan: „Würde man meinen, aber das ist ja auch in den staatlichen Medien ist es so, ne, sobald da was kommt, da wird die Kamera dann wieder weggeschwenkt, ne, wenn gerade wieder Gaza bombardiert wird.“

Offensichtlich guckt dieser Typ weder Tagesschau noch Heute Journal noch sonst irgendein Nachrichtenformat der Öffentlich-Rechtlichen, sonst wüsste er, was für einen Schwachsinn er da gelabert hat. Aber das sind eh die Witzigsten: Diejenigen, die sich über Medien ereifern, aber dort niemals einen Blick reinwerfen.

Wie sich das Afrika-Karibik-Festival blamiert hat

Nachdem man sich beim Hessen-Tag auf öffentlichen Druck hin doch noch eines besseren besann und den Schwulen-, Frauen, Behinderten-, Juden-, etc-feindlichen Kollegah nicht zu diesem für Weltoffenheit werbenden Konzert einlud*, dachte man sich beim Afrika-Karibik-Festival: Hey, so einen Mann brauchen wir noch! Der Veranstalter ließ verkünden:

Wir stehen seit 20 Jahren mit unserem Festival-Motto: ‚one race…human!‘ für Weltoffenheit, Völkerverständigung und Menschenfreundlichkeit und stecken niemanden in eine Schublade. Wir freuen uns sehr, dass wir gemeinsam mit Kollegah ein klares Zeichen setzen können

Nun ja, was Kollegah mit Weltoffenheit und Völkerverständigung zu tun hat ist fraglich – aber Menschenfreundlichkeit, ernsthaft? Das … das … bitte … ein Witz … Nein? Nein. Schade. Nun, wer zeilen wie „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappt, der ist wohl ohne Zweifel ein wahrer Menschenfreund. Ohja.

Richtig blamiert hat sich das Afrika-Karibik-Festival aber durch den Auftritt von Kollegah in Leipzig am (mittlerweile ist es halb eins, von daher:) gestrigen Abend. Denn, nun, wie umschreibe ich es am besten: Da hat Kollegah einem Fan mitten auf der Bühne mal so richtig die Fresse poliert.

Der Fan kam auf die Bühne, da er gegen einen anderen Fan ein Freestylebattle machen sollte. Er gab Kollegah und allen aus Kollegahs-Crew Handshakes, dann klaute er ohne um Erlaubnis zu fragen Ali As die Kappe. Kollegah kommentierte dies mit den Worten: „Abzug in der B-Note direkt“, und lachte dabei, was der Fan wohl nicht unbedingt als Wahrnung verstand, ähnliches bei Kollegah nicht zu machen (was irgendwo ja verständlich ist). Da ging der Fan zum hockenden Kollegah und wollte ihm – erneut ohne um Erlaubnis zu fragen – die Brille vom Kopf nehmen. Kollegah stand ruckartig auf, der Fan wollte sich entschuldigen, doch da wurde er schon vom Rapper weggeschubst, in den Bauch getreten, und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Anschließend kamen Kollegahs Leute und zerrten ihn weg. Die Anzeige ist draußen, wird Kollegah allerdings leider nicht sonderlich weh tun, stattdessen lediglich für Promo sorgen (und ja, ich schreibe ja auch über ihn, bin also auch reingefallen …).

Keine Frage: Es ist unhöflich, aufdringlich, und höchst unsympathisch, einem Menschen einfach ins Gesicht zu greifen und ihm die Brille wegnehmen zu wollen. Aber einen solchen Menschen dann sofort wegzuschubsen, in den Bauch zu treten, ins Gesicht zu schlagen, wegzerren zu lassen – ist das die neue Menschenfreundlichkeit?

Ihr habt euch blamiert, Afrika-Karibik-Festival. Euer „Menschenfreund“ ist nichts als ein primitiver Schläger.

