S. Castro – überall Nazis

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über S.Castro, in welchem ich auch auf der Grundlage des Liedes „Venganza“ über ihn ablästerte. Einige meiner Auslassungen irritieren mich heute selbst ein wenig stark, ich werde diesen Artikel wohl noch einmal gründlich überarbeiten. Wie dem auch sei; vor etwa einem Monat tauchte S.Castro, der bis dahin zwei Jahre nichts von sich hat hören lassen, plötzlich wieder auf, und veröffentlichte einen Trailer zu „Venganza II“. Das ließ schonmal Schlimmes fürchten.

Was S.Castro dann in „Venganza II“ für einen Müll erzählt, hat mich trotz meiner schlechten Erwartungen noch einmal überrascht. Aber der Reihe nach.

(Alle eingeklammerten Zeitangaben beziehen sich auf Venganza II)

S.Castro beginnt mit ein paar pathetischen Wörtern über die geknechtete Menschheit, um bereits innert der ersten Minute wie schon in „Venganza“ krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: dieses Mal sind es freilich nicht die WTC-Türme, die von den Amis gesprengt wurden, sondern gleich der bevorstehende 3. Weltkrieg (0:45). Irgendwelche bösen Mächte würden diesen planen, um damit ihre Macht auszubauen oder dergleichen – der übliche Unsinn. Dass Rüstungsunternehmen sich freuen, wenn es auf der Welt Krieg gibt, weil sie mit Waffenverkauf Geld verdienen – geschenkt. Dass so ziemlich sämtliche Regierungen dieser Welt nur dann etwas gegen Krieg haben, wenn er ihren Interessen zuwiderläuft – geschenkt. Aber wie irre müssten die ominösen Verschwörer*innen denn sein, um in einer Welt von mit Nuklearwaffen bestückten Militärmächten einen Weltkrieg anzuzetteln? Überhaupt ist S.Castro davon überzeugt, sämtliche Politiker*innen seien Marionetten von „der Herrscherklasse“ (6:20, vgl. auch 1:59). Wer wohl diese Herrscherklasse ist? Überraschung, Überraschung: das raffende Kapital. Schließlich nennt S.Castro ausgerechnet Bankenchef*innen als Profiteure von westlichen Kriegseinsätzen (1:35), obwohl doch die Rüstungsindustrie der erste Wirtschaftszweig sein sollte, der hier als Profiteur in den Sinn kommen sollte. Aber nein, natürlich stecken die Banker*innen hinter allem Übel, und das wird dann auch mit dem passenden Bild unterlegt:

Screenshot (173)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TI1RNVSY_EY )

Das in den Hintergrund projizierte Bild zeigt einen irr blickenden Mann mit Hakennase, Bart und schlechten Zähnen. Das ist per se nicht antisemitisch – das Bild zeigt Blackbeard, einen Piraten aus One Piece, und ich habe diese Serie zwar nie gesehen, aber nach oberflächliche Recherche nichts darüber gefunden, dass diese Figur antisemitisch aufgeladen wäre (Freilich wäre das Platz für eine weitere Untersuchung: Warum wird ein Bösewicht in One Piece auf diese Weise dargestellt? Aber das würde hier zu weit führen, und ich kenne mich wie gesagt dafür zu wenig mit One Piece aus). Problematisch für die Verwendung in „Venganza II“ wird das Bild erst durch den spezifischen Kontext: „Und schon grinsen die Bankchefs“, ist die Line von S.Castro, der dieses Bild als Illustration dient. Einen geldgierigen Menschen nun mit eben jenen Stereotypen darzustellen, die die Nazis verwendeten, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren, ist klar antisemitisch.

Das wird auch nicht besser dadurch, dass S.Castro rappt, „sie“ würden sich „wie Bakterien vermehren“ (3:49), ist solches pseudo-biologische Gewäsch doch nichts anderes als Nazisprech. Etwas im Unklaren bleibt darüber hinaus, wer genau „sie“ denn sein sollen. Er spricht zuvor von der Regierung – aber war nicht die Regierung nur die Marionette der Herrscherklasse? Und es wäre ja auch seltsam, wenn die Regierung sich vermehren würde. Also vermehrt sich wohl die Herrscherklasse wie Bakterien, und, was haben wir eben gelernt, wer repräsentiert die Herrscherklasse? Die geldgierigen Bankenchef*innen. Aha, aha.

Wer so einen Müll verzapft, der rappt dann natürlich gegen Ende des Liedes auch noch in unfassbar peinlicher Manier – nämlich Buchstabe für Buchstabe -, die Menschen sollten doch bitte endlich aufwachen (8:08). Aus welcher Richtung diese Phrase kommt, sollte wohl eigentlich jedem klar sein; die Frage ist bloß, wann S.Castro seine abgewetzte Cap gegen einen Aluhut tauscht.

Nun, nun, damit könnte man diese Beitrag an und für sich beenden, und es wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen, aber eine Sache wäre da noch: S.Castro bagatellisiert in diesem Lied die Verbrechen der Nationalsozialist*innen. Oder wie genau will man eine solche Line rechtfertigen: „Euer Überwachungsstaat übertrifft schon bei weitem die Nazis“ (3:36)? Alleine aufgrund der heute gegebenen technischen Möglichkeiten mag das sogar den Tatsachen entsprechen, doch wo genau der Sinn des Vergleiches liegt, erschließt sich mir nicht. Schließlich könnte man hier zuvorderst einwenden, dass, hätten die Nazis die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, sie diese ganz sicher auch eingesetzt hätten, und zwar in noch größerem Maße als die derzeitige Regierung. Darüber hinaus hat der Vergleich aber keinen tieferen Sinn, als die Verbrechen der Nazis als harmloser denn die der derzeitigen Regierung darzustellen, und das ist in letzter Konsequenz nichts anderes als Holocaustrelativierung. Umso abstruser, dass S.Castro dann auch noch rappt, man solle ihm doch jetzt nichts von Stasi erzählen – dabei war doch schon die Stasi in Sachen Überwachung den Nazis um einiges voraus.

Nun gut, ein unangebrachter Nazivergleich, das ist doch keine Holocaustrelativierung, werden jetzt viele sagen. Aber es ist nicht EIN unangebrachter Nazivergleich (die sind ja ohnehin fast immer unangebracht, aber das wäre wieder ein anderes Thema), sondern zig davon. Bei 2:44 rappt S.Castro: „Joseph Goebbels wird heut represented von der Bild“. Jaja, die Bild ist scheiße und ein mieses Hetzblatt. Aber ausgerechnnet Joseph Goebbels zum Vergleich heranzerren? Das ist in den Dimensionen einfach vollkommen absurd. Nun, dann kommt natürlich noch „Germanys next Hitler“ (4:20), und, in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (5:00):

Seid willkommen in den 30ern, die SS steht Schmiere
Und wartet auf den Einsatz im brutalsten ihrer Spiele
Die Juden dienten damals als ein Sündenbock für Kriege
Aber heute machen wir ihnen einen Strich durch ihre Ziele

30er? Wie bitte? SS? Wovon rappt der Kerl bitte? Wie bescheuert muss man sein, um soetwas zu verbreiten? Ohne Zweifel ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung grausam und rassistisch, und ja, im „deutschen Volk“ brodelt wie immer die Lust aufs Pogrom, die sich auch immer häufiger Bahn bricht – aber das mit der Deportierung von Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen etc. in Konzentrationslager durch die SS zu vergleichen ist absurd.

Die dermaßen inflationäre und völlig sinnlose Benutzung des Nazivergleichs führt schlussendlich nur zur Bagatellisierung der deutschen Verbrechen und ist ein Instrument der Täter-Opfer-Umkehr. Ob S.Castro sich dessen bewusst ist?

Zu guter letzt darf natürlich ein Gruß S.Castros an die Antideutschen nicht fehlen: „Antideutsche Pest findet geil, dass Palästina brennt“ (8:53). Nun, erste Frage: Palästina brennt? Habe ich was verpasst? Zweite Frage: Soll die Wortwahl „verbrennen“ – und dieser Verdacht drängt sich angesichts all der Nazivergleiche nun wirklich auf – etwa einen Bezug zum Holocaust (von griech. „Brandopfer“) darstellen, also die Juden und Jüdinnen als Täter*innen eben jenes Verbrechens schuldig sprechen, das sie einst erlitten haben?

Achso, und das mit der „Pest“ ist irgendwie auch nicht so nett.

PS: Vielleicht machst du ja wieder ein paar Jahre Pause und bringst dann Venganza III raus, in welchem du noch herberen Müll erzählst. Mich würde es freuen. Nicht wegen des Liedes, aber wegen der Pause.

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Rooz und die Allmacht der Juden und Jüdinnen

Während ein anderer Hip-Hop-Reporter gerade damit beschäftigt ist, Nazis bei ihrem Einzug in den Bundestag zu helfen, würde ich gerne ein Wort über Rooz verlieren. Dass Rooz über keinerlei Haltung verfügt und eigentlich nicht viel mehr als ein Speichellecker ist, dürfte jedem klar sein, der*die auch nur eines seiner Interviews gesehen hat. Neben dieser einen unsympathischen Persönlichkeitsfacette ist Rooz allerdings auch richtig eklig unterwegs – nämlich wenn es um Antisemitismus geht.

Klar, irgendwie ist er schon dagegen, ist man ja heute. Und so erzählt er im Interview mit Ben Salomo auch, dass er mal mit jemandem gesprochen hätte, der gesagt habe, Juden und Jüdinnen würden die Welt kontrollieren, woraufhin Rooz ironisch geantwortet habe: „Dann lass uns doch Juden werden.“

Ganz soweit her ist es mit seiner Haltung gegen Antisemitismus dann aber doch nicht – nur wenige Minuten später, im selben Interview, verharmlost er Antisemitismus. Viele deutsche Rapper würden doch nur aus Like-Geilheit antisemitische Sachen posten („Juden haben wieder das gemacht“, gibt Rooz diese Postings sinngemäß wider), die wären aber auf gar keinen Fall wirklich Antisemiten! Ja klar. Wer schreibt „Juden haben wieder dies und jenes schlimme Verbrechen verübt“, der ist gewiss kein Antisemit … wer ist dann überhaupt noch Antisemit?

Ben Salomo weist ihn entsprechend zurecht, und erklärt nicht nur, warum genau der von Rooz zitierte Satz eben doch antisemitisch ist, sondern auch, warum dieser „Antisemitismus für Likes“ besonders gefährlich ist: weil er nämlich Jugendliche mehr oder minder unterschwellig mit Antisemitismus in Kontakt bringt und diese so indoktriniert. Rooz fühlt sich ertappt: wie es seine Art ist, stimmt er seinem Interviewpartner sofort ohne jede Einschränkung zu, ganz so, als hätte er genau das schon immer eigentlich sagen wollen.

Interessanterweise hat Rooz dies offensichtlich schon knapp anderthalb Minuten später wieder vergessen. Er erzählt nämlich alsbald, es sei ja doch in Ordnung, in Raptexten Verschwörungstheorien über die Rothschild-Familie zu verbreiten, weil … weil … „bis zu einem gewissen Punkt finde ich es ok, mit Lyrics zu spielen.“

Also fassen wir dieses eine (!) Interview mal zusammen: Es ist nicht antisemitisch, wenn man auf Facebook schreibt, „Juden haben wieder dieses oder jene Verbrechen verübt“, gleichzeitig ist genau das viel gefährlicher als „richtiger“ Antisemitismus, aber in Raptexten ist es ok, weil man ja damit spielen darf. Das ergibt offensichtlich keinen Sinn, aber es zeigt, wie Rooz denkt: Antisemitismus ist ok, solange man ihn nicht als solchen bezeichnet; man könnte ihn also einen verkappten Antisemiten nennen.

Denn auch ist Rooz selber einer dieser Menschen, die auf Facebook antisemitischen Müll posten, etwa während des Gazakrieges 2014:

Offensichtlich bemüht Rooz hier den Mythos herbei, es stelle in Deutschland einen Tabubruch dar, Israel zu kritisieren. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass Rooz ganz explizit davon spricht, Israel würde Deutschland „beherrschen“, also ein uraltes antisemitisches Stereotyp hervorkramt. Die Aufforderung an seine Follower, in den Kommentaren keinen Hass zu verbreiten, wirkt angesichts dessen nur noch zynisch.

Es würde mich ja wundern, dass Rooz diesen offensichtlich antisemitischen Facebookpost nicht längst gelöscht hat – aber nun ja, das hier ist Deutschland.

Ein jüdischer Gangsterrapper?

Sun Diego hat wieder zwei Tracks veröffentlicht, und in beiden kommt er – in dem einen mehr, in dem anderen weniger ausführlich – auf seine jüdische Herkunft zu sprechen. Warum er das auf einmal tut? Nun, schauen wir uns mal seine Karriere an.

