Wenn sich Rechts und Links die Hände reichen

Es gibt viel an dem Lied „Antideutsche/Tahya Falastin“ von Thawra und Kaveh zu kritisieren. Die dummen Vergleiche und peinlichen Reimketten von Kaveh, den antisemitischen und völkischen Gehalt, die üblen Diffamierungen gegenüber der antideutschen Bewegung – eine Komponente aber sticht noch einmal extrem heraus. Und das ist Kaveh selbst, denn offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen Querfröntler – was nebenbei bemerkt auch kein gutes Licht auf Thawra wirft. Da wirkt die halbherzige Distanzierung Thawras von der Querfront in „Antideutsche/Tahya Falastin“ noch lächerlicher – zusammen mit einem Querfröntler ein antisemitisches Lied machen, und in diesem sagen, man wäre ja gegen die Querfront, ist, äh … naja, seltsam bis dumm.

Nun ja, jetzt aber zu Kaveh. Ich könnte diesen Artikel nun mit dem Hinweis darauf beenden, dass dieser Mensch sich von Russia Today und Ken Jebsen zu Interviews einladen lässt, also von einem Propagandakanal des Kreml und einem Verschwörungstheorien verbreitenden Antisemiten, die beide ein rechtes Publikum ansprechen. Aber dann würde ja völlig unter den Tisch fallen, was für verbalen Abfall er in diesen Interviews produziert hat.

Im Interview mit RT etwa halluziniert er eine Verschwörung der Medien herbei, die seiner Aussage nach gezielt Leute aus ihrer Berichterstattung ausschlössen, die propalästinensisch sind (Minute 1:30). Angesichts der Einstellung der meisten deutschen Journalist*innen zum Nahostkonflikt und der tendenziösen, antiisraelischen Berichterstattung der meisten Medien ist diese Aussage schlicht lachhaft; kaum ein Land wird von deutschen Medien so oft kritisiert und so oft mit Nazi-Deutschland verglichen wie Israel. Und in den Hip-Hop-Medien ist dies noch um ein Vielfaches verstärkt, wie sich etwa in der Berichterstattung über Kollegahs Antisemitismusskandal zeigte. Wenn Kaveh also von deutschen (Hip-Hop)Medien nicht wahrgenommen wird, so liegt das nicht an einer anti-palästinensischen Haltung dieser, sondern vielleicht einfach an der Irrelevanz von Kaveh.

In einem anderen Interview mit RT – Kaveh scheint dort Stammgast zu sein – behauptet Kaveh, Deutschland habe aufgrund der Shoah eine Verantwortung gegenüber den jüdischen Menschen, aber eben auch den Palästinenser*innen, schließlich hätte, so Kaveh, der israelische Staat es ohne die Shoah sehr viel schwerer gehabt (7:30). Diese perverse Verdrehung muss ein Mensch erstmal hinkriegen: Die Deutschen, die noch vor 70 Jahren Juden industriell getötet haben, hätten eben darum die Aufgabe, den Jüd*innen auf die Finger zu schauen, dass sie auch ja nichts Böses tun.

Diesen sehr deutschen Gedanken gräbt Kaveh auch im Interview mit Ken Jebsen aus, wo er behauptet, Deutschland hätte ebenso eine Verantwortung für die Palästinenser*innen wie für die Jüd*innen, da Deutschland mit der Shoah „schuld“ an der Gründung Israels gewesen sei und es in diesem Rahmen zur „Nakba“ gekommen sei (38:45). Den auf die Vernichtung der Jüd*innen abzielenden Überfall der arabischen Staaten auf Israel nur Stunden nach dessen Gründung, in dessen Rahmen es überhaupt erst zu den Vertreibungen kam, lässt Kaveh natürlich unter den Tisch fallen. Ebenso vergisst er, dass es 1948 mehr jüdische Menschen gab, die aus arabischen Staaten vertrieben wurden, als arabische Menschen, die aus dem jüdischen Staat vertrieben wurden – weil all das antiisraelische Gejaule von der „Nakba“ in einem völlig anderen Licht erscheinen ließe. Überhaupt ist der deutsche Staat ganz gewiss nicht schuld an der Vertreibung irgendeines Arabers aus Israel und hat auch keine besondere Verantwortung gegenüber den Palästinensern, schon gar nicht eine irgendwie vergleichbare wie die gegenüber den Jüd*innen. Die arabischen Staaten, die den jungen israelischen Staat überfielen, sind schuld, denn ohne diesen Überfall hätte es auch die Vertreibungen nicht gegeben.

