Der janusköpfige Kollegah

Schaut man sich an, was Kollegah in der letzten Zeit so von sich gibt und tut, dann zeigt sich ein äußerst zwiegespaltenes Bild. Einerseits ist da der Kollegah, der einem wehrlosen Fan die Fresse poliert, der Kollegah, der wegen des „Beefs“ mit Bushido und dem sonstigen Personal von egj täglich in den News von Rap-Nachrichten-Youtubern ist. Andererseits ist da aber auch der Kollegah, der sich in seinem Tourblog unglaublich Fan-nah gibt, ständig Selfies mit Konzertbesuchern macht, ihre CDs unterschreibt – und der sehr gerne Mütter, generell Frauen, aber auch ältere Herren und Menschen mit Behinderung vor der Linse präsentiert, wenn sie sich auf sein Konzert verirren.

Der böse Kollegah rappt Lines wie „Du behinderter Versager, Bitch, es ist der Pimp im Game“, „Nutte, dein Rap ist wie Blindenschrift, nur Behinderte fühlen ihn“, oder „Behinderter Penner, wer ist hier der Internetgangster?“, und spricht in Interviews davon, seine Fans seien keine „perspektivlosen Spastis“. Der gute Kollegah hingegen geht zu seinen Fans mit Behinderung, macht Fotos mit ihnen, erkundigt sich, was er tun kann, um ihnen zu helfen.

Aber welcher ist der wahre Kollegah? Nun, die Sache ließe sich ziemlich leicht beantworten: Sowohl als auch. Einerseits ist Kollegah der Böse, der Schläger, der sich mit einem unheimlichen, wohl in Mafia-Geschäfte verstrickten Bushido beeft, und damit spricht er all jene kleinen Internet-Rambos an, die sich mal so richtig hart fühlen wollen. Andererseits ist er aber auch der Nette, der Behindertenfreundliche, der Kümmerer, der keinem etwas Böses will, und findet damit Anklang bei einer moralisch etwas anspruchsvolleren Käuferschicht, die sich die abscheulichen Lines Kollegahs damit schönreden kann, dass er das ja „alles nicht so meint“.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, der auf der dick und fett „PROMO“ steht. An dieser Stelle könnte man die Augen verdrehen und sein Leben wieder relevanteren Themen widmen. Viel spannender als die Frage, warum Kollegah sich mal so und mal so gibt, ist aber die Frage: Wie tickt er denn nun wirklich?

Nun, wie oben aufgezeigt rappt Kollegah sehr gerne ableistischen Müll, und benutzt selbst in seiner Alltagssprache Wörter wie „Spasti“ als Beleidigung. Behindert sein ist für Kollegah demnach eindeutig negativ konnotiert – und wen würde das wundern, ist es doch gerade Kollegah, der einem wahnhaften Körperkult fröhnt, der in seinen Tourblogs ständig im Fitnesscenter zu sehen ist, der seine „Bosstransformation“, ein Fitnessprogramm, geschäftsmännisch vermarktet. In Realtalk-Tracks wie „Du bist Boss“  rappt er: „Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst/ Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst/ Wenn du rigoros trainierst, um deine Muskeln zu stählen“. Generell ist die Essenz des Liedes: Perfektioniere deinen Körper und deinen Geist, werde zur Maschine, nur dann bist du gut.

Der Körperkult Kollegahs fügt sich in sein antisemitisches Weltbild ohne weiteres ein, in die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, in „ehrliche“ physische Arbeit und die ominösen Hinterbänkler. Das gesellt sich mit faschistoiden Zügen, wenn etwa Kollegah im Interview sagt, Diktatur sei per se nichts Schlechtes; und sich dabei auf ein Lied bezieht, in dem er eindeutig nationalsozialistische Symbolik benutzt.

Dass nun ein behindertenfeindlicher Mensch sich gegenüber Individuen mit Behinderung auf einmal sehr zuvorkommend verhält, ist zunächst nichts ungewöhnliches – man könnte hier einen Vergleich ziehen zum Antisemitismus. Im deutschen Kaiserreich war dieser in der Gesellschaft bereits weit verbreitet, die Juden, gedacht als Kollektiv, wurden von den nicht-jüdischen Deutschen gehasst; paradoxerweise hatten zahlreiche dieser Antisemiten ihren „Lieblingsjuden“, also den netten Nachbarn, den freundlichen Gemüsehändler, den hilfsbereiten Rabbi. Der Hass richtete sich gegen das (konstruierte) Kollektiv, nicht gegen das Individuum. Ähnlich verhält es sich mit Kollegahs Abwertung von Menschen mit Behinderung.

Diese Abwertung wird in zweifacher Hinsicht deutlich:

Zum einen benutzt Kollegah die Menschen mit Behinderung, die seine Konzerte besuchen, um sich selbst ein gutes Image verpassen zu können – was letztlich sowohl der Profitmaximierung als auch der Schaffung von Akzeptanz für seine ableistischen Lines dient. Genau diese Akzeptanz für seine ableistischen Lines in Teilen der Gesellschaft trägt aber dazu bei, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verfestigen. Kollegah benutzt diese Menschen also, um Abneigung gegen sie schüren zu können. Die Strategie hinter Kollegahs Verhalten zeigt sich, wenn man sich die Häufigkeit vor Augen ruft, in der er in einer einzigen Woche seine vergiftete Wohltätigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung zur Schau gestellt hat (28.03.29.03.01.04.03.04.).

Hinzu kommt dann die äußerst eklige Art und Weise, in der Kollegah mit diesen Menschen mit Behinderung umgeht – er spricht mit ihnen, wie andere Menschen mit kleinen Kinder sprechen. Besonders deutlich wird dies in diesem Video: 03.04. Menschen mit Behinderung – sind das denn für Kollegah keine zurechnungsfähigen Menschen? Sind das denn Kinder, denen man mit verstellter Stimme und in dümmlicher Satzstruktur ein paar nette Worte sagen muss? Diese subtile Abwertung über den Sprachduktus ist es, die Kollegahs Ableismus am deutlichsten entlarvt.

Die Instrumentalisierung Kollegahs von Gruppen, die zu seinen Opfern gehören, ist freilich nichts Neues – auch mit den Juden hat er dies versucht, doch glücklicherweise ging der Zentralrat der Juden in Deutschland auf dieses vergiftete Angebot nicht ein. Die Menschen mit Behinderung, die sich von Kollegah vor der Kamera ausschlachten lassen, fallen hingegen leider auf ihn herein.

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„Die machen einen halt mundtot“ Oder: „Hoho, er hat Jude gesagt“

Nachdem Kollegah sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira traf, um sich von ihnen die Absolution erteilen zu lassen, legte er gleich nach, dieses Mal in seinem Tourblog. Im Video vom 23.3.2017 über den Auftritt in Hannover greift er gleich zwei Themen auf – seine Homophobie, und seinen Antisemitismus.

Fast sechs Minuten Belanglosigkeit muss man skippen, um zu der ersten relevanten Stelle zu kommen; und bei dieser bin ich mir nicht sicher, ob Kollegah dabei auf das Gespräch mit Kaufmann und Shapira anspielt, oder ob er einfach nur ein unfassbar stumpfer  Schwulenhasser ist.

Die ganze Sache läuft wie folgt ab: Seyed – der in den Tourblogs dabei ist, um ein wenig von Kollegahs Fame abzukriegen – und Kollegah selbst stehen vor dem Auftritt in einem Treppenhaus. Seyed sagt zu Kollegah: „Bist du eigentlich auch so nervös?“ Beide lachen. Dann Kollegah, kichernd: „Wie schwul.“

Der Verdacht liegt nahe, es handele sich hier um eine Referenz auf das Persilschein-Gespräch, da in diesem Kollegah ein, äh, interessantes Beispiel nutzte, um zu zeigen, warum ja das Wort „Schwuchtel“ nicht homophob sei. Dort sagte Kollegah (ungefähr bei Minute 14:20 in diesem Video):

Wenn ich jetzt zu Seyed sage, wenn er sich irgendwie gerade, weiß ich nicht … Er ist im Tourbus, und er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘, dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?

Eine strunzdumme rethorische Frage, die man trotz ihrer Eigenschaft als rethorische Frage sehr gerne mit „Ja – und wer hat dir eigentlich ins Hirn geschissen?“ beantworten würde. Denn jeder denkende Mensch muss eigentlich die dieser Frage zu Grunde liegende Hommophobie glasklar erkennen. Nun, wie dem auch – in dem von Kollegah benutzen Beispiel ging es um Seyed, und wie er als „Schwuchtel“ beleidigt wurde, und im Tourblog ist es ebenfalls Seyed, der, dieses Mal tatsächlich, als „schwul“ beleidigt wird.

Eine Referenz könnte es daher sein, nur würde sich die Frage stellen: Warum ausgerechnet auf diese Sequenz des Persilschein-Gespräches rekurieren? Nicht einmal Kollegah und Seyed können so merkwürdig sein, dieses Beispiel noch im Nachhinein für eine gelungene Argumentation zu halten. Und Shapira (geschweige denn Kaufmann) war auf dieses Beispiel auch – komischerweise – überhaupt nicht eingegangen („Ne, aber ich rede ja von was ganz anderem“), sondern ist gleich zum nächsten Thema gehüpft. Der Grund für eine Referenz scheint also nicht unbedingt gegeben.

Vielleicht ist Kollegah halt einfach ein stumpfer Schwulenhasser, und das ist tatsächlich sein alltäglicher Sprachgebrauch. Das würde – nach der Aktion in Leipzig, die auch nicht das erste Mal war, dass Kollegah jemanden zusammengeschlagen hat – ein weiteres Mal zeigen, wie wenig die von Kollegah in seinen Tracks transportierten Werte und sein tatsächliches Weltbild auseinander liegen.

Hat man sich nach den ersten fünf geskippten Minuten die sechste angetan, geht es in der siebten nicht minder erschreckend weiter. Kollegah trifft nach dem Konzert einen Fan, um sich mit diesem zu unterhalten. Die ganze Atmosphäre dieses Gespräches erzeugt Fremdscham, haben die beiden doch offensichtlich zu Beginn wenig Ahnung, worüber sie jetzt eigentlich sprechen sollen, und es kommt eine gezwungene Halbunterhaltung über das Dog-Tag des Fans – das diesen als Kollegah-Fanboy outet, aber wen überrascht das schon – herum. Um die unangenehmen Gefühle zu minimieren, die der Zuschauer unweigerlich erleiden muss angesichts einer solch gezwungenen Konversation, gibt es dann einen Cut, und man hört, wie die beiden sich über Israel unterhalten. Auweia. Kollegah beklagt sich gleichmal, er käme ja gar nicht mehr nach „Palästina“, aber es gebe ja Schleichwege. Daraufhin enwickelt sich folgende Gesprächssequenz:

Fan: „Ich habe mir gestern noch das angeguckt was du gemacht hast, mit den, äh … mit den … Kat Kaufmann …“

Kollegah: „Mit den zwei Juden da.“

Fan (lacht, sagt dann, immernoch lachend): „Ja, genau“

Wer bei dem Wort „Jude“ schon so ein „Hoho, er hat ‚Jude‘ gesagt“ loslässt, hat offensichtlich eine andere Einstellung gegenüber Juden denn gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. Oder würde er bei dem Wort „Christ“ ebenso lachen? Aber was ist denn am Wort „Jude“ so spektakulär? Jude, Jude, Jude. Kommt jetzt irgendwer und steinigt mich?

Offensichtlich hat dieser junge Mann also eine etwas verklemmte Ansicht bezüglich Juden, auf jeden Fall löst dieses Wort etwas in ihm aus, und zwar den Reiz des Tabubruches. Aber wie es dann weitergeht ist ja noch viel spannender. Der Typ regt sich nämlich im nächsten Atemzug darüber auf, er trenne ja strikt zwischen Juden und Zionisten und hätte nichts gegen Juden, sondern nur gegen Zionisten, aber es käme dann immer jemand und würde einen als Antisemit bezeichnen. Äh, bitte was?

Das ist an sich schonmal ein interessanter Sprung von „über das Wort ‚Jude‘ lachen, als hätte man heimlich genascht“ zu „Zionisten sind doof“ – aber das mag der Thematik des Persilschein-Gespräches geschuldet sein. Zudem stellt sich aber auch die Frage: Warum hat der Kerl was gegen Zionisten? Weiß er überhaupt, was Zionismus bedeutet? Wenn er es nicht weiß, und es dennoch mit etwas Negativem assoziiert, dann zeigt das höchstwahrscheinlich Antisemitismus. Und wenn er es doch weiß, dann frage ich mich – warum hat er nur etwas gegen die jüdische Nationalbewegung? Was ist an dieser denn so schlimm? Und ist es nicht vielmehr so, dass die jüdische Nationalbewegung auf dieser Welt eine der wenigen ist, die überhaupt einen vernünftigen Grund hat?

Kollegahs geistreicher Kommentar zu der Aussage seines Fanboys ist übrigens: „Die machen einen halt mundtot damit.“ Ahja, Kollegah, wie gut das mit dem „mundtot“ machen funktioniert, sieht man ja an deinen bestens besuchten Konzerten, an deinem Gespräch mit Shapira und Kaufmann, das schon jetzt über 250.000 Aufrufe auf Youtube hat, an deinem baldigen Auftritt beim Afrika-Karibik-Festival, an deiner „Doku“, die schon über 1,3 Mio Aufrufe auf Youtube hat, man sieht es daran, dass du mit der Single „Legacy“ Gold gegangen bist, dass du mit deinen Alben „Zuhältertape Volume 4“ und „Imperator“ Gold, und mit „King“ sogar dreifach Gold gegangen bist. Es ist ja wirklich furchtbar, wie man dich mundtot macht!

Mir drängt sich überdies die Frage auf: Wer sind „die“?

Aber der Fanboy setzt dem Ganzen noch die absolute Krönung des Unwissens auf:

Kollegah: „Man muss ja jede Politik kritisieren dürfen auf der Welt.“

Fan: „Würde man meinen, aber das ist ja auch in den staatlichen Medien ist es so, ne, sobald da was kommt, da wird die Kamera dann wieder weggeschwenkt, ne, wenn gerade wieder Gaza bombardiert wird.“

Offensichtlich guckt dieser Typ weder Tagesschau noch Heute Journal noch sonst irgendein Nachrichtenformat der Öffentlich-Rechtlichen, sonst wüsste er, was für einen Schwachsinn er da gelabert hat. Aber das sind eh die Witzigsten: Diejenigen, die sich über Medien ereifern, aber dort niemals einen Blick reinwerfen.

Wie man einem Antisemiten einen Persilschein ausstellt

Nun war es endlich soweit. Kollegah hat sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira getroffen, um darüber zu diskutieren, ob Kollegah nun ein Antisemit ist oder nicht, und in welchem Rahmen Kritik an Israel ok ist.

(Sämtliche Zeitangaben in diesem Artikel sind nur ungefähre Angaben und beziehen sich auf dieses Video)

Eines vorweg: Wider Erwarten gelang es nicht, in diesem 50 minütigen Gespräch den Nahostkonflikt zu lösen, wie Kollegah irgendwann ernüchtert feststellt (30:35). Man wird also im Nahen Osten nicht von einer weiteren deutschen Endlösung der Judenfrage profitieren können, um es mal ein wenig zynisch auszudrücken.

Wie dem auch immer sei. Zwei Dinge fallen gleich zu Beginn des Videos auf: 1. Kollegah braucht anscheinend eine ganze Mannschaft an Bodybuildern um sich herum, um sich sicher zu fühlen, und 2. Kollegah hat offensichtlich keine Ahnung, mit wem er sich da getroffen hat, weiß er doch nicht einmal, dass es sich bei seinem männlichen Gast nicht um einen Herrn „Shapiri“ handelt, sondern um Shahak Shapira (0:05). Klar, er hätte ja nicht gleich deren Biographien auswendig lernen müssen – aber den Namen seiner Gäste sollte man schon drauf haben. Die nennen ihn ja auch nicht Kolligah. Aber nicht nur das – an späterer Stelle des Gespräches hält Kollegah Shapira auch vor, er, Kollegah, mache ja richtige Kunst, Shapira hingegen habe lediglich ein Buch darüber geschrieben, wie er von Nazis verprügelt worden sei (43:30). Auf Shapiras verdutzte Antwort, er sei nie von Nazis verprügelt worden, gibt Kollegah zu, das Buch nicht gelesen zu haben. Er wisse nur, es gehe da „grundsätzlich um ne Opferrolle“. Von nix eine Ahnung, aber Juden einfach auf Verdacht unterstellen, in die Opferrolle zu schlüpfen – bravo Kollegah.