Als Juliensblog damals seinen Kindermob zu einer Hatewelle gegen Sun Diego hetzte, war dessen kaum gestartete Karriere auch schon zu Ende. Erst sein Zusammenschluss mit Julien und das Kostümieren als Spongebob konnte Sun Diego in der Deutschrapszene wieder Fuß fassen lassen. Seit einiger Zeit aber versucht Sun Diego, sich von dem Image als Spongebozz zu befreien. Der Stimmverzerrer wird immer unauffälliger, er trägt das Kostüm immer weniger, er gibt immer offener zu, dass hinter Spongebozz Sun Diego steckt (in „Yellow Bar Mitzvah“ formuliert er es in der letzten Zeile in aller Deutlichkeit). Vielleicht ist ihm mittlerweile das Image als Gangsterrap-Spongebob selbst ein wenig peinlich, vielleicht ist er es auch nur leid, sich beim Rappen so sehr verstellen zu müssen. Aber ohne ein Image geht es nunmal nicht. Würde er einfach das Kostüm beiseite legen, wäre er nur noch ein x-beliebiger Gangsterrapper. Was hätte er denn, was ihn besonders macht, was ihn herausstechen lässt, was dafür sorgt, dass er Leuten im Gedächtnis bleibt? Von dem rappenden Schwamm hat jeder, der sich ein wenig mit Rap beschäftigt, irgendwann mal gehört, und sei es nur Spott über ihn. Aber von einem weiteren Rapper, der total dummen Gangsterrapscheiß produziert? Von denen gibt es dutzende.

Als jüdischer Gangsterrapper hingegen sticht er heraus. Es gibt nicht allzuviele jüdische Rapper*innen in Deutschland. Ben Salomo, sicher – den kennt man aber eher weniger wegen seiner Rapkünste. Sentino, glaube ich. Irrelevanter Typ. Und schon fällt mir keiner mehr ein.

Das extrem offensive zur Schau stellen seiner jüdischen Herkunft macht Sun Diego zu etwas besonderem, es ist ein Markenzeichen, das den Verlust des alten Markenzeichens (Schwammkostüm) ausgleichen kann. Gleichzeitig kann man damit so wunderschön provozieren – was Sun Diego mit dem Tragen eines Judensternes in „Yellow Bar Mitzvah“ auch gleich tut. Es bietet sich plötzlich eine Vielzahl von „kontroversen“ Lines über Konzentrationslager, Verfolgung, vielleicht auch Reichtum und Weltverschwörung an; all das birgt das Potenzial für Provokation, und damit für zusätzliche Aufmerksamkeit. In ACAB2 rappt Sun Diego: „Erst verbrennen sie mein Volk und dann meine CDs“, womit er sich auf die Indizierung seines letzten Albums bezieht – ein vollkommen überflüssiger, platter Nazi-Vergleich, den es absolut nicht gebraucht hätte. Die Shoah mit etwas so Banalem wie der Indizierung eines Albums auf eine Stufe zu stellen ist geschmacklos und zeugt lediglich von dem verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit.

Sun Diegos jüdischer Hintergrund würde allerdings erklären, warum er damals im JBB-Finale Gio so hart attackiert hatte. Angeblich war Sun Diego von einem Fan ein manipuliertes Fotos zugeschickt worden, auf dem Gio in eine Nazi-Demo gephotoshoppt war. Sun Diego, bzw. damals noch Spongebozz, überzog Gio geradezu mit Nazi-Lines, und verpasste ihm damit ein denkbar schlechtes Image – das Video wurde wegen der zahlreichen Falschanschuldigungen später um den letzten Part gekürzt. Sollte also Sun Diego damals wegen seines jüdischen Hintergrundes so überengagiert auf die haltlosen Vorwürfe gegen Gio reagiert haben, könnte der Beef mit Kollegah noch einmal etwas mehr Fahrt aufnehmen. Schließlich äußert Kollegah sich immer wieder antisemitisch.

Wobei die Frage ist, inwiefern man diesen Beef überhaupt ernst nehmen kann. Das Video zu „Yellow Bar Mitzvah“ wurde von Streetcinema produziert. Streetcinema.tv allerdings ist ziemlich eng mit Kollegah verbandelt – von „loyalen Geschäftbeziehungen“ zu Kollegah spricht man bei Streetcinema. Kollegah sei vor dem Dreh um sein Einverständnis gefragt worden und habe dieses auch gegeben, verkündete die Produktionsfirma auf Facebook. Damit kann sich Kollegah als „Ehrenmann“ präsentieren und sein Image ein wenig aufpolieren – allzu böses Blut, das zeigt die Sache allerdings auch, kann es zwischen den beiden nicht geben. Generell köchelt der Beef schon länger so vor sich hin, und Sun Diego wird – wohl zu recht – darauf spekulieren, durch die Auseinandersetzung mit Kollegah seine Verkaufszahlen zu erhöhen. Bei Kollegah ist es nicht viel anders; auch bräuchte er nach dem peinlichen Fanpost2 mal wieder einen Beef, in dem er sich ordentlich präsentiert.

RapUpdate macht derweil ein wenig Werbung für Sun Diegos Album, indem die offensichtliche Präsentation von Boxinhalten im Musikvideo als spektäkuläre Neuigkeit verkauft wird. „Oha, ob das mit Absicht war?“, beginnt der Artikel. Naja, warum sonst sollte die Kamera volle Lotte drauf halten? Aus Versehen? Sicherlich.

Die Berichterstattung von komischen Rapnews-Youtubern über Sun Diegos neues Lied treibt unterdessen seltsame Blüten. „ALPHA KENAN“ kann Juden und Israelis nicht auseinanderhalten, und packt gleich mal die israelische Flagge auf das Thumbnail eines Videos, in dem es Sun Diego und seine jüdische Identität geht – als hätte Sun Diego irgendetwas mit Israel zu tun.

ALPHA KENAN

In eben diesem Video heißt es dann bei Minute 5:30: „Wie ist eure Meinung darüber, dass Spongebozz ein Jude ist?“ Äh, wie bitte? Was soll man denn da für eine Meinung haben? Immerhin, in den Kommentaren zum Video gibt man sich generös:

ALPHA KENAN2.png

Er macht ja gute Musik, dann sei ihm das Jude-Sein mal verziehen! Oha. Der Typ da drunter macht es nicht besser. Aber dann wäre da ja auch noch dieser Spezialist, der bei Juden auch zuerst an Israel denkt:

ALPHA KENAN3.png

„Pälistina“ soll also befreit werden – die komischen arabischen Fantasiestaaten in der Region scheinen sich zu vermehren. Aber immerhin – mindestens 55 Anhänger hat dieser obskure neue Staat. Neunmalklug wendet noch einer ein, nicht jeder Jude sei Zionist – was auch immer das nochmal mit Sun Diego zu tun hat. Diese automatische Verknüpfung von Jüd*innen mit dem Staat Israel, nein die Reduktion von Jüd*innen auf den Staat Israel – hier auch inklusive der Dämonisierung Israels – ist eine typisch antisemitische Vorgehensweise.

ALPHA KENAN4

Hier wird dann auch schonmal präventiv die Antisemitismus-Keule-Keule geschwungen. Das ist aber auch überaus praktisch – da hat sich schon vor der Artikulation seines Antisemitismus‘ gegen berechtigte Kritik immunisieren.

Und damit hört es noch lange nicht auf:

ALPHA KENAN5.png

„Selbst wenn“, „trotzdem“ ist er ein Mensch. Alles klar.

Nun, immerhin gibt es unter dem Video neben diesen äußert ekligen Verbal-Antisemitismen auch einige Kommentare, die darauf hinweisen, es sei egal, welcher Religion ein Mensch angehöre, die Frage von „ALPHA KENAN“ sei dumm gewesen, uä. Und wenn auch die Besinnung auf seine jüdischen Wurzeln ein reiner Promo-Move von Sun Diego sein mag – vielleicht trägt die Etablierung eines jüdischen Gangsterrappers ja wenigstens ein bisschen dazu bei, antisemitische Stereotype abzubauen? Vielleicht gelingt es Sun Diego ja, ein paar seiner Fans davon zu überzeugen, dass Antisemitismus scheiße ist. Damit wäre dann immerhin ein bisschen was gewonnen.

 

 

 

Anmerkung: Ich habe die ursprüngliche Version dieses Artikels um einen Abschnitt gekürzt, da es sich im Nachhinein doch ziemlich eklig las, wie ich als nicht-jüdischer Deutscher darüber spekuliere, wie ernst es Sun Diego mit seinem Glauben nimmt. Es könnte an Görings „Wer Jude ist, bestimme ich“ erinnern; ich hoffe, der Artikel in seiner jetzigen Form lässt keine derartigen Assoziationen aufkommen.

Wenn sich Rechts und Links die Hände reichen

Es gibt viel an dem Lied „Antideutsche/Tahya Falastin“ von Thawra und Kaveh zu kritisieren. Die dummen Vergleiche und peinlichen Reimketten von Kaveh, den antisemitischen und völkischen Gehalt, die üblen Diffamierungen gegenüber der antideutschen Bewegung – eine Komponente aber sticht noch einmal extrem heraus. Und das ist Kaveh selbst, denn offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen Querfröntler – was nebenbei bemerkt auch kein gutes Licht auf Thawra wirft. Da wirkt die halbherzige Distanzierung Thawras von der Querfront in „Antideutsche/Tahya Falastin“ noch lächerlicher – zusammen mit einem Querfröntler ein antisemitisches Lied machen, und in diesem sagen, man wäre ja gegen die Querfront, ist, äh … naja, seltsam bis dumm.

Nun ja, jetzt aber zu Kaveh. Ich könnte diesen Artikel nun mit dem Hinweis darauf beenden, dass dieser Mensch sich von Russia Today und Ken Jebsen zu Interviews einladen lässt, also von einem Propagandakanal des Kreml und einem Verschwörungstheorien verbreitenden Antisemiten, die beide ein rechtes Publikum ansprechen. Aber dann würde ja völlig unter den Tisch fallen, was für verbalen Abfall er in diesen Interviews produziert hat.

Im Interview mit RT etwa halluziniert er eine Verschwörung der Medien herbei, die seiner Aussage nach gezielt Leute aus ihrer Berichterstattung ausschlössen, die propalästinensisch sind (Minute 1:30). Angesichts der Einstellung der meisten deutschen Journalist*innen zum Nahostkonflikt und der tendenziösen, antiisraelischen Berichterstattung der meisten Medien ist diese Aussage schlicht lachhaft; kaum ein Land wird von deutschen Medien so oft kritisiert und so oft mit Nazi-Deutschland verglichen wie Israel. Und in den Hip-Hop-Medien ist dies noch um ein Vielfaches verstärkt, wie sich etwa in der Berichterstattung über Kollegahs Antisemitismusskandal zeigte. Wenn Kaveh also von deutschen (Hip-Hop)Medien nicht wahrgenommen wird, so liegt das nicht an einer anti-palästinensischen Haltung dieser, sondern vielleicht einfach an der Irrelevanz von Kaveh.

In einem anderen Interview mit RT – Kaveh scheint dort Stammgast zu sein – behauptet Kaveh, Deutschland habe aufgrund der Shoah eine Verantwortung gegenüber den jüdischen Menschen, aber eben auch den Palästinenser*innen, schließlich hätte, so Kaveh, der israelische Staat es ohne die Shoah sehr viel schwerer gehabt (7:30). Diese perverse Verdrehung muss ein Mensch erstmal hinkriegen: Die Deutschen, die noch vor 70 Jahren Juden industriell getötet haben, hätten eben darum die Aufgabe, den Jüd*innen auf die Finger zu schauen, dass sie auch ja nichts Böses tun.

Diesen sehr deutschen Gedanken gräbt Kaveh auch im Interview mit Ken Jebsen aus, wo er behauptet, Deutschland hätte ebenso eine Verantwortung für die Palästinenser*innen wie für die Jüd*innen, da Deutschland mit der Shoah „schuld“ an der Gründung Israels gewesen sei und es in diesem Rahmen zur „Nakba“ gekommen sei (38:45). Den auf die Vernichtung der Jüd*innen abzielenden Überfall der arabischen Staaten auf Israel nur Stunden nach dessen Gründung, in dessen Rahmen es überhaupt erst zu den Vertreibungen kam, lässt Kaveh natürlich unter den Tisch fallen. Ebenso vergisst er, dass es 1948 mehr jüdische Menschen gab, die aus arabischen Staaten vertrieben wurden, als arabische Menschen, die aus dem jüdischen Staat vertrieben wurden – weil all das antiisraelische Gejaule von der „Nakba“ in einem völlig anderen Licht erscheinen ließe. Überhaupt ist der deutsche Staat ganz gewiss nicht schuld an der Vertreibung irgendeines Arabers aus Israel und hat auch keine besondere Verantwortung gegenüber den Palästinensern, schon gar nicht eine irgendwie vergleichbare wie die gegenüber den Jüd*innen. Die arabischen Staaten, die den jungen israelischen Staat überfielen, sind schuld, denn ohne diesen Überfall hätte es auch die Vertreibungen nicht gegeben.

Heute würden 6 Millionen Palästinenser*innen „außerhalb des ursprünglichen Staatsgebietes“ leben – was genau Kaveh wohl mit „ursprünglichem Staatsgebiet“ meint? Da es nie einen palästinensischen Staat gab, kann es schließlich kein solches Gebiet geben. Er meint wohl das Land, das im UN-Teilungsplan für einen weiteren arabischen Staat vorgesehen war. Bloß haben die Araber eben diesen Teilungsbeschluss abgelehnt – heute von diesem Gebiet als dem „usprünglichen Staatsgebiet“ Palästinas zu sprechen ist also im höchsten Maße heuchlerisch.