Heute würden 6 Millionen Palästinenser*innen „außerhalb des ursprünglichen Staatsgebietes“ leben – was genau Kaveh wohl mit „ursprünglichem Staatsgebiet“ meint? Da es nie einen palästinensischen Staat gab, kann es schließlich kein solches Gebiet geben. Er meint wohl das Land, das im UN-Teilungsplan für einen weiteren arabischen Staat vorgesehen war. Bloß haben die Araber eben diesen Teilungsbeschluss abgelehnt – heute von diesem Gebiet als dem „usprünglichen Staatsgebiet“ Palästinas zu sprechen ist also im höchsten Maße heuchlerisch.

In diesem Zuge empfiehlt Kaveh dann auch gleich noch Bücher von Norman Finkelstein (40:35), einem Hisbollah-Sympathisanten, der bei Rechten und anderen Antisemiten sehr beliebt ist, weil er zB. den Kampf der Hisbollah gegen Israel mit dem Kampf von Partisanen gegen Nazideutschland gleichsetzte.

Natürlich verbreitet ein Mensch wie Kaveh dann auch munter die Mär vom „größten Freiluftgefängnis der Welt.“ (1:02:20) Gaza sei „eine der am meisten unterdrückten Regionen der Welt“, und Israel „das aggressivste siedlerkolonialistischste Land der Welt.“ Dass Ägypten den Gazastreifen völlig abgeriegelt hat, weil es keinen Bock auf Terroristen hat – geschenkt. Laut Kaveh ist es alleine Israel, welches Gaza in dieses „Gefängnis“ verwandelt. Dabei lässt er die Versorgung Gazas durch Israel natürlich außen vor, ebenso die faktische Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen, etwa bei medizinischen Notfällen. Der Aussage mit dem Grad der Unterdrückung könnte man vielleicht noch gerade so zustimmen – wenn er damit die Hamas meinen würde, die die Bewohner des Gazastreifens unterdrückt und immer wieder sogenannte „Kollaborateure“ abschlachtet. Aber soweit kann Kaveh nicht denken, für ihn ist immer der Jud schuld. Der Siedler-Jud. Der Kolonialisten-Jud. Nein schlimmer: Der Siedler-Kolonialisten-Jud. Daher, so Kaveh: „Ich denke, es ist die Pflicht jedes Menschen, sich für Palästina einzusetzen“. Für ihn ist Judenfeindschaft also ein konstituierendes Element von Menschlichkeit, Antisemitismus nicht nur ein Menschenrecht, sondern gar eine Menschenpflicht.