*Lustige Fußnote: auf der Website des Hessentages heißt es auch: „Neben den beiden Leitthemen werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit beim Hessentag in Rüsselsheim eine große Rolle spielen.“ Da ist Kollegah natürlich der richtige Mann, schließlich ist er entschieden gegen Chemtrails – und was wäre mehr Klimaschutz als gegen Chemtrails sein?

Und immer wieder Kollegah

Nicht lange ist es her, da wurde ein Auftritt Kollegahs in Rüsselsheim abgesagt, weil man gemerkt hatte, dass ein frauen-, schwulen- und judenfeindlicher Rapper auf einem Konzert für Toleranz nicht ganz so gut kommt. Eine interessante Fußnote in Bezug auf die deutsche Rapszene bleibt, dass viele Hip-Hop-Medien die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs nicht einmal für erwähnenswert befanden, und stattdessen nur über den Vorwurf des Antisemitismus berichteten. Der arme Kollegah war sich natürlich keiner Schuld bewusst, und das Trauma, dass er durch diese unerquickliche Angelegenheit erlitten haben muss, scheint er nun auf einem neuen Track verarbeiten zu wollen.

Legacy“ heißt dieser Track, wo er ab 5:58 rappt:

Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe

In deren Heimat es aussieht wie in Vietnamkrieggebieten

Ich kritisier das Siedlungsprojekt, kritisier die Milizen

Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess

Also jammert ma nicht rum, ihr seht den Kamerablickpunkt

Kid, ich war da mit meiner Mannschaft von der Anpackerstiftung

Das war ne Anfangsentwicklung, statt zu labern, fangt an, nehmt’s in die Hand man

Lenkt das ganze langsam in ne andere Richtung

Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem

Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr

Sagt mein Konzert ab, weil ihr kein Plan von der Kunstform habt

Digga, Battlerap ist wie deine Blowjobskills – ne Mundsportart

Fühl dich kompetent und wichtig, doch sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig

Kid, du weißt vom Genre Rap hier nichts, Bitch

Journalistensnitch, ich piss auf dich, wenn ich dich in die Knie zwing

Kriegst du Pickind Goldenshower wie der Bruder von Khaleesi

Ey, der Big Boss, der den Rauch auspustet

Und Staiger so in Bauch haut, dass er seine Niere durch sein Maul raushustet

Interessant ist nur zuallererst Folgendes: Damals, als der offene Brief der jüdischen Organisationen erschien, schrieb Kollegah in einem Statement auf Facebook:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Schon damals war klar, dass er eben doch genau diesen Zusammenhang herstellt – und nun gibt er es auch offen zu. „Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe“, behauptet er völlig faktenwidrig – denn de facto hat ihn wegen dieser Aktion ja niemand einen Antisemiten genannt (obwohl man sogar Grund dazu gehabt hätte). Es war die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“, die Stein des Anstoßes war. Kollegah also fantasiert sofort einen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt her und plustert sich selbst zum Tabubrecher auf – ein beliebtes Topos antisemitischer Israelkritiker.

Und heute behauptet er ja nicht einmal, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Israel dämonisiert. Nein, er behauptet, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Palästinensern hilft. Das ist total absurd, und zeigt, dass für Kollegah Juden äußerst missgünstige Leute sind, die ihrem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot gönnen.

Schon beim ersten Hören des Tracks fragte ich mich übrigens, wie Kollegah darauf kommt, in Palästina – konkreter: in der Nähe von Ramallah – sehe es aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Wäre es wenigstens in Gaza gewesen, ok, da gibt es in der Tat zerstörte Häuser. Wessen Schuld das ist wäre dann ein eigenes Thema. Aber in der Nähe von Ramallah sieht es doch nicht aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Der Mann hat entweder keine Ahnung, wovon er spricht – was unwahrscheinlich ist, immerhin war er ja selber vor Ort – oder er lügt und hat Freude daran, Israel zu dämonisieren. Wer worauf tippt, das ist jedem selbst überlassen.