In diesem Zuge empfiehlt Kaveh dann auch gleich noch Bücher von Norman Finkelstein (40:35), einem Hisbollah-Sympathisanten, der bei Rechten und anderen Antisemiten sehr beliebt ist, weil er zB. den Kampf der Hisbollah gegen Israel mit dem Kampf von Partisanen gegen Nazideutschland gleichsetzte.

Natürlich verbreitet ein Mensch wie Kaveh dann auch munter die Mär vom „größten Freiluftgefängnis der Welt.“ (1:02:20) Gaza sei „eine der am meisten unterdrückten Regionen der Welt“, und Israel „das aggressivste siedlerkolonialistischste Land der Welt.“ Dass Ägypten den Gazastreifen völlig abgeriegelt hat, weil es keinen Bock auf Terroristen hat – geschenkt. Laut Kaveh ist es alleine Israel, welches Gaza in dieses „Gefängnis“ verwandelt. Dabei lässt er die Versorgung Gazas durch Israel natürlich außen vor, ebenso die faktische Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen, etwa bei medizinischen Notfällen. Der Aussage mit dem Grad der Unterdrückung könnte man vielleicht noch gerade so zustimmen – wenn er damit die Hamas meinen würde, die die Bewohner des Gazastreifens unterdrückt und immer wieder sogenannte „Kollaborateure“ abschlachtet. Aber soweit kann Kaveh nicht denken, für ihn ist immer der Jud schuld. Der Siedler-Jud. Der Kolonialisten-Jud. Nein schlimmer: Der Siedler-Kolonialisten-Jud. Daher, so Kaveh: „Ich denke, es ist die Pflicht jedes Menschen, sich für Palästina einzusetzen“. Für ihn ist Judenfeindschaft also ein konstituierendes Element von Menschlichkeit, Antisemitismus nicht nur ein Menschenrecht, sondern gar eine Menschenpflicht.

Antideutsche hingegen seien böse Rassisten. Immerhin würden sie doch glatt behaupten, dass die Palästinenser*innen, gäbe es eine Einstaaten-„Lösung“, die Jüd*innen in Eretz Israel/Palästina töten würden (43:45). Nun, diese Annahme ist keinesfalls rassistisch, sondern leider richtig. Die Hamas fordert in Artikel 2 ihrer Charta die völlige Vernichtung Israels; behauptet in Artikel 7, das komplette Land gehöre nur den Muslimen; die Hamas erzieht Kinder gemäß ihrer ekelhaften antisemitischen Ideologie; steckt sie in Terrorcamps; indoktriniert sie mit antisemitischen Kindersendungen; Hamas-Offizielle leugnen den Holocaust und behaupten, die Juden seien schlimmer als die Nazis; Hamas-Kleriker rufen zur Tötung jedes einelnen Juden auf. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer Stiftung von 2014 waren 94% der Bewohner des Gazastreifens zufrieden mit dem militärischen Handeln der Hamas, also mit dem Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten, dem Missbrauch von palästinensischen Zivilisten als menschliche Schutzschilde, und dem Graben von Terrortunneln, um Jüd*innen umzubringen. Hätte es zu diesem Zeitpunkt Wahlen in den palästinensischen Gebieten gegeben, so wird in der Studie auch festgehalten, hätte die Hamas gewonnen. Aber nunja, selbst ein Herr Abbas preist ja jeden Tropfen Blut, um Jerusalem willen vergossen werde; also ist das eigentlich auch egal. Es ist nunmal eine traurige Tatsache, dass Jüd*innen ziemlich übel dran wären, wenn es Israel nicht mehr gäbe.

Israel aber sei natürlich sowohl eine Theokratie als auch eine Ethnokratie (1:03:50), und überhaupt genauso schlimm wie der Iran. Natürlich, Israel ist eine Ethnokratie – das beweisen ja die zahlreichen arabischen Abgeordneten in der Knesset, die arabischen Richter, die drusischen Soldaten. Welch gar schröckliche Ethnokratie! (Dass es auch in Israel Rassismus gibt ist eine Tatsache – aber wo gibt es keinen Rassismus? Wäre dann nicht jedes Land eine Ethnokratie?) Der Vergleich mit dem Iran ist schon deshalb völlig deppert, weil im Iran der Ayatollah das Staatsoberhaupt ist. Der Iran ist also tatsächlich eine Theokratie – Israel aber nicht.

Das iranische Regime, so Kaveh, sei natürlich schon irgendwie doof, aber immerhin habe es seit 200 Jahren keinen Krieg angefangen, während Israel „mindestens fünf Kriege vom Zaun gebrochen hat“. Die zahlreichen Drohungen des iranischen Regimes, Israel auszulöschen, nimmt Kaveh nicht wahr, die Hinrichtungen Oppositioneller, die Unterdrückung der Frauen, die Unterdrückung von generell so ziemlich allem im Iran, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Unterstützung für Assad – aber hey, die Juden, das sind Kriegstreiber! Sie „brechen Kriege vom Zaun“, wie Kaveh im schönsten antisemitischen Code von sich gibt. Welchem Zweck diese Kriege dienten, ob sie notwendig, wer die Gegner waren – egal. Die Gazakriege wurden natürlich auch nicht von der Hamas begonnen, die tausende Raketen auf Israel abschoss, sondern immer von Israel (man merke: Wenn die Jüd*innen sich wehren, dann haben sie angefangen) Die Juden, das sind Landräuber und Kriegstreiber, das weiß Kaveh. So sei Israel natürlich auch am Syrienkonflikt schuld (1:11:00) – äh, wie bitte?

Wenn Ken Jebsen dann den Drohnenkrieg mit dem Holocaust vergleicht, hat Kaveh keinerlei Einwände (1:23:10), und wenn Jebsen Verschwörungstheorien verzapft von irgendwelchen ominösen Leuten, die wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen, erfolgt von Kaveh nur ganz schüchterner Widerspruch (1:29:30). „Sog. ‚Verschwörungstheoretiker‘ wie Ken Jebsen werden partout und zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt“, schrieb Kaveh mal. Ja … man merkt’s …

Der völkische Schulterschluss mit Jebsen muss auch noch erfolgen. Kaveh bemängelt, es gebe im Nahen Osten keine starke nationalistische Bewegung (1:26:50). Schon zuvor, als es um das Thema Fluchtursachen ging, hatte Kaveh darauf hingewiesen, die bösen USA würden all die schönen Nationalstaaten in der Region kaputt machen. Diese Faible für Nationalisten hat nun wirklich so gar nichts linkes an sich.

Wen würde es also schon wundern, wenn in der Kommentarsektion eines Interviews von Kaveh mit RT Nazis und Stalinisten Hand in Hand die Vernichtung der Antideutschen fordern würden?

Kavehs Fanboys

„Die machen einen halt mundtot“ Oder: „Hoho, er hat Jude gesagt“

Nachdem Kollegah sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira traf, um sich von ihnen die Absolution erteilen zu lassen, legte er gleich nach, dieses Mal in seinem Tourblog. Im Video vom 23.3.2017 über den Auftritt in Hannover greift er gleich zwei Themen auf – seine Homophobie, und seinen Antisemitismus.

Fast sechs Minuten Belanglosigkeit muss man skippen, um zu der ersten relevanten Stelle zu kommen; und bei dieser bin ich mir nicht sicher, ob Kollegah dabei auf das Gespräch mit Kaufmann und Shapira anspielt, oder ob er einfach nur ein unfassbar stumpfer  Schwulenhasser ist.

Die ganze Sache läuft wie folgt ab: Seyed – der in den Tourblogs dabei ist, um ein wenig von Kollegahs Fame abzukriegen – und Kollegah selbst stehen vor dem Auftritt in einem Treppenhaus. Seyed sagt zu Kollegah: „Bist du eigentlich auch so nervös?“ Beide lachen. Dann Kollegah, kichernd: „Wie schwul.“

Der Verdacht liegt nahe, es handele sich hier um eine Referenz auf das Persilschein-Gespräch, da in diesem Kollegah ein, äh, interessantes Beispiel nutzte, um zu zeigen, warum ja das Wort „Schwuchtel“ nicht homophob sei. Dort sagte Kollegah (ungefähr bei Minute 14:20 in diesem Video):

Wenn ich jetzt zu Seyed sage, wenn er sich irgendwie gerade, weiß ich nicht … Er ist im Tourbus, und er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘, dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?

Eine strunzdumme rethorische Frage, die man trotz ihrer Eigenschaft als rethorische Frage sehr gerne mit „Ja – und wer hat dir eigentlich ins Hirn geschissen?“ beantworten würde. Denn jeder denkende Mensch muss eigentlich die dieser Frage zu Grunde liegende Hommophobie glasklar erkennen. Nun, wie dem auch – in dem von Kollegah benutzen Beispiel ging es um Seyed, und wie er als „Schwuchtel“ beleidigt wurde, und im Tourblog ist es ebenfalls Seyed, der, dieses Mal tatsächlich, als „schwul“ beleidigt wird.

Eine Referenz könnte es daher sein, nur würde sich die Frage stellen: Warum ausgerechnet auf diese Sequenz des Persilschein-Gespräches rekurieren? Nicht einmal Kollegah und Seyed können so merkwürdig sein, dieses Beispiel noch im Nachhinein für eine gelungene Argumentation zu halten. Und Shapira (geschweige denn Kaufmann) war auf dieses Beispiel auch – komischerweise – überhaupt nicht eingegangen („Ne, aber ich rede ja von was ganz anderem“), sondern ist gleich zum nächsten Thema gehüpft. Der Grund für eine Referenz scheint also nicht unbedingt gegeben.

Vielleicht ist Kollegah halt einfach ein stumpfer Schwulenhasser, und das ist tatsächlich sein alltäglicher Sprachgebrauch. Das würde – nach der Aktion in Leipzig, die auch nicht das erste Mal war, dass Kollegah jemanden zusammengeschlagen hat – ein weiteres Mal zeigen, wie wenig die von Kollegah in seinen Tracks transportierten Werte und sein tatsächliches Weltbild auseinander liegen.

Hat man sich nach den ersten fünf geskippten Minuten die sechste angetan, geht es in der siebten nicht minder erschreckend weiter. Kollegah trifft nach dem Konzert einen Fan, um sich mit diesem zu unterhalten. Die ganze Atmosphäre dieses Gespräches erzeugt Fremdscham, haben die beiden doch offensichtlich zu Beginn wenig Ahnung, worüber sie jetzt eigentlich sprechen sollen, und es kommt eine gezwungene Halbunterhaltung über das Dog-Tag des Fans – das diesen als Kollegah-Fanboy outet, aber wen überrascht das schon – herum. Um die unangenehmen Gefühle zu minimieren, die der Zuschauer unweigerlich erleiden muss angesichts einer solch gezwungenen Konversation, gibt es dann einen Cut, und man hört, wie die beiden sich über Israel unterhalten. Auweia. Kollegah beklagt sich gleichmal, er käme ja gar nicht mehr nach „Palästina“, aber es gebe ja Schleichwege. Daraufhin enwickelt sich folgende Gesprächssequenz:

Fan: „Ich habe mir gestern noch das angeguckt was du gemacht hast, mit den, äh … mit den … Kat Kaufmann …“

Kollegah: „Mit den zwei Juden da.“

Fan (lacht, sagt dann, immernoch lachend): „Ja, genau“

Wer bei dem Wort „Jude“ schon so ein „Hoho, er hat ‚Jude‘ gesagt“ loslässt, hat offensichtlich eine andere Einstellung gegenüber Juden denn gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. Oder würde er bei dem Wort „Christ“ ebenso lachen? Aber was ist denn am Wort „Jude“ so spektakulär? Jude, Jude, Jude. Kommt jetzt irgendwer und steinigt mich?

Offensichtlich hat dieser junge Mann also eine etwas verklemmte Ansicht bezüglich Juden, auf jeden Fall löst dieses Wort etwas in ihm aus, und zwar den Reiz des Tabubruches. Aber wie es dann weitergeht ist ja noch viel spannender. Der Typ regt sich nämlich im nächsten Atemzug darüber auf, er trenne ja strikt zwischen Juden und Zionisten und hätte nichts gegen Juden, sondern nur gegen Zionisten, aber es käme dann immer jemand und würde einen als Antisemit bezeichnen. Äh, bitte was?

Das ist an sich schonmal ein interessanter Sprung von „über das Wort ‚Jude‘ lachen, als hätte man heimlich genascht“ zu „Zionisten sind doof“ – aber das mag der Thematik des Persilschein-Gespräches geschuldet sein. Zudem stellt sich aber auch die Frage: Warum hat der Kerl was gegen Zionisten? Weiß er überhaupt, was Zionismus bedeutet? Wenn er es nicht weiß, und es dennoch mit etwas Negativem assoziiert, dann zeigt das höchstwahrscheinlich Antisemitismus. Und wenn er es doch weiß, dann frage ich mich – warum hat er nur etwas gegen die jüdische Nationalbewegung? Was ist an dieser denn so schlimm? Und ist es nicht vielmehr so, dass die jüdische Nationalbewegung auf dieser Welt eine der wenigen ist, die überhaupt einen vernünftigen Grund hat?