Antideutsche hingegen seien böse Rassisten. Immerhin würden sie doch glatt behaupten, dass die Palästinenser*innen, gäbe es eine Einstaaten-„Lösung“, die Jüd*innen in Eretz Israel/Palästina töten würden (43:45). Nun, diese Annahme ist keinesfalls rassistisch, sondern leider richtig. Die Hamas fordert in Artikel 2 ihrer Charta die völlige Vernichtung Israels; behauptet in Artikel 7, das komplette Land gehöre nur den Muslimen; die Hamas erzieht Kinder gemäß ihrer ekelhaften antisemitischen Ideologie; steckt sie in Terrorcamps; indoktriniert sie mit antisemitischen Kindersendungen; Hamas-Offizielle leugnen den Holocaust und behaupten, die Juden seien schlimmer als die Nazis; Hamas-Kleriker rufen zur Tötung jedes einelnen Juden auf. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer Stiftung von 2014 waren 94% der Bewohner des Gazastreifens zufrieden mit dem militärischen Handeln der Hamas, also mit dem Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten, dem Missbrauch von palästinensischen Zivilisten als menschliche Schutzschilde, und dem Graben von Terrortunneln, um Jüd*innen umzubringen. Hätte es zu diesem Zeitpunkt Wahlen in den palästinensischen Gebieten gegeben, so wird in der Studie auch festgehalten, hätte die Hamas gewonnen. Aber nunja, selbst ein Herr Abbas preist ja jeden Tropfen Blut, um Jerusalem willen vergossen werde; also ist das eigentlich auch egal. Es ist nunmal eine traurige Tatsache, dass Jüd*innen ziemlich übel dran wären, wenn es Israel nicht mehr gäbe.

Israel aber sei natürlich sowohl eine Theokratie als auch eine Ethnokratie (1:03:50), und überhaupt genauso schlimm wie der Iran. Natürlich, Israel ist eine Ethnokratie – das beweisen ja die zahlreichen arabischen Abgeordneten in der Knesset, die arabischen Richter, die drusischen Soldaten. Welch gar schröckliche Ethnokratie! (Dass es auch in Israel Rassismus gibt ist eine Tatsache – aber wo gibt es keinen Rassismus? Wäre dann nicht jedes Land eine Ethnokratie?) Der Vergleich mit dem Iran ist schon deshalb völlig deppert, weil im Iran der Ayatollah das Staatsoberhaupt ist. Der Iran ist also tatsächlich eine Theokratie – Israel aber nicht.

Das iranische Regime, so Kaveh, sei natürlich schon irgendwie doof, aber immerhin habe es seit 200 Jahren keinen Krieg angefangen, während Israel „mindestens fünf Kriege vom Zaun gebrochen hat“. Die zahlreichen Drohungen des iranischen Regimes, Israel auszulöschen, nimmt Kaveh nicht wahr, die Hinrichtungen Oppositioneller, die Unterdrückung der Frauen, die Unterdrückung von generell so ziemlich allem im Iran, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Unterstützung für Assad – aber hey, die Juden, das sind Kriegstreiber! Sie „brechen Kriege vom Zaun“, wie Kaveh im schönsten antisemitischen Code von sich gibt. Welchem Zweck diese Kriege dienten, ob sie notwendig, wer die Gegner waren – egal. Die Gazakriege wurden natürlich auch nicht von der Hamas begonnen, die tausende Raketen auf Israel abschoss, sondern immer von Israel (man merke: Wenn die Jüd*innen sich wehren, dann haben sie angefangen) Die Juden, das sind Landräuber und Kriegstreiber, das weiß Kaveh. So sei Israel natürlich auch am Syrienkonflikt schuld (1:11:00) – äh, wie bitte?

Wenn Ken Jebsen dann den Drohnenkrieg mit dem Holocaust vergleicht, hat Kaveh keinerlei Einwände (1:23:10), und wenn Jebsen Verschwörungstheorien verzapft von irgendwelchen ominösen Leuten, die wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen, erfolgt von Kaveh nur ganz schüchterner Widerspruch (1:29:30). „Sog. ‚Verschwörungstheoretiker‘ wie Ken Jebsen werden partout und zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt“, schrieb Kaveh mal. Ja … man merkt’s …

Der völkische Schulterschluss mit Jebsen muss auch noch erfolgen. Kaveh bemängelt, es gebe im Nahen Osten keine starke nationalistische Bewegung (1:26:50). Schon zuvor, als es um das Thema Fluchtursachen ging, hatte Kaveh darauf hingewiesen, die bösen USA würden all die schönen Nationalstaaten in der Region kaputt machen. Diese Faible für Nationalisten hat nun wirklich so gar nichts linkes an sich.