Während sich Shapira nun also kurz vorstellt, fällt die Sprache auch auf den Großvater Shapiras, der bei den olympischen Spielen 1972 ebenso wie 10 weitere israelische Athleten von palästinensischen Terroristen entführt und ermordet wurde (2:15). Leider versäumt Shapira es schon hier, Kollegah darauf anzusprechen, was dieser von der antisemitischen Terrororganisation Hamas hält, die in Artikel 7 ihrer Charta die Vernichtung aller Juden weltweit fordert, oder von der Fatah, auf deren Facebook-Seite regelmäßig zum Judenmord aufrufende Graphiken veröffentlicht werden, und deren autokratisch regierender „Präsident“ Mahmud Abbas in seiner Dissertation die Shoah relativiert und die Schuld an ihr den Juden in die Schuhe schiebt. Genau dies wäre die Gelegenheit gewesen, Kollegah zu fragen, was er von eben solchem Terror und Hass hält, und ob es nicht auch höchst unsolidarisch gegenüber der palästinensischen Bevölkerung ist, die Kleptokraten und Unterdrücker von Hamas und PA völlig unbeachtet zu lassen. Doch Shapira lässt diese Gelegenheit verstreichen.

Als nach ihm Kat Kaufmann das Wort ergreift, erklärt sie, zwar das Statement Kollegahs gesehen und sich ein bisschen informiert, die Doku allerdings aus zeitlichen Gründen nicht gesehen zu haben (4:10). Hier zeigt sich schon die Problematik des gesamten Gespräches: Der Eine (Kollegah) hat keine Ahnung, wer seine Gesprächspartner überhaupt sind, die Andere (Kaufmann) hat das Filmchen, über das gesprochen werden soll, nicht gesehen, und beide als Vertreter der jüdischen Seite Eingeladenen (Shapira und Kaufmann) begreifen sich selbst gar nicht als Juden und wollen mit dem Zentralrat der Juden darum gar nichts zu tun haben (28:00, 37:20) – wer sollte hier nochmal mit wem warum diskutieren?

Kaufmann stellt Kollegah schon gleich zu Beginn dieses komplett absurden Gespräches seinen Persilschein aus – das immerhin ist lobenswert, da muss man nicht bis ganz zum Ende warten, um die Gewissheit eines Happy Ends zu haben. Kollegah könne ja gar kein Antisemit sein, erklärt Kaufmann, da er schließlich dem Zentralrat der Juden seine Hilfe angeboten hätte, und überhaupt sei es der Zentralrat der Juden, der „armselig“ gewesen sei, weil er auf dieses Angebot gar nicht eingegangen sei (4:25). Dass der Zentralrat der Juden sich vielleicht schlicht nicht von einem Antisemiten instrumentalisieren lassen will, der sich mit ein paar hingeworfenen Euros einen Freifahrtschein für seine antisemitische Hetze erkaufen will, kommt ihr anscheinend nicht in den Sinn.

Kollegah brummt sogleich dankbar, als er den Freispruch aus dem Mund einer nicht-so-ganz-aber-naja-passt-schon-Alibi-Jüdin hört, und erklärt anschließend, er habe ja keine „Zensur“ betreiben wollen und daher antisemitische Kommentare auf seiner Facebook-Seite einfach stehen gelassen (6:00). Dieses Verhalten wird im Verlaufe des Gespräches von Kaufmann verteidigt, von Shapira kritisiert (20:30), und man fragt sich wirklich: Was sind das für Zeiten, in denen ernsthaft darüber diskutiert wird, ob es ok ist, antisemitische Hetze unkommentiert stehen zu lassen? Was sind das für Menschen, die so etwas in Ordnung finden? Antisemitische Kommentare müssen entweder gelöscht werden – was gerade bei als Antizionismus getarntem Antisemitismus leicht zu Gejammere über die „Antisemitismuskeule“ führen kann und daher vielleicht nicht ganz optimal ist – oder aber wenigstens kommentiert werden. Wenn Kollegah seine Fans einfach toben und zum Massenmord an Juden aufrufen lässt, macht er sich mitverantwortlich.

Aber was kann man schon von einem Mann erwarten, der die Ressentiments gegenüber Juden ernsthaft mit den Vorurteilen gegenüber Gangsterrappern vergleicht (6:50)? Klar, sicher, die „Vorurteile“ (Vorwurf der Misogynie, Homophobie etc.), mit denen Gangsterrapper zu tun haben, sind ja völlig unbegründet, schließlich rappen die ja nur misogynes, homophobes, ableistisches Zeug … Mir ist jetzt auch unverständlich, wo diese „Vorurteile“ herkommen (Man wird ja wohl noch „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappen dürfen, ohne gleich frauenverachtend genannt zu werden, oder? Oder?!). Oder will Kollegah ausdrücken, Juden seien ja ebenso wie Gangsterrapper an ihrem schlechten Image selber schuld, ja würden sich sogar extra ein schlechtes Image verpassen, um damit Geld zu verdienen? Dritte Deutungsmöglichkeit: Vielleicht bagatellisiert Kollegah Antisemitismus auch einfach, indem er seine lächerlichen „Diskriminierungserfahrungen“ aufgrund seiner Gangsterrapperkarriere mit den Diskriminierungserfahrungen von Juden gleichsetzt. Oder es ist ein Mix aus alle dem – wer weiß das schon? Vermutlich nicht einmal Kollegah selbst.

Irgendwann geht es dann auch tatsächlich mal um das euphemistisch „Doku“ genannte Schmieren-Filmchen. Kollegah erblödet sich sogleich, zu sagen, sein Gepose mit dem Raketen-förmigen Luftballon sei ja kein antisemitisches Statement gewesen, sondern vielmehr Kritik an der Politik der israelischen Regierung (8:25) – ohne Scheiß. Für diesen Mensch ist die Verherrlichung von tödlichen Raketen, die auf israelische Zivilisten abgeschossen werden und oft genug so schlecht konstruiert sind, dass sie noch im Gazastreifen abstürzen, Israel-Kritik. Wer das Ermorden von Juden für berechtigte , ja notwendige Kritik hält, der hat wahrlich den deutschen Lifestyle verinnerlicht.

Shapira lässt sich hier immerhin zu zaghafter Kritik verleiten. Diese Aktion sei ja keine gehaltvolle Kritik gewesen, merkt er an, worauf Kollegah mit dem seltsamen Einwand aufwartet, dies sei ja nur Kritik an der „Doku“ selbst, und also kein Beweis für seinen Antisemitismus. In Kollegahs Kopf ergibt das bestimmt irgendwo Sinn – und Shapira stimmt ihm auch noch zu, behauptet, es wäre nicht antisemitisch, Terrorangriffe auf Juden (denn gegen diese richten sich die Raketenangriffe ja) gutzuheißen, und kritisiert lediglich, das sei ja aber schon irgendwie ein bisschen gewaltverherrlichend. Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber tatsächlich so passiert. Ali As wendet nun noch beflissen ein, man müsse das Publikum ja irgendwo abholen – eine kryptische Aussage. Will Ali As damit sagen, Kollegahs Fanbase vertrete einen eliminatorischen Judenhass? Und dass man halt ein bisschen Judenmord propagieren müsse, um Platten zu verkaufen, aber das wäre dann ja ok?

Kollegah würgt Ali As jedenfalls schnell ab, bevor dieser den Karren unrettbar in den Dreck fahren kann. Auf Shapiras Kommentar, Kollegah vermittle durch die Szene mit dem Luftballon den Eindruck, es sei cool, Raketen auf Israel zu schießen, fällt Kollegah der geistreiche Kommentar ein, dies sei ja nur, was Shapira da reindeute, und wenn die Szene allgemein so gedeutet würde, dann sei das halt so, aber habe ja nichts zu bedeuten (9:20). Dies ist eine Aussage, die der geneigte Leser sich dringend für eine spätere Stelle dieses Wohlfühlgeplauders merken sollte – aber ich werde dann ohnehin nochmal hierauf verweisen. Wie es aussieht, ufer ich mehr aus als der Nil in der Regenzeit, also wird das dann als kleine Gedächtnisstütze dringend nötig sein. Wenn ich mich selbst dann noch hieran erinnere – es bleibt kompliziert.

Nunja, auch für das unmittelbar Folgende ist Kollegahs Äußerung interessant, behauptet er doch erneut, der Zentralrat der Juden habe ihn wegen seiner „Doku“ einen Antisemiten genannt (9:50). Eine Unterstellung, die zum einen eine merkwürdige Verbindung zwischen dem Zentralrat der Juden und Israel zieht – ganz so, als sei der Zentralrat der Juden in Deutschland eine israelische Organisation. Der Gedanke, es könne sich beim Zentralrat schlicht um eine deutsche Organisation von Menschen jüdischen Glaubens handeln, kommt Kollegah nicht – wer Jude ist, der hat für ihn automatisch mit Israel zu tun. Wer Jude ist, der ist für Kollegah automatisch jemand, der jedem, der was gegen Israel sagt, die „Antisemitismus-Keule“ über den Kopf zieht. Das verrät einiges über Kollegahs Weltbild, aber wenig über die Motivation des Zentralrates der Juden, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen. Von Shapira korrigiert, der Zentralrat der Juden habe kein Wort über die „Doku“ verloren, sagt Kollegah, der Zusammenhang sei ja offensichtlich – hier zählt also, was Kollegah in die Äußerung seines Kontrahenten hineindeutet. Was der Zentralrat der Juden sagt, darf er deuten, wie er will – aber die Raketen-Aktion, da sei ja nicht seine Sache, wie andere die deuten würden.

Bevor Kollegah dann allzu lang über „den Basis-Vorwurf des Antisemitismus“ jammern kann (10:25), womit er wohl die klügste Erfindung des modernen Antisemitismus meint, nämlich die angebliche, hier schon mehrfach angesprochene „Antisemitismus-Keule“, lenkt Kaufmann das Gespräch mit einem ihrer seltenen Redebeiträge in eine andere Richtung, indem sie darauf hinweist, neben Antisemitismus sei Kollegah auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie vorgeworfen worden. Darauf folgt die Standard-Ausrede eines jeden Gangsterrappers dieses Planeten: Das sei ja nur Rap, nur eine „Kunstform“ (11:30), und Wörter wie „Bitches“ und „Schwuchtel“ würden hier in einem anderen Kontext fallen als im alltäglichen Sprachgebrauch. Daher sei der Gebrauch der Wörter nicht frauenverachtend oder homophob. Welcher andere Kontext als im alltäglichen Sprachgebrauch das sein soll wird – absichtlich? – offengelassen, und gleich darauf demontiert sich Kollegah selbst ziemlich gründlich. Ihn rege diese „spießerartige Mentalität“ auf, derzufolge ganz alltägliche Wörter wie „Schwuchtel“ homophob seien (14:10). Aha – Begriffe wie „Bitch“ und „Schwuchtel“ sind für Kollegah also nicht nur in Kontext eines Raptextes völlig ok, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Damit greift aber die zuvor konzipierte Legitimation von diskriminierenden Wörtern im Rap nicht mehr, kommt es doch anscheinend doch irgendwie nicht auf den Kontext an. Kollegah hat wohl selbst schon wieder vergessen, welche Rechtfertigung er sich noch vor zwei-einhalb Minuten zurechtgebogen hatte – kann ja mal passieren.

Shapira, der sich immer wieder gequält äußert, wenn Kollegah seine frauen- und schwulenfeindlichen Aussagen mit der Ausrede „ist doch Kunst“ versieht, wird von Kollegah gnadenlos ausgekontert: Er, Kollegah, würde ja haufenweise CDs verkaufen, und seine Fans seien ja alle total klug und gebildet, also sei es Kunst, was er so verbreche (12:30). Das ist für sich schonmal ein merkwürdiges Argument, sagt doch Massenkompatibilität nichts über die Qualität von irgendetwas aus. Aber wenn er anfügt, seine Fans seien ja schlau und keine „perspektivlosen Spastis“, hat Kaufmann ihre ersten von zwei guten Augenblicken: Hier „Spasti“ als abwertenden Begriff zu benutzen sei gemein, merkt sie an. Nun, mir wären da ein paar drastischere Worte als „gemein“ eingefallen, aber immerhin, es ist wenigstens ein Mensch anwesend, der sich nicht zu schade dafür ist, sich gegen Ableismus auszusprechen – wenn auch recht zaghaft.

Jedenfalls glaubt Ali As hier dann, wieder seinen Unsinn zu Protokoll geben zu müssen. Das Wort „Spasti“ sei hier ja in einem anderen Zusammenhang gebraucht worden, und überhaupt hätten sie diese ganzen Wörter ja nicht erfunden. Das ist in etwa so sinnvoll, wie sich bei einem Mord damit herausreden zu wollen, man habe das Gewehr, mit dem man das Opfer erschossen habe, ja nicht selbst erfunden, sondern lediglich benutzt. Und man habe das Jagdgewehr ja nicht zur Jagd, sondern zum Mord benutzt, und darum sei das schon in Ordnung (weil: anderer Kontext!). Ähnlich Hirnschmerz-auslösend gibt sich auch Kollegah, wenn er sagt, er habe die Leute, die auf seiner Facebook-Seite von der „Endlösung“ fantasieren würden, ja nicht erschaffen, die „waren schon vorher da“ (15:10). Ahja, das macht es natürlich besser. Antisemitismus „nur“ zu fördern statt zu erschaffen ist ja so moralisch vertretbar.

Und jetzt Achtung, es kommt eine rethorische Frage von Kollegah, die jedem denkenden und empathifähigen Menschen das Hirn zu den Ohren raus suppen lässt: „Er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘ dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?“ (14:30)

Äh … Ja? Oder, wenn wir ganz kleingeistig sein wollen: Nein, Kollegah, du bist nicht homophob, weil du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung benutzt – sondern weil du homophob bist, benutzt du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung.

Und es wird noch doller. Irgendwann gegen Beginn des Rumgeschleimes der kritischen Diskussionsrunde merkt Koree in Richtung Shapira investigativ an, ihn störe dieses „wir-ihr“-Denken (7:40). Nun die spannende Frage: Wird Koree Kollegah in der gleichen Weise korrigieren? Wir werden es gleich erfahren …

Ne, tut er nicht. Bei Kollegah ist es ihm egal, wer hätte damit gerechnet. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt zwischen Kollegah und Shapira (16:15):

Kollegah: „Komischerweise checkt jede Ethnie den Humor dahinter – ich hab albanische Freunde, ich hab afrikanische Freunde, keiner regt sich auf – die Einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen … [dramatische Pause, dann leise:] … seid ihr.“

Shapira: „Ihr?“

Kollegah: „Ja.“

Shapira: „Was ist das, ihr?“

Kollegah: „Ihr Juden.“

Ungläubiges Kichern, kurze Stille.

Vorhang zu. Eigentlich wäre an dieser Stelle alles gesagt gewesen. Eigentlich müssten Shapira und Kaufmann an dieser Stelle aufstehen und gehen. Tun sie aber nicht. Sie kommentieren nicht einmal Kollegahs haarsträubende Erklärung, Juden seien eine „Ethnie“, eine Äußerung, die üblen Antisemitismus nur so ausdünstet. Sie widersprechen nicht der Aussage, Juden wären die einzige „Ethnie“, die sich immer in die Opferrolle dränge, obwohl hier schon mit einem Verweis auf das Gehabe des Zentralrates der Muslime in Deutschland das „Argument“ Kollegahs komplett demontiert worden wäre. Sie lassen es über sich ergehen, hier auf ihr jüdisch-sein reduziert zu werden, sie kritisieren nicht die Tatsache, wie Kollegah hier Juden als Kollektiv begreift – nichts. Stattdessen erklärt Shapira lieber, er würde ja darauf achten, jede Minderheit zu beleidigen, da schließlich jede Minderheit das Recht darauf habe, beleidigt zu werden (17:10).

Es folgt ekliges Blabla. Ich überspringe die ganz kleinen Aufreger mal, dieser Artikel wird sonst nie fertig.

Jedenfalls kritisiert Shapira irgendwann, Kollegah gebe durch sein Facebook-Statement zum offenen Brief des Zentralrates der Juden und anderer jüdischer Organisationen dem Zentralrat die Schuld am Antisemitismus in den Kommentarspalten von Kollegahs Facebook-Seite (21:45). Eine durchaus berechtigte Kritik, man wittert Morgenluft. Wird Kollegah zugeben, den Juden die Schuld am Antisemitismus zu geben, oder wird er einlenken und diese Aussage zurücknehmen?

Wen hätte es überrascht – ersteres. Der Zentralrat habe die antisemitischen Ausraster von Kollegahs Fans provoziert. Unter der „Doku“ sei der Antisemitismus „marginal“, erst durch die Einmischung des Zentralrates hätten sich die antisemitischen Kommentare gehäuft. Dass der Zentralrat damit ganz sicher keinen Antisemitismus hervorgerufen hat, sondern lediglich die hasserfüllten Antisemiten dazu gebracht hat, ihren Antisemitismus offen zu artikulieren, kommt ihm nicht in den Sinn – dass der Hass auf Juden auch dann da ist, wenn der Antisemit ihn gerade nicht mit Schaum vor dem Mund herausschreit, zu dieser Erkenntnis fehlen Kollegah dann doch ein paar Reflexionsebenen, wie es scheint. Wir sollten den Antisemitismus-Forscher Kollegah mal fragen, ob es nicht auch sein kann, dass die Juden selbst an der Shoa schuld waren – vielleicht macht Kollegah ja eine Dissertation zu dem selben Thema wie Mahmud Abbas, das wäre doch spannend. Die geistigen Voraussetzungen scheinen da zu sein.