Kollegahs geistreicher Kommentar zu der Aussage seines Fanboys ist übrigens: „Die machen einen halt mundtot damit.“ Ahja, Kollegah, wie gut das mit dem „mundtot“ machen funktioniert, sieht man ja an deinen bestens besuchten Konzerten, an deinem Gespräch mit Shapira und Kaufmann, das schon jetzt über 250.000 Aufrufe auf Youtube hat, an deinem baldigen Auftritt beim Afrika-Karibik-Festival, an deiner „Doku“, die schon über 1,3 Mio Aufrufe auf Youtube hat, man sieht es daran, dass du mit der Single „Legacy“ Gold gegangen bist, dass du mit deinen Alben „Zuhältertape Volume 4“ und „Imperator“ Gold, und mit „King“ sogar dreifach Gold gegangen bist. Es ist ja wirklich furchtbar, wie man dich mundtot macht!

Mir drängt sich überdies die Frage auf: Wer sind „die“?

Aber der Fanboy setzt dem Ganzen noch die absolute Krönung des Unwissens auf:

Kollegah: „Man muss ja jede Politik kritisieren dürfen auf der Welt.“

Fan: „Würde man meinen, aber das ist ja auch in den staatlichen Medien ist es so, ne, sobald da was kommt, da wird die Kamera dann wieder weggeschwenkt, ne, wenn gerade wieder Gaza bombardiert wird.“

Offensichtlich guckt dieser Typ weder Tagesschau noch Heute Journal noch sonst irgendein Nachrichtenformat der Öffentlich-Rechtlichen, sonst wüsste er, was für einen Schwachsinn er da gelabert hat. Aber das sind eh die Witzigsten: Diejenigen, die sich über Medien ereifern, aber dort niemals einen Blick reinwerfen.

Wie man einem Antisemiten einen Persilschein ausstellt

Nun war es endlich soweit. Kollegah hat sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira getroffen, um darüber zu diskutieren, ob Kollegah nun ein Antisemit ist oder nicht, und in welchem Rahmen Kritik an Israel ok ist.

(Sämtliche Zeitangaben in diesem Artikel sind nur ungefähre Angaben und beziehen sich auf dieses Video)

Eines vorweg: Wider Erwarten gelang es nicht, in diesem 50 minütigen Gespräch den Nahostkonflikt zu lösen, wie Kollegah irgendwann ernüchtert feststellt (30:35). Man wird also im Nahen Osten nicht von einer weiteren deutschen Endlösung der Judenfrage profitieren können, um es mal ein wenig zynisch auszudrücken.

Wie dem auch immer sei. Zwei Dinge fallen gleich zu Beginn des Videos auf: 1. Kollegah braucht anscheinend eine ganze Mannschaft an Bodybuildern um sich herum, um sich sicher zu fühlen, und 2. Kollegah hat offensichtlich keine Ahnung, mit wem er sich da getroffen hat, weiß er doch nicht einmal, dass es sich bei seinem männlichen Gast nicht um einen Herrn „Shapiri“ handelt, sondern um Shahak Shapira (0:05). Klar, er hätte ja nicht gleich deren Biographien auswendig lernen müssen – aber den Namen seiner Gäste sollte man schon drauf haben. Die nennen ihn ja auch nicht Kolligah. Aber nicht nur das – an späterer Stelle des Gespräches hält Kollegah Shapira auch vor, er, Kollegah, mache ja richtige Kunst, Shapira hingegen habe lediglich ein Buch darüber geschrieben, wie er von Nazis verprügelt worden sei (43:30). Auf Shapiras verdutzte Antwort, er sei nie von Nazis verprügelt worden, gibt Kollegah zu, das Buch nicht gelesen zu haben. Er wisse nur, es gehe da „grundsätzlich um ne Opferrolle“. Von nix eine Ahnung, aber Juden einfach auf Verdacht unterstellen, in die Opferrolle zu schlüpfen – bravo Kollegah.

Während sich Shapira nun also kurz vorstellt, fällt die Sprache auch auf den Großvater Shapiras, der bei den olympischen Spielen 1972 ebenso wie 10 weitere israelische Athleten von palästinensischen Terroristen entführt und ermordet wurde (2:15). Leider versäumt Shapira es schon hier, Kollegah darauf anzusprechen, was dieser von der antisemitischen Terrororganisation Hamas hält, die in Artikel 7 ihrer Charta die Vernichtung aller Juden weltweit fordert, oder von der Fatah, auf deren Facebook-Seite regelmäßig zum Judenmord aufrufende Graphiken veröffentlicht werden, und deren autokratisch regierender „Präsident“ Mahmud Abbas in seiner Dissertation die Shoah relativiert und die Schuld an ihr den Juden in die Schuhe schiebt. Genau dies wäre die Gelegenheit gewesen, Kollegah zu fragen, was er von eben solchem Terror und Hass hält, und ob es nicht auch höchst unsolidarisch gegenüber der palästinensischen Bevölkerung ist, die Kleptokraten und Unterdrücker von Hamas und PA völlig unbeachtet zu lassen. Doch Shapira lässt diese Gelegenheit verstreichen.

Als nach ihm Kat Kaufmann das Wort ergreift, erklärt sie, zwar das Statement Kollegahs gesehen und sich ein bisschen informiert, die Doku allerdings aus zeitlichen Gründen nicht gesehen zu haben (4:10). Hier zeigt sich schon die Problematik des gesamten Gespräches: Der Eine (Kollegah) hat keine Ahnung, wer seine Gesprächspartner überhaupt sind, die Andere (Kaufmann) hat das Filmchen, über das gesprochen werden soll, nicht gesehen, und beide als Vertreter der jüdischen Seite Eingeladenen (Shapira und Kaufmann) begreifen sich selbst gar nicht als Juden und wollen mit dem Zentralrat der Juden darum gar nichts zu tun haben (28:00, 37:20) – wer sollte hier nochmal mit wem warum diskutieren?

Kaufmann stellt Kollegah schon gleich zu Beginn dieses komplett absurden Gespräches seinen Persilschein aus – das immerhin ist lobenswert, da muss man nicht bis ganz zum Ende warten, um die Gewissheit eines Happy Ends zu haben. Kollegah könne ja gar kein Antisemit sein, erklärt Kaufmann, da er schließlich dem Zentralrat der Juden seine Hilfe angeboten hätte, und überhaupt sei es der Zentralrat der Juden, der „armselig“ gewesen sei, weil er auf dieses Angebot gar nicht eingegangen sei (4:25). Dass der Zentralrat der Juden sich vielleicht schlicht nicht von einem Antisemiten instrumentalisieren lassen will, der sich mit ein paar hingeworfenen Euros einen Freifahrtschein für seine antisemitische Hetze erkaufen will, kommt ihr anscheinend nicht in den Sinn.

Kollegah brummt sogleich dankbar, als er den Freispruch aus dem Mund einer nicht-so-ganz-aber-naja-passt-schon-Alibi-Jüdin hört, und erklärt anschließend, er habe ja keine „Zensur“ betreiben wollen und daher antisemitische Kommentare auf seiner Facebook-Seite einfach stehen gelassen (6:00). Dieses Verhalten wird im Verlaufe des Gespräches von Kaufmann verteidigt, von Shapira kritisiert (20:30), und man fragt sich wirklich: Was sind das für Zeiten, in denen ernsthaft darüber diskutiert wird, ob es ok ist, antisemitische Hetze unkommentiert stehen zu lassen? Was sind das für Menschen, die so etwas in Ordnung finden? Antisemitische Kommentare müssen entweder gelöscht werden – was gerade bei als Antizionismus getarntem Antisemitismus leicht zu Gejammere über die „Antisemitismuskeule“ führen kann und daher vielleicht nicht ganz optimal ist – oder aber wenigstens kommentiert werden. Wenn Kollegah seine Fans einfach toben und zum Massenmord an Juden aufrufen lässt, macht er sich mitverantwortlich.

Aber was kann man schon von einem Mann erwarten, der die Ressentiments gegenüber Juden ernsthaft mit den Vorurteilen gegenüber Gangsterrappern vergleicht (6:50)? Klar, sicher, die „Vorurteile“ (Vorwurf der Misogynie, Homophobie etc.), mit denen Gangsterrapper zu tun haben, sind ja völlig unbegründet, schließlich rappen die ja nur misogynes, homophobes, ableistisches Zeug … Mir ist jetzt auch unverständlich, wo diese „Vorurteile“ herkommen (Man wird ja wohl noch „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappen dürfen, ohne gleich frauenverachtend genannt zu werden, oder? Oder?!). Oder will Kollegah ausdrücken, Juden seien ja ebenso wie Gangsterrapper an ihrem schlechten Image selber schuld, ja würden sich sogar extra ein schlechtes Image verpassen, um damit Geld zu verdienen? Dritte Deutungsmöglichkeit: Vielleicht bagatellisiert Kollegah Antisemitismus auch einfach, indem er seine lächerlichen „Diskriminierungserfahrungen“ aufgrund seiner Gangsterrapperkarriere mit den Diskriminierungserfahrungen von Juden gleichsetzt. Oder es ist ein Mix aus alle dem – wer weiß das schon? Vermutlich nicht einmal Kollegah selbst.

Irgendwann geht es dann auch tatsächlich mal um das euphemistisch „Doku“ genannte Schmieren-Filmchen. Kollegah erblödet sich sogleich, zu sagen, sein Gepose mit dem Raketen-förmigen Luftballon sei ja kein antisemitisches Statement gewesen, sondern vielmehr Kritik an der Politik der israelischen Regierung (8:25) – ohne Scheiß. Für diesen Mensch ist die Verherrlichung von tödlichen Raketen, die auf israelische Zivilisten abgeschossen werden und oft genug so schlecht konstruiert sind, dass sie noch im Gazastreifen abstürzen, Israel-Kritik. Wer das Ermorden von Juden für berechtigte , ja notwendige Kritik hält, der hat wahrlich den deutschen Lifestyle verinnerlicht.

Shapira lässt sich hier immerhin zu zaghafter Kritik verleiten. Diese Aktion sei ja keine gehaltvolle Kritik gewesen, merkt er an, worauf Kollegah mit dem seltsamen Einwand aufwartet, dies sei ja nur Kritik an der „Doku“ selbst, und also kein Beweis für seinen Antisemitismus. In Kollegahs Kopf ergibt das bestimmt irgendwo Sinn – und Shapira stimmt ihm auch noch zu, behauptet, es wäre nicht antisemitisch, Terrorangriffe auf Juden (denn gegen diese richten sich die Raketenangriffe ja) gutzuheißen, und kritisiert lediglich, das sei ja aber schon irgendwie ein bisschen gewaltverherrlichend. Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber tatsächlich so passiert. Ali As wendet nun noch beflissen ein, man müsse das Publikum ja irgendwo abholen – eine kryptische Aussage. Will Ali As damit sagen, Kollegahs Fanbase vertrete einen eliminatorischen Judenhass? Und dass man halt ein bisschen Judenmord propagieren müsse, um Platten zu verkaufen, aber das wäre dann ja ok?

Kollegah würgt Ali As jedenfalls schnell ab, bevor dieser den Karren unrettbar in den Dreck fahren kann. Auf Shapiras Kommentar, Kollegah vermittle durch die Szene mit dem Luftballon den Eindruck, es sei cool, Raketen auf Israel zu schießen, fällt Kollegah der geistreiche Kommentar ein, dies sei ja nur, was Shapira da reindeute, und wenn die Szene allgemein so gedeutet würde, dann sei das halt so, aber habe ja nichts zu bedeuten (9:20). Dies ist eine Aussage, die der geneigte Leser sich dringend für eine spätere Stelle dieses Wohlfühlgeplauders merken sollte – aber ich werde dann ohnehin nochmal hierauf verweisen. Wie es aussieht, ufer ich mehr aus als der Nil in der Regenzeit, also wird das dann als kleine Gedächtnisstütze dringend nötig sein. Wenn ich mich selbst dann noch hieran erinnere – es bleibt kompliziert.

Nunja, auch für das unmittelbar Folgende ist Kollegahs Äußerung interessant, behauptet er doch erneut, der Zentralrat der Juden habe ihn wegen seiner „Doku“ einen Antisemiten genannt (9:50). Eine Unterstellung, die zum einen eine merkwürdige Verbindung zwischen dem Zentralrat der Juden und Israel zieht – ganz so, als sei der Zentralrat der Juden in Deutschland eine israelische Organisation. Der Gedanke, es könne sich beim Zentralrat schlicht um eine deutsche Organisation von Menschen jüdischen Glaubens handeln, kommt Kollegah nicht – wer Jude ist, der hat für ihn automatisch mit Israel zu tun. Wer Jude ist, der ist für Kollegah automatisch jemand, der jedem, der was gegen Israel sagt, die „Antisemitismus-Keule“ über den Kopf zieht. Das verrät einiges über Kollegahs Weltbild, aber wenig über die Motivation des Zentralrates der Juden, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen. Von Shapira korrigiert, der Zentralrat der Juden habe kein Wort über die „Doku“ verloren, sagt Kollegah, der Zusammenhang sei ja offensichtlich – hier zählt also, was Kollegah in die Äußerung seines Kontrahenten hineindeutet. Was der Zentralrat der Juden sagt, darf er deuten, wie er will – aber die Raketen-Aktion, da sei ja nicht seine Sache, wie andere die deuten würden.