Wen würde es also schon wundern, wenn in der Kommentarsektion eines Interviews von Kaveh mit RT Nazis und Stalinisten Hand in Hand die Vernichtung der Antideutschen fordern würden?

Kavehs Fanboys

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 2

Ein bisschen lang ist es jetzt her, dass ich den ersten Teil dieser Quadrologie schrieb – Hausarbeiten und Lustlosigkeit kamen mir dazwischen. Wie auch immer. Was bisher geschah: Thawra und Kaveh hatten 2015 ein Lied veröffentlicht, in dem sie mit unverhohlenem Antisemitismus die antideutsche Bewegung angriffen. Im ersten Part besticht besonders ein Abschnitt in seiner Deutlichkeit: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya/ Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert/ Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“. In drei Versen eine Entmenschlichung, ein Rückgriff auf religiöse Bewertungsmaßstäbe, und auf zwei antisemitische Stereotype – Respekt, da meint es jemand ernst.

Thawra retweetete meinen Artikel zum ersten Part mit dem Kommentar „Hallo, es ist 2017“ (oder so ähnlich, ich habe den Tweet nicht mehr gefunden, vielleicht hat sie ihn gelöscht). Meine Nachfrage, ob das eine halbherzige Distanzierung von dem Track sei, wurde nicht beantwortet – vermutlich ärgert sie sich lediglich darüber, dass Antisemitismus auch nach zwei Jahren noch thematisiert wird, und wollte auf etwas kryptische Art einen Schlussstrich ziehen. Das ist ja so lange her!

Wie dem auch sei; auf das dumme Intro Kavehs und einen Part Thawras folgt die Hook, in der die beiden Interpreten vor zwei Flaggen der palästinensischen Nationalbewegung und zwei roten Flaggen posieren, zusammen mit einer Meute in Palästinenser-Tücher gehüllter Menschen. Einer dieser Menschen ist übrigens Roldán Mendívil, und unter anderem wegen der Beteiligung an diesem Video erhält sie von der Freien Universität Berlin keinen weiteren Lehrauftrag mehr. Tja, dumm gelaufen.

Was rappen Thawra und Kaveh nun in der Hook? Folgende Verse:

Tahya Falastin, tahya Falastin
Kein Frieden mit dem Besatzungsregime
Tahya Falastin, tahya Falastin
Rote Fahnen über Ghazza und Jenin!
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Kein Frieden mit dem Apartheidregime
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Rote Fahnen über al-Quds und Tal Abib!

Israel wird also sowohl als „Besatzungsregime“ als auch als „Apartheidregime“ verunglimpft, was nicht nur die Opfer wahrer Apartheid verhöhnt, sondern zusammen mit der Forderung „Freiheit für Falastin“ offensichtlich die Vernichtung Israels fordert. Obendrein solle auch kein Frieden mit Israel geschlossen werden – offener kann man antisemitischen Terrorismus kaum legitimieren. Wer Frieden mit Israel ablehnt und die „Befreiung“ Palästinas fordert, will nichts anderes als die völlige Vernichtung Israels. Das zeigt auch die Verwendung der arabischen Städtenamen „al-Quds“ und „Tal Abib“ statt „Jerusalem“ und „Tel Aviv“ – die Auslöschung betrifft nicht nur den jüdischen Staat, nicht nur die jüdischen Menschen, sondern sämtliche Aspekte jüdischer Präsenz in Eretz Israel/Palästina. Über diesen Städten sollen „rote Fahnen“ wehen, im Video sind allerdings ebenso viele Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung zu sehen. Anscheinend wird also eine Art nationaler Sozialismus gefordert, ein ethnisch reiner Nationalstaat mit (pseudo)sozialistischer/(pseudo)kommunistischer Ausrichtung. Die Querfront lässt grüßen.