Eine weitere Frage stellte sich mir sofort danach: Was meint Kollegah genau mit dem „Siedlungsprojekt“? Meint er damit Israel? Schließlich gibt es Rapper, die allen Ernstes Israel als „Kolonie der Vampire“ bezeichnen, wie es generell unter Antisemiten nicht unüblich ist, Israel als westliche Kolonie zu bezeichnen. Oder meint Kollegah vielleicht doch nur die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria? Es ist nicht zweifelsfrei klar, man wird ihn nicht auf die erstere, zweifelsfrei antisemitische Aussage festnageln können – und genau das ist das Kalkül, wie man annehmen kann. Es ist die selbe Taktik, die auch die AfD anwendet. Provokante, menschenverachtende Aussagen tätigen, und sich nachher darauf zurückziehen, das sei ja gar nicht so gemeint gewesen, und wer sei denn bitte Boateng. Eine widerliche Taktik – aber anscheinend sind sehr viele Menschen sehr dumm, und darum funktioniert sie so gut.

Die Fragen hören nicht auf: Welche Milizien kritisiert Kollegah? Damit kann fast alles gemeint sein. Die IS-Milizen, die Hamas-Milizen, die Hizbollah-Milizen – oder das israelische Heer, denn selbst könnte man als „Miliz“ bezeichnen. Man kann fast jede bewaffnete Organisation als „Miliz“ bezeichnen. Was Kollegah mit dieser unfassbar schwammigen Aussage also tatsächlich sagen will, kann nicht einmal erahnt werden. Kritisiert er Islamisten? Oder doch Israel? Und bevor jetzt jemand mein obiges Urteil auf mich zurückwerfen will: Das ist ein völlig anders gelagerter Fall, schließlich gibt es hier eine Milliarde Deutungsmöglichkeiten, die alle Sinn ergeben würden, und es ist nicht ersichtlich, welche am ehesten in Frage käme. Aber wer Kollegah hier eine böse Absicht unterstellt, dem werde ich sicher nicht widersprechen.

Die Line „Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess“ vereint zwei interessante Elemente und macht eines klar: „Befriedung“, das ist für Kollegah das Verschwinden von Juden. Oder meint er mit „Free Palestine“ die Befreiung von den Islamofaschisten der Hamas und den Kleptokraten der PA? Nein, wohl eher Israel, denn die Juden müssen ja immer an allem Schuld und ergo das einzige Problem sein. Und hui, er ist für „den Befriedungsprozess“ – ja, wer genau ist denn bitte gegen Frieden? Wer weiterdenkt, wird ahnen, worauf Kollegah hinaus will … und wie groß dieses „Palästina“ ist, das er sich vorstellt.

Wer übrigens gegen die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria ist, und sich gleichzeitig für „den Befriedungsprozess“ ausspricht, der macht klar, was für ihn Frieden bedeutet: Die Abwesenheit von Juden. Nicht Frieden mit Juden, sondern Frieden von Juden. Oder was ist das Problem daran, wenn Juden in Judäa und Samaria leben? Warum genau soll das schlecht sein? Menschen, die aus der Anwesenheit von Juden ein Problem machen, sind Antisemiten, und gegen die sollte man vorgehen, nicht gegen die Juden.

Kleines Rätselraten für zwischendurch: Wenn Kollegah seinen „Hatern“ vorwirft, neidisch auf sein Geld zu sein, welches antisemitische Stereotyp bedient er? Vielleicht als Hinweis nochmal die konkrete Line: „Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem/ Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr“. Auflösung am Ende, es gibt ein Gewinnspiel!*