Bevor Kollegah dann allzu lang über „den Basis-Vorwurf des Antisemitismus“ jammern kann (10:25), womit er wohl die klügste Erfindung des modernen Antisemitismus meint, nämlich die angebliche, hier schon mehrfach angesprochene „Antisemitismus-Keule“, lenkt Kaufmann das Gespräch mit einem ihrer seltenen Redebeiträge in eine andere Richtung, indem sie darauf hinweist, neben Antisemitismus sei Kollegah auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie vorgeworfen worden. Darauf folgt die Standard-Ausrede eines jeden Gangsterrappers dieses Planeten: Das sei ja nur Rap, nur eine „Kunstform“ (11:30), und Wörter wie „Bitches“ und „Schwuchtel“ würden hier in einem anderen Kontext fallen als im alltäglichen Sprachgebrauch. Daher sei der Gebrauch der Wörter nicht frauenverachtend oder homophob. Welcher andere Kontext als im alltäglichen Sprachgebrauch das sein soll wird – absichtlich? – offengelassen, und gleich darauf demontiert sich Kollegah selbst ziemlich gründlich. Ihn rege diese „spießerartige Mentalität“ auf, derzufolge ganz alltägliche Wörter wie „Schwuchtel“ homophob seien (14:10). Aha – Begriffe wie „Bitch“ und „Schwuchtel“ sind für Kollegah also nicht nur in Kontext eines Raptextes völlig ok, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Damit greift aber die zuvor konzipierte Legitimation von diskriminierenden Wörtern im Rap nicht mehr, kommt es doch anscheinend doch irgendwie nicht auf den Kontext an. Kollegah hat wohl selbst schon wieder vergessen, welche Rechtfertigung er sich noch vor zwei-einhalb Minuten zurechtgebogen hatte – kann ja mal passieren.

Shapira, der sich immer wieder gequält äußert, wenn Kollegah seine frauen- und schwulenfeindlichen Aussagen mit der Ausrede „ist doch Kunst“ versieht, wird von Kollegah gnadenlos ausgekontert: Er, Kollegah, würde ja haufenweise CDs verkaufen, und seine Fans seien ja alle total klug und gebildet, also sei es Kunst, was er so verbreche (12:30). Das ist für sich schonmal ein merkwürdiges Argument, sagt doch Massenkompatibilität nichts über die Qualität von irgendetwas aus. Aber wenn er anfügt, seine Fans seien ja schlau und keine „perspektivlosen Spastis“, hat Kaufmann ihre ersten von zwei guten Augenblicken: Hier „Spasti“ als abwertenden Begriff zu benutzen sei gemein, merkt sie an. Nun, mir wären da ein paar drastischere Worte als „gemein“ eingefallen, aber immerhin, es ist wenigstens ein Mensch anwesend, der sich nicht zu schade dafür ist, sich gegen Ableismus auszusprechen – wenn auch recht zaghaft.

Jedenfalls glaubt Ali As hier dann, wieder seinen Unsinn zu Protokoll geben zu müssen. Das Wort „Spasti“ sei hier ja in einem anderen Zusammenhang gebraucht worden, und überhaupt hätten sie diese ganzen Wörter ja nicht erfunden. Das ist in etwa so sinnvoll, wie sich bei einem Mord damit herausreden zu wollen, man habe das Gewehr, mit dem man das Opfer erschossen habe, ja nicht selbst erfunden, sondern lediglich benutzt. Und man habe das Jagdgewehr ja nicht zur Jagd, sondern zum Mord benutzt, und darum sei das schon in Ordnung (weil: anderer Kontext!). Ähnlich Hirnschmerz-auslösend gibt sich auch Kollegah, wenn er sagt, er habe die Leute, die auf seiner Facebook-Seite von der „Endlösung“ fantasieren würden, ja nicht erschaffen, die „waren schon vorher da“ (15:10). Ahja, das macht es natürlich besser. Antisemitismus „nur“ zu fördern statt zu erschaffen ist ja so moralisch vertretbar.

Und jetzt Achtung, es kommt eine rethorische Frage von Kollegah, die jedem denkenden und empathifähigen Menschen das Hirn zu den Ohren raus suppen lässt: „Er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘ dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?“ (14:30)

Äh … Ja? Oder, wenn wir ganz kleingeistig sein wollen: Nein, Kollegah, du bist nicht homophob, weil du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung benutzt – sondern weil du homophob bist, benutzt du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung.

Und es wird noch doller. Irgendwann gegen Beginn des Rumgeschleimes der kritischen Diskussionsrunde merkt Koree in Richtung Shapira investigativ an, ihn störe dieses „wir-ihr“-Denken (7:40). Nun die spannende Frage: Wird Koree Kollegah in der gleichen Weise korrigieren? Wir werden es gleich erfahren …

Ne, tut er nicht. Bei Kollegah ist es ihm egal, wer hätte damit gerechnet. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt zwischen Kollegah und Shapira (16:15):

Kollegah: „Komischerweise checkt jede Ethnie den Humor dahinter – ich hab albanische Freunde, ich hab afrikanische Freunde, keiner regt sich auf – die Einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen … [dramatische Pause, dann leise:] … seid ihr.“

Shapira: „Ihr?“

Kollegah: „Ja.“

Shapira: „Was ist das, ihr?“

Kollegah: „Ihr Juden.“

Ungläubiges Kichern, kurze Stille.

Vorhang zu. Eigentlich wäre an dieser Stelle alles gesagt gewesen. Eigentlich müssten Shapira und Kaufmann an dieser Stelle aufstehen und gehen. Tun sie aber nicht. Sie kommentieren nicht einmal Kollegahs haarsträubende Erklärung, Juden seien eine „Ethnie“, eine Äußerung, die üblen Antisemitismus nur so ausdünstet. Sie widersprechen nicht der Aussage, Juden wären die einzige „Ethnie“, die sich immer in die Opferrolle dränge, obwohl hier schon mit einem Verweis auf das Gehabe des Zentralrates der Muslime in Deutschland das „Argument“ Kollegahs komplett demontiert worden wäre. Sie lassen es über sich ergehen, hier auf ihr jüdisch-sein reduziert zu werden, sie kritisieren nicht die Tatsache, wie Kollegah hier Juden als Kollektiv begreift – nichts. Stattdessen erklärt Shapira lieber, er würde ja darauf achten, jede Minderheit zu beleidigen, da schließlich jede Minderheit das Recht darauf habe, beleidigt zu werden (17:10).

Es folgt ekliges Blabla. Ich überspringe die ganz kleinen Aufreger mal, dieser Artikel wird sonst nie fertig.

Jedenfalls kritisiert Shapira irgendwann, Kollegah gebe durch sein Facebook-Statement zum offenen Brief des Zentralrates der Juden und anderer jüdischer Organisationen dem Zentralrat die Schuld am Antisemitismus in den Kommentarspalten von Kollegahs Facebook-Seite (21:45). Eine durchaus berechtigte Kritik, man wittert Morgenluft. Wird Kollegah zugeben, den Juden die Schuld am Antisemitismus zu geben, oder wird er einlenken und diese Aussage zurücknehmen?

Wen hätte es überrascht – ersteres. Der Zentralrat habe die antisemitischen Ausraster von Kollegahs Fans provoziert. Unter der „Doku“ sei der Antisemitismus „marginal“, erst durch die Einmischung des Zentralrates hätten sich die antisemitischen Kommentare gehäuft. Dass der Zentralrat damit ganz sicher keinen Antisemitismus hervorgerufen hat, sondern lediglich die hasserfüllten Antisemiten dazu gebracht hat, ihren Antisemitismus offen zu artikulieren, kommt ihm nicht in den Sinn – dass der Hass auf Juden auch dann da ist, wenn der Antisemit ihn gerade nicht mit Schaum vor dem Mund herausschreit, zu dieser Erkenntnis fehlen Kollegah dann doch ein paar Reflexionsebenen, wie es scheint. Wir sollten den Antisemitismus-Forscher Kollegah mal fragen, ob es nicht auch sein kann, dass die Juden selbst an der Shoa schuld waren – vielleicht macht Kollegah ja eine Dissertation zu dem selben Thema wie Mahmud Abbas, das wäre doch spannend. Die geistigen Voraussetzungen scheinen da zu sein.

Aber bevor er sich derart großen Fragestellungen widmet, erklärt Kollegah uns noch, woher denn die Menschen kommen. Denn, so predigt Kollegah seiner muslimischen Gemeinde, Fremdenhass wäre ja unlogisch, da wir doch alle von einem Menschen abstammen würden (23:30). Naja, vermutlich eher von zwei Menschen, oder? Vielleicht sollte man Kollegah nochmal erklären, wie das mit der Fortpflanzung zu funktioniert, er scheint da eine kleine Wissenslücke zu haben …

Apropos Wissenslücke. Kollegah wäre wohl eines der Opfer von Ali As, wenn der irgendwas zu melden hätte. Denn, wie Ali As blasiert verkündet, es gäbe nur eine logische Art, nur eine begrüßenswerte Art von Rassismus, und das wäre Rassismus gegenüber weniger intelligenten Menschen (23:50). Als „IQ-Rassist“ bezeichnet er sich, und fühlt sich … witzig? Schlau? Provokant? Wie auch immer – so etwas zu sagen ist schlicht widerlich. Damit setzt Ali As nämlich weniger intelligente Menschen auf eine niedere Stufe, heißt Diskriminierung gegenüber diesen gut – was zum einen bedeutet, dass Babys seiner Meinung nach diskriminiert werden sollten, befinden sich diese doch unbestreitbar intelligenzmäßig nicht unbedingt auf dem höchsten Level, zum anderen aber auch bedeutet, dass geistig behinderte Menschen als minderwertig dargestellt werden. Nicht zu vergessen diejenigen, die einfach nicht so einen hohen IQ haben – seinen IQ sucht man sich ja nicht aus. Aber jo, seien wir doch mal allen weniger intelligenten Menschen gegenüber schön rassistisch (was auch immer „Rassismus“ als Begriff hier zu suchen hat, sind diese Menschen jetzt auch noch eine „Rasse“, oder wie?). Geil! Ich geh dann mal Menschen mit geistiger Behinderung versklaven, dieser eine Rapper da hat gesagt das wäre gut …

Neben dieser Art von Rassismus, die Ali As „logisch“ findet, gibt es noch eine weitere, diese will er aber nicht verraten – „das würde zu weit führen“. Obs was mit Juden zu tun hat? Man kann nur spekulieren.

Hier dann der zweite und letzte Lichtblick bei Kaufmann: Sie weist wieder darauf hin, es sei „sehr gemein“, Diskriminierung weniger intelligenter Menschen gutzuheißen, denn „es gibt so furchtbar, furchtbar nette Menschen die soo dumm sind, aber niemals irgendetwas Schlechtes tun würden.“ Zwar ist auch hier ein gewisser Beigeschmack von Verachtung für weniger intelligente Menschen nicht abwesend, aber immerhin – sie widerspricht. Shapira windet sich ein wenig – nicht sicher, ob er die Behindertenfeindlichkeit, die er bei Ali As bemerkt, einfach nur witzig finden oder kritisieren soll. Es kommt so ein Mittelding bei rum, das nicht wirklich appetitlich ist.

Sogar Kollegah weist Ali As zurecht – Menschen könnten nun einmal nichts für die Intelligenz, mit der sie geboren werden. Es komme letztlich nur darauf an: „moralisch integer oder eben nicht“. Das ist so ziemlich der erste Satz von Kollegah in diesem Gespräch, den ich gut finde – ich befürchte nur, es wird auch der letzte gewesen sein.

Ali As rudert hektisch zurück, und schließt sich Kollegah an. „Aber wenn ich sowas als Statement mache wird das niemand jucken“, sagt er dann noch. Was genau er meint, ist nicht ganz klar. Ob er meint, es würde niemanden jucken, wenn er sagt, es käme nur darauf an, ob man moralisch integer sei oder nicht, weil die Leute so ein Statement nicht spektakulär fänden? Da würde sich mir die Frage stellen, warum Ali As denn die Aufmerksamkeit, die er für eine Stellungnahme bekommt, so viel wichtiger ist als die Aussage, die er darin trifft. So etwas ist doch plumpe Effekthascherei, sowas – genau sowas ist unmoralisch. Oder meint er, es würde niemanden jucken, wenn er sich behindertenfeindlich äußere, und nur Juden würden sich ja immer als Opfer darstellen? Das wäre zumindest insofern merkwürdig, als er ja gerade eben noch von den übrigen Anwesenden zurecht gewiesen wurde und seine Aussage komplett zurücknehmen musste. Wie auch immer – Ali As sollte lieber schweigen, das wäre angenehmer für alle.

Kleriker Kollegah hat noch eine wichtige Message: Wer Juden hasst ist kein richtiger Muslim, weil der Islam das irgendwie verbieten würde oder so. Nunja, an der Stelle sei mal kritisch investigativ nachgefragt: Wie erklärt Kollegah dann all die judenfeindlichen Suren des Islam? Nur so als Beispiel seien hier Sure 4:46 (Verfluchung der Juden durch Allah), Sure 3:71 (Juden sind Lügner), Sure 5:60 (Verwandlung von Ungläubigen (vermutlich Juden) in Affen und Schweine) und Sure 5:78 (Verfluchung der Juden durch David und Jesus) genannt. Ich will damit nicht behaupten, eine friedliche Auslegung des Koran sei unmöglich – nur erscheint es mir vor dem Hintergrund der antijudaistischen Suren im Koran einigermaßen absurd, zu behaupten, der Koran verbiete es, Juden zu hassen.

