Der janusköpfige Kollegah

Schaut man sich an, was Kollegah in der letzten Zeit so von sich gibt und tut, dann zeigt sich ein äußerst zwiegespaltenes Bild. Einerseits ist da der Kollegah, der einem wehrlosen Fan die Fresse poliert, der Kollegah, der wegen des „Beefs“ mit Bushido und dem sonstigen Personal von egj täglich in den News von Rap-Nachrichten-Youtubern ist. Andererseits ist da aber auch der Kollegah, der sich in seinem Tourblog unglaublich Fan-nah gibt, ständig Selfies mit Konzertbesuchern macht, ihre CDs unterschreibt – und der sehr gerne Mütter, generell Frauen, aber auch ältere Herren und Menschen mit Behinderung vor der Linse präsentiert, wenn sie sich auf sein Konzert verirren.

Der böse Kollegah rappt Lines wie „Du behinderter Versager, Bitch, es ist der Pimp im Game“, „Nutte, dein Rap ist wie Blindenschrift, nur Behinderte fühlen ihn“, oder „Behinderter Penner, wer ist hier der Internetgangster?“, und spricht in Interviews davon, seine Fans seien keine „perspektivlosen Spastis“. Der gute Kollegah hingegen geht zu seinen Fans mit Behinderung, macht Fotos mit ihnen, erkundigt sich, was er tun kann, um ihnen zu helfen.

Aber welcher ist der wahre Kollegah? Nun, die Sache ließe sich ziemlich leicht beantworten: Sowohl als auch. Einerseits ist Kollegah der Böse, der Schläger, der sich mit einem unheimlichen, wohl in Mafia-Geschäfte verstrickten Bushido beeft, und damit spricht er all jene kleinen Internet-Rambos an, die sich mal so richtig hart fühlen wollen. Andererseits ist er aber auch der Nette, der Behindertenfreundliche, der Kümmerer, der keinem etwas Böses will, und findet damit Anklang bei einer moralisch etwas anspruchsvolleren Käuferschicht, die sich die abscheulichen Lines Kollegahs damit schönreden kann, dass er das ja „alles nicht so meint“.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, der auf der dick und fett „PROMO“ steht. An dieser Stelle könnte man die Augen verdrehen und sein Leben wieder relevanteren Themen widmen. Viel spannender als die Frage, warum Kollegah sich mal so und mal so gibt, ist aber die Frage: Wie tickt er denn nun wirklich?

Nun, wie oben aufgezeigt rappt Kollegah sehr gerne ableistischen Müll, und benutzt selbst in seiner Alltagssprache Wörter wie „Spasti“ als Beleidigung. Behindert sein ist für Kollegah demnach eindeutig negativ konnotiert – und wen würde das wundern, ist es doch gerade Kollegah, der einem wahnhaften Körperkult fröhnt, der in seinen Tourblogs ständig im Fitnesscenter zu sehen ist, der seine „Bosstransformation“, ein Fitnessprogramm, geschäftsmännisch vermarktet. In Realtalk-Tracks wie „Du bist Boss“  rappt er: „Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst/ Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst/ Wenn du rigoros trainierst, um deine Muskeln zu stählen“. Generell ist die Essenz des Liedes: Perfektioniere deinen Körper und deinen Geist, werde zur Maschine, nur dann bist du gut.

Der Körperkult Kollegahs fügt sich in sein antisemitisches Weltbild ohne weiteres ein, in die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, in „ehrliche“ physische Arbeit und die ominösen Hinterbänkler. Das gesellt sich mit faschistoiden Zügen, wenn etwa Kollegah im Interview sagt, Diktatur sei per se nichts Schlechtes; und sich dabei auf ein Lied bezieht, in dem er eindeutig nationalsozialistische Symbolik benutzt.

Dass nun ein behindertenfeindlicher Mensch sich gegenüber Individuen mit Behinderung auf einmal sehr zuvorkommend verhält, ist zunächst nichts ungewöhnliches – man könnte hier einen Vergleich ziehen zum Antisemitismus. Im deutschen Kaiserreich war dieser in der Gesellschaft bereits weit verbreitet, die Juden, gedacht als Kollektiv, wurden von den nicht-jüdischen Deutschen gehasst; paradoxerweise hatten zahlreiche dieser Antisemiten ihren „Lieblingsjuden“, also den netten Nachbarn, den freundlichen Gemüsehändler, den hilfsbereiten Rabbi. Der Hass richtete sich gegen das (konstruierte) Kollektiv, nicht gegen das Individuum. Ähnlich verhält es sich mit Kollegahs Abwertung von Menschen mit Behinderung.

Diese Abwertung wird in zweifacher Hinsicht deutlich:

Zum einen benutzt Kollegah die Menschen mit Behinderung, die seine Konzerte besuchen, um sich selbst ein gutes Image verpassen zu können – was letztlich sowohl der Profitmaximierung als auch der Schaffung von Akzeptanz für seine ableistischen Lines dient. Genau diese Akzeptanz für seine ableistischen Lines in Teilen der Gesellschaft trägt aber dazu bei, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verfestigen. Kollegah benutzt diese Menschen also, um Abneigung gegen sie schüren zu können. Die Strategie hinter Kollegahs Verhalten zeigt sich, wenn man sich die Häufigkeit vor Augen ruft, in der er in einer einzigen Woche seine vergiftete Wohltätigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung zur Schau gestellt hat (28.03.29.03.01.04.03.04.).

Hinzu kommt dann die äußerst eklige Art und Weise, in der Kollegah mit diesen Menschen mit Behinderung umgeht – er spricht mit ihnen, wie andere Menschen mit kleinen Kinder sprechen. Besonders deutlich wird dies in diesem Video: 03.04. Menschen mit Behinderung – sind das denn für Kollegah keine zurechnungsfähigen Menschen? Sind das denn Kinder, denen man mit verstellter Stimme und in dümmlicher Satzstruktur ein paar nette Worte sagen muss? Diese subtile Abwertung über den Sprachduktus ist es, die Kollegahs Ableismus am deutlichsten entlarvt.

Die Instrumentalisierung Kollegahs von Gruppen, die zu seinen Opfern gehören, ist freilich nichts Neues – auch mit den Juden hat er dies versucht, doch glücklicherweise ging der Zentralrat der Juden in Deutschland auf dieses vergiftete Angebot nicht ein. Die Menschen mit Behinderung, die sich von Kollegah vor der Kamera ausschlachten lassen, fallen hingegen leider auf ihn herein.

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Wie man einem Antisemiten einen Persilschein ausstellt

Nun war es endlich soweit. Kollegah hat sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira getroffen, um darüber zu diskutieren, ob Kollegah nun ein Antisemit ist oder nicht, und in welchem Rahmen Kritik an Israel ok ist.

(Sämtliche Zeitangaben in diesem Artikel sind nur ungefähre Angaben und beziehen sich auf dieses Video)

Eines vorweg: Wider Erwarten gelang es nicht, in diesem 50 minütigen Gespräch den Nahostkonflikt zu lösen, wie Kollegah irgendwann ernüchtert feststellt (30:35). Man wird also im Nahen Osten nicht von einer weiteren deutschen Endlösung der Judenfrage profitieren können, um es mal ein wenig zynisch auszudrücken.

Wie dem auch immer sei. Zwei Dinge fallen gleich zu Beginn des Videos auf: 1. Kollegah braucht anscheinend eine ganze Mannschaft an Bodybuildern um sich herum, um sich sicher zu fühlen, und 2. Kollegah hat offensichtlich keine Ahnung, mit wem er sich da getroffen hat, weiß er doch nicht einmal, dass es sich bei seinem männlichen Gast nicht um einen Herrn „Shapiri“ handelt, sondern um Shahak Shapira (0:05). Klar, er hätte ja nicht gleich deren Biographien auswendig lernen müssen – aber den Namen seiner Gäste sollte man schon drauf haben. Die nennen ihn ja auch nicht Kolligah. Aber nicht nur das – an späterer Stelle des Gespräches hält Kollegah Shapira auch vor, er, Kollegah, mache ja richtige Kunst, Shapira hingegen habe lediglich ein Buch darüber geschrieben, wie er von Nazis verprügelt worden sei (43:30). Auf Shapiras verdutzte Antwort, er sei nie von Nazis verprügelt worden, gibt Kollegah zu, das Buch nicht gelesen zu haben. Er wisse nur, es gehe da „grundsätzlich um ne Opferrolle“. Von nix eine Ahnung, aber Juden einfach auf Verdacht unterstellen, in die Opferrolle zu schlüpfen – bravo Kollegah.

Während sich Shapira nun also kurz vorstellt, fällt die Sprache auch auf den Großvater Shapiras, der bei den olympischen Spielen 1972 ebenso wie 10 weitere israelische Athleten von palästinensischen Terroristen entführt und ermordet wurde (2:15). Leider versäumt Shapira es schon hier, Kollegah darauf anzusprechen, was dieser von der antisemitischen Terrororganisation Hamas hält, die in Artikel 7 ihrer Charta die Vernichtung aller Juden weltweit fordert, oder von der Fatah, auf deren Facebook-Seite regelmäßig zum Judenmord aufrufende Graphiken veröffentlicht werden, und deren autokratisch regierender „Präsident“ Mahmud Abbas in seiner Dissertation die Shoah relativiert und die Schuld an ihr den Juden in die Schuhe schiebt. Genau dies wäre die Gelegenheit gewesen, Kollegah zu fragen, was er von eben solchem Terror und Hass hält, und ob es nicht auch höchst unsolidarisch gegenüber der palästinensischen Bevölkerung ist, die Kleptokraten und Unterdrücker von Hamas und PA völlig unbeachtet zu lassen. Doch Shapira lässt diese Gelegenheit verstreichen.

Als nach ihm Kat Kaufmann das Wort ergreift, erklärt sie, zwar das Statement Kollegahs gesehen und sich ein bisschen informiert, die Doku allerdings aus zeitlichen Gründen nicht gesehen zu haben (4:10). Hier zeigt sich schon die Problematik des gesamten Gespräches: Der Eine (Kollegah) hat keine Ahnung, wer seine Gesprächspartner überhaupt sind, die Andere (Kaufmann) hat das Filmchen, über das gesprochen werden soll, nicht gesehen, und beide als Vertreter der jüdischen Seite Eingeladenen (Shapira und Kaufmann) begreifen sich selbst gar nicht als Juden und wollen mit dem Zentralrat der Juden darum gar nichts zu tun haben (28:00, 37:20) – wer sollte hier nochmal mit wem warum diskutieren?