Natürlich beklagt Kollegah sich auch über das abgesagte Konzert. Wobei hier bemerkenswert ist: er behauptet nicht, man würde ihn boykottieren, sondern spricht wahrheitsgemäß nur von der Absage dieses einen Konzertes – womit er deutschen Hip-Hop-Medien schon einmal einiges voraus hat. Die Begründung, warum die Absage doof gewesen sei, lässt allerdings zu wünschen übrig: man hätte ja die Kunstform nicht verstanden, das sei doch Battlerap – als würde dies den frauen-, schwulen- und judenfeindlichen Inhalt der Lieder irgendwie rechtfertigen. Und ja, mit der Line „sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig“ hat er einen oberflächlichen Treffer gelandet, denn der Fauxpass mit dem falsch zugeordneten Zitat war wirklich ein wenig peinlich – aber Kollegah ignoriert, dass er eben auch für Lines anderer Rapper in moralische Haftung genommen werden muss, wenn diese auf seinem Track, auf seinem Album antisemitische Scheiße rappen. Eine inhaltliche Distanzierung Kollegahs von Antisemitismus findet hier überhaupt nicht statt – es wird lediglich ein Formfehler kritisiert.

Die anschließenden Gewaltfantasien gegen Journalisten (der Kram mit dem Anpissen – man, Kollegah hat einen seltsamen Fetisch!) lassen dann Kollegahs faschistoide Züge erkennen – wer eine andere Meinung hat, der gehört gedemütigt, dem wird Gewalt angetan, oder, wie es Richtung Staiger heißt – da dieser die Dreistigkeit besaß, Kollegahs „Doku“ zu kritisieren -, dem wird in den Bauch geschlagen, „dass er seine Niere durch sein Maul raushustet“.

Und wer seinen Kritikern derart mit Gewalt droht, der kann es sich auch leisten, sich durch eine etwas verunglückte Line selbst zu beleidigen – „Ich bin dein Papa, du Hund“, rappt Kollegah gegen Sun Diego. Da hat wohl jemand nicht zu Ende gedacht. Achso: Und „Khaleesi“ ist keinesfalls ein Eigenname, sondern der Titel von Daenerys Targaryen.

Letztlich ist man nach diesem Track genau so schlau wie vorher: Kollegah mag Juden nicht so sehr, steht nicht so auf Demokratie, aber kann ganz passabel reimen. Im Rap nichts Neues.

*Sorry, war nur ein Spaß. 😦

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 1

Im deutschen Rap-Geschäft kommt es ja immer gut, ein wenig gegen Israel zu hetzen. Warum das so ist? Nun, mit stumpfer Israel-Hetze erreicht man ganz gute Medienaufmerksamkeit, man bekommt seinen kleinen Skandal, weil sich Leute über einen aufregen, aber so wirklich Probleme bekommt man nicht, denn Israel-Hass ist ja heutzutage irgendwie schick. Die jugendliche, meist muslimisch geprägte und sozial abgehängte Käuferschicht (die deutscher Rap nunmal überwiegend hat), die in dem Hass auf Israel und arabischem Nationalismus eine Flucht aus der Ohnmacht findet, applaudiert, und kauft kräftig das Album. Aufmerksamkeit und Geld – das ist alles, was der durchschnittliche Rapper haben will.

Und da spielt es dann auch keine Rolle, ob der/die Rapper(in) nun linksradikal, ein Macho und/oder ein(e) islamistischer Fundamentalist(in) ist. Bei Israel sind sie sich alle einig: Israel ist böse – und natürlich an allem Schuld.

Auch Kaveh und Thawra profilieren sich über Israel-Hass. In ihrem Lied „Antideutsche / Tahya Falastin“ bringen sie ihren Hass gegenüber allem, was nicht gegen den Staat Israel ist, zum Ausdruck. O-Ton Thawra: „Ich wollte vor allem erstmal meinen Hass auf die Antideutschen zeigen und deutlich machen.“

Interessant ist dabei zuallererst die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff. Im Intro sagt Kaveh:

Viele Linke, die sich selbst nicht als Antideutsche sehen, benutzen trotzdem antideutsche Argumente. Antideutsche solidarisieren sich unkritisch mit Israel und den USA. Für sie ist Antizionismus gleichbedeutend mit Antisemitismus.