Auf dieses Gejohle nach der völligen Vernichtung jeder jüdischen Präsenz in Eretz Israel/Palästina folgt Kavehs erster Part. Er beginnt gleich in dem selben Ton wie Thawra: „Ihre Ideologie geht über Leichen und verursacht Tote“. Während allerdings Thawra rappt, Antideutsche würden den Tod „lieben“, beschränkt sich Kaveh immerhin darauf, das Töten nicht als Selbstzweck, sondern als Begleiterscheinung der unterstellten Ideologie zu bezeichnen. Oder doch nicht – nur ein bisschen später heißt es dann auch bei Kaveh:

Die Empathie ist hinter ihrer Maske verblutet
Ich würds ja gerne sachte versuchen
Doch muss ich ihre Menschenverachtung verfluchen
Sie freuen sich, wenn Israel das Land zerbombt
Es sichert seine Kolonie dadurch, dass die Panzer kommen

Aber nicht nur seien Antideutsche empathielose Gesellen, die den Tod bejubelten – wenn er schon dabei ist, bezeichnet Kaveh natürlich auch noch gleich ganz Israel als „Kolonie“. Was in der Hook schon deutlich wurde, wird hier erneut unter Beweis gestellt: Vom Existenzrecht Israels halten weder Thawra noch Kaveh irgendetwas.

Auf diese Zeilen folgt allerdings auch auf einer rein ästhetischen Ebene der komplette Absturz. Man führe sich diese Reimkette zu Gemüte:

Egal ob von der Osten-Sacken oder BAK Shalom:
Ihre Köpfe sind so hohl wie n leerer Pappkarton
Völlig verloren wie ein entgleister Nachtwaggon
Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon

Ok, Köpfe, die hohl wie ein leerer Pappkarton sind – der Vergleich ist nicht sonderlich kreativ, genau genommen ist er sogar ziemlich dämlich. Denn zu sagen, etwas sei hohl wie etwas das leer sei, ist textlich ungefähr auf einem Niveau mit dem Refrain von Bibis „How it ist (Wap Bap)“. Mir fallen spontan ähnlich gute Lines ein, vielleicht hat Kaveh ja Bedarf, er kann sich gerne bedienen:

Hier ist es hell, wie an einem Ort, wo Licht scheint
Es ist als wär der Eingang zu, denn du kommst nicht rein
Wir stehen fest auf dem Boden wie ein Tisch, der nicht wackelt
Du bist es, der hier wie so ein komischer kleiner langgezogener Hund mit kurzen Beinen rumdackelt

Aber Kaveh war mit seiner Reimkette ja noch nicht fertig. Dass es sich um einen „Pappkarton“, nicht um einen „Karton“ handelt, liegt natürlich am Reim – aus dem selben Grund ist es auch ein „Nachtwaggon“, kein „Zugwaggon“, der engleist. Der Vergleich („verloren wie etwas engleistes“) ist nicht nur schief, sondern fast ebenso unterirdisch wie der Vergleich in der Line davor, und die letzte Line dieser Reimkette sprengt nochmal alle Dimensionen der blöden Vergleiche. „Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon“ – hä? Ist Israel ein Marathon? Oder bezieht sich der Marathon auf das Feiern? Aber ein Marathon ist doch ein sportlicher Wettbewerb, der sich durch seine zu Fuß zurückzulegende elendlange Distanz auszeichnet, nicht dadurch, dass man unaufhörlich jubelt. Oder bezieht sich das auf die Menschen am Rand, die den Läufern zujubeln? Aber dann wäre das ja ein „jubeln wie jubeln“ Vergleich. Naja, er wollte halt eine sicke Reimkette. Und wenn die Endreime inhaltlich eigentlich absolut nicht zusammenpassen, dann wurstet man das eben mit billigen Vergleichen hin. Wie ein Anfänger. Ich dachte Kaveh würde schon länger Rap machen?