Aber bevor er sich derart großen Fragestellungen widmet, erklärt Kollegah uns noch, woher denn die Menschen kommen. Denn, so predigt Kollegah seiner muslimischen Gemeinde, Fremdenhass wäre ja unlogisch, da wir doch alle von einem Menschen abstammen würden (23:30). Naja, vermutlich eher von zwei Menschen, oder? Vielleicht sollte man Kollegah nochmal erklären, wie das mit der Fortpflanzung zu funktioniert, er scheint da eine kleine Wissenslücke zu haben …

Apropos Wissenslücke. Kollegah wäre wohl eines der Opfer von Ali As, wenn der irgendwas zu melden hätte. Denn, wie Ali As blasiert verkündet, es gäbe nur eine logische Art, nur eine begrüßenswerte Art von Rassismus, und das wäre Rassismus gegenüber weniger intelligenten Menschen (23:50). Als „IQ-Rassist“ bezeichnet er sich, und fühlt sich … witzig? Schlau? Provokant? Wie auch immer – so etwas zu sagen ist schlicht widerlich. Damit setzt Ali As nämlich weniger intelligente Menschen auf eine niedere Stufe, heißt Diskriminierung gegenüber diesen gut – was zum einen bedeutet, dass Babys seiner Meinung nach diskriminiert werden sollten, befinden sich diese doch unbestreitbar intelligenzmäßig nicht unbedingt auf dem höchsten Level, zum anderen aber auch bedeutet, dass geistig behinderte Menschen als minderwertig dargestellt werden. Nicht zu vergessen diejenigen, die einfach nicht so einen hohen IQ haben – seinen IQ sucht man sich ja nicht aus. Aber jo, seien wir doch mal allen weniger intelligenten Menschen gegenüber schön rassistisch (was auch immer „Rassismus“ als Begriff hier zu suchen hat, sind diese Menschen jetzt auch noch eine „Rasse“, oder wie?). Geil! Ich geh dann mal Menschen mit geistiger Behinderung versklaven, dieser eine Rapper da hat gesagt das wäre gut …

Neben dieser Art von Rassismus, die Ali As „logisch“ findet, gibt es noch eine weitere, diese will er aber nicht verraten – „das würde zu weit führen“. Obs was mit Juden zu tun hat? Man kann nur spekulieren.

Hier dann der zweite und letzte Lichtblick bei Kaufmann: Sie weist wieder darauf hin, es sei „sehr gemein“, Diskriminierung weniger intelligenter Menschen gutzuheißen, denn „es gibt so furchtbar, furchtbar nette Menschen die soo dumm sind, aber niemals irgendetwas Schlechtes tun würden.“ Zwar ist auch hier ein gewisser Beigeschmack von Verachtung für weniger intelligente Menschen nicht abwesend, aber immerhin – sie widerspricht. Shapira windet sich ein wenig – nicht sicher, ob er die Behindertenfeindlichkeit, die er bei Ali As bemerkt, einfach nur witzig finden oder kritisieren soll. Es kommt so ein Mittelding bei rum, das nicht wirklich appetitlich ist.

Sogar Kollegah weist Ali As zurecht – Menschen könnten nun einmal nichts für die Intelligenz, mit der sie geboren werden. Es komme letztlich nur darauf an: „moralisch integer oder eben nicht“. Das ist so ziemlich der erste Satz von Kollegah in diesem Gespräch, den ich gut finde – ich befürchte nur, es wird auch der letzte gewesen sein.

Ali As rudert hektisch zurück, und schließt sich Kollegah an. „Aber wenn ich sowas als Statement mache wird das niemand jucken“, sagt er dann noch. Was genau er meint, ist nicht ganz klar. Ob er meint, es würde niemanden jucken, wenn er sagt, es käme nur darauf an, ob man moralisch integer sei oder nicht, weil die Leute so ein Statement nicht spektakulär fänden? Da würde sich mir die Frage stellen, warum Ali As denn die Aufmerksamkeit, die er für eine Stellungnahme bekommt, so viel wichtiger ist als die Aussage, die er darin trifft. So etwas ist doch plumpe Effekthascherei, sowas – genau sowas ist unmoralisch. Oder meint er, es würde niemanden jucken, wenn er sich behindertenfeindlich äußere, und nur Juden würden sich ja immer als Opfer darstellen? Das wäre zumindest insofern merkwürdig, als er ja gerade eben noch von den übrigen Anwesenden zurecht gewiesen wurde und seine Aussage komplett zurücknehmen musste. Wie auch immer – Ali As sollte lieber schweigen, das wäre angenehmer für alle.

Kleriker Kollegah hat noch eine wichtige Message: Wer Juden hasst ist kein richtiger Muslim, weil der Islam das irgendwie verbieten würde oder so. Nunja, an der Stelle sei mal kritisch investigativ nachgefragt: Wie erklärt Kollegah dann all die judenfeindlichen Suren des Islam? Nur so als Beispiel seien hier Sure 4:46 (Verfluchung der Juden durch Allah), Sure 3:71 (Juden sind Lügner), Sure 5:60 (Verwandlung von Ungläubigen (vermutlich Juden) in Affen und Schweine) und Sure 5:78 (Verfluchung der Juden durch David und Jesus) genannt. Ich will damit nicht behaupten, eine friedliche Auslegung des Koran sei unmöglich – nur erscheint es mir vor dem Hintergrund der antijudaistischen Suren im Koran einigermaßen absurd, zu behaupten, der Koran verbiete es, Juden zu hassen.

Kollegah jedenfalls hat gleich noch eine Forderung an die deutschen Juden (27:50): Diese sollten sich doch bitte mal besser integrieren. Äh, bitte was? In welchem Jahrzehnt ist Kollegah geistig bitte stecken geblieben? Muss man das noch kommentieren?

Zwei Sternstunden hatte Kaufmann, nun muss natürlich noch was ziemlich Peinliches kommen. So lacht Kaufmann darüber, dass Kollegah rappt, Juden seien seine Anwälte (28:00), und meint dem Zentralrat der Juden erklären zu müssen, es handele sich dabei um „Propz“, und nicht um Vorurteile (36:50). Nun, aber warum meinen Rapper denn bitte, erwähnen zu müssen, ihre Anwälte seien jüdisch? Was spielt das für eine Rolle? Ist es nicht das Bild von Juden als Intellektuellen, als Paragraphenreitern, als Verweigerer „ehrlicher“, körperlicher Arbeit, das hier tradiert wird? Es ist ein Vorurteil, ein Ressentiment – selbst, wenn es nicht negativ gemeint ist.

Ein wenig Palaver hier, ein wenig Palaver da. Schließlich wieder eine verpasste Gelegenheit, bei der Shapira seinen Gastgeber mal hätte kritisieren können. Nachdem Kollegah völlig begeistert schon ein Feature mit Kaufmann und Shapira plant, scherzt Shapira: „Bring deine Sonnenbrille lieber nicht mit“ (29:20). Das wäre eine Gelegenheit gewesen, Kollegah ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, wie er es mit seiner zur Schau gestellten Menschenfreundlichkeit wirklich hält. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, was das für eine scheiß Aktion war, einem alkoholisierten, offensichtlich eingeschüchterten Fan in den Bauch zu treten und ins Gesicht zu schlagen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, darauf hinzuweisen, dass Raptext und Wirklichkeit bei Kollegah anscheinend doch nicht so weit auseinander liegen, wie er so gerne betont. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, ob er auch seine Frauenfeindlichkeit und Homophobie so offen auslebt wie seine Gewaltbereitschaft. Aber Shapira reißt lieber einen halbgaren Witz und lässt die Sache auf sich beruhen. Ein Armutszeugnis.

Shapira startet dann nochmal einen Versuch, so langsam wieder über die „Doku“ von Kollegah zu reden. Er würde Kollegah gerne die israelische Seite zeigen, er, Shapira, dürfe zB. nicht nach Ramallah, denn die letzten Juden, die dort hineingingen, seien von einem Lynchmob ermordet worden (31:00). Kollegahs Antwort: Ja, aber beide Seiten. Und wer da im Recht sei, das könne man ja auch nicht sagen (31:40). Wie bitte? Wenn Juden von einer wütenden Meute in Stücke gerissen werden kann man nicht sagen, wer da im Recht und wer im Unrecht ist? Ahja. Alles klar. Vielleicht verbucht Kollegah antisemitische Lynchmobs ja genauso wie Raketenbeschuss auf jüdische Zivilisten unter „legitime Israelkritik“. Wundern würde es mich nicht.

Auch auf Shapiras Anmerkung, Israel habe den Gazastreifen geräumt und dort Millionen an Hilfsgeldern reingepumpt, mit dem einzigen Effekt, dass die Hamas Cocktails geschlürft und nebenbei Terrortunnel gegraben habe, antwortet Kollegah in terrorverharmlosender Manier. So ein Argument könne man sich ja hin und her werfen, das führe ja zu nichts, man könne ja nie sagen, wer jetzt mehr angestellt habe (32:40). Dabei sollte man eigentlich annehmen, die Sache, wer mehr angestellt habe, sei klar, wenn die eine Seite der anderen Millionen in den Arsch pumpt und diese Seite dies mit Terroranschlägen vergilt.

Was mir noch bei Shapira übel aufstößt, ist seine Äußerung über die israelischen Siedlungen – diese könnten mit keinem Argument gerechtfertigt werden (31:45). Ich probiers mal: No Nation no Border. Ups, das war einfach. Nächster Versuch: Juden dürfen ihre Häuser bauen wo sie wollen. Ganz passabel. Oder wie wäre es damit: Judäa und Samaria (das sog. „Westjordanland“) waren vor 1967 illegal von Jordanien annektiert und daher nie rechtmäßig Teil eines Staates. Sie gelten daher juristisch nicht als besetzte, sondern als umstrittene Gebiete. Bei denen greifen die diversen UN-Verordnungen, die die israelischen Siedlungen angeblich illegal machen, überhaupt nicht. Und wie wäre es mit diesem Zusatz: In Judäa und Samaria gilt (noch immer) das osmanische Recht, und nach diesem Recht sind die israelischen Siedlungen völlig legal.

Naja, das war ein kleiner Strauss voll Argumente. Ich will damit nicht behaupten, die israelischen Siedlungen seien wunderbar, ihr Bau verlaufe vollkommen problemlos in Niemandsland ab, und generell sei alles tutti – aber es ist schlicht absurd, zu behaupten, die Siedlungen seien durch nichts zu rechtfertigen. Es erinnert ein wenig an die ekelhafte Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis: Nur die Palästinenser dürfen auf diesem Land leben, denn nur sie wurden dort geboren! So hat man vielleicht vor 70 Jahren argumentiert, aber doch bitte nicht mehr heute. Und ist nicht die Forderung nach einem Siedlungsstopp, ja nach einem Rückbau der Siedlungen von Grund auf antisemitisch? Schließlich werden hier Häuser bauende Juden zu einem Hindernis für den Frieden erklärt. Aber warum dürften denn Juden nicht in einem zukünftigen palästinensischen Staat leben (wenn man schon voraussetzt, diese Gebiete sollten zu einem zukünftigen palästinensischen Staat gehören, was ja durchaus zu diskutieren wäre)? Warum sollten die Siedlungen nicht irgendwann Teil eines palästinensischen Staates sein? Warum soll dieses „Palästina“ denn ein ethnisch und religiös reines Gebilde sein? Niemand, der Recht bei Trost ist, sieht in der Anwesenheit von Juden ein Friedenshindernis. Und wer in ihnen ein Friedenshindernis sieht, der will keinen Frieden mit Juden, sondern einen Frieden von Juden. Und das ist antisemitisch.

Wo wir gerade beim Thema sind. Die Siedlungen findet natürlich auch Kollegah ganz schrecklich. Die Menschen in dem Flüchtlingslager bei Ramallah, das er besucht hat, die hätten wegen der Siedlungen ihre Heimat verloren, erzählt Kollegah (33:50). Aber Moment: Hatte nicht Kollegah noch in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen würden schon seit mehreren Generationen dort leben? Hat Kollegah nicht in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen seien 1948, im Rahmen des israelischen Unabhängigkeitskrieges, aus ihren Häusern vertrieben worden, und hätten noch Schlüssel für ihre ehemaligen Häuser – aber die Israelis ließen sie nicht zurück? Doch, genau das hatte Kollegah damals erzählt. Nun soll es plötzlich so gewesen sein, dass die Menschen von israelischen Siedlungen verdrängt wurden. Kollegah passt wohl seine Geschichte immer der momentanen Situation an. Je nachdem, was ihm argumentativ gerade besser in den Kram passt, wurden die Menschen durch den Krieg oder die Siedlungen vertrieben. Morgen wird es vielleicht das schlechte Wetter gewesen sein, und in einer Woche erzählt er uns vielleicht was von Gentrifizierung. Oder meint Kollegah etwa, Israel als Gesamtes sei eine illegale Siedlung? Das wäre freilich noch ekelhafter und noch eindeutiger antisemitisch.

Aber Kollegah wollte aus seiner „Doku“ ja kein riesen Politikum machen (34:00). Achso, und ich hatte mich schon gewundert, warum er Blumen am Grab des antisemitischen Terroristen Jassir Arafat niedergelegt hat. Das war wahrscheinlich, äh, Sightseeing. Und Moment, hatte Kollegah nicht noch zu Beginn des Gespräches darauf verwiesen, sein Gepose mit dem Raketen-Luftballon sei ein Statement gegen die israelische Politik gewesen? Ach ja – sowas passt Kollegah ja immer der momentanen Diskussionslage an. Wie mans gerade besser gebrauchen kann. Mensch, ist das praktisch.

Der übliche Kardinalsfehler in einer Diskussion um den Nahostkonflikt muss auch Shapira unterlaufen: Er bemängelt, im Nahostkonflikt werde man schnell einseitig, und alle würden einen auf eine Seite ziehen wollen. Man müsse aber neutral bleiben und sich nicht auf eine Seite schlagen (34:20). Shapira verwechselt hier Neutralität mit Äquidistanz. Äquidistanz bedeutet, zu beiden Seiten einen gleich großen Abstand einzuhalten, sodass man in der Mitte rumdümpelt und keiner Seite recht gibt. Neutralität bedeutet, die Sache objektiv zu betrachten. Betrachten wir den Nahostkonflikt aus dem Blickwinkel eines Äquidistanz wahrenden Menschen: Die Hamas fordert die weltweite Vernichtung aller Juden. Israel ist dagegen. Dieser Mensch würde verlangen, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen, also die Hälfte aller Juden weltweit getötet wird. Damit hätte er sich auf keine Seite geschlagen. Nun betrachten wir den Konflikt aus dem Blickwinkel eines neutralen Menschen: Er wird sagen, dass die Hamas vollkommen bescheuert ist und sich ihre Forderung gefälligst sonstwohin stecken soll. Er hat sich damit nicht einer Seite gegenüber unfair verhalten, sondern schlicht Vernunft walten lassen.

Es ist nicht Neutralität, sich im Nahostkonflikt auf keine Seite zu schlagen. Wer sagt, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen sollen, der ist für Judenmord. Und das ist nicht neutral – das ist barbarisch.

Also widmen wir uns dem nächsten Gesprächsabschnitt. Shapira behauptet, es sei unklug, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, denn jeder plumpe Antisemitismusvorwurf sorge dafür, dass „echter“ Antisemitismus nicht mehr ernst genommen werde (35:50). Das ist nun wirklich lächerlich. Zum einen sollte Shapira nicht darüber urteilen, ob es dumm ist oder nicht, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, wenn Shapira sich nicht mit dessen jüngsten antisemitischen Ergüssen auskennt (ich denke hier besonders an „Apokalypse„, „Hardcore“ und „Fokus„) – und wenn er sich doch damit auskennt, so ist er offensichtlich blind für Antisemitismus. Zum anderen ist es doch fatal, anzunehmen, der Vorwurf des Antisemitismus sei – denn das impliziert dieser Ausdruck – eine Waffe, mit der man Gegner niederstreckt. Dem ist nämlich keinesfalls so. Der Vorwurf des Antisemitismus ist keine Waffe, mit der man Gegner mundtot macht und für einen großen entsetzten Aufschrei sorgen will. Der Vorwurf des Antisemitismus sollte da angebracht werden, wo man ihn vermutet – und dann sollte der Vorwurf überprüft werden, sachlich und unaufgeregt. Wie man es mit jedem Vorwurf tun sollte.

Wer behauptet, der Vorwurf des Antisemitismus könne sich abstumpfen, der verkennt, dass es eine objektive Entscheidung ist, ob sich jemand antisemitisch äußert oder nicht. Und er verkennt, dass es keineswegs vom Gutdünken der Masse abhängen sollte, ob man jemanden einen Antisemiten nennt oder nicht. Wer soetwas sagt, nimmt selbst den Vorwurf des Antisemitismus nicht mehr ernst, schießt er sich doch auf den ein, der die Kritik geäußert hat, und nicht auf den, der kritisiert wurde.

Allerdings scheint Antisemitismus ja für Shapira generell nichts sonderlich Schlimmes zu sein, sagt er doch, es könne ja sein, dass Kollegah antisemitische Sachen mache, aber das wäre nicht schlimm, er, Shapira, mache das ja auch (36:20). So weit, so merkwürdig, so Antisemitismus bagatellisierend.