Kaufmann stellt Kollegah schon gleich zu Beginn dieses komplett absurden Gespräches seinen Persilschein aus – das immerhin ist lobenswert, da muss man nicht bis ganz zum Ende warten, um die Gewissheit eines Happy Ends zu haben. Kollegah könne ja gar kein Antisemit sein, erklärt Kaufmann, da er schließlich dem Zentralrat der Juden seine Hilfe angeboten hätte, und überhaupt sei es der Zentralrat der Juden, der „armselig“ gewesen sei, weil er auf dieses Angebot gar nicht eingegangen sei (4:25). Dass der Zentralrat der Juden sich vielleicht schlicht nicht von einem Antisemiten instrumentalisieren lassen will, der sich mit ein paar hingeworfenen Euros einen Freifahrtschein für seine antisemitische Hetze erkaufen will, kommt ihr anscheinend nicht in den Sinn.

Kollegah brummt sogleich dankbar, als er den Freispruch aus dem Mund einer nicht-so-ganz-aber-naja-passt-schon-Alibi-Jüdin hört, und erklärt anschließend, er habe ja keine „Zensur“ betreiben wollen und daher antisemitische Kommentare auf seiner Facebook-Seite einfach stehen gelassen (6:00). Dieses Verhalten wird im Verlaufe des Gespräches von Kaufmann verteidigt, von Shapira kritisiert (20:30), und man fragt sich wirklich: Was sind das für Zeiten, in denen ernsthaft darüber diskutiert wird, ob es ok ist, antisemitische Hetze unkommentiert stehen zu lassen? Was sind das für Menschen, die so etwas in Ordnung finden? Antisemitische Kommentare müssen entweder gelöscht werden – was gerade bei als Antizionismus getarntem Antisemitismus leicht zu Gejammere über die „Antisemitismuskeule“ führen kann und daher vielleicht nicht ganz optimal ist – oder aber wenigstens kommentiert werden. Wenn Kollegah seine Fans einfach toben und zum Massenmord an Juden aufrufen lässt, macht er sich mitverantwortlich.

Aber was kann man schon von einem Mann erwarten, der die Ressentiments gegenüber Juden ernsthaft mit den Vorurteilen gegenüber Gangsterrappern vergleicht (6:50)? Klar, sicher, die „Vorurteile“ (Vorwurf der Misogynie, Homophobie etc.), mit denen Gangsterrapper zu tun haben, sind ja völlig unbegründet, schließlich rappen die ja nur misogynes, homophobes, ableistisches Zeug … Mir ist jetzt auch unverständlich, wo diese „Vorurteile“ herkommen (Man wird ja wohl noch „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappen dürfen, ohne gleich frauenverachtend genannt zu werden, oder? Oder?!). Oder will Kollegah ausdrücken, Juden seien ja ebenso wie Gangsterrapper an ihrem schlechten Image selber schuld, ja würden sich sogar extra ein schlechtes Image verpassen, um damit Geld zu verdienen? Dritte Deutungsmöglichkeit: Vielleicht bagatellisiert Kollegah Antisemitismus auch einfach, indem er seine lächerlichen „Diskriminierungserfahrungen“ aufgrund seiner Gangsterrapperkarriere mit den Diskriminierungserfahrungen von Juden gleichsetzt. Oder es ist ein Mix aus alle dem – wer weiß das schon? Vermutlich nicht einmal Kollegah selbst.

Irgendwann geht es dann auch tatsächlich mal um das euphemistisch „Doku“ genannte Schmieren-Filmchen. Kollegah erblödet sich sogleich, zu sagen, sein Gepose mit dem Raketen-förmigen Luftballon sei ja kein antisemitisches Statement gewesen, sondern vielmehr Kritik an der Politik der israelischen Regierung (8:25) – ohne Scheiß. Für diesen Mensch ist die Verherrlichung von tödlichen Raketen, die auf israelische Zivilisten abgeschossen werden und oft genug so schlecht konstruiert sind, dass sie noch im Gazastreifen abstürzen, Israel-Kritik. Wer das Ermorden von Juden für berechtigte , ja notwendige Kritik hält, der hat wahrlich den deutschen Lifestyle verinnerlicht.

Shapira lässt sich hier immerhin zu zaghafter Kritik verleiten. Diese Aktion sei ja keine gehaltvolle Kritik gewesen, merkt er an, worauf Kollegah mit dem seltsamen Einwand aufwartet, dies sei ja nur Kritik an der „Doku“ selbst, und also kein Beweis für seinen Antisemitismus. In Kollegahs Kopf ergibt das bestimmt irgendwo Sinn – und Shapira stimmt ihm auch noch zu, behauptet, es wäre nicht antisemitisch, Terrorangriffe auf Juden (denn gegen diese richten sich die Raketenangriffe ja) gutzuheißen, und kritisiert lediglich, das sei ja aber schon irgendwie ein bisschen gewaltverherrlichend. Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber tatsächlich so passiert. Ali As wendet nun noch beflissen ein, man müsse das Publikum ja irgendwo abholen – eine kryptische Aussage. Will Ali As damit sagen, Kollegahs Fanbase vertrete einen eliminatorischen Judenhass? Und dass man halt ein bisschen Judenmord propagieren müsse, um Platten zu verkaufen, aber das wäre dann ja ok?

Kollegah würgt Ali As jedenfalls schnell ab, bevor dieser den Karren unrettbar in den Dreck fahren kann. Auf Shapiras Kommentar, Kollegah vermittle durch die Szene mit dem Luftballon den Eindruck, es sei cool, Raketen auf Israel zu schießen, fällt Kollegah der geistreiche Kommentar ein, dies sei ja nur, was Shapira da reindeute, und wenn die Szene allgemein so gedeutet würde, dann sei das halt so, aber habe ja nichts zu bedeuten (9:20). Dies ist eine Aussage, die der geneigte Leser sich dringend für eine spätere Stelle dieses Wohlfühlgeplauders merken sollte – aber ich werde dann ohnehin nochmal hierauf verweisen. Wie es aussieht, ufer ich mehr aus als der Nil in der Regenzeit, also wird das dann als kleine Gedächtnisstütze dringend nötig sein. Wenn ich mich selbst dann noch hieran erinnere – es bleibt kompliziert.

Nunja, auch für das unmittelbar Folgende ist Kollegahs Äußerung interessant, behauptet er doch erneut, der Zentralrat der Juden habe ihn wegen seiner „Doku“ einen Antisemiten genannt (9:50). Eine Unterstellung, die zum einen eine merkwürdige Verbindung zwischen dem Zentralrat der Juden und Israel zieht – ganz so, als sei der Zentralrat der Juden in Deutschland eine israelische Organisation. Der Gedanke, es könne sich beim Zentralrat schlicht um eine deutsche Organisation von Menschen jüdischen Glaubens handeln, kommt Kollegah nicht – wer Jude ist, der hat für ihn automatisch mit Israel zu tun. Wer Jude ist, der ist für Kollegah automatisch jemand, der jedem, der was gegen Israel sagt, die „Antisemitismus-Keule“ über den Kopf zieht. Das verrät einiges über Kollegahs Weltbild, aber wenig über die Motivation des Zentralrates der Juden, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen. Von Shapira korrigiert, der Zentralrat der Juden habe kein Wort über die „Doku“ verloren, sagt Kollegah, der Zusammenhang sei ja offensichtlich – hier zählt also, was Kollegah in die Äußerung seines Kontrahenten hineindeutet. Was der Zentralrat der Juden sagt, darf er deuten, wie er will – aber die Raketen-Aktion, da sei ja nicht seine Sache, wie andere die deuten würden.

Bevor Kollegah dann allzu lang über „den Basis-Vorwurf des Antisemitismus“ jammern kann (10:25), womit er wohl die klügste Erfindung des modernen Antisemitismus meint, nämlich die angebliche, hier schon mehrfach angesprochene „Antisemitismus-Keule“, lenkt Kaufmann das Gespräch mit einem ihrer seltenen Redebeiträge in eine andere Richtung, indem sie darauf hinweist, neben Antisemitismus sei Kollegah auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie vorgeworfen worden. Darauf folgt die Standard-Ausrede eines jeden Gangsterrappers dieses Planeten: Das sei ja nur Rap, nur eine „Kunstform“ (11:30), und Wörter wie „Bitches“ und „Schwuchtel“ würden hier in einem anderen Kontext fallen als im alltäglichen Sprachgebrauch. Daher sei der Gebrauch der Wörter nicht frauenverachtend oder homophob. Welcher andere Kontext als im alltäglichen Sprachgebrauch das sein soll wird – absichtlich? – offengelassen, und gleich darauf demontiert sich Kollegah selbst ziemlich gründlich. Ihn rege diese „spießerartige Mentalität“ auf, derzufolge ganz alltägliche Wörter wie „Schwuchtel“ homophob seien (14:10). Aha – Begriffe wie „Bitch“ und „Schwuchtel“ sind für Kollegah also nicht nur in Kontext eines Raptextes völlig ok, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Damit greift aber die zuvor konzipierte Legitimation von diskriminierenden Wörtern im Rap nicht mehr, kommt es doch anscheinend doch irgendwie nicht auf den Kontext an. Kollegah hat wohl selbst schon wieder vergessen, welche Rechtfertigung er sich noch vor zwei-einhalb Minuten zurechtgebogen hatte – kann ja mal passieren.

Shapira, der sich immer wieder gequält äußert, wenn Kollegah seine frauen- und schwulenfeindlichen Aussagen mit der Ausrede „ist doch Kunst“ versieht, wird von Kollegah gnadenlos ausgekontert: Er, Kollegah, würde ja haufenweise CDs verkaufen, und seine Fans seien ja alle total klug und gebildet, also sei es Kunst, was er so verbreche (12:30). Das ist für sich schonmal ein merkwürdiges Argument, sagt doch Massenkompatibilität nichts über die Qualität von irgendetwas aus. Aber wenn er anfügt, seine Fans seien ja schlau und keine „perspektivlosen Spastis“, hat Kaufmann ihre ersten von zwei guten Augenblicken: Hier „Spasti“ als abwertenden Begriff zu benutzen sei gemein, merkt sie an. Nun, mir wären da ein paar drastischere Worte als „gemein“ eingefallen, aber immerhin, es ist wenigstens ein Mensch anwesend, der sich nicht zu schade dafür ist, sich gegen Ableismus auszusprechen – wenn auch recht zaghaft.