Nach dem Beweis seiner Inkompetenz in Sachen Rap geht es dann auch mal wieder inhaltlich voran. Natürlich würden Antideutsche Muslime hassen, wären eigentlich selber total deutsch – naja, unkreativer als die depperten Vergleiche vorher kann es nicht mehr werden. Aber natürlich muss Kaveh noch schnell ein „Kauft nicht bei Juden“ raushauen: „Ich geb n Scheiß drauf, dass ich euch schockier/ Nur weil ich die Produkte Israels boykottier“. Schockieren dürfte das nur die wenigsten Leute – es widert mich an, wundert mich gleichzeitig aber nicht. Nur wer sich über die Virulenz des Antisemitismus nicht im Klaren ist und mit deutschem Rap selten bis gar nicht in Berührung kommt, würde sich über antisemitische Aussagen bei deutschen Rappern wundern, oder von diesen gar schockiert sein. Hm, naja – „euch schockier“ reimt sich eben ganz gut auf „boykottier“, sogar ohne dämlichen Vergleich.

Interessant ist an der Aussage von Kaveh übrigens besonders Folgendes: Anders als es normalerweise bei Antisemi- äh, Antizionisten der Fall ist, bezieht sich Kaveh nicht auf Produkte aus jüdischen Städten in Judäa und Samaria (sog. „Siedlerprodukte“), und redet sich also auch nicht damit heraus, er boykottiere ja nur ganz bestimmte Übeltäter und keinesfalls pauschal alle Juden in Eretz Israel/Palästina. Stattdessen ist es ganz explizit alles aus Israel – und wer würde daran zweifeln, damit sei nur alles jüdische in Israel gemeint, wo ihm doch an der palästinensischen Sache so viel liegt? Dies allerdings dürfte vor dem Hintergrund seiner Vernichtungsfantasien gegenüber Israel nur die wenigsten wundern. Und schockieren schon gar nicht.

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 1

Im deutschen Rap-Geschäft kommt es ja immer gut, ein wenig gegen Israel zu hetzen. Warum das so ist? Nun, mit stumpfer Israel-Hetze erreicht man ganz gute Medienaufmerksamkeit, man bekommt seinen kleinen Skandal, weil sich Leute über einen aufregen, aber so wirklich Probleme bekommt man nicht, denn Israel-Hass ist ja heutzutage irgendwie schick. Die jugendliche, meist muslimisch geprägte und sozial abgehängte Käuferschicht (die deutscher Rap nunmal überwiegend hat), die in dem Hass auf Israel und arabischem Nationalismus eine Flucht aus der Ohnmacht findet, applaudiert, und kauft kräftig das Album. Aufmerksamkeit und Geld – das ist alles, was der durchschnittliche Rapper haben will.

Und da spielt es dann auch keine Rolle, ob der/die Rapper(in) nun linksradikal, ein Macho und/oder ein(e) islamistischer Fundamentalist(in) ist. Bei Israel sind sie sich alle einig: Israel ist böse – und natürlich an allem Schuld.

Auch Kaveh und Thawra profilieren sich über Israel-Hass. In ihrem Lied „Antideutsche / Tahya Falastin“ bringen sie ihren Hass gegenüber allem, was nicht gegen den Staat Israel ist, zum Ausdruck. O-Ton Thawra: „Ich wollte vor allem erstmal meinen Hass auf die Antideutschen zeigen und deutlich machen.“

Interessant ist dabei zuallererst die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff. Im Intro sagt Kaveh:

Viele Linke, die sich selbst nicht als Antideutsche sehen, benutzen trotzdem antideutsche Argumente. Antideutsche solidarisieren sich unkritisch mit Israel und den USA. Für sie ist Antizionismus gleichbedeutend mit Antisemitismus.