Noch merkwürdiger ist aber Kollegahs darauf folgendes Statement: „Ich als Mensch bin kein Antisemit“ (36:30) – also dieses Statement ist schon deshalb merkwürdig, weil es von einem Menschen kommt, der ständig Judenmord als Israelkritik verklärt. Zum anderen gibt Kollegah damit anscheinend zu, antisemitische Lines zu rappen, da er ja nur „als Mensch“ kein Antisemit sei, als Rapper aber schon (klingt komisch, ergibt für ihn aber anscheinend Sinn). Hier hätte man nun wieder ansetzen können, aber nein, Kaufmann muss ja mit ihrem peinlichen Statement bezüglich „jüdischer Anwälte“ in Richtung Zentralrat der Juden daher kommen (36:50).

Kaufmann behauptet in der Folge auch, der Zentralrat der Juden würde Konzerte verbieten, und was denn als nächstes käme (37:10). Shapira weist sie völlig zurecht daraufhin, der Zentralrat habe kein Konzert verboten, und Kollegah lamentiert sogleich, sie hätten aber Druck ausgeübt. Nun, wenn man Kritik äußern Druck ausüben nennt, dann ja: Der Zentralrat der Juden hat Druck ausgeübt. Ich finde es allerdings ziemlich erbärmlich, wenn Kritik derart tabuisiert wird. Wer Kritik wegen ihres kritischen Gehaltes verunglimpft, der ist totalitär, denn er lässt keinen Widerspruch gegen seine Äußerungen zu. Kollegah ist es, der hier Menschen Äußerungen verbieten will, nicht anders herum. Denn Kritik darf jeder äußern, ob es Kollegah nun passt, oder nicht.

Leider (oder zum Glück?) fällt Shapira Kaufmann ins Wort, weshalb sie nicht ganz zu Ende sprechen kann. So wird es nicht klar, was genau Kaufmann mit diesem Satz eigentlich sagen wollte: „Ja, aber in Deutschland sind wir in einem Land, das nach Holocaust [sic] vom Zentralrat einfach mal … [unverständlich]“ (37:20). Es gruselt mir ein wenig bei den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen Kaufmann diesen Satz womöglich zu Ende bringen wollte.

Hier ist dann auch die Sequenz, in der Shapira bekräftigt, seiner Ansicht nach kein Jude zu sein, und Kaufmann und Shapira einhellig sagen, sie fänden es blöd, vom Zentralrat der Juden repräsentiert zu werden. Einen großen Auftritt hat nun Koree: In seinen Sessel gefläzt gibt er süffisant zu Protokoll: „Das finde ich ist die erste schöne Einsicht aus diesem Gespräch.“ (37:40) Die Selbstzufriedenheit, mit der Koree sich in der Gewissheit räkelt, seine Alibi-Juden gefunden zu haben, die es ihm ermöglichen, in Zukunft guten Gewissens gegen den Zentralrat der Juden stänkern zu können, ließ mich das Video an dieser Stelle beinahe abbrechen. Noch schlimmer ist, dass Shapira und Kaufmann augenscheinlich noch immer nicht verstehen, zu welchem Zweck sie eingeladen wurden: Nämlich zu dem, einer Bande von Antisemiten einen Persilschein auszustellen. Sie werden nicht als Menschen begriffen, sondern als Argument, mit dem man sich zukünftig gegen jedweden Antisemitismusvorwurf, und sei er noch so treffend, immunisieren kann.

Darüber hinaus verrät Koree mit diesem Satz noch mehr: Es sei nämlich „die erste“ Einsicht – demzufolge hat sich sein Denken über den Antisemitismusvorwurf in keiner Weise gewandelt. Es geht ihm keinesfalls um eine ergebnisoffene Debatte, sondern er will, dass die beiden vielleicht-nicht-ganz-aber-passt-schon-Juden einknicken und ihm seinen Persilschein ausstellen, nichts sonst.

Shapira kapituliert nun völlig. Kollegah dürfe es ruhig weiterhin cool finden, Raketenluftballons zu kaufen, auch wenn er, Shapira, das nicht tun würde (39:50). Was ist das anderes als ein: „Ja, dann sei halt ein Antisemit, solange du nicht von mir verlangst, auch einer zu sein“? Und nein: Niemand sollte es cool finden, Raketenluftballons zu kaufen und damit vor israelischen Wachtürmen rumzuposen. Denn das ist nicht nur gewaltverherrlichend, wie Shapira irrtümlich annimmt – es ist auch antisemitisch, und ruft zu antisemitischer Gewalt auf. Wer so etwas cool findet, mit dem sollte man sich nicht in einem Raum aufhalten. Und gewiss erst Recht nicht ganze 50 Minuten lang.

Was nun kommt, ist so absurd, es ist schon beinahe lustig. Die Fronten wechseln nun nämlich komplett. Während zuvor Shapira und Kaufmann recht schüchtern die Ansicht vertraten, Antisemitismus sei halt irgendwie doch nicht so cool, und man müsse ja darauf achten, wie sowas bei den Fans ankomme, gerät nun Shapira in die Defensive und muss sich für Witze über Minderheiten rechtfertigen. Und während Kollegah und Konsorten zuvor noch sagten, jede Minderheit habe ein Recht darauf, diskriminiert zu werden, erklären sie nun nachdrücklich, über Muslime dürfe man sich aber nicht lustig machen. Man könnte lachen, würde man nicht permanent kotzen.

Beginnen tut dieses Trauerspiel mit Kollegahs Erklärung, es sei nicht cool, Muslime zu beleidigen, und er hätte ja Respekt vor dem Glauben von Menschen (40:15). Nun frage ich mich wirklich, warum Kollegah etwas so Unsinniges wie religiöse Gefühle wichtiger ist als die körperliche Unversehrheit von Menschen – als das Leben von Menschen. Warum ist es nach Kollegahs Ansicht ok, Judenmord zu propagieren (Raketenluftballon), aber nicht ok, sich über eine Religion lustig zu machen? Ist es nicht pervers, den Glauben an einen imaginären Wolkenrüttler als wichtiger denn das menschliche Leben einzuschätzen? Es ist total absurd, vor der Würde des Menschen keinen Respekt zu haben, sich über Minderheiten lustig zu machen, sie zu verunglimpfen, antisemitische Stereotype zu reproduzieren – und die religiösen Gefühle von Menschen dann plötzlich zum unantastbaren, höchsten Gut zu verklären. Gerade anders herum ist es: Sich über Minderheiten, sich über Menschen lustig machen ist scheiße – sich über die Götter lustig machen, die diese Menschen sich ausgedacht haben, ist ok.

Aber Kollegah ist hier ja plötzlich der Vernünftige, derjenige, der darauf achtet, keine Gefühle zu verletzen. Und so erklärt er dann, auch im Rap gebe es ja Grenzen, und er würde viele Sachen nicht rappen (40:30). An der Stelle möchte ich mal ganz direkt Kollegah fragen: Warum findest du es ok, wenn Favorite auf deinem Track, auf deinem Album rappt: „Ich leih dir Geld doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“? Wird da deine Grenze noch nicht überschritten? Und warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du rappst: „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du, unterlegt mit Bildern vom israelischen Sicherheitszaun, rappst: „Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle/ Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen„? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du im selben Track kurz darauf rappst: „Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht/ Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem“? Weißt du nicht, dass genau das antisemitische Stereotype sind? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du über an Naziflaggen erinnernenden Fahnen stehst, die geballte rechte Faust in den Himmel reckst und „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“ rappst? Deine Grenzen sind offenbar noch fließender als die von Gondor.

Shapira jedenfalls steuert hilflos bei, es lege ja jeder für sich selbst die Grenzen fest, Kollegah stimmt zu, und man wartet schon einen innigen Zungenkuss zwischen den beiden, da ruiniert Ali As die romantische Stimmung, indem er kritisch nachfragt, was denn sei, wenn man die Grenzen des anderen überschreite. Shapira ist immerhin nicht dement und wendet ein, man hätte sich doch vorher darauf geeinigt, jede Minderheit müsse diskriminiert werden (41:00). Ali As rettet sich damit, es komme darauf an, in was für einem Rahmen dies geschehe – womit er offensichtlich meint: Juden diskriminieren ok, Muslime diskriminieren nicht ok. Kollegah formuliert das so: „Wenns irgendwann geschmacklos wird hat das nichts mehr mit Humor zu tun.“ Nun bin ich ein wenig verblüfft. Was hat denn die Line „Hure eines und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ mit Humor zu tun? Warum genau ist das nicht geschmacklos? Was haben diese Lines aus „AKs im Wandschrank“ mit Humor zu tun: „Ich halte die Gun auf dein‘ Vater – Frrr/ Halte die Gun auf deine Mama – Frrr/ Halte die Gun in dein Face, Bitch – Frrr/ Kugeln aus der AK, Bitch – Frrr“? Was hat das mit Humor zu tun? Das sind doch einfach nur stumpfe Gewaltfantasien, oder habe ich da die großartige Pointe verpasst?

Nun fährt Kollegah mit seinem sinnlosen Salbader fort. Wenn Mohammed karikiert werde, rege ihn persönlich das nicht auf, aber es würde eben zu Hass aufstacheln, sagt er in bester Jürgen Todenhöfer-Manier (41:30). Mit ein bisschen Rücksicht ließen sich viele Konflikte vermeiden, so Kollegah. Ah ja. Das heißt, wenn Juden anfangen würden, wegen der antisemitischen Lines von Kollegah Terroranschläge zu verüben, dann würde er es sein lassen, sonst nicht? Und man soll vor bescheuerten Islamisten buckeln, die nicht auf Mohammed-Karikaturen klar kommen? Kleine Lektion für Kollegah: Wenn ein Mensch einen Terroranschlag begeht, weil sein Wicht von „Prophet“ beleidigt wurde, dann ist dieser Mensch ein erbärmliches Arschloch und trägt ganz alleine die Verantwortung für seine abscheuliche Tat. Und vorgehen sollte man gegen genau diese Arschlöcher, nicht gegen die Leute, die sich über deren Propheten lustig machen.

Und Moment – war es nicht Kollegah gewesen, der sich darüber beschwert hatte, diese Juden würden sich immer gleich in die Opferrolle begeben? Und nun lamentiert er wegen Mohammed-Karikaturen. Eine Frage – wann ist die jüdische Gemeinschaft das letzte Mal vollkommen ausgetickt, als jemand eine JAHWE-Karikatur gemacht hat? Charlie Hebdo hat ziemlich widerliche Karikaturen gemacht, nicht nur über den Islam, nein, auch über das Judentum (und das zum Teil mit eindeutig antisemitischen Stereotypen) und über das Christentum. Sind es nicht einzig die muslimischen Gemeinschaften, die sich über Karikaturen über ihre imaginären Freunde aufregen? Wer begibt sich hier in eine Opferrolle?

Und noch ein Moment – auf Mohammed-Karikaturen sollte man verzichten, weil das zu Hass aufstacheln würde. Aber mit einem Raketenluftballon vor israelischen Wachposten rumposen – das stachelt nicht zu Hass auf? Irgendwo in Kollegahs Kopf muss was falsch verdrahtet sein.

Bei Ali As auch. Der bringt nämlich das beste Argument, warum Kollegah (und er selbst auch) einfach aufhören sollte zu rappen. Denn: wenn man sich nicht sicher sei, wie und ob jemand die Äußerungen, die man von sich gebe, verstehe, sollte man aufpassen was man sage, und nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen (42:30). Naja, genau das ist doch der Punkt. Genau das kritisiert Shapira doch hier und da mal wieder: Dass Kollegah sich eben nicht sicher sein kann, wie seine Fans seine Tracks verstehen. Aber gut, bei Ali As sind eh Hopfen und Malz verloren.

Schließlich ist das der Typ, der ein paar Minuten später sagt, Homophobie, Misogynie und Antisemitismus seien „Gewürze“ in der „Suppe“ Rap (45:00), und man könne ja der Ansicht sein, diese Gewürze seien giftig, aber Arsen in kleinen Mengen habe ja noch keinen umgebracht (45:45). Ach so – das heißt, solange man Juden nicht gleich umbringt, ist Antisemitismus in Ordnung? Solange keine Konzentrationslager gebaut werden, gibt es nichts zu beanstanden? Ich verrate dir mal ein Geheimnis, Ali As: Wegen Homophobie und Antisemitismus wurden in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit verdammt viele Menschen abgeschlachtet. Und wegen Misogynie gibt es im muslimisch-arabischen Raum Frauen, die gesteinigt werden, als Strafe dafür, vergewaltigt worden zu sein. Also doch, Ali As, all diese „Gewürze“ haben schon Millionen von Menschen umgebracht.

Aber es geht dir ja um die geringen Mengen. Ja sicher – dass es mit der Zeit immer mehr und immer mehr Drogen braucht, um die vom Körper aufgebaute Toleranz zu überbieten, ist dir wohl fremd. Und dass antisemitische, misogyne, homophobe etc. Sprachstrukturen dafür sorgen, gesellschaftliche Missstände zu verfestigen, ist dir wohl ebenfalls fremd. Dass es immer mit den geringen Mengen anfängt, das ist dir wohl fremd.

Und nun können wir uns auch endlich dem Happy End widmen. Nachdem man nämlich festgehalten hat, Antisemitismus sei ja nur ein leckeres Gewürz, bringt Kaufmann noch die alte Rapper Weisheit: Die Mutter beleidigen geht gar nicht. Da ist Kollegah natürlich als echter Ehrenmann voll dabei: „Die Mutter ist das Heiligste, definitiv.“ (46:20) Ah, deshalb hat Kollegah Fler in „Fanpost 2“ ständig als „Hurensohn“, „Hundesohn“ und „Bastard“ bezeichnet – weil er so viel Respekt vor Müttern hat. Aber das Stückchen Rapper Klaumauk, auf das sich immer alle einigen können, darf halt nicht fehlen.

Ich sage es mal so: Dieses Gespräch war eine einzige Farce. Warum genau Kaufmann anwesend war, weiß ich nicht, wenn sie 1. sich selbst nicht als Jüdin sieht, 2. Kollegah nicht als Antisemiten sieht und 3. die „Doku“ nicht gesehen hat. Warum Shapira lieber hier und da einen halbgaren Witz reißt, anstatt Kollegah hart anzugehen, ist mir ein Rätsel. Weshalb der blasierte „IQ-Rassist“ Ali As anwesend ist, verstehe ich nicht – vielleicht wurde er ja eingeladen, damit jemand noch dümmeren Müll verzapft als Kollegah. Warum der selbstzufriedene Koree da rumsitzt und seine überheblichen Kommentare einstreuen muss, ist mir rätselhaft. Warum eine Handvoll Bodybuilder während dieses Gespräches anwesend sein muss, wenn nicht, um Leute einzuschüchtern, lässt mich ratlos zurück. Warum nicht alle im Strahl kotzen müssen, wenn Kollegah darüber sinniert, die Juden müssten sich eben mal richtig integrieren und nicht immer in eine Opferrolle schlüpfen, verwundert mich.

Warum ich mir das angetan habe, frage ich mich jetzt. Und das wird wohl nicht die einzige Frage sein, die unbeantwortet bleiben wird.

Wie sich das Afrika-Karibik-Festival blamiert hat

Nachdem man sich beim Hessen-Tag auf öffentlichen Druck hin doch noch eines besseren besann und den Schwulen-, Frauen, Behinderten-, Juden-, etc-feindlichen Kollegah nicht zu diesem für Weltoffenheit werbenden Konzert einlud*, dachte man sich beim Afrika-Karibik-Festival: Hey, so einen Mann brauchen wir noch! Der Veranstalter ließ verkünden:

Wir stehen seit 20 Jahren mit unserem Festival-Motto: ‚one race…human!‘ für Weltoffenheit, Völkerverständigung und Menschenfreundlichkeit und stecken niemanden in eine Schublade. Wir freuen uns sehr, dass wir gemeinsam mit Kollegah ein klares Zeichen setzen können

Nun ja, was Kollegah mit Weltoffenheit und Völkerverständigung zu tun hat ist fraglich – aber Menschenfreundlichkeit, ernsthaft? Das … das … bitte … ein Witz … Nein? Nein. Schade. Nun, wer zeilen wie „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappt, der ist wohl ohne Zweifel ein wahrer Menschenfreund. Ohja.

Richtig blamiert hat sich das Afrika-Karibik-Festival aber durch den Auftritt von Kollegah in Leipzig am (mittlerweile ist es halb eins, von daher:) gestrigen Abend. Denn, nun, wie umschreibe ich es am besten: Da hat Kollegah einem Fan mitten auf der Bühne mal so richtig die Fresse poliert.