Jedenfalls glaubt Ali As hier dann, wieder seinen Unsinn zu Protokoll geben zu müssen. Das Wort „Spasti“ sei hier ja in einem anderen Zusammenhang gebraucht worden, und überhaupt hätten sie diese ganzen Wörter ja nicht erfunden. Das ist in etwa so sinnvoll, wie sich bei einem Mord damit herausreden zu wollen, man habe das Gewehr, mit dem man das Opfer erschossen habe, ja nicht selbst erfunden, sondern lediglich benutzt. Und man habe das Jagdgewehr ja nicht zur Jagd, sondern zum Mord benutzt, und darum sei das schon in Ordnung (weil: anderer Kontext!). Ähnlich Hirnschmerz-auslösend gibt sich auch Kollegah, wenn er sagt, er habe die Leute, die auf seiner Facebook-Seite von der „Endlösung“ fantasieren würden, ja nicht erschaffen, die „waren schon vorher da“ (15:10). Ahja, das macht es natürlich besser. Antisemitismus „nur“ zu fördern statt zu erschaffen ist ja so moralisch vertretbar.

Und jetzt Achtung, es kommt eine rethorische Frage von Kollegah, die jedem denkenden und empathifähigen Menschen das Hirn zu den Ohren raus suppen lässt: „Er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘ dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?“ (14:30)

Äh … Ja? Oder, wenn wir ganz kleingeistig sein wollen: Nein, Kollegah, du bist nicht homophob, weil du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung benutzt – sondern weil du homophob bist, benutzt du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung.

Und es wird noch doller. Irgendwann gegen Beginn des Rumgeschleimes der kritischen Diskussionsrunde merkt Koree in Richtung Shapira investigativ an, ihn störe dieses „wir-ihr“-Denken (7:40). Nun die spannende Frage: Wird Koree Kollegah in der gleichen Weise korrigieren? Wir werden es gleich erfahren …

Ne, tut er nicht. Bei Kollegah ist es ihm egal, wer hätte damit gerechnet. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt zwischen Kollegah und Shapira (16:15):

Kollegah: „Komischerweise checkt jede Ethnie den Humor dahinter – ich hab albanische Freunde, ich hab afrikanische Freunde, keiner regt sich auf – die Einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen … [dramatische Pause, dann leise:] … seid ihr.“

Shapira: „Ihr?“

Kollegah: „Ja.“

Shapira: „Was ist das, ihr?“

Kollegah: „Ihr Juden.“

Ungläubiges Kichern, kurze Stille.

Vorhang zu. Eigentlich wäre an dieser Stelle alles gesagt gewesen. Eigentlich müssten Shapira und Kaufmann an dieser Stelle aufstehen und gehen. Tun sie aber nicht. Sie kommentieren nicht einmal Kollegahs haarsträubende Erklärung, Juden seien eine „Ethnie“, eine Äußerung, die üblen Antisemitismus nur so ausdünstet. Sie widersprechen nicht der Aussage, Juden wären die einzige „Ethnie“, die sich immer in die Opferrolle dränge, obwohl hier schon mit einem Verweis auf das Gehabe des Zentralrates der Muslime in Deutschland das „Argument“ Kollegahs komplett demontiert worden wäre. Sie lassen es über sich ergehen, hier auf ihr jüdisch-sein reduziert zu werden, sie kritisieren nicht die Tatsache, wie Kollegah hier Juden als Kollektiv begreift – nichts. Stattdessen erklärt Shapira lieber, er würde ja darauf achten, jede Minderheit zu beleidigen, da schließlich jede Minderheit das Recht darauf habe, beleidigt zu werden (17:10).

Es folgt ekliges Blabla. Ich überspringe die ganz kleinen Aufreger mal, dieser Artikel wird sonst nie fertig.

Jedenfalls kritisiert Shapira irgendwann, Kollegah gebe durch sein Facebook-Statement zum offenen Brief des Zentralrates der Juden und anderer jüdischer Organisationen dem Zentralrat die Schuld am Antisemitismus in den Kommentarspalten von Kollegahs Facebook-Seite (21:45). Eine durchaus berechtigte Kritik, man wittert Morgenluft. Wird Kollegah zugeben, den Juden die Schuld am Antisemitismus zu geben, oder wird er einlenken und diese Aussage zurücknehmen?

Wen hätte es überrascht – ersteres. Der Zentralrat habe die antisemitischen Ausraster von Kollegahs Fans provoziert. Unter der „Doku“ sei der Antisemitismus „marginal“, erst durch die Einmischung des Zentralrates hätten sich die antisemitischen Kommentare gehäuft. Dass der Zentralrat damit ganz sicher keinen Antisemitismus hervorgerufen hat, sondern lediglich die hasserfüllten Antisemiten dazu gebracht hat, ihren Antisemitismus offen zu artikulieren, kommt ihm nicht in den Sinn – dass der Hass auf Juden auch dann da ist, wenn der Antisemit ihn gerade nicht mit Schaum vor dem Mund herausschreit, zu dieser Erkenntnis fehlen Kollegah dann doch ein paar Reflexionsebenen, wie es scheint. Wir sollten den Antisemitismus-Forscher Kollegah mal fragen, ob es nicht auch sein kann, dass die Juden selbst an der Shoa schuld waren – vielleicht macht Kollegah ja eine Dissertation zu dem selben Thema wie Mahmud Abbas, das wäre doch spannend. Die geistigen Voraussetzungen scheinen da zu sein.

Aber bevor er sich derart großen Fragestellungen widmet, erklärt Kollegah uns noch, woher denn die Menschen kommen. Denn, so predigt Kollegah seiner muslimischen Gemeinde, Fremdenhass wäre ja unlogisch, da wir doch alle von einem Menschen abstammen würden (23:30). Naja, vermutlich eher von zwei Menschen, oder? Vielleicht sollte man Kollegah nochmal erklären, wie das mit der Fortpflanzung zu funktioniert, er scheint da eine kleine Wissenslücke zu haben …

Apropos Wissenslücke. Kollegah wäre wohl eines der Opfer von Ali As, wenn der irgendwas zu melden hätte. Denn, wie Ali As blasiert verkündet, es gäbe nur eine logische Art, nur eine begrüßenswerte Art von Rassismus, und das wäre Rassismus gegenüber weniger intelligenten Menschen (23:50). Als „IQ-Rassist“ bezeichnet er sich, und fühlt sich … witzig? Schlau? Provokant? Wie auch immer – so etwas zu sagen ist schlicht widerlich. Damit setzt Ali As nämlich weniger intelligente Menschen auf eine niedere Stufe, heißt Diskriminierung gegenüber diesen gut – was zum einen bedeutet, dass Babys seiner Meinung nach diskriminiert werden sollten, befinden sich diese doch unbestreitbar intelligenzmäßig nicht unbedingt auf dem höchsten Level, zum anderen aber auch bedeutet, dass geistig behinderte Menschen als minderwertig dargestellt werden. Nicht zu vergessen diejenigen, die einfach nicht so einen hohen IQ haben – seinen IQ sucht man sich ja nicht aus. Aber jo, seien wir doch mal allen weniger intelligenten Menschen gegenüber schön rassistisch (was auch immer „Rassismus“ als Begriff hier zu suchen hat, sind diese Menschen jetzt auch noch eine „Rasse“, oder wie?). Geil! Ich geh dann mal Menschen mit geistiger Behinderung versklaven, dieser eine Rapper da hat gesagt das wäre gut …

Neben dieser Art von Rassismus, die Ali As „logisch“ findet, gibt es noch eine weitere, diese will er aber nicht verraten – „das würde zu weit führen“. Obs was mit Juden zu tun hat? Man kann nur spekulieren.

Hier dann der zweite und letzte Lichtblick bei Kaufmann: Sie weist wieder darauf hin, es sei „sehr gemein“, Diskriminierung weniger intelligenter Menschen gutzuheißen, denn „es gibt so furchtbar, furchtbar nette Menschen die soo dumm sind, aber niemals irgendetwas Schlechtes tun würden.“ Zwar ist auch hier ein gewisser Beigeschmack von Verachtung für weniger intelligente Menschen nicht abwesend, aber immerhin – sie widerspricht. Shapira windet sich ein wenig – nicht sicher, ob er die Behindertenfeindlichkeit, die er bei Ali As bemerkt, einfach nur witzig finden oder kritisieren soll. Es kommt so ein Mittelding bei rum, das nicht wirklich appetitlich ist.

Sogar Kollegah weist Ali As zurecht – Menschen könnten nun einmal nichts für die Intelligenz, mit der sie geboren werden. Es komme letztlich nur darauf an: „moralisch integer oder eben nicht“. Das ist so ziemlich der erste Satz von Kollegah in diesem Gespräch, den ich gut finde – ich befürchte nur, es wird auch der letzte gewesen sein.

Ali As rudert hektisch zurück, und schließt sich Kollegah an. „Aber wenn ich sowas als Statement mache wird das niemand jucken“, sagt er dann noch. Was genau er meint, ist nicht ganz klar. Ob er meint, es würde niemanden jucken, wenn er sagt, es käme nur darauf an, ob man moralisch integer sei oder nicht, weil die Leute so ein Statement nicht spektakulär fänden? Da würde sich mir die Frage stellen, warum Ali As denn die Aufmerksamkeit, die er für eine Stellungnahme bekommt, so viel wichtiger ist als die Aussage, die er darin trifft. So etwas ist doch plumpe Effekthascherei, sowas – genau sowas ist unmoralisch. Oder meint er, es würde niemanden jucken, wenn er sich behindertenfeindlich äußere, und nur Juden würden sich ja immer als Opfer darstellen? Das wäre zumindest insofern merkwürdig, als er ja gerade eben noch von den übrigen Anwesenden zurecht gewiesen wurde und seine Aussage komplett zurücknehmen musste. Wie auch immer – Ali As sollte lieber schweigen, das wäre angenehmer für alle.