Für Kaveh definiert sich „antideutsch“ also zuallererst – das macht auch der Text des Liedes deutlich, in dem es fast ausschließlich um Israel geht, klar – über die Solidarität zum jüdischen Staat. Wenn er nun sagt, auch nicht antideutsche Linke würden „antideutsche Argumente“ benutzen, verkommt das Wort „antideutsch“ zu einem Kampfbegriff – einem Kampfbegriff, der all das diffamieren soll, was gegen Antizionismus ist. Dass Israel-solidarische Linke, vollkommen unabhängig zu ihrer tatsächlichen Positionierung zum Thema Deutschland, als „antideutsch“ bezeichnet werden, überträgt antisemitische Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen. Denn jedem, der Israel-solidarisch ist, wird so vorgeworfen, ein „Vaterlandsloser Geselle“ zu sein, einer, der nicht loyal zu Deutschland, sondern nur loyal zum jüdischen Staat ist. Diese antisemitische Denke schlägt sich also in Kavehs Benutzung des Wortes „antideutsch“ nieder.

Die von Kaveh im Intro begonnene Übertragung antisemitischer Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen, führt Thawra fort. „Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert“ rappt Thawra über Antideutsche. Die Unterstellung von Blutdurst und Arroganz ist ein Jahrhunderte altes antisemitisches Stereotyp, und wird hier nicht zufällig auf Israel-solidarische Menschen übertragen.

Und Thawra macht gleich munter weiter mit der Diffamierung von Antideutschen: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya“ rappt sie – Dehumanisierung gleich innerhalb der ersten fünf Verse, na, das geht ja gut los! Leider habe ich keine Ahnung, was „Shuja3ya“ meint, dabei feiere ich Tier als Verwender „antideutscher Argumente“ das doch angeblich. Interessant ist hier allerdings neben der Dehumanisierung auch der Rückgriff auf islamische Kategorien zur Verurteilung des Gegners. „Haram“ wird den Antideutschen entgegengeschleudert – wer aber religiöse Kategorien als Maßstab für Gut und Böse heranzieht, der geht eine unheilige Allianz mit der Religion ein. Kommunistisch ist ein solches Anbiedern bei Klerikalen gewiss nicht. In der Religion entscheidet Gott darüber, was richtig und was falsch ist, und sein Urteil darf von Menschen nicht angezweifelt werden – schließlich ist Gott der anbetungswürdige, Unterwerfung fordernde Allwissende. Gott in Zweifel zu ziehen bedeutet Gott erniedrigen. Wenn Gott aber definiert, was Gut ist und was Böse, so entziehen sich diese Kategorien jeder Logik. Der Erfinder Gottes diktiert, was gut ist und was nicht, der Mensch ist entmachtet. So wird der Mensch Untertan der Religion. Wenn also Thawra das Wort „haram“ als abwertende Beschreibung Antideutscher verwendet, so offenbart sie, wie fremd ihr – zumindest in Bezug auf Israel und Juden – sowohl Rationalität als auch Kommunismus sind.

Dieser Eindruck verstärkt sich nur, beachtet man folgende Zeile von Thawra: „[Antideutsche] Sind für Zivilisation gegen den Islam“. Nun, selbstverständlich sind Antideutsche für Zivilisation – und welcher vernünftige Mensch ist das nicht? Und ja, da Kommunisten antiklerikal sind – was Thawra wohl zu begreifen partout nicht im Stande ist – sind sie auch gegen den Islam. Ebenso, wie sie gegen jede Religion sind, ob es nun Christentum, Judentum, olympische Götter oder was der Geier was ist.

Ein Denkfehler, der sich über das gesamte Lied erstreckt, offenbart sich schon innerhalb der ersten beiden Verse. „Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus/ mit ihren Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“, rappt Thawra, polemisiert also gegen Antideutsche als angebliche Nationalisten. Dabei heißt das Lied, in dem sie diese Anschuldigung äußert „Tahya Falastin“, also „Freiheit für Palästina“, und in der Hook werden die Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung geschwenkt. Auch das Tragen von Palästinenser-Tüchern – ganz dezidiert als politische Botschaft, wird in dem Track doch der Verbot dieses Tuches in antideutschen Clubs bemängelt – durch Thawra und Kaveh zeigt, wie sehr diese sich selbst vom Nationalismus distanzieren. Nämlich gar nicht.