Der Fan kam auf die Bühne, da er gegen einen anderen Fan ein Freestylebattle machen sollte. Er gab Kollegah und allen aus Kollegahs-Crew Handshakes, dann klaute er ohne um Erlaubnis zu fragen Ali As die Kappe. Kollegah kommentierte dies mit den Worten: „Abzug in der B-Note direkt“, und lachte dabei, was der Fan wohl nicht unbedingt als Wahrnung verstand, ähnliches bei Kollegah nicht zu machen (was irgendwo ja verständlich ist). Da ging der Fan zum hockenden Kollegah und wollte ihm – erneut ohne um Erlaubnis zu fragen – die Brille vom Kopf nehmen. Kollegah stand ruckartig auf, der Fan wollte sich entschuldigen, doch da wurde er schon vom Rapper weggeschubst, in den Bauch getreten, und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Anschließend kamen Kollegahs Leute und zerrten ihn weg. Die Anzeige ist draußen, wird Kollegah allerdings leider nicht sonderlich weh tun, stattdessen lediglich für Promo sorgen (und ja, ich schreibe ja auch über ihn, bin also auch reingefallen …).

Keine Frage: Es ist unhöflich, aufdringlich, und höchst unsympathisch, einem Menschen einfach ins Gesicht zu greifen und ihm die Brille wegnehmen zu wollen. Aber einen solchen Menschen dann sofort wegzuschubsen, in den Bauch zu treten, ins Gesicht zu schlagen, wegzerren zu lassen – ist das die neue Menschenfreundlichkeit?

Ihr habt euch blamiert, Afrika-Karibik-Festival. Euer „Menschenfreund“ ist nichts als ein primitiver Schläger.

*Lustige Fußnote: auf der Website des Hessentages heißt es auch: „Neben den beiden Leitthemen werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit beim Hessentag in Rüsselsheim eine große Rolle spielen.“ Da ist Kollegah natürlich der richtige Mann, schließlich ist er entschieden gegen Chemtrails – und was wäre mehr Klimaschutz als gegen Chemtrails sein?

Und immer wieder Kollegah

Nicht lange ist es her, da wurde ein Auftritt Kollegahs in Rüsselsheim abgesagt, weil man gemerkt hatte, dass ein frauen-, schwulen- und judenfeindlicher Rapper auf einem Konzert für Toleranz nicht ganz so gut kommt. Eine interessante Fußnote in Bezug auf die deutsche Rapszene bleibt, dass viele Hip-Hop-Medien die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs nicht einmal für erwähnenswert befanden, und stattdessen nur über den Vorwurf des Antisemitismus berichteten. Der arme Kollegah war sich natürlich keiner Schuld bewusst, und das Trauma, dass er durch diese unerquickliche Angelegenheit erlitten haben muss, scheint er nun auf einem neuen Track verarbeiten zu wollen.

Legacy“ heißt dieser Track, wo er ab 5:58 rappt:

Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe

In deren Heimat es aussieht wie in Vietnamkrieggebieten

Ich kritisier das Siedlungsprojekt, kritisier die Milizen

Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess

Also jammert ma nicht rum, ihr seht den Kamerablickpunkt

Kid, ich war da mit meiner Mannschaft von der Anpackerstiftung

Das war ne Anfangsentwicklung, statt zu labern, fangt an, nehmt’s in die Hand man

Lenkt das ganze langsam in ne andere Richtung

Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem

Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr

Sagt mein Konzert ab, weil ihr kein Plan von der Kunstform habt

Digga, Battlerap ist wie deine Blowjobskills – ne Mundsportart

Fühl dich kompetent und wichtig, doch sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig

Kid, du weißt vom Genre Rap hier nichts, Bitch

Journalistensnitch, ich piss auf dich, wenn ich dich in die Knie zwing

Kriegst du Pickind Goldenshower wie der Bruder von Khaleesi

Ey, der Big Boss, der den Rauch auspustet

Und Staiger so in Bauch haut, dass er seine Niere durch sein Maul raushustet

Interessant ist nur zuallererst Folgendes: Damals, als der offene Brief der jüdischen Organisationen erschien, schrieb Kollegah in einem Statement auf Facebook:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Schon damals war klar, dass er eben doch genau diesen Zusammenhang herstellt – und nun gibt er es auch offen zu. „Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe“, behauptet er völlig faktenwidrig – denn de facto hat ihn wegen dieser Aktion ja niemand einen Antisemiten genannt (obwohl man sogar Grund dazu gehabt hätte). Es war die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“, die Stein des Anstoßes war. Kollegah also fantasiert sofort einen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt her und plustert sich selbst zum Tabubrecher auf – ein beliebtes Topos antisemitischer Israelkritiker.

Und heute behauptet er ja nicht einmal, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Israel dämonisiert. Nein, er behauptet, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Palästinensern hilft. Das ist total absurd, und zeigt, dass für Kollegah Juden äußerst missgünstige Leute sind, die ihrem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot gönnen.

Schon beim ersten Hören des Tracks fragte ich mich übrigens, wie Kollegah darauf kommt, in Palästina – konkreter: in der Nähe von Ramallah – sehe es aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Wäre es wenigstens in Gaza gewesen, ok, da gibt es in der Tat zerstörte Häuser. Wessen Schuld das ist wäre dann ein eigenes Thema. Aber in der Nähe von Ramallah sieht es doch nicht aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Der Mann hat entweder keine Ahnung, wovon er spricht – was unwahrscheinlich ist, immerhin war er ja selber vor Ort – oder er lügt und hat Freude daran, Israel zu dämonisieren. Wer worauf tippt, das ist jedem selbst überlassen.

Eine weitere Frage stellte sich mir sofort danach: Was meint Kollegah genau mit dem „Siedlungsprojekt“? Meint er damit Israel? Schließlich gibt es Rapper, die allen Ernstes Israel als „Kolonie der Vampire“ bezeichnen, wie es generell unter Antisemiten nicht unüblich ist, Israel als westliche Kolonie zu bezeichnen. Oder meint Kollegah vielleicht doch nur die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria? Es ist nicht zweifelsfrei klar, man wird ihn nicht auf die erstere, zweifelsfrei antisemitische Aussage festnageln können – und genau das ist das Kalkül, wie man annehmen kann. Es ist die selbe Taktik, die auch die AfD anwendet. Provokante, menschenverachtende Aussagen tätigen, und sich nachher darauf zurückziehen, das sei ja gar nicht so gemeint gewesen, und wer sei denn bitte Boateng. Eine widerliche Taktik – aber anscheinend sind sehr viele Menschen sehr dumm, und darum funktioniert sie so gut.

Die Fragen hören nicht auf: Welche Milizien kritisiert Kollegah? Damit kann fast alles gemeint sein. Die IS-Milizen, die Hamas-Milizen, die Hizbollah-Milizen – oder das israelische Heer, denn selbst könnte man als „Miliz“ bezeichnen. Man kann fast jede bewaffnete Organisation als „Miliz“ bezeichnen. Was Kollegah mit dieser unfassbar schwammigen Aussage also tatsächlich sagen will, kann nicht einmal erahnt werden. Kritisiert er Islamisten? Oder doch Israel? Und bevor jetzt jemand mein obiges Urteil auf mich zurückwerfen will: Das ist ein völlig anders gelagerter Fall, schließlich gibt es hier eine Milliarde Deutungsmöglichkeiten, die alle Sinn ergeben würden, und es ist nicht ersichtlich, welche am ehesten in Frage käme. Aber wer Kollegah hier eine böse Absicht unterstellt, dem werde ich sicher nicht widersprechen.

Die Line „Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess“ vereint zwei interessante Elemente und macht eines klar: „Befriedung“, das ist für Kollegah das Verschwinden von Juden. Oder meint er mit „Free Palestine“ die Befreiung von den Islamofaschisten der Hamas und den Kleptokraten der PA? Nein, wohl eher Israel, denn die Juden müssen ja immer an allem Schuld und ergo das einzige Problem sein. Und hui, er ist für „den Befriedungsprozess“ – ja, wer genau ist denn bitte gegen Frieden? Wer weiterdenkt, wird ahnen, worauf Kollegah hinaus will … und wie groß dieses „Palästina“ ist, das er sich vorstellt.

Wer übrigens gegen die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria ist, und sich gleichzeitig für „den Befriedungsprozess“ ausspricht, der macht klar, was für ihn Frieden bedeutet: Die Abwesenheit von Juden. Nicht Frieden mit Juden, sondern Frieden von Juden. Oder was ist das Problem daran, wenn Juden in Judäa und Samaria leben? Warum genau soll das schlecht sein? Menschen, die aus der Anwesenheit von Juden ein Problem machen, sind Antisemiten, und gegen die sollte man vorgehen, nicht gegen die Juden.

Kleines Rätselraten für zwischendurch: Wenn Kollegah seinen „Hatern“ vorwirft, neidisch auf sein Geld zu sein, welches antisemitische Stereotyp bedient er? Vielleicht als Hinweis nochmal die konkrete Line: „Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem/ Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr“. Auflösung am Ende, es gibt ein Gewinnspiel!*

Natürlich beklagt Kollegah sich auch über das abgesagte Konzert. Wobei hier bemerkenswert ist: er behauptet nicht, man würde ihn boykottieren, sondern spricht wahrheitsgemäß nur von der Absage dieses einen Konzertes – womit er deutschen Hip-Hop-Medien schon einmal einiges voraus hat. Die Begründung, warum die Absage doof gewesen sei, lässt allerdings zu wünschen übrig: man hätte ja die Kunstform nicht verstanden, das sei doch Battlerap – als würde dies den frauen-, schwulen- und judenfeindlichen Inhalt der Lieder irgendwie rechtfertigen. Und ja, mit der Line „sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig“ hat er einen oberflächlichen Treffer gelandet, denn der Fauxpass mit dem falsch zugeordneten Zitat war wirklich ein wenig peinlich – aber Kollegah ignoriert, dass er eben auch für Lines anderer Rapper in moralische Haftung genommen werden muss, wenn diese auf seinem Track, auf seinem Album antisemitische Scheiße rappen. Eine inhaltliche Distanzierung Kollegahs von Antisemitismus findet hier überhaupt nicht statt – es wird lediglich ein Formfehler kritisiert.

Die anschließenden Gewaltfantasien gegen Journalisten (der Kram mit dem Anpissen – man, Kollegah hat einen seltsamen Fetisch!) lassen dann Kollegahs faschistoide Züge erkennen – wer eine andere Meinung hat, der gehört gedemütigt, dem wird Gewalt angetan, oder, wie es Richtung Staiger heißt – da dieser die Dreistigkeit besaß, Kollegahs „Doku“ zu kritisieren -, dem wird in den Bauch geschlagen, „dass er seine Niere durch sein Maul raushustet“.

Und wer seinen Kritikern derart mit Gewalt droht, der kann es sich auch leisten, sich durch eine etwas verunglückte Line selbst zu beleidigen – „Ich bin dein Papa, du Hund“, rappt Kollegah gegen Sun Diego. Da hat wohl jemand nicht zu Ende gedacht. Achso: Und „Khaleesi“ ist keinesfalls ein Eigenname, sondern der Titel von Daenerys Targaryen.

Letztlich ist man nach diesem Track genau so schlau wie vorher: Kollegah mag Juden nicht so sehr, steht nicht so auf Demokratie, aber kann ganz passabel reimen. Im Rap nichts Neues.

*Sorry, war nur ein Spaß. 😦

„Ich will ja keinen Zusammenhang unterstellen, aber die Juden …“

Es gibt ein großes Geplärre um den diesjährigen Hessentag. So sollte es während des Hessentages auch die „Rap-Night“ geben, bei der Genregrößen wie Kollegah, Azad und Eko Fresh auftreten sollten. Doch nachdem zahlreiche jüdische Organisationen einen Beschwerdebrief an den Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) geschickt hatten und darin die Homophobie, die Misogynie und den Antisemitismus Kollegahs kritisiert hatten, beugte Burghardt sich dem Druck – das Konzert wurde vorerst abgesagt. Vernünftiger wäre es gewesen, Leute wie Kollegah von vornherein nicht einzuladen, wie die Mehrheit der SPD sowie fast die gesamte LINKE es vor hatte, doch in der CDU hat man mit homophoben, misogynen Antisemiten offensichtlich erst dann ein Problem, wenn sie massiv kritisiert werden.

(Quellen: Jüdische Allgemeine, FAZ)

Neben diesem eigentlichen Skandal, also dem Verhalten vor allem der CDU, hängen mit diesem Vorfall noch zwei weitere Skandale zusammen. Da wäre zum einen die Berichterstattung der Hip-Hop-Medien (sicher nicht aller, aber einiger) über das Vorkommnis; exemplarisch seien hier hiphip.de und RapUdate.de genannt.

So titelte RapUdate.de am 1. Februar, als die Kritik an Kollegah bekannt wurde: „AUFTRITTSVERBOT FÜR KOLLEGAH? SIE WÄREN DARAN SCHULD!“ Der Artikel selbst ist nicht sonderlich problematisch – wie auch, bei knapp fünf Zeilen Text. Darin wird relativ sachlich geschildert, was denn nun passiert ist, und es wird auch nicht darauf hingewiesen, dass die Organisationen, die Kollegahs geplanten Auftritt kritisiert hatten, jüdisch sind. Allerdings folgt auf den Text ein Screenshot vom offenen Brief, wo oben sehr deutlich „Zentralrat der Juden in Deutschland“ steht, ebenso wie die weiteren jüdischen Organisationen aufgeführt sind. Es ist also durch den übergroßen Screenshot auch ohne explizite Erwähnung im Artikeltext selber sofort ersichtlich, von wem das „AUFTRITTSVERBOT“ erwirkt sei. Und genau dadurch wird die Überschrift des Artikels so problematisch: „SIE“, also die jüdischen Organisationen, woraus schnell „die Juden“ gemacht werden, „WÄREN DARAN SCHULD“, dass Kollegah angeblich „VERBOTEN“ wird, aufzutreten. Dabei gibt es ja de facto gar kein Auftrittsverbot – eine Konzertabsage ist schließlich etwas anderes als ein Auftrittsverbot für Kollegah. Dass es nicht die Kritiker sind, die an der Absage des Konzertes schuld wären, sondern die Homophobie, Misogynie und der Antisemitismus von Kollegah, kommt der RapUpdate.de-Redaktion zudem überhaupt nicht in den Sinn. Nein, für sie wären die Juden die Schuldigen, diejenigen, die jemanden mundtot machen wollen.

Der heutige Artikel von RapUpdate.de zum Thema ist ebenso problematisch. „KOLLEGAH VERFASST OFFENEN BRIEF AN ZENTRALRAT DER JUDEN!“ , heißt es in der Überschrift, und im Artikel (der nur aus einem Bild von Kollegah, einer Bildunterschrift und dem folgenden Satz besteht (soviel zur Qualität dieses Mediums)): „In einem Antwortbrief, welcher RapUpdate.de exklusiv vorliegt, rückt Kollegah die ganze Sache ins rechte Licht und bietet sogar eine offene Diskussionsrunde an.“

Objektiv ist hier überhaupt nichts. Die Meinung Kollegahs wird hier als Faktum dargestellt. Er rückt „die ganze Sache ins rechte Licht“, weiß man bei RapUdate.de – was theoretisch in Ordnung wäre, wäre dieser Artikel als Meinungsbeitrag gekennzeichnet. Das ist er aber nicht.

Doch während RapUpdate.de ohnehin wenig mehr als die Bild-Zeitung der Hip-Hop-Szene ist, enttäuscht besonders hiphop.de durch eine katastrophale Berichterstattung. Ein Artikel vom gestrigen Tage zum Thema ist übertitelt mit: „Antisemitismus-Vorwurf: Offener Brief soll Kollegah-Konzert doch noch verhindern“ . Auch hier ist zunächst eine Fehlinformation enthalten, oder zumindest eine Tatsachenverdrehung: schließlich soll nicht ein Kollegah-Konzert verhindert werden, sondern lediglich der Auftritt von Kollegah – ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. Zudem werden die Kritikpunkte der jüdischen Organisationen auf den Vorwurf des Antisemitismus reduziert. Zwar werden im Artikel selbst dann auch die Homophobie und Misogynie erwähnt, doch ist die Überschrift eines Artikels prägend für die Rezeption des gesamten Artikels, lenkt also das Augenmerk auf einen ganz bestimmten Sachverhalt. Indem der Titel ausschließlich den Antisemitismus-Vorwurf aufgreift, reduziert er die Kritik in einem verfälschenden Maße – so, als hätten die jüdischen Organisationen kein Problem mit Homophobie und Misogynie, und würden sie erst bei Antisemitismus Alarm schlagen. Dem Leser wird zudem vermittelt, im offenen Brief der jüdischen Organisationen sei der Antisemitismus Hauptthema gewesen – was schlicht nicht der Fall ist.

Im Artikel selbst heißt es dann:

Fairerweise muss allerdings klargestellt werden, dass die [vom Zentralrat der Juden in Deutschland, Anm. d. Verf.] aufgeführte Zeile „Ich leih‘ dir Geld, doch nicht ohne ’nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“ nicht von Kollegah selbst stammt, sondern von Favorite aus dem gemeinsamen Track Sanduhr, der 2014 veröffentlicht wurde.

Ja, die Line ist nicht von Kollegah selbst, und es ist richtig, darauf hinzuweisen – das entlastet Kollegah aber in keiner Weise. Schließlich hatte er offensichtlich keinerlei Probleme mit dieser Line, sonst hätte er von dem Feature Abstand genommen oder von Favorite eine Änderung der Line gefordert. Das Lied ist aber sogar auf Kollegahs Album „King“ vertreten. Wer antisemitische Äußerungen auf seinem Album duldet, der macht sich mitschuldig.