Kleriker Kollegah hat noch eine wichtige Message: Wer Juden hasst ist kein richtiger Muslim, weil der Islam das irgendwie verbieten würde oder so. Nunja, an der Stelle sei mal kritisch investigativ nachgefragt: Wie erklärt Kollegah dann all die judenfeindlichen Suren des Islam? Nur so als Beispiel seien hier Sure 4:46 (Verfluchung der Juden durch Allah), Sure 3:71 (Juden sind Lügner), Sure 5:60 (Verwandlung von Ungläubigen (vermutlich Juden) in Affen und Schweine) und Sure 5:78 (Verfluchung der Juden durch David und Jesus) genannt. Ich will damit nicht behaupten, eine friedliche Auslegung des Koran sei unmöglich – nur erscheint es mir vor dem Hintergrund der antijudaistischen Suren im Koran einigermaßen absurd, zu behaupten, der Koran verbiete es, Juden zu hassen.

Kollegah jedenfalls hat gleich noch eine Forderung an die deutschen Juden (27:50): Diese sollten sich doch bitte mal besser integrieren. Äh, bitte was? In welchem Jahrzehnt ist Kollegah geistig bitte stecken geblieben? Muss man das noch kommentieren?

Zwei Sternstunden hatte Kaufmann, nun muss natürlich noch was ziemlich Peinliches kommen. So lacht Kaufmann darüber, dass Kollegah rappt, Juden seien seine Anwälte (28:00), und meint dem Zentralrat der Juden erklären zu müssen, es handele sich dabei um „Propz“, und nicht um Vorurteile (36:50). Nun, aber warum meinen Rapper denn bitte, erwähnen zu müssen, ihre Anwälte seien jüdisch? Was spielt das für eine Rolle? Ist es nicht das Bild von Juden als Intellektuellen, als Paragraphenreitern, als Verweigerer „ehrlicher“, körperlicher Arbeit, das hier tradiert wird? Es ist ein Vorurteil, ein Ressentiment – selbst, wenn es nicht negativ gemeint ist.

Ein wenig Palaver hier, ein wenig Palaver da. Schließlich wieder eine verpasste Gelegenheit, bei der Shapira seinen Gastgeber mal hätte kritisieren können. Nachdem Kollegah völlig begeistert schon ein Feature mit Kaufmann und Shapira plant, scherzt Shapira: „Bring deine Sonnenbrille lieber nicht mit“ (29:20). Das wäre eine Gelegenheit gewesen, Kollegah ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, wie er es mit seiner zur Schau gestellten Menschenfreundlichkeit wirklich hält. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, was das für eine scheiß Aktion war, einem alkoholisierten, offensichtlich eingeschüchterten Fan in den Bauch zu treten und ins Gesicht zu schlagen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, darauf hinzuweisen, dass Raptext und Wirklichkeit bei Kollegah anscheinend doch nicht so weit auseinander liegen, wie er so gerne betont. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, ob er auch seine Frauenfeindlichkeit und Homophobie so offen auslebt wie seine Gewaltbereitschaft. Aber Shapira reißt lieber einen halbgaren Witz und lässt die Sache auf sich beruhen. Ein Armutszeugnis.

Shapira startet dann nochmal einen Versuch, so langsam wieder über die „Doku“ von Kollegah zu reden. Er würde Kollegah gerne die israelische Seite zeigen, er, Shapira, dürfe zB. nicht nach Ramallah, denn die letzten Juden, die dort hineingingen, seien von einem Lynchmob ermordet worden (31:00). Kollegahs Antwort: Ja, aber beide Seiten. Und wer da im Recht sei, das könne man ja auch nicht sagen (31:40). Wie bitte? Wenn Juden von einer wütenden Meute in Stücke gerissen werden kann man nicht sagen, wer da im Recht und wer im Unrecht ist? Ahja. Alles klar. Vielleicht verbucht Kollegah antisemitische Lynchmobs ja genauso wie Raketenbeschuss auf jüdische Zivilisten unter „legitime Israelkritik“. Wundern würde es mich nicht.

Auch auf Shapiras Anmerkung, Israel habe den Gazastreifen geräumt und dort Millionen an Hilfsgeldern reingepumpt, mit dem einzigen Effekt, dass die Hamas Cocktails geschlürft und nebenbei Terrortunnel gegraben habe, antwortet Kollegah in terrorverharmlosender Manier. So ein Argument könne man sich ja hin und her werfen, das führe ja zu nichts, man könne ja nie sagen, wer jetzt mehr angestellt habe (32:40). Dabei sollte man eigentlich annehmen, die Sache, wer mehr angestellt habe, sei klar, wenn die eine Seite der anderen Millionen in den Arsch pumpt und diese Seite dies mit Terroranschlägen vergilt.

Was mir noch bei Shapira übel aufstößt, ist seine Äußerung über die israelischen Siedlungen – diese könnten mit keinem Argument gerechtfertigt werden (31:45). Ich probiers mal: No Nation no Border. Ups, das war einfach. Nächster Versuch: Juden dürfen ihre Häuser bauen wo sie wollen. Ganz passabel. Oder wie wäre es damit: Judäa und Samaria (das sog. „Westjordanland“) waren vor 1967 illegal von Jordanien annektiert und daher nie rechtmäßig Teil eines Staates. Sie gelten daher juristisch nicht als besetzte, sondern als umstrittene Gebiete. Bei denen greifen die diversen UN-Verordnungen, die die israelischen Siedlungen angeblich illegal machen, überhaupt nicht. Und wie wäre es mit diesem Zusatz: In Judäa und Samaria gilt (noch immer) das osmanische Recht, und nach diesem Recht sind die israelischen Siedlungen völlig legal.

Naja, das war ein kleiner Strauss voll Argumente. Ich will damit nicht behaupten, die israelischen Siedlungen seien wunderbar, ihr Bau verlaufe vollkommen problemlos in Niemandsland ab, und generell sei alles tutti – aber es ist schlicht absurd, zu behaupten, die Siedlungen seien durch nichts zu rechtfertigen. Es erinnert ein wenig an die ekelhafte Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis: Nur die Palästinenser dürfen auf diesem Land leben, denn nur sie wurden dort geboren! So hat man vielleicht vor 70 Jahren argumentiert, aber doch bitte nicht mehr heute. Und ist nicht die Forderung nach einem Siedlungsstopp, ja nach einem Rückbau der Siedlungen von Grund auf antisemitisch? Schließlich werden hier Häuser bauende Juden zu einem Hindernis für den Frieden erklärt. Aber warum dürften denn Juden nicht in einem zukünftigen palästinensischen Staat leben (wenn man schon voraussetzt, diese Gebiete sollten zu einem zukünftigen palästinensischen Staat gehören, was ja durchaus zu diskutieren wäre)? Warum sollten die Siedlungen nicht irgendwann Teil eines palästinensischen Staates sein? Warum soll dieses „Palästina“ denn ein ethnisch und religiös reines Gebilde sein? Niemand, der Recht bei Trost ist, sieht in der Anwesenheit von Juden ein Friedenshindernis. Und wer in ihnen ein Friedenshindernis sieht, der will keinen Frieden mit Juden, sondern einen Frieden von Juden. Und das ist antisemitisch.

Wo wir gerade beim Thema sind. Die Siedlungen findet natürlich auch Kollegah ganz schrecklich. Die Menschen in dem Flüchtlingslager bei Ramallah, das er besucht hat, die hätten wegen der Siedlungen ihre Heimat verloren, erzählt Kollegah (33:50). Aber Moment: Hatte nicht Kollegah noch in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen würden schon seit mehreren Generationen dort leben? Hat Kollegah nicht in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen seien 1948, im Rahmen des israelischen Unabhängigkeitskrieges, aus ihren Häusern vertrieben worden, und hätten noch Schlüssel für ihre ehemaligen Häuser – aber die Israelis ließen sie nicht zurück? Doch, genau das hatte Kollegah damals erzählt. Nun soll es plötzlich so gewesen sein, dass die Menschen von israelischen Siedlungen verdrängt wurden. Kollegah passt wohl seine Geschichte immer der momentanen Situation an. Je nachdem, was ihm argumentativ gerade besser in den Kram passt, wurden die Menschen durch den Krieg oder die Siedlungen vertrieben. Morgen wird es vielleicht das schlechte Wetter gewesen sein, und in einer Woche erzählt er uns vielleicht was von Gentrifizierung. Oder meint Kollegah etwa, Israel als Gesamtes sei eine illegale Siedlung? Das wäre freilich noch ekelhafter und noch eindeutiger antisemitisch.

Aber Kollegah wollte aus seiner „Doku“ ja kein riesen Politikum machen (34:00). Achso, und ich hatte mich schon gewundert, warum er Blumen am Grab des antisemitischen Terroristen Jassir Arafat niedergelegt hat. Das war wahrscheinlich, äh, Sightseeing. Und Moment, hatte Kollegah nicht noch zu Beginn des Gespräches darauf verwiesen, sein Gepose mit dem Raketen-Luftballon sei ein Statement gegen die israelische Politik gewesen? Ach ja – sowas passt Kollegah ja immer der momentanen Diskussionslage an. Wie mans gerade besser gebrauchen kann. Mensch, ist das praktisch.

Der übliche Kardinalsfehler in einer Diskussion um den Nahostkonflikt muss auch Shapira unterlaufen: Er bemängelt, im Nahostkonflikt werde man schnell einseitig, und alle würden einen auf eine Seite ziehen wollen. Man müsse aber neutral bleiben und sich nicht auf eine Seite schlagen (34:20). Shapira verwechselt hier Neutralität mit Äquidistanz. Äquidistanz bedeutet, zu beiden Seiten einen gleich großen Abstand einzuhalten, sodass man in der Mitte rumdümpelt und keiner Seite recht gibt. Neutralität bedeutet, die Sache objektiv zu betrachten. Betrachten wir den Nahostkonflikt aus dem Blickwinkel eines Äquidistanz wahrenden Menschen: Die Hamas fordert die weltweite Vernichtung aller Juden. Israel ist dagegen. Dieser Mensch würde verlangen, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen, also die Hälfte aller Juden weltweit getötet wird. Damit hätte er sich auf keine Seite geschlagen. Nun betrachten wir den Konflikt aus dem Blickwinkel eines neutralen Menschen: Er wird sagen, dass die Hamas vollkommen bescheuert ist und sich ihre Forderung gefälligst sonstwohin stecken soll. Er hat sich damit nicht einer Seite gegenüber unfair verhalten, sondern schlicht Vernunft walten lassen.

Es ist nicht Neutralität, sich im Nahostkonflikt auf keine Seite zu schlagen. Wer sagt, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen sollen, der ist für Judenmord. Und das ist nicht neutral – das ist barbarisch.