Kollegah jedenfalls hat gleich noch eine Forderung an die deutschen Juden (27:50): Diese sollten sich doch bitte mal besser integrieren. Äh, bitte was? In welchem Jahrzehnt ist Kollegah geistig bitte stecken geblieben? Muss man das noch kommentieren?

Zwei Sternstunden hatte Kaufmann, nun muss natürlich noch was ziemlich Peinliches kommen. So lacht Kaufmann darüber, dass Kollegah rappt, Juden seien seine Anwälte (28:00), und meint dem Zentralrat der Juden erklären zu müssen, es handele sich dabei um „Propz“, und nicht um Vorurteile (36:50). Nun, aber warum meinen Rapper denn bitte, erwähnen zu müssen, ihre Anwälte seien jüdisch? Was spielt das für eine Rolle? Ist es nicht das Bild von Juden als Intellektuellen, als Paragraphenreitern, als Verweigerer „ehrlicher“, körperlicher Arbeit, das hier tradiert wird? Es ist ein Vorurteil, ein Ressentiment – selbst, wenn es nicht negativ gemeint ist.

Ein wenig Palaver hier, ein wenig Palaver da. Schließlich wieder eine verpasste Gelegenheit, bei der Shapira seinen Gastgeber mal hätte kritisieren können. Nachdem Kollegah völlig begeistert schon ein Feature mit Kaufmann und Shapira plant, scherzt Shapira: „Bring deine Sonnenbrille lieber nicht mit“ (29:20). Das wäre eine Gelegenheit gewesen, Kollegah ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, wie er es mit seiner zur Schau gestellten Menschenfreundlichkeit wirklich hält. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, was das für eine scheiß Aktion war, einem alkoholisierten, offensichtlich eingeschüchterten Fan in den Bauch zu treten und ins Gesicht zu schlagen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, darauf hinzuweisen, dass Raptext und Wirklichkeit bei Kollegah anscheinend doch nicht so weit auseinander liegen, wie er so gerne betont. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, ob er auch seine Frauenfeindlichkeit und Homophobie so offen auslebt wie seine Gewaltbereitschaft. Aber Shapira reißt lieber einen halbgaren Witz und lässt die Sache auf sich beruhen. Ein Armutszeugnis.

Shapira startet dann nochmal einen Versuch, so langsam wieder über die „Doku“ von Kollegah zu reden. Er würde Kollegah gerne die israelische Seite zeigen, er, Shapira, dürfe zB. nicht nach Ramallah, denn die letzten Juden, die dort hineingingen, seien von einem Lynchmob ermordet worden (31:00). Kollegahs Antwort: Ja, aber beide Seiten. Und wer da im Recht sei, das könne man ja auch nicht sagen (31:40). Wie bitte? Wenn Juden von einer wütenden Meute in Stücke gerissen werden kann man nicht sagen, wer da im Recht und wer im Unrecht ist? Ahja. Alles klar. Vielleicht verbucht Kollegah antisemitische Lynchmobs ja genauso wie Raketenbeschuss auf jüdische Zivilisten unter „legitime Israelkritik“. Wundern würde es mich nicht.

Auch auf Shapiras Anmerkung, Israel habe den Gazastreifen geräumt und dort Millionen an Hilfsgeldern reingepumpt, mit dem einzigen Effekt, dass die Hamas Cocktails geschlürft und nebenbei Terrortunnel gegraben habe, antwortet Kollegah in terrorverharmlosender Manier. So ein Argument könne man sich ja hin und her werfen, das führe ja zu nichts, man könne ja nie sagen, wer jetzt mehr angestellt habe (32:40). Dabei sollte man eigentlich annehmen, die Sache, wer mehr angestellt habe, sei klar, wenn die eine Seite der anderen Millionen in den Arsch pumpt und diese Seite dies mit Terroranschlägen vergilt.

Was mir noch bei Shapira übel aufstößt, ist seine Äußerung über die israelischen Siedlungen – diese könnten mit keinem Argument gerechtfertigt werden (31:45). Ich probiers mal: No Nation no Border. Ups, das war einfach. Nächster Versuch: Juden dürfen ihre Häuser bauen wo sie wollen. Ganz passabel. Oder wie wäre es damit: Judäa und Samaria (das sog. „Westjordanland“) waren vor 1967 illegal von Jordanien annektiert und daher nie rechtmäßig Teil eines Staates. Sie gelten daher juristisch nicht als besetzte, sondern als umstrittene Gebiete. Bei denen greifen die diversen UN-Verordnungen, die die israelischen Siedlungen angeblich illegal machen, überhaupt nicht. Und wie wäre es mit diesem Zusatz: In Judäa und Samaria gilt (noch immer) das osmanische Recht, und nach diesem Recht sind die israelischen Siedlungen völlig legal.

Naja, das war ein kleiner Strauss voll Argumente. Ich will damit nicht behaupten, die israelischen Siedlungen seien wunderbar, ihr Bau verlaufe vollkommen problemlos in Niemandsland ab, und generell sei alles tutti – aber es ist schlicht absurd, zu behaupten, die Siedlungen seien durch nichts zu rechtfertigen. Es erinnert ein wenig an die ekelhafte Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis: Nur die Palästinenser dürfen auf diesem Land leben, denn nur sie wurden dort geboren! So hat man vielleicht vor 70 Jahren argumentiert, aber doch bitte nicht mehr heute. Und ist nicht die Forderung nach einem Siedlungsstopp, ja nach einem Rückbau der Siedlungen von Grund auf antisemitisch? Schließlich werden hier Häuser bauende Juden zu einem Hindernis für den Frieden erklärt. Aber warum dürften denn Juden nicht in einem zukünftigen palästinensischen Staat leben (wenn man schon voraussetzt, diese Gebiete sollten zu einem zukünftigen palästinensischen Staat gehören, was ja durchaus zu diskutieren wäre)? Warum sollten die Siedlungen nicht irgendwann Teil eines palästinensischen Staates sein? Warum soll dieses „Palästina“ denn ein ethnisch und religiös reines Gebilde sein? Niemand, der Recht bei Trost ist, sieht in der Anwesenheit von Juden ein Friedenshindernis. Und wer in ihnen ein Friedenshindernis sieht, der will keinen Frieden mit Juden, sondern einen Frieden von Juden. Und das ist antisemitisch.

Wo wir gerade beim Thema sind. Die Siedlungen findet natürlich auch Kollegah ganz schrecklich. Die Menschen in dem Flüchtlingslager bei Ramallah, das er besucht hat, die hätten wegen der Siedlungen ihre Heimat verloren, erzählt Kollegah (33:50). Aber Moment: Hatte nicht Kollegah noch in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen würden schon seit mehreren Generationen dort leben? Hat Kollegah nicht in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen seien 1948, im Rahmen des israelischen Unabhängigkeitskrieges, aus ihren Häusern vertrieben worden, und hätten noch Schlüssel für ihre ehemaligen Häuser – aber die Israelis ließen sie nicht zurück? Doch, genau das hatte Kollegah damals erzählt. Nun soll es plötzlich so gewesen sein, dass die Menschen von israelischen Siedlungen verdrängt wurden. Kollegah passt wohl seine Geschichte immer der momentanen Situation an. Je nachdem, was ihm argumentativ gerade besser in den Kram passt, wurden die Menschen durch den Krieg oder die Siedlungen vertrieben. Morgen wird es vielleicht das schlechte Wetter gewesen sein, und in einer Woche erzählt er uns vielleicht was von Gentrifizierung. Oder meint Kollegah etwa, Israel als Gesamtes sei eine illegale Siedlung? Das wäre freilich noch ekelhafter und noch eindeutiger antisemitisch.

Aber Kollegah wollte aus seiner „Doku“ ja kein riesen Politikum machen (34:00). Achso, und ich hatte mich schon gewundert, warum er Blumen am Grab des antisemitischen Terroristen Jassir Arafat niedergelegt hat. Das war wahrscheinlich, äh, Sightseeing. Und Moment, hatte Kollegah nicht noch zu Beginn des Gespräches darauf verwiesen, sein Gepose mit dem Raketen-Luftballon sei ein Statement gegen die israelische Politik gewesen? Ach ja – sowas passt Kollegah ja immer der momentanen Diskussionslage an. Wie mans gerade besser gebrauchen kann. Mensch, ist das praktisch.

Der übliche Kardinalsfehler in einer Diskussion um den Nahostkonflikt muss auch Shapira unterlaufen: Er bemängelt, im Nahostkonflikt werde man schnell einseitig, und alle würden einen auf eine Seite ziehen wollen. Man müsse aber neutral bleiben und sich nicht auf eine Seite schlagen (34:20). Shapira verwechselt hier Neutralität mit Äquidistanz. Äquidistanz bedeutet, zu beiden Seiten einen gleich großen Abstand einzuhalten, sodass man in der Mitte rumdümpelt und keiner Seite recht gibt. Neutralität bedeutet, die Sache objektiv zu betrachten. Betrachten wir den Nahostkonflikt aus dem Blickwinkel eines Äquidistanz wahrenden Menschen: Die Hamas fordert die weltweite Vernichtung aller Juden. Israel ist dagegen. Dieser Mensch würde verlangen, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen, also die Hälfte aller Juden weltweit getötet wird. Damit hätte er sich auf keine Seite geschlagen. Nun betrachten wir den Konflikt aus dem Blickwinkel eines neutralen Menschen: Er wird sagen, dass die Hamas vollkommen bescheuert ist und sich ihre Forderung gefälligst sonstwohin stecken soll. Er hat sich damit nicht einer Seite gegenüber unfair verhalten, sondern schlicht Vernunft walten lassen.

Es ist nicht Neutralität, sich im Nahostkonflikt auf keine Seite zu schlagen. Wer sagt, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen sollen, der ist für Judenmord. Und das ist nicht neutral – das ist barbarisch.

Also widmen wir uns dem nächsten Gesprächsabschnitt. Shapira behauptet, es sei unklug, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, denn jeder plumpe Antisemitismusvorwurf sorge dafür, dass „echter“ Antisemitismus nicht mehr ernst genommen werde (35:50). Das ist nun wirklich lächerlich. Zum einen sollte Shapira nicht darüber urteilen, ob es dumm ist oder nicht, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, wenn Shapira sich nicht mit dessen jüngsten antisemitischen Ergüssen auskennt (ich denke hier besonders an „Apokalypse„, „Hardcore“ und „Fokus„) – und wenn er sich doch damit auskennt, so ist er offensichtlich blind für Antisemitismus. Zum anderen ist es doch fatal, anzunehmen, der Vorwurf des Antisemitismus sei – denn das impliziert dieser Ausdruck – eine Waffe, mit der man Gegner niederstreckt. Dem ist nämlich keinesfalls so. Der Vorwurf des Antisemitismus ist keine Waffe, mit der man Gegner mundtot macht und für einen großen entsetzten Aufschrei sorgen will. Der Vorwurf des Antisemitismus sollte da angebracht werden, wo man ihn vermutet – und dann sollte der Vorwurf überprüft werden, sachlich und unaufgeregt. Wie man es mit jedem Vorwurf tun sollte.

Wer behauptet, der Vorwurf des Antisemitismus könne sich abstumpfen, der verkennt, dass es eine objektive Entscheidung ist, ob sich jemand antisemitisch äußert oder nicht. Und er verkennt, dass es keineswegs vom Gutdünken der Masse abhängen sollte, ob man jemanden einen Antisemiten nennt oder nicht. Wer soetwas sagt, nimmt selbst den Vorwurf des Antisemitismus nicht mehr ernst, schießt er sich doch auf den ein, der die Kritik geäußert hat, und nicht auf den, der kritisiert wurde.

Allerdings scheint Antisemitismus ja für Shapira generell nichts sonderlich Schlimmes zu sein, sagt er doch, es könne ja sein, dass Kollegah antisemitische Sachen mache, aber das wäre nicht schlimm, er, Shapira, mache das ja auch (36:20). So weit, so merkwürdig, so Antisemitismus bagatellisierend.

Noch merkwürdiger ist aber Kollegahs darauf folgendes Statement: „Ich als Mensch bin kein Antisemit“ (36:30) – also dieses Statement ist schon deshalb merkwürdig, weil es von einem Menschen kommt, der ständig Judenmord als Israelkritik verklärt. Zum anderen gibt Kollegah damit anscheinend zu, antisemitische Lines zu rappen, da er ja nur „als Mensch“ kein Antisemit sei, als Rapper aber schon (klingt komisch, ergibt für ihn aber anscheinend Sinn). Hier hätte man nun wieder ansetzen können, aber nein, Kaufmann muss ja mit ihrem peinlichen Statement bezüglich „jüdischer Anwälte“ in Richtung Zentralrat der Juden daher kommen (36:50).

Kaufmann behauptet in der Folge auch, der Zentralrat der Juden würde Konzerte verbieten, und was denn als nächstes käme (37:10). Shapira weist sie völlig zurecht daraufhin, der Zentralrat habe kein Konzert verboten, und Kollegah lamentiert sogleich, sie hätten aber Druck ausgeübt. Nun, wenn man Kritik äußern Druck ausüben nennt, dann ja: Der Zentralrat der Juden hat Druck ausgeübt. Ich finde es allerdings ziemlich erbärmlich, wenn Kritik derart tabuisiert wird. Wer Kritik wegen ihres kritischen Gehaltes verunglimpft, der ist totalitär, denn er lässt keinen Widerspruch gegen seine Äußerungen zu. Kollegah ist es, der hier Menschen Äußerungen verbieten will, nicht anders herum. Denn Kritik darf jeder äußern, ob es Kollegah nun passt, oder nicht.