Dann heißt es bei hiphop.de noch:

Bei den anderen Beispiel-Zitaten [die vom Zentralrat der Juden angeführt wurden, Anm. d. Verf.] handelt es sich um Auszüge aus dem Track Edelpuffkiller, der bereits 2004 erschien und somit schon einige Jahre zurückliegt.

Es scheint dies eine Entschuldigung Kollegahs zu sein – aber das ist sie keineswegs. Die Lines liegen lange zurück, das mag sein. Nichts desto trotz hat Kollegah sie aber gebracht und sich bis heute in keiner Weise davon distanziert. Im Gegenteil, die antisemitischen Aussagen in seinen Texten nahmen gerade in letzter Zeit drastisch zu (ich berichtete (ha, die Formulierung wollte ich immer schonmal bringen!), und wer behauptet, Kollegah hätte sich seit 2004 in seinen Texten nicht mehr homophob oder misogyn geäußert, macht sich schlicht lächerlich.

Auch im Artikel vom heutigen Tag zum Thema reduziert hiphop.de die Kritik der jüdischen Organisationen auf den Antisemitismus-Vorwurf, und gibt so der Debatte einen völlig falschen Fokus. „Kollegah reagiert auf Antisemitismus-Vorwürfe“ – insbesondere, wo der Plural auf einmal herkommt, ist eine interessante Frage. Hier suggeriert hiphop.de noch dringlicher, die jüdischen Organisationen hätten sich auf Kollegah als einem Antisemiten eingeschossen, was schlicht nicht den Fakten entspricht. Im Artikel selbst ist lediglich von „schweren Vorwürfen“ die Rede, konkret eingegangen wird aber nur auf den Antisemitismus-Vorwurf. Gegen Ende des Artikels ist dann zu lesen: „Besser hätte Kollegah nicht auf derartige Vorwürfe antworten können, denn statt seine Musik nur zu verteidigen, schlägt er eine Zusammenarbeit mit dem Verband vor.“ Auch hier handelt es sich eindeutig nicht um eine objektive, rein informative Äußerung, sondern um eine Meinungsäußerung. Wie im vorherigen Fall wäre das in einem klar als Meinungsbeitrag gekennzeichneten Beitrag nicht zwingend ein Problem gewesen – der Artikel ist allerdings unter der Rubrik „News“ zu finden und an keiner Stelle als Meinungsbeitrag kenntlich gemacht. Nicht nur das: Es wird dem Zentralrat der Juden in der Folge sogar Rufschädigung an Kollegah vorgeworfen – nicht der Antisemitismus ist also das Problem, sondern die kritische Auseinandersetzung mit diesem. So wundert es auch nicht, dass der Artikel mit dem Satz schließt, die vom Zentralrat der Juden zitierten Lines seien über zehn Jahre alt – ganz so, als würde dies ihren homophoben, misogynen Charakter rechtfertigen. Oder aber die Lines wären ja nicht von Kollegah selbst – ganz so, als hätte er überhaupt nichts mit diesen zu tun (s.o., warum er dies doch hat).

Sehr viel weniger problematisch als der zuvor genannte Artikel ist der Artikel von rap.de, insbesondere, da man es hier fertig bringt, einen Meinungsbeitrag klar als einen solchen auszuweisen. Zwar ist auch hier die Konzentration auf den Antisemitismus-Vorwurf in der Überschrift zu bemängeln, doch ist der Beitrag insgesamt relativ nachvollziehbar. Nicht nachvollziehbar ist jedoch die Meinung des Autors Alexander Barbian, Kollegah sei „tatsächlich kein Antisemit“, da er versucht habe, „jenen Vorwurf [den des Antisemitismus, Anm. d. Verf.] gerade zu rücken und inhaltlich zu entkräften.“ Genau das hat Kollegah ja überhaupt nicht getan – dazu im Folgenden mehr. Begrüßenswert finde ich an diesem Artikel die Thematisierung der antisemitischen Ausfälle der Fangemeinschaft von Kollegah – ein Aspekt, der weder von Rapupdate.de noch von hiphop.de auch nur am Rande erwähnt wird.

Doch nun zu Kollegahs Reaktion. Dieser bezog nach der Veröffentlichung des offenen Briefes gleich Stellung, und postete auf Facebook:

Schalom Freunde, die Zinssatz Line is zwar vom Homie Favorite, aber cool dass ihr meine RBA-Runden von 2005 heute noch pumpt, props dafür.

Hier mal was aktuelleres:
„Wir sind Brüder, wir sind Schwestern, Nachkommen von Adam/
Ganz egal ob wir nun Jahwe, Gott oder Allah sagen“
(Kollegah – NWO)

Zum einen ignoriert Kollegah hier, wie oben bereits erwähnt, seine Verantwortung für die antisemitische Äußerung von Favorite auf seinem, Kollegahs, Album. Zum anderen distanziert er sich nicht von seinen alten Lines, sondern weist nur auf deren Alter hin – ganz so, als würde er sich heute nicht mehr misogyn und homophob äußern, und als wäre eine Distanzierung überhaupt nicht notwendig. Kollegah missversteht offensichtlich eine zeitliche Distanzierung als eine inhaltliche Distanzierung.

In dem Lied „NWO“, aus dem Kollegah hier eine Line zitiert, behandelt er krude Verschwörungstheorien und rappt unter anderem auch: „NWO, Camouflage, Langstreckenraketen/ Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten“, und meint damit ganz eindeutig die Juden.

Diese erste Stellungsnahme Kollegahs ist also inhaltlich kompletter Nonsens.

Heute äußerte er sich, wieder auf Facebook, erneut zu dem Thema:

OFFENER BRIEF

Lieber Herr Neumann vom Zentralrat der Juden,

Ich bin es gewohnt, dass Genrefremde leider auch im Jahre 2017 die Kunstform des Battleraps noch nicht verstanden haben und uns Rappern Homophobie oder Frauenfeindlichkeit unterstellen. Diese Ignoranz gegenüber der größten Jugendkultur unserer Zeit und daneben auch kommerziell erfolgreichsten Musiksparte ist aus meiner Sicht zwar unzeitgemäß, jedoch ist sie mir nicht neu.
Die Vorwürfe des Antisemitismus dagegen sind neu. Dazu sind sie völlig aus der Luft gegriffen und haltlos.
Den teilweise 13 Jahre alten, zum einen Teil aus „Battlerunden“ und zum anderen Teil nicht einmal von mir selbst stammenden von Ihnen herausgepickten Zeilen stehen übrigens aktuellere Zeilen von mir gegenüber wie: „Wir sind Brüder, wir sind Schwestern, Nachkommen von Adam. Ganz egal ob wir nun Jahwe, Gott oder Allah sagen“.
Nachdem ich Sie am Mittwoch persönlich anrief, haben Sie eingeräumt, dass Sie zum Zeitpunkt des Unterzeichnens des Schreibens nicht einmal selbst glaubten, ich sei Antisemit, dennoch waren Sie leider nicht gewillt, die Vorwürfe öffentlich zurückzunehmen. Dies finde ich sehr schade, gerade auch weil ich Ihnen aufrichtigen Herzens anbot, eine gemeinsame wohltätige Aktion speziell für hilfsbedürftige Juden zu starten, um zusammen auch gerade für unsere Jugend ein echtes Zeichen gegen Antisemetismus zu setzen.
Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen. Vielmehr lade ich Sie zu einer öffentlichen Diskussionsrunde über das Thema im Sinne eines interkulturellen Austauschs ein.
Dies tue ich auch aus Rücksicht und Mitgefühl gegenüber der jüdischen Gemeinde in Deutschland, welche durch die haltlosen Vorwürfe seitens des Zentralrats womöglich tragischerweise mit in das Kreuzfeuer eines – zu verurteilenden – „Shitstorms“ gegen jüdische Menschen im Allgemeinen auf HipHop-Portalen und meiner Facebookseite geraten.

Wir sollten dem gemeinsam vorbeugen.

Herzlichst,
Felix Blume (Kollegah)

Zum einen ist Kollegahs „Distanzierung“ von Misogynie und Homophobie völlig unglaubwürdig. Er sagt eigentlich lediglich: „Bei uns ist man halt frauen- und schwulenfeindlich, darum ist es nicht frauen- und schwulenfeindlich“ – eine völlig unsinnige Argumentation. Überhaupt dienen die Darstellung von Homophobie und Misogynie in Kollegahs Texten ja nicht der Kritik an eben diesen. Zumindest würde es ja einer Sensation gleichkommen, wenn Kollegah sich als Feminist outen würde. Die Darstellung von Misogynie und Homophobie in Kollegahs Texten ist zwar auf einem solch krassen Level, dass sie kaum als bierernst gemeint verstanden werden kann – eine kritische Distanzierung wird aber an keiner Stelle irgendwie deutlich. Und eine Überhöhung eines Sachverhaltes stellt keine Kritik an diesem dar, sondern ist grundsätzlich erst einmal problematisch. Wenn im Actionfilm fünfzig Leute abgeknallt werden, ein Auto explodiert und der Held das mit einem lässigen Spruch kommentiert, würde ja auch niemand, der alle Sinne beisammen hat, behaupten, hier läge eine Kritik an Gewalt vor – obwohl der Sachverhalt ganz eindeutig nicht realistisch dargestellt wurde.

Ebenso wie die Hip-Hop-Medien greift auch Kollegah in der Folge nur noch den Antisemitismus-Vorwurf auf und bauscht ihn so über Gebühr auf (und weicht so bequemerweise der Reflexion seiner Misogynie und Homophobie aus). Zudem findet erneut keine Distanzierung von seinen zeitlich zurückliegenden Lines statt. Er verweist nur erneut auf dieselbe Line wie in seinem vorigen Post – warum dies ein unzulässiges Pseudo-Argument ist, lässt sich wie oben erwähnt an dieser Stelle nachlesen.

Falls, wie Kollegah behauptet, Herr Neumann tatsächlich glaubt, Kollegah sei kein Antisemit, kennt er wohl dessen jüngste Erzeugnisse nicht. Wie oben verlinkt ist Kollegah zweifelsohne ein (verkappter) Antisemit, und würde Herr Neumann meine Ausführungen kennen, würde er mir sicher zustimmen.

Kollegah schreibt dann:

Dies finde ich sehr schade, gerade auch weil ich Ihnen aufrichtigen Herzens anbot, eine gemeinsame wohltätige Aktion speziell für hilfsbedürftige Juden zu starten, um zusammen auch gerade für unsere Jugend ein echtes Zeichen gegen Antisemetismus zu setzen.

Dieses Angebot ist die pure Heuchelei. Anscheinend war Kollegah das Argument „Ich habe total viele jüdische Freunde“ dann doch zu dumm, und stattdessen will er sich auf andere Weise Alibi-Juden zulegen, die ihm ein „Ist-kein-Antisemit“-Zeugnis ausstellen. Es ist wirklich zu hoffen, dass kein hilfsbedürftiger Jude von einem Heuchler wie Kollegah instrumentalisiert wird, um ungestört (auch gegen genau diese) Juden hetzen zu können.

Jeden Anschein von Rationalität lässt Kollegah fallen, wenn er schreibt:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Würde er seine „Wohltätigkeitsreise“ (die tatsächlich eine Mischung aus Albumpromo und antizionistischer Hetze ist) tatsächlich nicht in Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Vorwurf stellen wollen, so hätte er sie an dieser Stelle überhaupt nicht erwähnen brauchen. Dadurch, dass er es doch tut, stellt er genau diesen Zusammenhang schließlich erst her. Und seine Fanbase nimmt diese Unterstellung in der Kommentarsektion dieses Facebook-Posts dankbar-geifernd auf.

Die Erklärung Kollegahs, sich Sorgen um die jüdische Gemeinschaft zu machen, wirkt vor all diesen Zusammenhängen nur noch verlogen. Denn wie Kollegah mit seinem öffentlichen Auftreten Antisemitismus fördert, zeigen schon die vielgelikten antisemitischen Kommentare zu seinen beiden Facebook-Statements eindeutig.

Antisemitische Kolle-Fanboys.png

Kannst du Staiger fragen?

Es ist nicht alles schlecht.

Nein, es ist nicht alles schlecht, auch an Marcus Staiger nicht. Ohne Zweifel hat er viel für den deutschen Rap geleistet, und mit seiner tendenziell kritischen Haltung zu Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Rassismus ist er eine wichtige Stimme gegen die beunruhigenden Geschehnisse im deutschen Rap. Und er erhebt seine Stimme auch immer wieder gerne für die so dringend nötige Kritik – etwa an Fards und Snagas hetzerischem Track „Contraband“, oder an der „Palästina“-„Doku“ von Kollegah. Und er ist sich durchaus darüber im Klaren, dass Antisemitismus sich in unseren Zeiten gerne hinter Antizionismus versteckt. Das sind eigentlich wirklich gute Ansätze – aber, und jetzt kommt das große Aber (und jeder weiß: was vor dem Aber steht …):

Neben diesen guten Ansätzen hetzt Staiger gegen den jüdischen Staat, dämonisiert ihn, und verbreitet gar plumpe Lügen über ihn. Auch ist er zwar tendenziell kritisch gegenüber Antisemitismus und den Beweggründen für Antizionismus, allerdings mindestens auf einem Auge blind. So solidarisiert er sich mit dem Islamisten nahestehenden und antisemitische Aussagen likenden Fußballer Ben Hatira und spricht bei Kritik an diesem von „antimuslimischen Beißreflexen“ . Er behauptet, die Vorwürfe an der Organisation Ansaar seien veraltet – nun, diese Organisation wird im Verfassungsbericht des Landes NRW von 2015 thematisiert und ihre enge Verpflechtung mit der salafistischen Szene erläutert, sowie ihre Bejahung von islamistischem Terrorismus. Staiger ist also entweder extrem naiv oder extrem uninformiert – in beiden Fällen hätte er besser geschwiegen.

Auch seine Kritik an der äußerst problematischen „Doku“ von Kollegah ist prinzipiell begrüßenswert und enthält einige aufmerksame Hinweise auf Unstimmigkeiten. So kritisiert Staiger, dass Kollegah überhaupt nicht erwähnt, warum denn das von ihm besuchte Flüchtlingslager nichts von den Hilfszahlungen der EU erhält, er bemängelt das Fehlen fast jeglicher weiblicher Personen im Film und das direkte Interpretieren jeder Aussage durch Kollegah. Doch hin und wieder kommt dann doch die Lust in Staiger durch – die Lust, jetzt auch mal was gegen diese Juden zu sagen. Und so liest man dann, die israelischen Checkpoints seien „bestimmt eine der ekelhaftesten Erfindungen der Menschheitsgeschichte“ . Nun ist Kritik an den Checkpoints durchaus angebracht, doch in solch drastischen Worten die Checkpoints in die Nähe der Konzentrationslager der Nazis zu rücken, ist schlicht widerlich.

Auch kann man es Staiger einfach nicht recht machen. Zwar würdigt er die Bereitschaft Kollegahs zu helfen, gleichzeitig zieht er allerdings über die Art und Weise her. „Was dann passiert, ist Entwicklungshilfe 1950. Der weiße Mann packt an und die lila Scheine aus, fährt los und regelt das.“ Hätte Kollegah nicht sein eigenes Geld ausgegeben, sondern lediglich seine Fans zu Spenden aufgefordert, hätte Staiger dies nicht völlig zurecht kritisiert? Ist es nicht begrüßenswert, wenn ein wohlhabender Mann sein Geld einsetzt, um zu helfen? Und warum dieses Lamentieren über „den weißen Mann“ – bin ich der Einzige, der da einen rassistischen Unterton hört?

Ein wenig stutzig macht dann das Ende des Artikels über die „Doku“ von Kollegah, wenn Staiger das Video „Hardcore“ von Kollegah richtigerweise als faschistoid kritisiert – die extreme Nazi-Symbolik darin aber mit keinem Wort erwähnt.

Doch zurück zum Thema Israel, denn hier dreht Staiger in anderen Ergüssen noch mal richtig auf, und zieht gegen den Jud nochmal deftig vom Leder. In einem Beitrag aus dem Jahr 2014 zum Nahostkonflikt finden sich widerliche Aussagen, in denen sich der sekundäre Antisemitismus Staigers offenbart. Wer Israel als „Brückenkopf einer imperialistischen und kolonialistischen Politik des Westens“ und als „zu allem bereite[s], aggressive[s], hochgerüstete[s] Ungetüm“ bezeichnet, der betreibt eine ungeheuerliche Dämonisierung des jüdischen Staates. Da hilft auch Staigers Anmerkung, dass „Israel […] dieses aggressive, hochgerüstete und waffenstarrende Ungetüm sein muss“ nichts, wird hier doch zum einen die Bedrohungssituation Israels auf eine sehr abstrakte Ebene enthoben, ja nicht einmal direkt erläutert, und zum anderen Israel nach wie vor als „Ungetüm“ verunglimpft. In dem Tenor geht es weiter, wenn Staiger den jüdischen Staat ein „völkische[s], israelische[s] Apartheidsystem“ nennt, und damit nicht nur Assoziationen zu Nazis aufkommen lässt, sondern auch die Opfer wahrer Apartheid etwa in Südafrika verhöhnt.