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LpWzpLepDjo

Antideutschen aufgrund des Tragens von „Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“ Nationalismus vorzuwerfen, während links und rechts von einem die Palästina-Flaggen wehen, ist schlichtweg absurd, und es muss sich die Frage gestellt werden, ob hier Dummheit oder Bosheit am Werk ist.

Ebenso widersprüchlich äußert sich Thawra, wenn sie zunächst den Antideutschen vorwirft: „Der deutsche Staat als Feind interessiert keine Sau“, dann aber nur ein paar Verse weiter behauptet, Antideutsche hätten „Komplexe wegen Opa in Stalingrad“. Ja, was denn nun – sind Antideutsche gegen Deutschland, oder nicht? Interessieren sie sich für Deutschland, oder nicht? Dass Thawra hier zudem auf den angeblichen „Schuldkult“ Bezug nimmt, ist offensichtlich, und zeigt ihre fatale Einstellung zur Holocaust-Bewältigung und -Erinnerung. Es würde nicht verwundern, käme als nächstes die Äußerung, Deutschland befände sich unter der Knute der Juden/Israelis.

Und tatsächlich, so ist es. „Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“, rappt Thawra allen Ernstes (an dieser Stelle sei an die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff sowie die Übertragung antisemitischer Stereotype auf Israel-solidarische Menschen erinnert). Wo man nun früher von „Goi“ oder „Judenknechten“ sprach, okkupieren heute die Israelis den deutschen Geist. Man könnte es fast für einen Witz halten, für Satire, aber die Frau meint das tatsächlich ernst. Und wenn sich schon nach gerade einmal sieben Versen der unverhohlene, affektiv ausgedrückte Judenhass Bahn bricht, vergeht mir wirklich jede Lust, den Track bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Wann kommt das Feature mit MaKss Damage? Man könnte ja zusammen ein bisschen „Giftgas in jüdische Siedlungen leiten“, dann würde bestimmt auch die Okkupation des deutschen Geistes beendet. Thawra und MaKss Damage würden sich bestimmt prächtig verstehen – eine musikalische Querfront, juhu. Die Erklärung, Thawra brauche „keine Querfront um für Freiheit zu kämpfen“ offenbart immerhin, dass sie sich ihrer ideologischen Nähe zu Nazis durchaus bewusst ist, befände sie es doch sonst nicht für nötig, sich halbherzig und oberflächlich von diesen abzugrenzen.

Vollkommen irrational wird Thawra, wenn sie den Antideutschen vorwirft, „die Atombombe auf den Iran“ zu fordern. Hier finden wir Täter-Opfer-Umkehr par excellence: Obwohl es die iranische Regierung ist, die die Vernichtung Israels immer wieder lautstark ankündigt, wird so getan, als wäre es Israel, bzw. die Antideutschen, die den Iran vernichten wollen. Kein Antideutscher fordert die Atombombe auf den Iran. Vielmehr muss die iranische Opposition gestärkt werden, um die wahnsinnige Theokraten des iranischen Regimes zu stürzen. Die sind nämlich das Problem, nicht der durchschnittliche Iraner.

Während Thawra also vorbei an der Realität Antideutschen Vernichtungsfantasien unterstellt, hegt sie selbst ebensolche gegen die antideutsche Bewegung: „Mir gehts gut, denn die Strömung wird bald verschwinden:/ Antideutsche sind keine Linken.“

Antideutsche seien also überdies keine Linken – dies von einer sich Klerikalen anbiedernden Antisemitin zu hören ist irgendwo zwischen „interessant“, „lustig“ und „erschreckend“.

Soviel zum ersten Part dieser antisemitischen Hetzpropaganda. Die Teile 2, 3 und 4 folgen alsbald.