Also widmen wir uns dem nächsten Gesprächsabschnitt. Shapira behauptet, es sei unklug, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, denn jeder plumpe Antisemitismusvorwurf sorge dafür, dass „echter“ Antisemitismus nicht mehr ernst genommen werde (35:50). Das ist nun wirklich lächerlich. Zum einen sollte Shapira nicht darüber urteilen, ob es dumm ist oder nicht, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, wenn Shapira sich nicht mit dessen jüngsten antisemitischen Ergüssen auskennt (ich denke hier besonders an „Apokalypse„, „Hardcore“ und „Fokus„) – und wenn er sich doch damit auskennt, so ist er offensichtlich blind für Antisemitismus. Zum anderen ist es doch fatal, anzunehmen, der Vorwurf des Antisemitismus sei – denn das impliziert dieser Ausdruck – eine Waffe, mit der man Gegner niederstreckt. Dem ist nämlich keinesfalls so. Der Vorwurf des Antisemitismus ist keine Waffe, mit der man Gegner mundtot macht und für einen großen entsetzten Aufschrei sorgen will. Der Vorwurf des Antisemitismus sollte da angebracht werden, wo man ihn vermutet – und dann sollte der Vorwurf überprüft werden, sachlich und unaufgeregt. Wie man es mit jedem Vorwurf tun sollte.

Wer behauptet, der Vorwurf des Antisemitismus könne sich abstumpfen, der verkennt, dass es eine objektive Entscheidung ist, ob sich jemand antisemitisch äußert oder nicht. Und er verkennt, dass es keineswegs vom Gutdünken der Masse abhängen sollte, ob man jemanden einen Antisemiten nennt oder nicht. Wer soetwas sagt, nimmt selbst den Vorwurf des Antisemitismus nicht mehr ernst, schießt er sich doch auf den ein, der die Kritik geäußert hat, und nicht auf den, der kritisiert wurde.

Allerdings scheint Antisemitismus ja für Shapira generell nichts sonderlich Schlimmes zu sein, sagt er doch, es könne ja sein, dass Kollegah antisemitische Sachen mache, aber das wäre nicht schlimm, er, Shapira, mache das ja auch (36:20). So weit, so merkwürdig, so Antisemitismus bagatellisierend.

Noch merkwürdiger ist aber Kollegahs darauf folgendes Statement: „Ich als Mensch bin kein Antisemit“ (36:30) – also dieses Statement ist schon deshalb merkwürdig, weil es von einem Menschen kommt, der ständig Judenmord als Israelkritik verklärt. Zum anderen gibt Kollegah damit anscheinend zu, antisemitische Lines zu rappen, da er ja nur „als Mensch“ kein Antisemit sei, als Rapper aber schon (klingt komisch, ergibt für ihn aber anscheinend Sinn). Hier hätte man nun wieder ansetzen können, aber nein, Kaufmann muss ja mit ihrem peinlichen Statement bezüglich „jüdischer Anwälte“ in Richtung Zentralrat der Juden daher kommen (36:50).

Kaufmann behauptet in der Folge auch, der Zentralrat der Juden würde Konzerte verbieten, und was denn als nächstes käme (37:10). Shapira weist sie völlig zurecht daraufhin, der Zentralrat habe kein Konzert verboten, und Kollegah lamentiert sogleich, sie hätten aber Druck ausgeübt. Nun, wenn man Kritik äußern Druck ausüben nennt, dann ja: Der Zentralrat der Juden hat Druck ausgeübt. Ich finde es allerdings ziemlich erbärmlich, wenn Kritik derart tabuisiert wird. Wer Kritik wegen ihres kritischen Gehaltes verunglimpft, der ist totalitär, denn er lässt keinen Widerspruch gegen seine Äußerungen zu. Kollegah ist es, der hier Menschen Äußerungen verbieten will, nicht anders herum. Denn Kritik darf jeder äußern, ob es Kollegah nun passt, oder nicht.

Leider (oder zum Glück?) fällt Shapira Kaufmann ins Wort, weshalb sie nicht ganz zu Ende sprechen kann. So wird es nicht klar, was genau Kaufmann mit diesem Satz eigentlich sagen wollte: „Ja, aber in Deutschland sind wir in einem Land, das nach Holocaust [sic] vom Zentralrat einfach mal … [unverständlich]“ (37:20). Es gruselt mir ein wenig bei den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen Kaufmann diesen Satz womöglich zu Ende bringen wollte.

Hier ist dann auch die Sequenz, in der Shapira bekräftigt, seiner Ansicht nach kein Jude zu sein, und Kaufmann und Shapira einhellig sagen, sie fänden es blöd, vom Zentralrat der Juden repräsentiert zu werden. Einen großen Auftritt hat nun Koree: In seinen Sessel gefläzt gibt er süffisant zu Protokoll: „Das finde ich ist die erste schöne Einsicht aus diesem Gespräch.“ (37:40) Die Selbstzufriedenheit, mit der Koree sich in der Gewissheit räkelt, seine Alibi-Juden gefunden zu haben, die es ihm ermöglichen, in Zukunft guten Gewissens gegen den Zentralrat der Juden stänkern zu können, ließ mich das Video an dieser Stelle beinahe abbrechen. Noch schlimmer ist, dass Shapira und Kaufmann augenscheinlich noch immer nicht verstehen, zu welchem Zweck sie eingeladen wurden: Nämlich zu dem, einer Bande von Antisemiten einen Persilschein auszustellen. Sie werden nicht als Menschen begriffen, sondern als Argument, mit dem man sich zukünftig gegen jedweden Antisemitismusvorwurf, und sei er noch so treffend, immunisieren kann.

Darüber hinaus verrät Koree mit diesem Satz noch mehr: Es sei nämlich „die erste“ Einsicht – demzufolge hat sich sein Denken über den Antisemitismusvorwurf in keiner Weise gewandelt. Es geht ihm keinesfalls um eine ergebnisoffene Debatte, sondern er will, dass die beiden vielleicht-nicht-ganz-aber-passt-schon-Juden einknicken und ihm seinen Persilschein ausstellen, nichts sonst.

Shapira kapituliert nun völlig. Kollegah dürfe es ruhig weiterhin cool finden, Raketenluftballons zu kaufen, auch wenn er, Shapira, das nicht tun würde (39:50). Was ist das anderes als ein: „Ja, dann sei halt ein Antisemit, solange du nicht von mir verlangst, auch einer zu sein“? Und nein: Niemand sollte es cool finden, Raketenluftballons zu kaufen und damit vor israelischen Wachtürmen rumzuposen. Denn das ist nicht nur gewaltverherrlichend, wie Shapira irrtümlich annimmt – es ist auch antisemitisch, und ruft zu antisemitischer Gewalt auf. Wer so etwas cool findet, mit dem sollte man sich nicht in einem Raum aufhalten. Und gewiss erst Recht nicht ganze 50 Minuten lang.

Was nun kommt, ist so absurd, es ist schon beinahe lustig. Die Fronten wechseln nun nämlich komplett. Während zuvor Shapira und Kaufmann recht schüchtern die Ansicht vertraten, Antisemitismus sei halt irgendwie doch nicht so cool, und man müsse ja darauf achten, wie sowas bei den Fans ankomme, gerät nun Shapira in die Defensive und muss sich für Witze über Minderheiten rechtfertigen. Und während Kollegah und Konsorten zuvor noch sagten, jede Minderheit habe ein Recht darauf, diskriminiert zu werden, erklären sie nun nachdrücklich, über Muslime dürfe man sich aber nicht lustig machen. Man könnte lachen, würde man nicht permanent kotzen.

Beginnen tut dieses Trauerspiel mit Kollegahs Erklärung, es sei nicht cool, Muslime zu beleidigen, und er hätte ja Respekt vor dem Glauben von Menschen (40:15). Nun frage ich mich wirklich, warum Kollegah etwas so Unsinniges wie religiöse Gefühle wichtiger ist als die körperliche Unversehrheit von Menschen – als das Leben von Menschen. Warum ist es nach Kollegahs Ansicht ok, Judenmord zu propagieren (Raketenluftballon), aber nicht ok, sich über eine Religion lustig zu machen? Ist es nicht pervers, den Glauben an einen imaginären Wolkenrüttler als wichtiger denn das menschliche Leben einzuschätzen? Es ist total absurd, vor der Würde des Menschen keinen Respekt zu haben, sich über Minderheiten lustig zu machen, sie zu verunglimpfen, antisemitische Stereotype zu reproduzieren – und die religiösen Gefühle von Menschen dann plötzlich zum unantastbaren, höchsten Gut zu verklären. Gerade anders herum ist es: Sich über Minderheiten, sich über Menschen lustig machen ist scheiße – sich über die Götter lustig machen, die diese Menschen sich ausgedacht haben, ist ok.

Aber Kollegah ist hier ja plötzlich der Vernünftige, derjenige, der darauf achtet, keine Gefühle zu verletzen. Und so erklärt er dann, auch im Rap gebe es ja Grenzen, und er würde viele Sachen nicht rappen (40:30). An der Stelle möchte ich mal ganz direkt Kollegah fragen: Warum findest du es ok, wenn Favorite auf deinem Track, auf deinem Album rappt: „Ich leih dir Geld doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“? Wird da deine Grenze noch nicht überschritten? Und warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du rappst: „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du, unterlegt mit Bildern vom israelischen Sicherheitszaun, rappst: „Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle/ Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen„? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du im selben Track kurz darauf rappst: „Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht/ Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem“? Weißt du nicht, dass genau das antisemitische Stereotype sind? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du über an Naziflaggen erinnernenden Fahnen stehst, die geballte rechte Faust in den Himmel reckst und „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“ rappst? Deine Grenzen sind offenbar noch fließender als die von Gondor.