Für Kaveh definiert sich „antideutsch“ also zuallererst – das macht auch der Text des Liedes deutlich, in dem es fast ausschließlich um Israel geht, klar – über die Solidarität zum jüdischen Staat. Wenn er nun sagt, auch nicht antideutsche Linke würden „antideutsche Argumente“ benutzen, verkommt das Wort „antideutsch“ zu einem Kampfbegriff – einem Kampfbegriff, der all das diffamieren soll, was gegen Antizionismus ist. Dass Israel-solidarische Linke, vollkommen unabhängig zu ihrer tatsächlichen Positionierung zum Thema Deutschland, als „antideutsch“ bezeichnet werden, überträgt antisemitische Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen. Denn jedem, der Israel-solidarisch ist, wird so vorgeworfen, ein „Vaterlandsloser Geselle“ zu sein, einer, der nicht loyal zu Deutschland, sondern nur loyal zum jüdischen Staat ist. Diese antisemitische Denke schlägt sich also in Kavehs Benutzung des Wortes „antideutsch“ nieder.

Die von Kaveh im Intro begonnene Übertragung antisemitischer Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen, führt Thawra fort. „Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert“ rappt Thawra über Antideutsche. Die Unterstellung von Blutdurst und Arroganz ist ein Jahrhunderte altes antisemitisches Stereotyp, und wird hier nicht zufällig auf Israel-solidarische Menschen übertragen.

Und Thawra macht gleich munter weiter mit der Diffamierung von Antideutschen: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya“ rappt sie – Dehumanisierung gleich innerhalb der ersten fünf Verse, na, das geht ja gut los! Leider habe ich keine Ahnung, was „Shuja3ya“ meint, dabei feiere ich Tier als Verwender „antideutscher Argumente“ das doch angeblich. Interessant ist hier allerdings neben der Dehumanisierung auch der Rückgriff auf islamische Kategorien zur Verurteilung des Gegners. „Haram“ wird den Antideutschen entgegengeschleudert – wer aber religiöse Kategorien als Maßstab für Gut und Böse heranzieht, der geht eine unheilige Allianz mit der Religion ein. Kommunistisch ist ein solches Anbiedern bei Klerikalen gewiss nicht. In der Religion entscheidet Gott darüber, was richtig und was falsch ist, und sein Urteil darf von Menschen nicht angezweifelt werden – schließlich ist Gott der anbetungswürdige, Unterwerfung fordernde Allwissende. Gott in Zweifel zu ziehen bedeutet Gott erniedrigen. Wenn Gott aber definiert, was Gut ist und was Böse, so entziehen sich diese Kategorien jeder Logik. Der Erfinder Gottes diktiert, was gut ist und was nicht, der Mensch ist entmachtet. So wird der Mensch Untertan der Religion. Wenn also Thawra das Wort „haram“ als abwertende Beschreibung Antideutscher verwendet, so offenbart sie, wie fremd ihr – zumindest in Bezug auf Israel und Juden – sowohl Rationalität als auch Kommunismus sind.

Dieser Eindruck verstärkt sich nur, beachtet man folgende Zeile von Thawra: „[Antideutsche] Sind für Zivilisation gegen den Islam“. Nun, selbstverständlich sind Antideutsche für Zivilisation – und welcher vernünftige Mensch ist das nicht? Und ja, da Kommunisten antiklerikal sind – was Thawra wohl zu begreifen partout nicht im Stande ist – sind sie auch gegen den Islam. Ebenso, wie sie gegen jede Religion sind, ob es nun Christentum, Judentum, olympische Götter oder was der Geier was ist.

Ein Denkfehler, der sich über das gesamte Lied erstreckt, offenbart sich schon innerhalb der ersten beiden Verse. „Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus/ mit ihren Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“, rappt Thawra, polemisiert also gegen Antideutsche als angebliche Nationalisten. Dabei heißt das Lied, in dem sie diese Anschuldigung äußert „Tahya Falastin“, also „Freiheit für Palästina“, und in der Hook werden die Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung geschwenkt. Auch das Tragen von Palästinenser-Tüchern – ganz dezidiert als politische Botschaft, wird in dem Track doch der Verbot dieses Tuches in antideutschen Clubs bemängelt – durch Thawra und Kaveh zeigt, wie sehr diese sich selbst vom Nationalismus distanzieren. Nämlich gar nicht.