Das „Ungetüm“ und „Apartheidsystem“ Israel ist laut Staiger natürlich auch fleißig dabei, die Palästinenser verdursten zu lassen. Ein Palästinenser hätte nur einen Liter Wasser am Tag, ein Israeli hingegen acht, fantasiert er die krudesten Zahlen herbei. Dass man sich nicht einmal mit acht Litern duschen kann und Israelis (und Palästinenser erst recht) von daher wie die Hölle stinken müssten, ist nur eine merkwürdige Fußnote dieser antisemitischen Faktenverdrehung. Doch wie weit man mit derlei antisemitischem Unfug kommen kann, beweist ja der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, der sich tatsächlich erdreistete, vor der Knesset auf deutscher Sprache die Wasserlüge neu aufzukochen.

Absolut rätselhaft wird Staiger dann, wenn er schreibt: „Ich möchte solidarisch sein mit der geschundenen palästinensischen Bevölkerung, ohne gleichzeitig an das reaktionäre Regime der Hamas denken zu müssen.“ Ohne Zweifel ist die palästinensische Bevölkerung geschunden. Ohne Zweifel ist mehr Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung notwendig. Aber wer das grausame Hamas-Regime ignoriert und stattdessen stumpf gegen Israel hetzt, der ist eben nicht solidarisch mit den Palästinensern, sondern zeigt damit lediglich, dass es ihm nur darum geht, über Juden schimpfen zu dürfen, und keineswegs um die palästinensische Bevölkerung. Wer wahrlich solidarisch mit den Palästinenser ist, dessen erster und sorgenvollster Gedanke muss stets der Hamas gelten, die die eigene Zivilbevölkerung foltert, abschlachtet, unterdrückt und ausraubt. Und der zweite Gedanke sollte dem diktatorischen PA-Regime gelten, dessen „Präsident“ Mahmud Abbas, ein Holocaust-Leugner, sich im dreizehnten Jahr seiner vierjährigen Amtszeit befindet und offen gegen Juden hetzt, dem PA-Regime, das Gehälter für Judenmord vergibt. Es ist nicht möglich, solidarisch mit den Palästinensern zu sein, ohne ihnen die Befreiung von ihrer eigenen korrupten und islamofaschistischen Führung zu wünschen!

Unfreiwillig komisch wird Staiger in seinem Abschlusssatz:

Ich möchte in naher Zukunft eine Mannschaft aus dem Vorderen Orient oder Mesopotamien sehen, in der Menschen mit kurdischer, arabischer, persischer oder sonstiger Herkunft sowie mit jüdischem und muslimischem oder ganz ohne Glauben spielen.

Nun, er sollte vielleicht einfach mal einen Blick nach Israel werfen. In der israelischen Nationalmannschaft spielen Fußballer mit arabischen Wurzeln, und, man mag es kaum für mögliche halten, islamischem Glauben. Kannst du Staiger fragen? Bei so viel Unwissenheit: lieber nicht.

Nicht nur mit seinen eigenen Worten offenbart Staiger seinen sekundären Antisemitismus, er teilt auch die Worte anderer verkappter Antisemiten. So etwa das Positionspapier der ARAB zum Nahostkonflikt.

In diesem wird behauptet, die israelische Selbstverteidigung gegen den Raketen- und Tunnelterror der Hamas würde nur eine „größere Eskalation“ herbeiführen – erst das zur Wehr setzen der Juden gegen Judenmord wird hier also als Problem, als „Eskalation“ gesehen. Fast schon komisch wird es, wenn behauptet wird: „Das mit der Erziehung durch Waffen und dem Wegbomben von unliebsamen Nachbarn, das geht nicht gut. Das haben die Deutschen probiert und es ging schief.“ Da weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ja, welchem Land wurde denn die Demokratie eingebombt? Welches Land musste zweimal mit Waffengewalt in die Knie gezwungen werden, welchem Land musste man die Demokratie mit Waffengewalt aufstülpen? Und ist es gelungen? Ist Deutschland heute eine Demokratie? Da paart sich Geschichtsvergessenheit mit Antisemitismus, eine widerwärtige Mischung.

Es wird behauptet, die Hamas würde nicht palästinensische Zivilisten als Schutzschilde benutzen (totaler Blödsinn), und das Vorgehen der islamofaschistischen Hamas mit dem Vorgehen der israelischen Verteidigunsstreitkräfte gleichgesetzt.

Natürlich kann auch der standardmäßige Israel-Nazideutschland-Vergleich nicht fehlen. Es wird gefragt, „wo der Unterschied zwischen einer getöteten Mutter aus Gaza und einer jüdischen Mutter liegt, die in einem KZ getötet wurde?“ Damit wird das Leid der Juden während der Shoa bagatellisiert – ja, Gaza wird mit einem KZ gleichgesetzt, und Israel mit den Nazis.

Staiger, Staiger. Über die ganze Kritik, die du – nicht unberechtigter Weise – an vielen deutschen Rappern übst, vergisst du anscheinend die Reflexion deines eigenen Weltbildes. Vielleicht solltest du dich ein wenig mehr mit deinem sekundären Antisemitismus beschäftigen, und erst dann mit den Fehlern anderer.

Kollegah und der Antisemitismus

Gestern erst habe ich einen Blogeintrag zu Kollegahs Track „Apokalypse“ geschrieben, und darin ausführlich den darin enthaltenen Antisemitismus dargelegt. Ich habe dort vorhergesagt, dass man mir entgegenhalten wird, der Track sei ja nur Fiktion und daher unbedenklich – und siehe da, ich hatte Recht. Am Abend bin ich nämlich über ein Interview mit Kollegah gestolpert, und in diesem sagt er:

Ich distanziere mich von jeglicher Art von Rassismus, Faschismus, ähm, Antisemitismus. Ich hab mit sowas nichts am Hut. Ich will auch gar nichts wissen von – äh, klar ich verpack das natürlich manchmal in, äh, in Songs wie Armageddon, oder, oder Apokalypse. Natürlich werden da gewisse Verschwörungstheo- theorien zu ner, zu ner stimmigen Gesamtsincefictionstory gewoben. Ich mach aber keine Aussagen darüber, ob das jetzt die Wahrheit ist oder nicht. Also man sollte schon wirklich, wenn man wissen will, wie meine, wie meine Position ist, soll man bitte meine Interviews schauen. So. Da wird sowas nicht thematisiert. Ob man das glaubt oder nicht, ob, ob man glaubt, da sind jetzt die Illuminaten dran schuld, oder das sind gewisse familiäre elitäre Kreise oder, oder wer auch immer. Das ist gar nicht das Thema. Da kann jeder seine Ansicht zu haben. Weil erstens kriegen wir das nie genau raus, und zweitens können wir nichts daran ändern. Wir müssens so sehen wie es ist. Wir sind viel zu klein um die Komplexität, die, die wirklich hinter den Kullisen stattfindet zu durchschauen. Wir können keine Strukturen, die über Jahrhunderte aufgebaut worden sind, brechen.

Kollegah sagt hier also, er hätte mit Antisemitismus nichts am Hut, und die antisemitischen Äußerungen in „Apokalypse“ seien ja nur Spaß gewesen. Interessanterweise folgt darauf eine längere Ausführung, der  zu entnehmen ist, dass Kollegah selbst solche antisemitischen Verschwörungstheorien gar nicht so abwegig findet.

Ich denke übrigens nicht, dass ich tatsächlich Kollegahs Interviews schauen muss, um seine Position kennen zu lernen – gerade, da Kollegah in Interviews selten wirklich ernsthaft ist, sondern zuallermeist Witze reißt und seine Rolle als Gangstarapper spielt. Seine Position bringt er schon deutlich genug in seinen Tracks rüber. Und das nicht nur in Storytellingtracks wie „Apokalypse“, wo antisemitische Verschwörungstheorien vielleicht noch irgendwie ins Setting passen. In „Hardcore“ setzt er massiv auf Nazi-Symbolik. Diese fängt schon an, bevor er beginnt zu rappen:

Screenshot (235).png

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=VLmJv4ElNRE

Das Video ist in schwarz-weiß gehalten, darum kann man hier wohl nur mutmassen – aber ich vermute ganz stark, dass die langen Flaggen, die dort herabhängen, rot sind. Auf halber Höhe der Flaggen ist jeweils ein schwarzes „K“ auf einem weißen Kreis zu sehen. Ich kann nicht der einzige sein, den diese Flaggen sehr stark an die Hakenkreuzflaggen erinnern, die die Nazis bei ihren Massenveranstaltungen aufhängten. Und vor diesen Flaggen posierend rappt Kollegah: „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“. Welcher Diktator hier wohl gemeint ist, wird noch ein wenig deutlicher, wenn Kollegah und seine Gefolgsleute den rechten Arm zum Hitlergru-, äh, zum „Ave“ heben.

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Seine Rede hält Kollegah dabei vor einem altmodisch erscheinenden Mikrophon:

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Jeder dieser Aspekte für sich allein genommen mag ja keine eindeutige Ausdruckskraft haben. Die Kombination all dieser Aspekte ergibt allerdings ein äußerst unschönes Bild. Es lässt sich kaum leugnen, dass Kollegah hier absichtlich Assoziationen zu Hitler und dem Nationalsozialismus aufkommen lässt. Die einzige Frage ist also: Warum legt er es darauf an? Will er nur provozieren, Aufmerksamkeit erzeugen? Oder steckt mehr dahinter?

Werfen wir doch einen Blick in seine Interviews. Zum Beispiel in dasjenige Interview, das ich zu Beginn dieses Artikels zitiert habe. Dort sagt Kollegah auch vollkommen ernst: „Das Wort Diktator per se würde ich erstmal neutral sehen.“

Er macht dann darüber noch Witzeleien, von wegen die Leute sollten ihm doch einfach mal die Chance geben, und einfach mal schauen, wie er als Diktator so wäre. Also meint er es gar nicht ernst, dass er eine Diktatur nicht ablehnt? Oder war das nur ein Witz? Genau das ist das Problem bei Kollegahs Interviews, bzw. deshalb unterscheiden sie sich nicht von seinen Tracks: Man weiß nie, ob er gerade seine Kunstfigur, Kollegah, verkörpert, oder ob er gerade Felix Blume ist. Es ergibt also keinen Sinn, Interviews und Tracks künstlich auseinanderzudividieren.

Neben dem äußerst problematischen Video zum Track „Hardcore“, bei dem Kollegah nun vielleicht so etwas sagen würde wie „Das ist ja nur Battelrap, das ist ja nicht ernst gemeint, das ist Übertreibung“, gibt es auch einen jüngst veröffentlichten Realtalk-Track von Kollegah, „Fokus“. Darin nennt er nicht nur den korrupten, antisemitischen Terroristen Jassir Arafat einen „Freund“, sondern rappt auch:

Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle

Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen

Dazu sieht man im Video eine Sequenz mit Aufnahmen vom israelischen Grenzzaun:

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=kLHAxNDA2ck

Um das nochmal in aller Deutlichkeit durchzukauen: Kollegah rappt, Menschen, die „hart wie steinerne Wälle“ sind, würden die Welt beherrschen, und zeigt dazu einen Abschnitt des israelischen Grenzwalles. Das läd zu der Überlegung ein, die Israelis seien jene Menschen, die hart wie Stein sind – immerhin ist es ihre Mauer! -, und würden ergo den Erdball beherrschen. Nein, nicht die Israelis – die Juden. Denn Israelis, das würde auch die arabischen Israelis einschließen, und die sind – aus Kollegahs Sicht zumindest – keineswegs Freunde des israelischen Grenzwalles, immerhin diene dieser ja – so Kollegah – zur Unterdrückung der Palästinenser. Kollegah meint hier aussschließlich die jüdischen Israelis – also die Juden.

Ein wenig später rappt er dann:

Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht

Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem

Ups, das kommt mir irgendwie bekannt vor … Achja, in „Apokalypse“ von Kollegah sitzt ja der Anführer der Dämonen in einem Bankgebäude. Na, so ein Zufall.

Solch eine verkürzte Kapitalismuskritik ist ohnehin schon bedenklich, in diesem Video allerdings zusätzlich unterlegt mit Bildern aus einem palästinensischen Flüchtlingslager und einem Spaziergang vor dem israelischen Grenzzaun. Wer hier gemeint ist, ist eindeutig, gerade in Anbetracht der gängigen Verschwörungstheorien, denen zufolge die Juden die Banken beherrschen.

Schließlich wäre da noch die „Palästinadoku“, in der permanent Israel – bzw. die Juden – für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich gemacht werden, in der Kollegah ständig gegen Israel hetzt, und die ganze Zeit nur mit Palästinensern spricht – mit keinem einzigen Juden/Israeli spricht er während der gesamten Doku! Nun könnte man diesem unseeligen Propagandastück einen eigenen, ellenlangen Blogartikel widmen, das würde hier allerdings den Rahmen sprengen. Was für das Thema dieses Blogartikels allerdings besondere Relevanz hat, ist das Ende dieser „Doku“. Dort sagt Kollegah zum Beispiel:

Ich sag euch ganz ehrlich: Die Fotzen, die in irgendwelche Länder einmarschieren und Kriege anzetteln, die Völker zerbomben, die machen das ja auch nicht im Verborgenen. Die machen das hier schön in aller Öffentlichkeit.

Hier werden also die Juden als Eindringlinge, als Landräuber dargestellt, die Kriege anzetteln (was eine völlige Verdrehung der Geschichte ist, die arabische Seite war es, die jeden einzelnen Krieg mit Israel angezettelt hat), die die Palästinenser willkürlich todbomben. Passend dazu wird anschließend der Song „NWO“ von Kollegah eingespielt, und es erklingen die Lines:

NWO, Camouflage, Langstreckenraketen

Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten

Wer nun dieser Schandfleck des Planeten ist, ist jedem Zuschauer nach einer Stunde und 17 Minuten Geschimpfe über Israel klar.

Antisemitismus ist also in Kollegahs Tracks vielfach anzufinden, sowohl in Storytelling-Tracks, als auch Gangstarap-Tracks, als auch in Realttalk-Tracks – und sogar in seiner „Dokumentation“. Es lässt sich nicht leugnen, das Kollegah mit seiner Tätigkeit Antisemitismus fördert – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, das ist eine andere Frage.

Kollegahs Apokalypse des guten Geschmacks

Es ist nun schon weit über einen Monat her, dass Kollegah das Lied „Apokalypse“ hochgeladen hat. Als ehemaliger Kollegahfan, der seine Musik noch immer nicht so schlimm findet, habe ich mir das mal angesehen – die Youtubevorschläge waren aber auch sehr hartnäckig! Zunächst noch interessiert, saß ich nach dem etwa 13 Minuten langen Video kurz einfach nur da. Vermutlich war meine Gefühlslage irgendwo zwischen Ekel und Schnappatmung – ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr so ganz genau. Ekel und Schnappatmung? Warum das?

Nun, bevor ich darauf eingehe, noch kurz etwas rein zum Klang des Tracks: Der war gar nicht schlecht. Die Beats sind recht ansprechend und ausnahmsweise flowt Kollegah auch mal fehlerfrei. Insgesamt durchaus solide. Also nein, ich möchte hier nicht über Musikgeschmack streiten.

Es geht mir vielmehr um den Antisemitismus, der in diesem Track sehr deutlich zur Geltung kommt. Man könnte nun schon in Abwehrstellung gehen und sagen, der ganze Track sei ja nur eine Geschichte, eine nette, rein fiktive Story, und Kollegah glaube schließlich auch nicht tatsächlich, er würde Energieknoten mit einer Axt zerhacken, wie er in dem Track rappt – von daher sei eventueller Antisemitismus ja Teil der Fiktion, somit nicht ernst gemeint und ergo unbedenklich. Hierzu werde ich mich in einem späteren Blogeintrag noch einmal ausführlicher äußern, an dieser Stelle sei nur angemerkt, dass antisemitische Stereotype durchaus auch in fiktiven Geschichten transportiert werden können – oder will jemand daran zweifeln, „Jud Süß“ sei ein antisemitischer Film?

Falls nun irgendjemand wissen will, warum der Track scheiße ist, sich ihn aber nicht anhören will, hier eine kurze Zusammenfassung; wer den Track schon kennt, kann den folgenden Absatz einfach überspringen.

„Apokalypse“ knüpft an „Armageddon“ von Kollegah an. In Armaggedon geht es um einen Zyklopen, bzw. den Daddschal, der die Welt vernichten will, und natürlich schlussendlich von Kollegah getötet wird. Hier macht nun „Apokalypse“ weiter. Der Track ist in vier Akte gegliedert, der erste trägt den Titel „Postapokalypse“. Die Menschheit ist gerettet, die Welt allerdings liegt in Trümmern, und Kollegah findet in einem zwielichtigen Keller einen bösen, bösen Geheimvertrag, der den Plan zur Vernichtung der Welt enthält. Im zweiten Akt, „Die alten Mysterien“, wird eine krude Story über den Untergang Babylons erzählt, ebenso wie der unfassbar diabolische Inhalt des Geheimvertrages, und wer ihn alles umsetzen will (die übrigen Verdächtigen natürlich, Illuminaten, Freimaurer, die dreizehn satanischen Blutlinien und so). In Akt drei, „Showdown“, wird geschildert, wie die Menschen gegen Dämonen kämpfen, und Kollegah den Anführer der Dämonen besiegt, wodurch die Welt gerettet ist. Im letzten Akt, „Eden“, ist alles wieder superschnafte, bis so ein doofer Rabe ankommt und einen dritten Track zum Thema anteasert.