Shapira jedenfalls steuert hilflos bei, es lege ja jeder für sich selbst die Grenzen fest, Kollegah stimmt zu, und man wartet schon einen innigen Zungenkuss zwischen den beiden, da ruiniert Ali As die romantische Stimmung, indem er kritisch nachfragt, was denn sei, wenn man die Grenzen des anderen überschreite. Shapira ist immerhin nicht dement und wendet ein, man hätte sich doch vorher darauf geeinigt, jede Minderheit müsse diskriminiert werden (41:00). Ali As rettet sich damit, es komme darauf an, in was für einem Rahmen dies geschehe – womit er offensichtlich meint: Juden diskriminieren ok, Muslime diskriminieren nicht ok. Kollegah formuliert das so: „Wenns irgendwann geschmacklos wird hat das nichts mehr mit Humor zu tun.“ Nun bin ich ein wenig verblüfft. Was hat denn die Line „Hure eines und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ mit Humor zu tun? Warum genau ist das nicht geschmacklos? Was haben diese Lines aus „AKs im Wandschrank“ mit Humor zu tun: „Ich halte die Gun auf dein‘ Vater – Frrr/ Halte die Gun auf deine Mama – Frrr/ Halte die Gun in dein Face, Bitch – Frrr/ Kugeln aus der AK, Bitch – Frrr“? Was hat das mit Humor zu tun? Das sind doch einfach nur stumpfe Gewaltfantasien, oder habe ich da die großartige Pointe verpasst?

Nun fährt Kollegah mit seinem sinnlosen Salbader fort. Wenn Mohammed karikiert werde, rege ihn persönlich das nicht auf, aber es würde eben zu Hass aufstacheln, sagt er in bester Jürgen Todenhöfer-Manier (41:30). Mit ein bisschen Rücksicht ließen sich viele Konflikte vermeiden, so Kollegah. Ah ja. Das heißt, wenn Juden anfangen würden, wegen der antisemitischen Lines von Kollegah Terroranschläge zu verüben, dann würde er es sein lassen, sonst nicht? Und man soll vor bescheuerten Islamisten buckeln, die nicht auf Mohammed-Karikaturen klar kommen? Kleine Lektion für Kollegah: Wenn ein Mensch einen Terroranschlag begeht, weil sein Wicht von „Prophet“ beleidigt wurde, dann ist dieser Mensch ein erbärmliches Arschloch und trägt ganz alleine die Verantwortung für seine abscheuliche Tat. Und vorgehen sollte man gegen genau diese Arschlöcher, nicht gegen die Leute, die sich über deren Propheten lustig machen.

Und Moment – war es nicht Kollegah gewesen, der sich darüber beschwert hatte, diese Juden würden sich immer gleich in die Opferrolle begeben? Und nun lamentiert er wegen Mohammed-Karikaturen. Eine Frage – wann ist die jüdische Gemeinschaft das letzte Mal vollkommen ausgetickt, als jemand eine JAHWE-Karikatur gemacht hat? Charlie Hebdo hat ziemlich widerliche Karikaturen gemacht, nicht nur über den Islam, nein, auch über das Judentum (und das zum Teil mit eindeutig antisemitischen Stereotypen) und über das Christentum. Sind es nicht einzig die muslimischen Gemeinschaften, die sich über Karikaturen über ihre imaginären Freunde aufregen? Wer begibt sich hier in eine Opferrolle?

Und noch ein Moment – auf Mohammed-Karikaturen sollte man verzichten, weil das zu Hass aufstacheln würde. Aber mit einem Raketenluftballon vor israelischen Wachposten rumposen – das stachelt nicht zu Hass auf? Irgendwo in Kollegahs Kopf muss was falsch verdrahtet sein.

Bei Ali As auch. Der bringt nämlich das beste Argument, warum Kollegah (und er selbst auch) einfach aufhören sollte zu rappen. Denn: wenn man sich nicht sicher sei, wie und ob jemand die Äußerungen, die man von sich gebe, verstehe, sollte man aufpassen was man sage, und nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen (42:30). Naja, genau das ist doch der Punkt. Genau das kritisiert Shapira doch hier und da mal wieder: Dass Kollegah sich eben nicht sicher sein kann, wie seine Fans seine Tracks verstehen. Aber gut, bei Ali As sind eh Hopfen und Malz verloren.

Schließlich ist das der Typ, der ein paar Minuten später sagt, Homophobie, Misogynie und Antisemitismus seien „Gewürze“ in der „Suppe“ Rap (45:00), und man könne ja der Ansicht sein, diese Gewürze seien giftig, aber Arsen in kleinen Mengen habe ja noch keinen umgebracht (45:45). Ach so – das heißt, solange man Juden nicht gleich umbringt, ist Antisemitismus in Ordnung? Solange keine Konzentrationslager gebaut werden, gibt es nichts zu beanstanden? Ich verrate dir mal ein Geheimnis, Ali As: Wegen Homophobie und Antisemitismus wurden in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit verdammt viele Menschen abgeschlachtet. Und wegen Misogynie gibt es im muslimisch-arabischen Raum Frauen, die gesteinigt werden, als Strafe dafür, vergewaltigt worden zu sein. Also doch, Ali As, all diese „Gewürze“ haben schon Millionen von Menschen umgebracht.

Aber es geht dir ja um die geringen Mengen. Ja sicher – dass es mit der Zeit immer mehr und immer mehr Drogen braucht, um die vom Körper aufgebaute Toleranz zu überbieten, ist dir wohl fremd. Und dass antisemitische, misogyne, homophobe etc. Sprachstrukturen dafür sorgen, gesellschaftliche Missstände zu verfestigen, ist dir wohl ebenfalls fremd. Dass es immer mit den geringen Mengen anfängt, das ist dir wohl fremd.

Und nun können wir uns auch endlich dem Happy End widmen. Nachdem man nämlich festgehalten hat, Antisemitismus sei ja nur ein leckeres Gewürz, bringt Kaufmann noch die alte Rapper Weisheit: Die Mutter beleidigen geht gar nicht. Da ist Kollegah natürlich als echter Ehrenmann voll dabei: „Die Mutter ist das Heiligste, definitiv.“ (46:20) Ah, deshalb hat Kollegah Fler in „Fanpost 2“ ständig als „Hurensohn“, „Hundesohn“ und „Bastard“ bezeichnet – weil er so viel Respekt vor Müttern hat. Aber das Stückchen Rapper Klaumauk, auf das sich immer alle einigen können, darf halt nicht fehlen.

Ich sage es mal so: Dieses Gespräch war eine einzige Farce. Warum genau Kaufmann anwesend war, weiß ich nicht, wenn sie 1. sich selbst nicht als Jüdin sieht, 2. Kollegah nicht als Antisemiten sieht und 3. die „Doku“ nicht gesehen hat. Warum Shapira lieber hier und da einen halbgaren Witz reißt, anstatt Kollegah hart anzugehen, ist mir ein Rätsel. Weshalb der blasierte „IQ-Rassist“ Ali As anwesend ist, verstehe ich nicht – vielleicht wurde er ja eingeladen, damit jemand noch dümmeren Müll verzapft als Kollegah. Warum der selbstzufriedene Koree da rumsitzt und seine überheblichen Kommentare einstreuen muss, ist mir rätselhaft. Warum eine Handvoll Bodybuilder während dieses Gespräches anwesend sein muss, wenn nicht, um Leute einzuschüchtern, lässt mich ratlos zurück. Warum nicht alle im Strahl kotzen müssen, wenn Kollegah darüber sinniert, die Juden müssten sich eben mal richtig integrieren und nicht immer in eine Opferrolle schlüpfen, verwundert mich.

Warum ich mir das angetan habe, frage ich mich jetzt. Und das wird wohl nicht die einzige Frage sein, die unbeantwortet bleiben wird.

Und immer wieder Kollegah

Nicht lange ist es her, da wurde ein Auftritt Kollegahs in Rüsselsheim abgesagt, weil man gemerkt hatte, dass ein frauen-, schwulen- und judenfeindlicher Rapper auf einem Konzert für Toleranz nicht ganz so gut kommt. Eine interessante Fußnote in Bezug auf die deutsche Rapszene bleibt, dass viele Hip-Hop-Medien die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs nicht einmal für erwähnenswert befanden, und stattdessen nur über den Vorwurf des Antisemitismus berichteten. Der arme Kollegah war sich natürlich keiner Schuld bewusst, und das Trauma, dass er durch diese unerquickliche Angelegenheit erlitten haben muss, scheint er nun auf einem neuen Track verarbeiten zu wollen.

Legacy“ heißt dieser Track, wo er ab 5:58 rappt:

Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe

In deren Heimat es aussieht wie in Vietnamkrieggebieten

Ich kritisier das Siedlungsprojekt, kritisier die Milizen

Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess

Also jammert ma nicht rum, ihr seht den Kamerablickpunkt

Kid, ich war da mit meiner Mannschaft von der Anpackerstiftung

Das war ne Anfangsentwicklung, statt zu labern, fangt an, nehmt’s in die Hand man

Lenkt das ganze langsam in ne andere Richtung

Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem

Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr

Sagt mein Konzert ab, weil ihr kein Plan von der Kunstform habt

Digga, Battlerap ist wie deine Blowjobskills – ne Mundsportart

Fühl dich kompetent und wichtig, doch sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig

Kid, du weißt vom Genre Rap hier nichts, Bitch

Journalistensnitch, ich piss auf dich, wenn ich dich in die Knie zwing

Kriegst du Pickind Goldenshower wie der Bruder von Khaleesi

Ey, der Big Boss, der den Rauch auspustet

Und Staiger so in Bauch haut, dass er seine Niere durch sein Maul raushustet

Interessant ist nur zuallererst Folgendes: Damals, als der offene Brief der jüdischen Organisationen erschien, schrieb Kollegah in einem Statement auf Facebook:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Schon damals war klar, dass er eben doch genau diesen Zusammenhang herstellt – und nun gibt er es auch offen zu. „Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe“, behauptet er völlig faktenwidrig – denn de facto hat ihn wegen dieser Aktion ja niemand einen Antisemiten genannt (obwohl man sogar Grund dazu gehabt hätte). Es war die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“, die Stein des Anstoßes war. Kollegah also fantasiert sofort einen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt her und plustert sich selbst zum Tabubrecher auf – ein beliebtes Topos antisemitischer Israelkritiker.

Und heute behauptet er ja nicht einmal, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Israel dämonisiert. Nein, er behauptet, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Palästinensern hilft. Das ist total absurd, und zeigt, dass für Kollegah Juden äußerst missgünstige Leute sind, die ihrem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot gönnen.

Schon beim ersten Hören des Tracks fragte ich mich übrigens, wie Kollegah darauf kommt, in Palästina – konkreter: in der Nähe von Ramallah – sehe es aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Wäre es wenigstens in Gaza gewesen, ok, da gibt es in der Tat zerstörte Häuser. Wessen Schuld das ist wäre dann ein eigenes Thema. Aber in der Nähe von Ramallah sieht es doch nicht aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Der Mann hat entweder keine Ahnung, wovon er spricht – was unwahrscheinlich ist, immerhin war er ja selber vor Ort – oder er lügt und hat Freude daran, Israel zu dämonisieren. Wer worauf tippt, das ist jedem selbst überlassen.