Leider (oder zum Glück?) fällt Shapira Kaufmann ins Wort, weshalb sie nicht ganz zu Ende sprechen kann. So wird es nicht klar, was genau Kaufmann mit diesem Satz eigentlich sagen wollte: „Ja, aber in Deutschland sind wir in einem Land, das nach Holocaust [sic] vom Zentralrat einfach mal … [unverständlich]“ (37:20). Es gruselt mir ein wenig bei den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen Kaufmann diesen Satz womöglich zu Ende bringen wollte.

Hier ist dann auch die Sequenz, in der Shapira bekräftigt, seiner Ansicht nach kein Jude zu sein, und Kaufmann und Shapira einhellig sagen, sie fänden es blöd, vom Zentralrat der Juden repräsentiert zu werden. Einen großen Auftritt hat nun Koree: In seinen Sessel gefläzt gibt er süffisant zu Protokoll: „Das finde ich ist die erste schöne Einsicht aus diesem Gespräch.“ (37:40) Die Selbstzufriedenheit, mit der Koree sich in der Gewissheit räkelt, seine Alibi-Juden gefunden zu haben, die es ihm ermöglichen, in Zukunft guten Gewissens gegen den Zentralrat der Juden stänkern zu können, ließ mich das Video an dieser Stelle beinahe abbrechen. Noch schlimmer ist, dass Shapira und Kaufmann augenscheinlich noch immer nicht verstehen, zu welchem Zweck sie eingeladen wurden: Nämlich zu dem, einer Bande von Antisemiten einen Persilschein auszustellen. Sie werden nicht als Menschen begriffen, sondern als Argument, mit dem man sich zukünftig gegen jedweden Antisemitismusvorwurf, und sei er noch so treffend, immunisieren kann.

Darüber hinaus verrät Koree mit diesem Satz noch mehr: Es sei nämlich „die erste“ Einsicht – demzufolge hat sich sein Denken über den Antisemitismusvorwurf in keiner Weise gewandelt. Es geht ihm keinesfalls um eine ergebnisoffene Debatte, sondern er will, dass die beiden vielleicht-nicht-ganz-aber-passt-schon-Juden einknicken und ihm seinen Persilschein ausstellen, nichts sonst.

Shapira kapituliert nun völlig. Kollegah dürfe es ruhig weiterhin cool finden, Raketenluftballons zu kaufen, auch wenn er, Shapira, das nicht tun würde (39:50). Was ist das anderes als ein: „Ja, dann sei halt ein Antisemit, solange du nicht von mir verlangst, auch einer zu sein“? Und nein: Niemand sollte es cool finden, Raketenluftballons zu kaufen und damit vor israelischen Wachtürmen rumzuposen. Denn das ist nicht nur gewaltverherrlichend, wie Shapira irrtümlich annimmt – es ist auch antisemitisch, und ruft zu antisemitischer Gewalt auf. Wer so etwas cool findet, mit dem sollte man sich nicht in einem Raum aufhalten. Und gewiss erst Recht nicht ganze 50 Minuten lang.

Was nun kommt, ist so absurd, es ist schon beinahe lustig. Die Fronten wechseln nun nämlich komplett. Während zuvor Shapira und Kaufmann recht schüchtern die Ansicht vertraten, Antisemitismus sei halt irgendwie doch nicht so cool, und man müsse ja darauf achten, wie sowas bei den Fans ankomme, gerät nun Shapira in die Defensive und muss sich für Witze über Minderheiten rechtfertigen. Und während Kollegah und Konsorten zuvor noch sagten, jede Minderheit habe ein Recht darauf, diskriminiert zu werden, erklären sie nun nachdrücklich, über Muslime dürfe man sich aber nicht lustig machen. Man könnte lachen, würde man nicht permanent kotzen.

Beginnen tut dieses Trauerspiel mit Kollegahs Erklärung, es sei nicht cool, Muslime zu beleidigen, und er hätte ja Respekt vor dem Glauben von Menschen (40:15). Nun frage ich mich wirklich, warum Kollegah etwas so Unsinniges wie religiöse Gefühle wichtiger ist als die körperliche Unversehrheit von Menschen – als das Leben von Menschen. Warum ist es nach Kollegahs Ansicht ok, Judenmord zu propagieren (Raketenluftballon), aber nicht ok, sich über eine Religion lustig zu machen? Ist es nicht pervers, den Glauben an einen imaginären Wolkenrüttler als wichtiger denn das menschliche Leben einzuschätzen? Es ist total absurd, vor der Würde des Menschen keinen Respekt zu haben, sich über Minderheiten lustig zu machen, sie zu verunglimpfen, antisemitische Stereotype zu reproduzieren – und die religiösen Gefühle von Menschen dann plötzlich zum unantastbaren, höchsten Gut zu verklären. Gerade anders herum ist es: Sich über Minderheiten, sich über Menschen lustig machen ist scheiße – sich über die Götter lustig machen, die diese Menschen sich ausgedacht haben, ist ok.

Aber Kollegah ist hier ja plötzlich der Vernünftige, derjenige, der darauf achtet, keine Gefühle zu verletzen. Und so erklärt er dann, auch im Rap gebe es ja Grenzen, und er würde viele Sachen nicht rappen (40:30). An der Stelle möchte ich mal ganz direkt Kollegah fragen: Warum findest du es ok, wenn Favorite auf deinem Track, auf deinem Album rappt: „Ich leih dir Geld doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“? Wird da deine Grenze noch nicht überschritten? Und warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du rappst: „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du, unterlegt mit Bildern vom israelischen Sicherheitszaun, rappst: „Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle/ Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen„? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du im selben Track kurz darauf rappst: „Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht/ Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem“? Weißt du nicht, dass genau das antisemitische Stereotype sind? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du über an Naziflaggen erinnernenden Fahnen stehst, die geballte rechte Faust in den Himmel reckst und „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“ rappst? Deine Grenzen sind offenbar noch fließender als die von Gondor.

Shapira jedenfalls steuert hilflos bei, es lege ja jeder für sich selbst die Grenzen fest, Kollegah stimmt zu, und man wartet schon einen innigen Zungenkuss zwischen den beiden, da ruiniert Ali As die romantische Stimmung, indem er kritisch nachfragt, was denn sei, wenn man die Grenzen des anderen überschreite. Shapira ist immerhin nicht dement und wendet ein, man hätte sich doch vorher darauf geeinigt, jede Minderheit müsse diskriminiert werden (41:00). Ali As rettet sich damit, es komme darauf an, in was für einem Rahmen dies geschehe – womit er offensichtlich meint: Juden diskriminieren ok, Muslime diskriminieren nicht ok. Kollegah formuliert das so: „Wenns irgendwann geschmacklos wird hat das nichts mehr mit Humor zu tun.“ Nun bin ich ein wenig verblüfft. Was hat denn die Line „Hure eines und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ mit Humor zu tun? Warum genau ist das nicht geschmacklos? Was haben diese Lines aus „AKs im Wandschrank“ mit Humor zu tun: „Ich halte die Gun auf dein‘ Vater – Frrr/ Halte die Gun auf deine Mama – Frrr/ Halte die Gun in dein Face, Bitch – Frrr/ Kugeln aus der AK, Bitch – Frrr“? Was hat das mit Humor zu tun? Das sind doch einfach nur stumpfe Gewaltfantasien, oder habe ich da die großartige Pointe verpasst?

Nun fährt Kollegah mit seinem sinnlosen Salbader fort. Wenn Mohammed karikiert werde, rege ihn persönlich das nicht auf, aber es würde eben zu Hass aufstacheln, sagt er in bester Jürgen Todenhöfer-Manier (41:30). Mit ein bisschen Rücksicht ließen sich viele Konflikte vermeiden, so Kollegah. Ah ja. Das heißt, wenn Juden anfangen würden, wegen der antisemitischen Lines von Kollegah Terroranschläge zu verüben, dann würde er es sein lassen, sonst nicht? Und man soll vor bescheuerten Islamisten buckeln, die nicht auf Mohammed-Karikaturen klar kommen? Kleine Lektion für Kollegah: Wenn ein Mensch einen Terroranschlag begeht, weil sein Wicht von „Prophet“ beleidigt wurde, dann ist dieser Mensch ein erbärmliches Arschloch und trägt ganz alleine die Verantwortung für seine abscheuliche Tat. Und vorgehen sollte man gegen genau diese Arschlöcher, nicht gegen die Leute, die sich über deren Propheten lustig machen.

Und Moment – war es nicht Kollegah gewesen, der sich darüber beschwert hatte, diese Juden würden sich immer gleich in die Opferrolle begeben? Und nun lamentiert er wegen Mohammed-Karikaturen. Eine Frage – wann ist die jüdische Gemeinschaft das letzte Mal vollkommen ausgetickt, als jemand eine JAHWE-Karikatur gemacht hat? Charlie Hebdo hat ziemlich widerliche Karikaturen gemacht, nicht nur über den Islam, nein, auch über das Judentum (und das zum Teil mit eindeutig antisemitischen Stereotypen) und über das Christentum. Sind es nicht einzig die muslimischen Gemeinschaften, die sich über Karikaturen über ihre imaginären Freunde aufregen? Wer begibt sich hier in eine Opferrolle?

Und noch ein Moment – auf Mohammed-Karikaturen sollte man verzichten, weil das zu Hass aufstacheln würde. Aber mit einem Raketenluftballon vor israelischen Wachposten rumposen – das stachelt nicht zu Hass auf? Irgendwo in Kollegahs Kopf muss was falsch verdrahtet sein.

Bei Ali As auch. Der bringt nämlich das beste Argument, warum Kollegah (und er selbst auch) einfach aufhören sollte zu rappen. Denn: wenn man sich nicht sicher sei, wie und ob jemand die Äußerungen, die man von sich gebe, verstehe, sollte man aufpassen was man sage, und nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen (42:30). Naja, genau das ist doch der Punkt. Genau das kritisiert Shapira doch hier und da mal wieder: Dass Kollegah sich eben nicht sicher sein kann, wie seine Fans seine Tracks verstehen. Aber gut, bei Ali As sind eh Hopfen und Malz verloren.

Schließlich ist das der Typ, der ein paar Minuten später sagt, Homophobie, Misogynie und Antisemitismus seien „Gewürze“ in der „Suppe“ Rap (45:00), und man könne ja der Ansicht sein, diese Gewürze seien giftig, aber Arsen in kleinen Mengen habe ja noch keinen umgebracht (45:45). Ach so – das heißt, solange man Juden nicht gleich umbringt, ist Antisemitismus in Ordnung? Solange keine Konzentrationslager gebaut werden, gibt es nichts zu beanstanden? Ich verrate dir mal ein Geheimnis, Ali As: Wegen Homophobie und Antisemitismus wurden in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit verdammt viele Menschen abgeschlachtet. Und wegen Misogynie gibt es im muslimisch-arabischen Raum Frauen, die gesteinigt werden, als Strafe dafür, vergewaltigt worden zu sein. Also doch, Ali As, all diese „Gewürze“ haben schon Millionen von Menschen umgebracht.

Aber es geht dir ja um die geringen Mengen. Ja sicher – dass es mit der Zeit immer mehr und immer mehr Drogen braucht, um die vom Körper aufgebaute Toleranz zu überbieten, ist dir wohl fremd. Und dass antisemitische, misogyne, homophobe etc. Sprachstrukturen dafür sorgen, gesellschaftliche Missstände zu verfestigen, ist dir wohl ebenfalls fremd. Dass es immer mit den geringen Mengen anfängt, das ist dir wohl fremd.

Und nun können wir uns auch endlich dem Happy End widmen. Nachdem man nämlich festgehalten hat, Antisemitismus sei ja nur ein leckeres Gewürz, bringt Kaufmann noch die alte Rapper Weisheit: Die Mutter beleidigen geht gar nicht. Da ist Kollegah natürlich als echter Ehrenmann voll dabei: „Die Mutter ist das Heiligste, definitiv.“ (46:20) Ah, deshalb hat Kollegah Fler in „Fanpost 2“ ständig als „Hurensohn“, „Hundesohn“ und „Bastard“ bezeichnet – weil er so viel Respekt vor Müttern hat. Aber das Stückchen Rapper Klaumauk, auf das sich immer alle einigen können, darf halt nicht fehlen.

Ich sage es mal so: Dieses Gespräch war eine einzige Farce. Warum genau Kaufmann anwesend war, weiß ich nicht, wenn sie 1. sich selbst nicht als Jüdin sieht, 2. Kollegah nicht als Antisemiten sieht und 3. die „Doku“ nicht gesehen hat. Warum Shapira lieber hier und da einen halbgaren Witz reißt, anstatt Kollegah hart anzugehen, ist mir ein Rätsel. Weshalb der blasierte „IQ-Rassist“ Ali As anwesend ist, verstehe ich nicht – vielleicht wurde er ja eingeladen, damit jemand noch dümmeren Müll verzapft als Kollegah. Warum der selbstzufriedene Koree da rumsitzt und seine überheblichen Kommentare einstreuen muss, ist mir rätselhaft. Warum eine Handvoll Bodybuilder während dieses Gespräches anwesend sein muss, wenn nicht, um Leute einzuschüchtern, lässt mich ratlos zurück. Warum nicht alle im Strahl kotzen müssen, wenn Kollegah darüber sinniert, die Juden müssten sich eben mal richtig integrieren und nicht immer in eine Opferrolle schlüpfen, verwundert mich.