Nun, aber was genau bringt mich denn nun dazu, die böse Antisemitismuskeule auszukramen? Da wäre zunächst einmal die Tatsache, dass Kollegah zu Beginn des Tracks rappt: „Was geschrieben stand, ist wahr! Im Talmud, dem Koran/ Und in der Bibel las ich’s nach,  der Niedergang ist nah!“ Nun hat Kollegah hier etwas durcheinander gebracht, denn während die Bibel die heilige Schrift der Christen ist und der Koran die heilige Schrift der Muslime, ist die heilige Schrift der Juden die Torah, nicht der Talmud. Der Talmud enthält lediglich Texte zur Auslegung der Torah. Aber wie dem auch sei, Kollegah bezieht sich hier offensichtlich auf die drei abrahamitischen Religionen als Quell seines Wissens über die Zerstörung der Welt. Den gesamten Track über kommen keinerlei Erwähnungen anderer Religionen vor, stattdessen findet der große Endkampf in Jerusalem statt, es ist vom Teufel die Rede, vom Felsendom, der Al-Aqsa-Moschee, von König Salomo. Wird auf Religionen Bezug genommen, dann immer auf eine der abrahamitischen. Verwunderlich, dass es beim Happy End dann plötzlich heißt:

Etliche Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen.

Die Menschen auf der Erde leben friedfertig zusammen.

Man sieht, wie Buddhisten, Muslime und Christen

Gemeinsam die zerstörten Städte wieder errichten.

Ups, wo sind denn die Juden hin? Plötzlich sind keine mehr da, merkwürdig. Und nein, das liegt nicht an Flowgründen, schließlich macht Kollegah nach „Buddhisten“ eine vernehmliche Pause, in der er ohne weiteres noch Juden hätte sagen können. Und wegen des Reimes hat er es ganz sicher auch nicht gesagt, denn es fällt auf, dass der Endreim in den beiden letztzitierten Lines – für einen Raptrack, und besonders für Kollegah – extrem schlecht ist, nämlich rein, und dann nicht einmal ein Doppelreim. Hätte Kollegah hier einen tollen Reim basteln wollen, so hätte er dies komplett anders gemacht, schließlich rühmt er sich für seine mehrsilbigen Nomenreime. Kollegah hat sich also durchaus etwas dabei gedacht, als er die Lines so schrieb. Und warum gibt es am Ende keine Juden mehr? Dem werden wir nun auf den Grund gehen …

Springen wir noch einmal kurz ganz zum Anfang des Tracks zurück. Dort rappt Kollegah: „Mir wurde offenbar, was sonst niemand and’res sah,/ Doch jetzt sieht man die Gefahr, von Palästina bis Katar.“ Die Gefahr wird demnach nur vom muslimischen Teil der Welt erkannt, schließlich sagt er ganz explizit „von Palästina bis Katar“, also von einem muslimischen Pseudostaat bis zu einem muslimischen Staat. Auch hier könnte man mit dem Reim argumentieren, und nur deshalb hätte er zwei muslimische (Pseudo)Staaten genannt, aber nein: Von China bis Bhutan, von Costa Rica bis Vietnam hätte man die Gefahr auch erkennen können. Kollegah aber entschied sich dafür, zwei (Pseudo)Staaten zu nehmen, die recht nah beieinander liegen, was schlecht geeignet wäre, um eine weltumfassende Erkenntnis ausdrücken zu wollen.

Nur die Muslime sind es, die die Gefahr erkennen – und nur die Muslime sind es, die sich gegen diese Gefahr wehren. Im dritten Akt heißt es, nachdem Kollegah die Pforte der Dämonen zerstört hat:

Auch wenn jetzt kein weiterer Dämon mehr nachkommt,

Gleicht ganz Ost-Jerusalem einer enormen Schlachtfront.

Die letzte Bastion der Menschheit wehrt sich mit Kämpferherz

Gegen eine unmenschliche Übermacht auf dem Tempelberg.

Nur Ost-Jerusalem ist die letzte Bastion der Menschheit. Warum nicht ganz Jerusalem? Dafür gibt es eine ebenso simple wie ernüchternde Antwort: West-Jerusalem ist jüdisch. Im Gegensatz dazu wird Ost-Jerusalem – besonders von den Muslimen, und ein solcher ist Kollegah – als traditionell muslimisch wahrgenommen. Wenn nun der jüdische Teil Jerusalems nicht zur letzten Bastion der Menschheit gehört, ist auch klar, warum die Juden am Ende des Tracks plötzlich nicht mehr erwähnt werden.

Das einzige Gegenargument, dass man bis hier in Feld führen könnte, wäre die Line: „Und sende das Signal, damit die allerletzte Streitmacht der Menschheit antritt!/ Unabhängig von Religion, Herkunft oder Stand./ Sie werfen sich in‘ Kampf ohne Ehrfurcht oder Angst“. Wenn nun die letzte Armee der Menschheit so egalitär organisiert ist, dann werden doch offensichtlich Juden nicht ausgeschlossen! Nein, wir sehen hier stattdessen die Beilegung interreligiöser Konflikte, ein Plädoyer für das Ende jedweder Diskriminierung. Dieser Track kann mitnichten antisemitisch sein!

Das könnte man sagen – wäre Kollegah der Meinung, Juden seien Menschen. Und wenn ich hier Kollegah sage, beziehe ich mich nicht auf Felix Blume, sondern auf das lyrische Ich des Tracks. Denn in diesem Track werden Juden systematisch entmenschlicht und im wahrsten Sinne des Wortes dämonisiert.

Dies fängt schon früh an, am Ende des ersten Aktes, als Kollegah auf den Geheimvertrag zu sprechen kommt. Werfen wir einen genaueren Blick auf das Bild, das im Video eingeblendet wird, während Kollegah über den Geheimvertrag rappt.

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Quelle von diesem und allen folgenden Screenshots: https://www.youtube.com/watch?v=QZXCqTe5__A

Die linke Seite des aufgeschlagenen Buches ist eher weniger interessant, es handelt sich hier wohl um Fantasiezeichen. Auf der rechten Seite aber muss man stutzig werden – handelt es sich hier nicht eindeutig um hebräische Buchstaben? Etwa das Zeichen zentral über dem fünfzackigen Stern. Es handelt sich hier eindeutig um ein Sin/Schin. Und in dem etwas längeren Text ist der dritte Buchstabe von links in der ersten Zeile ein Aleph. Ich könnte so fortfahren, aber dann müsste ich ein bisschen Memorie spielen, denn ich beherrsche das hebräische Alphabet nicht. Fest steht jedenfalls, dass die meisten der Buchstaben auf der rechten Seite des aufgeschlagenen Buches hebräische Schriftzeichen sind. Vielleicht assoziiert Kollegah (und hier meine ich Felix Blume) Hebräisch mit etwas Bösem, und hat deshalb diese Schrift für den bösen Geheimvertrag gewählt. Auf jeden Fall muss auch aufhorchen lassen, dass es über den Vertrag rappt: „Ich las den Geheimvertrag, den sonst keiner sah,/ Den man im engsten Kreis verbarg und nur dort weitergab“. Nun, alle Personen in diesem engsten Kreis müssten dann ja Hebräisch können, sonst könnte der Geheimvertrag eher mediokre weitergegeben werden. Und sicher, es gibt auch Nicht-Juden, die Hebräisch können. Aber klingt es hier nicht wenigstens ein bisschen so, als würde der Vertrag unter Juden weitergereicht? Generell erinnert diese ganze Geschichte mit dem Geheimvertrag stark an die „Protokolle der Weisen von Zion“, in denen „die Juden“ ihren Plan zur Erringung der Weltherrschaft niedergeschrieben haben – jedenfalls glauben das diejenigen, die dieser antisemitischen Fälschung auf den Leim gehen.

Und Kollegah macht in dieser Manier munter weiter, wenn er rappt:

Uns is zu vieles entgangen,

Wie dass alle Mächtigen der Geschichte den gleichen dreizehn Blutlinien entstammen.

Von Babylon zu den ägyptischen Pharaonen,

Trägern der europäischen und britischen Adelskronen,

Bis hin zu Politik und US-Präsidenten,

All jene, die die Geschicke der Welt geschäftsmännisch lenkten.

War’n alles letztendlich Menschen vom Blut eines Dämonen,

Die ihre Kraft aus ihm schon seit Urzeiten bezogen.

Dazu wird ein Bild eingeblendet, auf dem die „13 satanischen Blutlinien“ zu sehen sind.

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Mit dabei sind natürlich – wie könnte es anders sein – die Rothschilds, und auch die Rockefellers, die ja angeblich auch zur jüdischen Weltverschwörung gehören. Wir haben hier also eine jüdische und eine angeblich jüdische Familie, die Teil dieser dämonischen Weltbeherrscher sind. Besonders die Erwähnung der Rothschilds in diesem Zusammenhang merken wir uns für später!

Was nun endgültig aufzeigt, dass in diesem Track Juden hinter den bösen Dämonen stecken, ist die Grafik bei Minute 7:10, zu der Kollegah rappt:

Der Zyklop sollte bloß ihre Stärke demonstrieren,

Nebenbei die Bevölkerung der Erde reduzieren.

Die verbliebene Menschheit mit aller Härte kontrollieren,

Den Weg ebnen, bis sie komm‘, um ihr Werk zu komplettieren.

Der Zyklop ist eine Referenz auf den Vorgänger-Track, „Armageddon“. Aber wer sind denn nun „sie“? Das Bild verrät es uns.

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Wir sehen einen Mann in einem Kapuzenpullover vor Bildschirmen sitzen, auf denen der Zyklop zu sehen ist. Die Hände des Mannes ruhen auf der Tastatur – er ist es also, der den Zyklopen lenkt. Dieser Mann repräsentiert das ominöse „sie“. Am Ringfinger seiner linken Hand trägt er einen Siegelring, auf diesem ist ein Davidstern zu sehen. „Sie“ – das sind die Juden.

Später kommen dann die Dämonen durch ein Portal im Felsendom in diese Welt. Dies ist wohl eine Reminiszens an die Lüge, wonach die Juden die Muslime vom Tempelberg vertreiben wollen – eine Lüge, auf deren Basis gerne mal eine Intifada, aka eine antisemitische Terrorwelle, losgetreten wird. Die Dämonen, die in den Felsendom strömen, stehen hier offensichtlich für die Juden, die – um es mit den Worten von Mahmud Abbas zu sagen – die Al-Aqsa Moschee „mit ihren dreckigen Füßen entweihen“ (Und ja, ich kann Felsendom und Al Aqsa Moschee auseinander halten – Kollegah allerdings nicht, wie im Folgenden noch festgestellt werden wird).

Nachdem jedenfalls die letzte Bastion der Menschheit in Ost-Jerusalem lokalisiert wurde, rappt Kollegah weiter:

Auf Seiten der Menschen türmen sich Leichen zu Bergen,

Doch die feindlichen Schergen – sie schein‘ nich zu sterben!

Sie strömen von überall wie die lebendigen Toten

Die Hänge nach oben in scheinbar nie endenden Wogen.

Unmenschliches Tosen, ein Kämpfen und Toben.

Zwischen Traum und Realität sind die Grenzen verschoben.

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In diesen 6 Versen finden sich gleich drei Entmenschlichungen der Feinde. „Auf Seiten der Menschen“ exkludiert die Feinde vom Begriff „Mensch“, die zudem „wie die lebendigen Toten“ sind, und ein „unmenschliches Tosen“ entfachen. Dazu ist im Video ein Aussschnitt aus dem Herrn der Ringe zu sehen, aus der Schlacht auf den Pellenorfeldern, wo Orks gegen Menschen kämpfen, es findet sich also sogar eine vierte Entmenschlichung. Die Feinde, das sind die Juden – und die Juden, das wird hier unmittelbar deutlich, sind keine Menschen.

Die Line „Unabhängig von Religion, Herkunft oder Stand“ meint also definitiv nicht auch Juden, da Juden überhaupt nicht als Menschen begriffen werden.

Kommen wir wie angekündigt zu den Rothschilds zurück, die ja bei jeder antisemitischen Verschwörungstheorie eine prominente Rolle einnehmen. Nachdem sie uns bereits in den „13 satanischen Blutlinien“ begegneten, treffen wir sie ein weiteres Mal an. Kollegah rappt:

Nur der Canary Wharf Komplex – City of London…

Nur noch ein einzelner Turm zwischen den vernichteten Banken

Des Distrikts ist vorhanden.

Umgeben von Magiestrahlen, die sich um ihn ranken wie giftige Schlangen.

Es blitzt wie Brillanten in dem Stockwerk ganz oben.

Da drin muss er sein – der Kopf der Dämonen!

Nun, tatsächlich trifft Kollegah – wen wundert es – den Kopf der Dämonen in diesem Bankenturm in London. In London wurde 1808 die Bank „N.M. Rothschild & Sons“ gegründet, und auch heute noch sehen Verschwörungstheoretiker in London den Sitz der übermächtigen Rothschildfamilie. Der Kopf der Dämonen sitzt also in einem Bankgebäude in London, die Rothschilds sind Teil der „13 satanischen Blutlinien“, die die Welt beherrschen, und die Juden schlechthin steuern die Feinde der Menschheit und sind nicht menschlich, sind Dämonen – es ist offensichtlich, hier werden die Rothschilds als Kopf der Weltverschwörung dargestellt.

Kommen wir nun zu ein paar Randbemerkungen:

Die Engel, die in der kruden Babylongeschichte auftauchen, sagen schließlich, der König von Babylon habe die Gaben der Priesterschaft missbraucht. Dies erinnert an die Wahrnehmung der Juden im Koran als Fehlgeleitete, die zwar Allah erkannt haben, sich aber aus purer Sturheit weigern, ihm zu huldigen.

Die Menschenopfer, die von den bösen Menschenfeinden im zweiten Akt auserkoren werden, erinnern an die Ritualmordlegende. Es ist hier von „Blutmagie“ die Rede, davon, die Menschenopfer seien die „Energiequelle“ der Dämonen. Laut der Ritualmordlegende töten Juden Christenkinder und schächten sie, um aus ihrem Blut Mazzen zu backen und sich so zu stärken. Diese antisemitische Legende ist in der frühen Neuzeit auch in den arabisch-muslimischen Raum vorgedrungen, ebenso wie die „Protokolle der Weisen von Zion“.

Zudem wird in diesem Track Geschichtsklitterung der übelsten Sorte betrieben. So rappt Kollegah über den Geheimvertrag auch:

Diese Schriften strahlen eine gefährliche Macht aus.

Man konnte spüren: Von ihnen ging ’ne verheerende Kraft aus!

Salomon hat das gesehen

Und sie unter seinem Palast, der heutigen Al Aqsa Moschee ad acta gelegt

Zu diesen Lines wird im Video ein Bild vom Felsendom gezeigt – warum auch immer.

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Anscheinend hat Kollegah nicht nur keine Ahnung vom Judentum, sondern auch vom Islam nicht so viel Schimmer. Jedenfalls ist es eine schlichte Lüge, dass der Palast Salomons die heutige Al Aqsa Moschee ist. Hier wird ein jüdisches Bauwerk, dessen Überreste sich auf dem Tempelberg befinden, kurzerhand zu einem muslimischen Bauwerk gemacht, durch den Islam vereinnahmt, und so die jüdische Verbindung zum Tempelberg geleugnet.

Am Ende des Tracks, als es keine Juden mehr gibt, gibt es auch keine Morde mehr, alles erblüht, die Meere sind voller Früchte, alles ist gut. Die Juden sind also die Wurzel allen Übels.

So, langsam nähern wir uns dem Ende. Es sollte schon jetzt deutlich sein, dass „Apokalypse“ ein antisemitisches Machwerk ist. Doch noch deutlicher wird Kollegah am Ende des Tracks:

Der Dämon ist besiegt, der dunkle Zauber gebunden.

Doch noch immer werden Bücher mit der schwarzen Aura gefunden.

Wir suchen und bringen jedes Buch, das wir finden,

Auf den Scheiterhaufen, wo Feuer und Glut es verschlingen.

Gerade brennt auf dem Dorfplatz das letzte schwarze Kapitel…

…Da kommt ein Rabe vom Himmel…

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Es werden also Bücherverbrennungen abgehalten. Klingelt es bei Ihnen? Bei mir schon.

Bücherverbrennungen, damit muss ja nicht zwingend ausgerechnet darauf Bezug genommen werden, sagen Sie? Nun, das Lied wurde am 9. November hochgeladen, dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Damit muss ja nicht zwingend ausgerechnet darauf Bezug genommen werden, sagen Sie? Reichlich viel Zufall, sage ich.