Eine weitere Frage stellte sich mir sofort danach: Was meint Kollegah genau mit dem „Siedlungsprojekt“? Meint er damit Israel? Schließlich gibt es Rapper, die allen Ernstes Israel als „Kolonie der Vampire“ bezeichnen, wie es generell unter Antisemiten nicht unüblich ist, Israel als westliche Kolonie zu bezeichnen. Oder meint Kollegah vielleicht doch nur die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria? Es ist nicht zweifelsfrei klar, man wird ihn nicht auf die erstere, zweifelsfrei antisemitische Aussage festnageln können – und genau das ist das Kalkül, wie man annehmen kann. Es ist die selbe Taktik, die auch die AfD anwendet. Provokante, menschenverachtende Aussagen tätigen, und sich nachher darauf zurückziehen, das sei ja gar nicht so gemeint gewesen, und wer sei denn bitte Boateng. Eine widerliche Taktik – aber anscheinend sind sehr viele Menschen sehr dumm, und darum funktioniert sie so gut.

Die Fragen hören nicht auf: Welche Milizien kritisiert Kollegah? Damit kann fast alles gemeint sein. Die IS-Milizen, die Hamas-Milizen, die Hizbollah-Milizen – oder das israelische Heer, denn selbst könnte man als „Miliz“ bezeichnen. Man kann fast jede bewaffnete Organisation als „Miliz“ bezeichnen. Was Kollegah mit dieser unfassbar schwammigen Aussage also tatsächlich sagen will, kann nicht einmal erahnt werden. Kritisiert er Islamisten? Oder doch Israel? Und bevor jetzt jemand mein obiges Urteil auf mich zurückwerfen will: Das ist ein völlig anders gelagerter Fall, schließlich gibt es hier eine Milliarde Deutungsmöglichkeiten, die alle Sinn ergeben würden, und es ist nicht ersichtlich, welche am ehesten in Frage käme. Aber wer Kollegah hier eine böse Absicht unterstellt, dem werde ich sicher nicht widersprechen.

Die Line „Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess“ vereint zwei interessante Elemente und macht eines klar: „Befriedung“, das ist für Kollegah das Verschwinden von Juden. Oder meint er mit „Free Palestine“ die Befreiung von den Islamofaschisten der Hamas und den Kleptokraten der PA? Nein, wohl eher Israel, denn die Juden müssen ja immer an allem Schuld und ergo das einzige Problem sein. Und hui, er ist für „den Befriedungsprozess“ – ja, wer genau ist denn bitte gegen Frieden? Wer weiterdenkt, wird ahnen, worauf Kollegah hinaus will … und wie groß dieses „Palästina“ ist, das er sich vorstellt.

Wer übrigens gegen die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria ist, und sich gleichzeitig für „den Befriedungsprozess“ ausspricht, der macht klar, was für ihn Frieden bedeutet: Die Abwesenheit von Juden. Nicht Frieden mit Juden, sondern Frieden von Juden. Oder was ist das Problem daran, wenn Juden in Judäa und Samaria leben? Warum genau soll das schlecht sein? Menschen, die aus der Anwesenheit von Juden ein Problem machen, sind Antisemiten, und gegen die sollte man vorgehen, nicht gegen die Juden.

Kleines Rätselraten für zwischendurch: Wenn Kollegah seinen „Hatern“ vorwirft, neidisch auf sein Geld zu sein, welches antisemitische Stereotyp bedient er? Vielleicht als Hinweis nochmal die konkrete Line: „Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem/ Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr“. Auflösung am Ende, es gibt ein Gewinnspiel!*

Natürlich beklagt Kollegah sich auch über das abgesagte Konzert. Wobei hier bemerkenswert ist: er behauptet nicht, man würde ihn boykottieren, sondern spricht wahrheitsgemäß nur von der Absage dieses einen Konzertes – womit er deutschen Hip-Hop-Medien schon einmal einiges voraus hat. Die Begründung, warum die Absage doof gewesen sei, lässt allerdings zu wünschen übrig: man hätte ja die Kunstform nicht verstanden, das sei doch Battlerap – als würde dies den frauen-, schwulen- und judenfeindlichen Inhalt der Lieder irgendwie rechtfertigen. Und ja, mit der Line „sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig“ hat er einen oberflächlichen Treffer gelandet, denn der Fauxpass mit dem falsch zugeordneten Zitat war wirklich ein wenig peinlich – aber Kollegah ignoriert, dass er eben auch für Lines anderer Rapper in moralische Haftung genommen werden muss, wenn diese auf seinem Track, auf seinem Album antisemitische Scheiße rappen. Eine inhaltliche Distanzierung Kollegahs von Antisemitismus findet hier überhaupt nicht statt – es wird lediglich ein Formfehler kritisiert.

Die anschließenden Gewaltfantasien gegen Journalisten (der Kram mit dem Anpissen – man, Kollegah hat einen seltsamen Fetisch!) lassen dann Kollegahs faschistoide Züge erkennen – wer eine andere Meinung hat, der gehört gedemütigt, dem wird Gewalt angetan, oder, wie es Richtung Staiger heißt – da dieser die Dreistigkeit besaß, Kollegahs „Doku“ zu kritisieren -, dem wird in den Bauch geschlagen, „dass er seine Niere durch sein Maul raushustet“.

Und wer seinen Kritikern derart mit Gewalt droht, der kann es sich auch leisten, sich durch eine etwas verunglückte Line selbst zu beleidigen – „Ich bin dein Papa, du Hund“, rappt Kollegah gegen Sun Diego. Da hat wohl jemand nicht zu Ende gedacht. Achso: Und „Khaleesi“ ist keinesfalls ein Eigenname, sondern der Titel von Daenerys Targaryen.

Letztlich ist man nach diesem Track genau so schlau wie vorher: Kollegah mag Juden nicht so sehr, steht nicht so auf Demokratie, aber kann ganz passabel reimen. Im Rap nichts Neues.

*Sorry, war nur ein Spaß. 😦

Banksys Antisemitismus

„Ich finde Banksy scheiße“ rappte Danger Dan auf „Ibiza“, und ich kann mich ihm nur anschließen. Banksy, das ist dieser britische Graffiti-Künstler, relativ bekannt, hat etwa „Dismaland“ gestaltet.

Oh, apropos, eine kleine Anekdote dazu: In „Dismaland“ wurden die Kunstwerke von Israelis und Palästinensern Seite an Seite ausgestellt. Der palästinensische Künstler Shadi Alzaqzouq fand das nicht ganz so cool – er forderte, Israel zu boykottieren, und startete eine peinliche Aktion, indem er sich vor seinem Kunstwerk auf den Boden warf und sich tot stellte.

Dies ist eigentlich der Nahostkonflikt in einer einzigen Andekdote: Die (meisten) Israelis wollen Seite an Seite mit den Palästinensern in Frieden leben – die (meisten) Palästinenser wollen, dass die Juden verschwinden. In Banksys Gehirn konnte dies aber nicht vordringen – für ihn ist, natürlich, Israel an allem Schuld.

Im Jahr 2015 veröffentlichte Banksy eine kleine „Mini-Dokumentation“ über Gaza. Darin betritt er Gaza über einen der Schmuggler-/Terrortunnel der Hamas – nur um später scheinheilig zu fragen, warum es denn keinen Beton für Häuser gebe. Kein Witz. Ebenfalls behauptet Banksy in diesem Video, Israel habe nach dem Gazakrieg 2014 kein Beton in den Gazastreifen einführen lassen – was schlicht eine dreiste Lüge ist. Aber wenn es um das Dämonisieren Israels geht, kennt Banksy keine Hemmungen mehr. Ironisch bezeichnet er die Israelis als „friendly neighbours“, gefolgt von dem Schriftzug: „In 2014 Operation Protective Edge destroyed 18,000 homes“. Hier werden also die Israelis homogenisiert, zu einem Kollektiv verschmolzen, jeder Israeli denkt genau dasselbe – und die Israelis als Kollektiv hätten die Zerstörung des Gazastreifens auf dem Gewissen. Aus purer Freude, das legt Banksy nahe, hätten sie dies getan. Der Beschuss Israels durch die Hamas findet keine Erwähnung, generell scheint es für Banksy die Hamas gar nicht zu geben (außer, wenn er ihre Terrortunnel nutzt), er suggeriert, der kollektive Jude Israel hätte Gaza aus reiner Böswilligkeit in Schutt und Asche gelegt. Und natürlich darf am Ende des Videos ein theatralisches „denkt an die Kinder“ nicht fehlen.

Banksys Fans feiern ihn dafür. Denn wie sie in den Kommentaren kund tun, wissen sie eines: Israel und die USA sind die größte Bedrohung für menschliche Leben auf der ganzen Welt!

Banksy Kommentare.png

Ein anderer freut sich darüber, dass seine Nachbarn nicht jüdisch, bzw.“nicht solche Arschlöcher sind“. Auch die paranoiden Leute, die hinter jedem kritischen Kommentaren einen Mossad-Agenten und/oder israelischen Textbot vermuten, dürfen nicht fehlen, ebensowenig wie der Vorwurf des Kindermordes (aka Ritualmordlegende 2.0).

Banksy dürfte also zufrieden sein, denn was sonst wollte er mit diesem Video erreichen, als Antisemitismus zu verbreiten?

Nun hat Banksy wieder ein neues Projekt. Eines, das nicht nur Kunst ist, sondern ihm auch ordentlich Geld in die Kassen spülen soll – ein Hotel. „Banksy ist zurück und eröffnet das einzigartige ‚Walled Off Hotel‘ in Palästina„, titelt hiphop.de. In diesem Hotel sind allerlei Kunstwerke, es ist quasi ein Museum, in dem man schlafen kann. Vom Hotel aus ist der israelische Sicherheitszaun zu sehen, und ihm ist das Hotel auch gewidmet – es ist letzendlich nichts anderes als klug vermarkteter Antisemitismus. Doch natürlich versucht Banksy sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus gleich vorweg zu immunisieren, indem er auf seiner Homepage schreibt, das Projekt sei nicht antisemitisch, und „[w]e offer an especially warm welcome to young Israelis.“ Diese Extrawerbung in Richtung junger Israelis und die Schlagzeile von hiphop.de leiten uns in eine interessante Richtung, doch bevor ich verrate, worauf ich hinaus will, hier noch ein kleines Puzzlestück: Auf seiner Homepage schreibt Banksy auch:

You don’t need a visa to enter Israel as a tourist and you can stay for up to 3 months. Visitors entering via Tel Aviv airport are given an entry card in their passport. So, unlike the locals, you’ll be permitted to travel wherever you wish.