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LpWzpLepDjo

Antideutschen aufgrund des Tragens von „Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“ Nationalismus vorzuwerfen, während links und rechts von einem die Palästina-Flaggen wehen, ist schlichtweg absurd, und es muss sich die Frage gestellt werden, ob hier Dummheit oder Bosheit am Werk ist.

Ebenso widersprüchlich äußert sich Thawra, wenn sie zunächst den Antideutschen vorwirft: „Der deutsche Staat als Feind interessiert keine Sau“, dann aber nur ein paar Verse weiter behauptet, Antideutsche hätten „Komplexe wegen Opa in Stalingrad“. Ja, was denn nun – sind Antideutsche gegen Deutschland, oder nicht? Interessieren sie sich für Deutschland, oder nicht? Dass Thawra hier zudem auf den angeblichen „Schuldkult“ Bezug nimmt, ist offensichtlich, und zeigt ihre fatale Einstellung zur Holocaust-Bewältigung und -Erinnerung. Es würde nicht verwundern, käme als nächstes die Äußerung, Deutschland befände sich unter der Knute der Juden/Israelis.

Und tatsächlich, so ist es. „Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“, rappt Thawra allen Ernstes (an dieser Stelle sei an die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff sowie die Übertragung antisemitischer Stereotype auf Israel-solidarische Menschen erinnert). Wo man nun früher von „Goi“ oder „Judenknechten“ sprach, okkupieren heute die Israelis den deutschen Geist. Man könnte es fast für einen Witz halten, für Satire, aber die Frau meint das tatsächlich ernst. Und wenn sich schon nach gerade einmal sieben Versen der unverhohlene, affektiv ausgedrückte Judenhass Bahn bricht, vergeht mir wirklich jede Lust, den Track bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Wann kommt das Feature mit MaKss Damage? Man könnte ja zusammen ein bisschen „Giftgas in jüdische Siedlungen leiten“, dann würde bestimmt auch die Okkupation des deutschen Geistes beendet. Thawra und MaKss Damage würden sich bestimmt prächtig verstehen – eine musikalische Querfront, juhu. Die Erklärung, Thawra brauche „keine Querfront um für Freiheit zu kämpfen“ offenbart immerhin, dass sie sich ihrer ideologischen Nähe zu Nazis durchaus bewusst ist, befände sie es doch sonst nicht für nötig, sich halbherzig und oberflächlich von diesen abzugrenzen.

Vollkommen irrational wird Thawra, wenn sie den Antideutschen vorwirft, „die Atombombe auf den Iran“ zu fordern. Hier finden wir Täter-Opfer-Umkehr par excellence: Obwohl es die iranische Regierung ist, die die Vernichtung Israels immer wieder lautstark ankündigt, wird so getan, als wäre es Israel, bzw. die Antideutschen, die den Iran vernichten wollen. Kein Antideutscher fordert die Atombombe auf den Iran. Vielmehr muss die iranische Opposition gestärkt werden, um die wahnsinnige Theokraten des iranischen Regimes zu stürzen. Die sind nämlich das Problem, nicht der durchschnittliche Iraner.

Während Thawra also vorbei an der Realität Antideutschen Vernichtungsfantasien unterstellt, hegt sie selbst ebensolche gegen die antideutsche Bewegung: „Mir gehts gut, denn die Strömung wird bald verschwinden:/ Antideutsche sind keine Linken.“

Antideutsche seien also überdies keine Linken – dies von einer sich Klerikalen anbiedernden Antisemitin zu hören ist irgendwo zwischen „interessant“, „lustig“ und „erschreckend“.

Soviel zum ersten Part dieser antisemitischen Hetzpropaganda. Die Teile 2, 3 und 4 folgen alsbald.