Airport security at Tel Aviv, however, is legendary. Expect to be asked about the purpose of your stay and if you intend travelling to the West Bank. If you answer ‚yes‘ you may be held up for some time, consequently many visitors choose not to highlight that particular part of their holiday.

Die lokal Ansässigen dürfen also nicht reisen, wohin sie wollen. Und zwar, das suggeriert Banksy hier, weil sie dafür keine Genehmigung der Israelis bekommen. Und natürlich muss auch die israelische Security sarkastisch als „legendär“ bezeichnet werden, um ihre herausragende Bösartigkeit herauszustreichen.

So, nun haben wir also dieses Hotel, das in „Palästina“ steht, und in das nicht nur Palästinenser und Touristen aus aller Welt, sondern auch gerne Israelis kommen sollen. Und wir wissen, dass Banksy die Mauer und Reiserestriktionen sehr sehr blöd findet. Jetzt kommt der Witz:

Das palästensische Gesetz verbietet es jüdischen Israelis, Betlehem zu betreten. Daher liegt das Hotel leicht außerhalb Betlehems (nicht in Betlehem, wie einige Zeitungen irrtümlich behaupten – hiphop.de hat diesen Fauxpass durch die Formulierung „in Palästina“ vermieden). Banksy also, im vollen Bewusstsein, dass die Palästinensische Autonomiebehörde aus antisemitischen Beweggründen heraus Juden die Einreise in bestimmte Gebiete untersagt*, klagt Israel wegen angeblich rassistischer Reisebeschränkungen an. Und damit es keinem auffällt, legt er sein Hotel gerade so knapp außerhalb Betlehems an, dass Juden es noch gerade so betreten dürfen.

Denn natürlich weiß Banksy: Israel MUSS an allem schuld sein.

Ein Mensch, der ganz „Palästina“ (nur Gaza war ihm wohl zu langweilig) als „world’s largest open prison“ bezeichnet, glaubt natürlich auch zu wissen, dass Israel nicht nur generell an allem schuld ist, sondern natürlich das absolute Böse, das non-plus-ultra des Bösen ist. Böser geht es gar nicht mehr! Nichts ist so schlimm wie Israel, und so muss ein Raum im Hotel, von dem aus man geradewegs auf den israelischen Sicherheitszaun blickt, „Worst view in the world“ heißen.

*EDIT: Zudem liegt das Hotel so in einem Bereich, in dem Israel für die Wahrung der öffentlichen Ordnung verantwortlich ist – Banksy erkennt also auch, dass Israel, anders als die PA, für Sicherheit sorgen kann.

#ProudToBeInfluencer

Die Youtuber haben es schon lange erkannt: Heutzutage reicht es nicht mehr, einfach nur Kunst zu machen, um Geld zu verdienen, insbesondere, wenn man künstlerisch absolut unbegabt ist und am liebsten einfach nur Geld scheißen würde, ohne etwas dafür zu tun. Daher werden sie zu Werbefiguren. Sie halten Produkte in die Kamera und werden dafür bezahlt, sie packen Affiliate-Links in die Videobeschreibung, und sie verkaufen Werbung auf ihren Social-Media-Plattformen. Um dem Klickvieh den Blick darauf zu verstellen, dass das de facto nichts anderes ist als Werbung, nennen sie sich „Influencer“ – ein auch nicht sonderlich schöner Ausdruck, aber welches durchschnittliche zwölfjährige Kind kann schon vernünftiges Englisch?

Aber ich will hier ja gar nicht über Youtuber lästern, sondern über einen Rapper. Majoes Promophase ist vorbei, sein Album draußen, und die letzten paar Singleauskopplungen seines Albums werden mit Videos versehen auf Youtube hochgeladen. Eines dieser Musikvideos heißt wie folgt: „Majoe & McFIT present XWENN DIE SONNE AUFGEHTX[ official Video ] #ProudToBeMcFIT

Wie gesagt, es handelt sich um ein Musikvideo, und dieser Fakt alleine lässt den Titel schon absurd wirken. Es scheint ja fast, als hätte Majoe hier ein Feature vom Rapper McFIT bekommen, steht der Name des Rappers und eventueller Featuregäste bei Rapvideos doch immer an genau der Stelle, wo bei diesem Video „Majoe & McFIT“ steht. Aber nein, McFIT ist kein Rapper, sondern eine Firma, und ein Feature mit einer Firma wäre ja doch sehr seltsam. McFIT hat Majoe anscheinend schlicht und ergreifend dafür bezahlt, im Videotitel zu stehen. Der peinliche Hashtag „#ProudToBeMcFIT“ am Ende des Videotitels macht die Sache nicht besser, sondern nur noch lächerlicher.

Würde McFIT in dem Video wenigstens irgendeine Rolle spielen, könnte ich die Sache ja verstehen. Hätte Majoe in einem Fitnesscenter gedreht, oder wenigstens darüber gerappt was für krasse Muskeln er hat – dann hätte die Sache ja noch irgendwie Sinn ergeben. Das hätte man mit McFIT in Verbindung bringen können, und es wäre nicht mehr so absurd, dass McFIT im Videotitel steht. Aber nein, der Song ist nur der durchschnittliche Motivationstrack, der auf keinem Mainstream-Rap-Album fehlen darf. Es besteht absolut kein Bezug zu McFIT. Außer einer guten Bezahlung für die Werbung, versteht sich.

Wie er generell so zu Werbung und dem Job als „Influencer“ steht, verrät Majoe im Interview mit BMTV Urban. Auf die Frage, ob er es gut fände, dass Rapper zunehmend durch Werbung Geld verdienen können (ab ca. 1:30), antwortet Majoe:

Ja, auf jeden Fall. Also ich glaub auch, dass wir ne riesen Vorbildfunktion für die Jugend haben. Und das ist ja dann auch für die Fans super natürlich, ihr Vorbild, sag ich mal, als Gesicht von McFIT oder einfach nur in ner Fernsehwerbung oder in ner Kooperation in nem Musikvideo zu sehen.

Majoe ist also der Meinung, er würde seinen Fans einen Dienst erweisen, indem er in den Videotitel „McFIT“ und einen peinlichen Werbehashtag schreibt. Was genau seine Fans nun davon haben verrät er nicht so genau. Vermutlich dürfen sie stolz darauf sein, dass ihr Vorbild doch tatsächlich für Werbung bezahlt wird.

Seine Antwort verrät allerdings noch viel mehr: Er nutzt seine Fans aus. Er ist sich über seine Vorbildfunktion für die Kinder, die seine Musik hören, durchaus im Klaren, und setzt dies gezielt ein, um als „Influencer“ tätig zu werden und ordentlich Geld zu scheffeln. Anstatt seinen Fans vernünftige Werte zu vermitteln, funktioniert er sie lieber zu Gelddruckmaschinen um. Und seine Fans sollen ihm auch noch dankbar sein dafür. So funktioniert Rap heute.

Gibt es noch etwas Interessantes zum Song selbst zu sagen? Eigentlich nicht. Wie gesagt, es ist der Standard „oh-ich-brauch-noch-was-Deepes-damit-sich-das-Album-besser-verkauft“-Song. Rein handwerklich nicht schlecht gemacht, die E-Gitarrenelemente täuschen ein wenig über die Durchschnittlichkeit hinweg, die Reime sind solide – nur der Inhalt, oh, der Inhalt. Eine Line war ganz gut: „Auf grader Strecke um die Welt, doch wir drehen uns im Kreis“. Warum genau wir uns nun auf gerader Strecke um die Welt bewegen ist nicht ganz ersichtlich, wodurch die Line natürlich etwas zusammenhanglos ist und schwächer ist, als sie es verdient hätte. Aber das Wortspiel mit der geraden Strecke, trotz derer wir uns im Kreis drehen, hat was. Wäre die Line besser in den Kontext eingearbeitet, könnte ich sie wirklich feiern. So viel zu den guten Lines in diesem Lied. Der Rest ist Einheitsbrei. Verlorene Liebe, der doofe Chef – worüber man sich eben so auslässt, wenn einem sonst nichts besseres einfällt.

Unschöne Elemente, die wohl Produkt eines bedenklichen Weltbildes sind, finden sich allerdings auch. So ist der Ausbruch aus der Bedrückung und Niedergeschlagenheit im Video durch Gewalt gekennzeichnet. Begleitet von lauten Drumms und dem aggressiven Geschrebbel der E-Gitarren haben die Darsteller im Video auf einmal riesige Hämmer in ihren Händen. Ein Hammerkopf wird auf den Boden gestampft, das Bild wackelt. Manisch brüllende Menschen werden gezeigt, sie prügeln mit den riesigen Hämmern auf eine Steinwand ein. Der Weg aus der Bedrückung wird so unnötig brutalisiert. Nicht das Schöne, das Hoffnungsvolle wird in den Fokus gerückt, sondern Wut, Zerstörung und animalische Triebe. In den Lyrics findet sich dieses brutalisierende Element ebenfalls, wenn deutlich reduzierter. In der Line „zu jedem Sieg gehört ein Kampf“ spiegelt sich das Denken in Gewaltakten wieder, wird doch hier behauptet, jedes Erfolgserlebnis komme nur durch das Unterdrücken anderer Menschen zustande. Dem jugendlichen Zuhörer wird durch die Kombination von Video und Text Gewalt als Lösung allen Übels verkauft.

Vielleicht findet sich hier die Brücke zu McFIT? Vielleicht ist die Message: Wenn du deine Probleme lösen willst, dann hilft dir nur brachiale Gewalt, und für brachiale Gewalt brauchst du dicke Muskeln, und bei McFIT bekommst du dicke Muskeln.

Majoe jedenfalls, der Eindruck entsteht, begreift Rap vor allem als ein durchkalkuliertes Geschäft, und was er mit seinen Produkten bei der jugendlichen Käuferschicht anrichtet, ist ihm zwar bewusst, aber völlig egal.