Warum ich mir das angetan habe, frage ich mich jetzt. Und das wird wohl nicht die einzige Frage sein, die unbeantwortet bleiben wird.

Wie sich das Afrika-Karibik-Festival blamiert hat

Nachdem man sich beim Hessen-Tag auf öffentlichen Druck hin doch noch eines besseren besann und den Schwulen-, Frauen, Behinderten-, Juden-, etc-feindlichen Kollegah nicht zu diesem für Weltoffenheit werbenden Konzert einlud*, dachte man sich beim Afrika-Karibik-Festival: Hey, so einen Mann brauchen wir noch! Der Veranstalter ließ verkünden:

Wir stehen seit 20 Jahren mit unserem Festival-Motto: ‚one race…human!‘ für Weltoffenheit, Völkerverständigung und Menschenfreundlichkeit und stecken niemanden in eine Schublade. Wir freuen uns sehr, dass wir gemeinsam mit Kollegah ein klares Zeichen setzen können

Nun ja, was Kollegah mit Weltoffenheit und Völkerverständigung zu tun hat ist fraglich – aber Menschenfreundlichkeit, ernsthaft? Das … das … bitte … ein Witz … Nein? Nein. Schade. Nun, wer zeilen wie „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappt, der ist wohl ohne Zweifel ein wahrer Menschenfreund. Ohja.

Richtig blamiert hat sich das Afrika-Karibik-Festival aber durch den Auftritt von Kollegah in Leipzig am (mittlerweile ist es halb eins, von daher:) gestrigen Abend. Denn, nun, wie umschreibe ich es am besten: Da hat Kollegah einem Fan mitten auf der Bühne mal so richtig die Fresse poliert.

Der Fan kam auf die Bühne, da er gegen einen anderen Fan ein Freestylebattle machen sollte. Er gab Kollegah und allen aus Kollegahs-Crew Handshakes, dann klaute er ohne um Erlaubnis zu fragen Ali As die Kappe. Kollegah kommentierte dies mit den Worten: „Abzug in der B-Note direkt“, und lachte dabei, was der Fan wohl nicht unbedingt als Wahrnung verstand, ähnliches bei Kollegah nicht zu machen (was irgendwo ja verständlich ist). Da ging der Fan zum hockenden Kollegah und wollte ihm – erneut ohne um Erlaubnis zu fragen – die Brille vom Kopf nehmen. Kollegah stand ruckartig auf, der Fan wollte sich entschuldigen, doch da wurde er schon vom Rapper weggeschubst, in den Bauch getreten, und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Anschließend kamen Kollegahs Leute und zerrten ihn weg. Die Anzeige ist draußen, wird Kollegah allerdings leider nicht sonderlich weh tun, stattdessen lediglich für Promo sorgen (und ja, ich schreibe ja auch über ihn, bin also auch reingefallen …).

Keine Frage: Es ist unhöflich, aufdringlich, und höchst unsympathisch, einem Menschen einfach ins Gesicht zu greifen und ihm die Brille wegnehmen zu wollen. Aber einen solchen Menschen dann sofort wegzuschubsen, in den Bauch zu treten, ins Gesicht zu schlagen, wegzerren zu lassen – ist das die neue Menschenfreundlichkeit?

Ihr habt euch blamiert, Afrika-Karibik-Festival. Euer „Menschenfreund“ ist nichts als ein primitiver Schläger.

*Lustige Fußnote: auf der Website des Hessentages heißt es auch: „Neben den beiden Leitthemen werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit beim Hessentag in Rüsselsheim eine große Rolle spielen.“ Da ist Kollegah natürlich der richtige Mann, schließlich ist er entschieden gegen Chemtrails – und was wäre mehr Klimaschutz als gegen Chemtrails sein?

Und immer wieder Kollegah

Nicht lange ist es her, da wurde ein Auftritt Kollegahs in Rüsselsheim abgesagt, weil man gemerkt hatte, dass ein frauen-, schwulen- und judenfeindlicher Rapper auf einem Konzert für Toleranz nicht ganz so gut kommt. Eine interessante Fußnote in Bezug auf die deutsche Rapszene bleibt, dass viele Hip-Hop-Medien die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs nicht einmal für erwähnenswert befanden, und stattdessen nur über den Vorwurf des Antisemitismus berichteten. Der arme Kollegah war sich natürlich keiner Schuld bewusst, und das Trauma, dass er durch diese unerquickliche Angelegenheit erlitten haben muss, scheint er nun auf einem neuen Track verarbeiten zu wollen.

Legacy“ heißt dieser Track, wo er ab 5:58 rappt:

Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe

In deren Heimat es aussieht wie in Vietnamkrieggebieten

Ich kritisier das Siedlungsprojekt, kritisier die Milizen

Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess

Also jammert ma nicht rum, ihr seht den Kamerablickpunkt

Kid, ich war da mit meiner Mannschaft von der Anpackerstiftung

Das war ne Anfangsentwicklung, statt zu labern, fangt an, nehmt’s in die Hand man

Lenkt das ganze langsam in ne andere Richtung

Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem

Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr

Sagt mein Konzert ab, weil ihr kein Plan von der Kunstform habt

Digga, Battlerap ist wie deine Blowjobskills – ne Mundsportart

Fühl dich kompetent und wichtig, doch sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig

Kid, du weißt vom Genre Rap hier nichts, Bitch

Journalistensnitch, ich piss auf dich, wenn ich dich in die Knie zwing

Kriegst du Pickind Goldenshower wie der Bruder von Khaleesi

Ey, der Big Boss, der den Rauch auspustet

Und Staiger so in Bauch haut, dass er seine Niere durch sein Maul raushustet

Interessant ist nur zuallererst Folgendes: Damals, als der offene Brief der jüdischen Organisationen erschien, schrieb Kollegah in einem Statement auf Facebook:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Schon damals war klar, dass er eben doch genau diesen Zusammenhang herstellt – und nun gibt er es auch offen zu. „Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe“, behauptet er völlig faktenwidrig – denn de facto hat ihn wegen dieser Aktion ja niemand einen Antisemiten genannt (obwohl man sogar Grund dazu gehabt hätte). Es war die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“, die Stein des Anstoßes war. Kollegah also fantasiert sofort einen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt her und plustert sich selbst zum Tabubrecher auf – ein beliebtes Topos antisemitischer Israelkritiker.

Und heute behauptet er ja nicht einmal, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Israel dämonisiert. Nein, er behauptet, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Palästinensern hilft. Das ist total absurd, und zeigt, dass für Kollegah Juden äußerst missgünstige Leute sind, die ihrem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot gönnen.

Schon beim ersten Hören des Tracks fragte ich mich übrigens, wie Kollegah darauf kommt, in Palästina – konkreter: in der Nähe von Ramallah – sehe es aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Wäre es wenigstens in Gaza gewesen, ok, da gibt es in der Tat zerstörte Häuser. Wessen Schuld das ist wäre dann ein eigenes Thema. Aber in der Nähe von Ramallah sieht es doch nicht aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Der Mann hat entweder keine Ahnung, wovon er spricht – was unwahrscheinlich ist, immerhin war er ja selber vor Ort – oder er lügt und hat Freude daran, Israel zu dämonisieren. Wer worauf tippt, das ist jedem selbst überlassen.

Eine weitere Frage stellte sich mir sofort danach: Was meint Kollegah genau mit dem „Siedlungsprojekt“? Meint er damit Israel? Schließlich gibt es Rapper, die allen Ernstes Israel als „Kolonie der Vampire“ bezeichnen, wie es generell unter Antisemiten nicht unüblich ist, Israel als westliche Kolonie zu bezeichnen. Oder meint Kollegah vielleicht doch nur die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria? Es ist nicht zweifelsfrei klar, man wird ihn nicht auf die erstere, zweifelsfrei antisemitische Aussage festnageln können – und genau das ist das Kalkül, wie man annehmen kann. Es ist die selbe Taktik, die auch die AfD anwendet. Provokante, menschenverachtende Aussagen tätigen, und sich nachher darauf zurückziehen, das sei ja gar nicht so gemeint gewesen, und wer sei denn bitte Boateng. Eine widerliche Taktik – aber anscheinend sind sehr viele Menschen sehr dumm, und darum funktioniert sie so gut.

Die Fragen hören nicht auf: Welche Milizien kritisiert Kollegah? Damit kann fast alles gemeint sein. Die IS-Milizen, die Hamas-Milizen, die Hizbollah-Milizen – oder das israelische Heer, denn selbst könnte man als „Miliz“ bezeichnen. Man kann fast jede bewaffnete Organisation als „Miliz“ bezeichnen. Was Kollegah mit dieser unfassbar schwammigen Aussage also tatsächlich sagen will, kann nicht einmal erahnt werden. Kritisiert er Islamisten? Oder doch Israel? Und bevor jetzt jemand mein obiges Urteil auf mich zurückwerfen will: Das ist ein völlig anders gelagerter Fall, schließlich gibt es hier eine Milliarde Deutungsmöglichkeiten, die alle Sinn ergeben würden, und es ist nicht ersichtlich, welche am ehesten in Frage käme. Aber wer Kollegah hier eine böse Absicht unterstellt, dem werde ich sicher nicht widersprechen.

Die Line „Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess“ vereint zwei interessante Elemente und macht eines klar: „Befriedung“, das ist für Kollegah das Verschwinden von Juden. Oder meint er mit „Free Palestine“ die Befreiung von den Islamofaschisten der Hamas und den Kleptokraten der PA? Nein, wohl eher Israel, denn die Juden müssen ja immer an allem Schuld und ergo das einzige Problem sein. Und hui, er ist für „den Befriedungsprozess“ – ja, wer genau ist denn bitte gegen Frieden? Wer weiterdenkt, wird ahnen, worauf Kollegah hinaus will … und wie groß dieses „Palästina“ ist, das er sich vorstellt.

Wer übrigens gegen die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria ist, und sich gleichzeitig für „den Befriedungsprozess“ ausspricht, der macht klar, was für ihn Frieden bedeutet: Die Abwesenheit von Juden. Nicht Frieden mit Juden, sondern Frieden von Juden. Oder was ist das Problem daran, wenn Juden in Judäa und Samaria leben? Warum genau soll das schlecht sein? Menschen, die aus der Anwesenheit von Juden ein Problem machen, sind Antisemiten, und gegen die sollte man vorgehen, nicht gegen die Juden.

Kleines Rätselraten für zwischendurch: Wenn Kollegah seinen „Hatern“ vorwirft, neidisch auf sein Geld zu sein, welches antisemitische Stereotyp bedient er? Vielleicht als Hinweis nochmal die konkrete Line: „Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem/ Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr“. Auflösung am Ende, es gibt ein Gewinnspiel!*

Natürlich beklagt Kollegah sich auch über das abgesagte Konzert. Wobei hier bemerkenswert ist: er behauptet nicht, man würde ihn boykottieren, sondern spricht wahrheitsgemäß nur von der Absage dieses einen Konzertes – womit er deutschen Hip-Hop-Medien schon einmal einiges voraus hat. Die Begründung, warum die Absage doof gewesen sei, lässt allerdings zu wünschen übrig: man hätte ja die Kunstform nicht verstanden, das sei doch Battlerap – als würde dies den frauen-, schwulen- und judenfeindlichen Inhalt der Lieder irgendwie rechtfertigen. Und ja, mit der Line „sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig“ hat er einen oberflächlichen Treffer gelandet, denn der Fauxpass mit dem falsch zugeordneten Zitat war wirklich ein wenig peinlich – aber Kollegah ignoriert, dass er eben auch für Lines anderer Rapper in moralische Haftung genommen werden muss, wenn diese auf seinem Track, auf seinem Album antisemitische Scheiße rappen. Eine inhaltliche Distanzierung Kollegahs von Antisemitismus findet hier überhaupt nicht statt – es wird lediglich ein Formfehler kritisiert.

Die anschließenden Gewaltfantasien gegen Journalisten (der Kram mit dem Anpissen – man, Kollegah hat einen seltsamen Fetisch!) lassen dann Kollegahs faschistoide Züge erkennen – wer eine andere Meinung hat, der gehört gedemütigt, dem wird Gewalt angetan, oder, wie es Richtung Staiger heißt – da dieser die Dreistigkeit besaß, Kollegahs „Doku“ zu kritisieren -, dem wird in den Bauch geschlagen, „dass er seine Niere durch sein Maul raushustet“.

Und wer seinen Kritikern derart mit Gewalt droht, der kann es sich auch leisten, sich durch eine etwas verunglückte Line selbst zu beleidigen – „Ich bin dein Papa, du Hund“, rappt Kollegah gegen Sun Diego. Da hat wohl jemand nicht zu Ende gedacht. Achso: Und „Khaleesi“ ist keinesfalls ein Eigenname, sondern der Titel von Daenerys Targaryen.

Letztlich ist man nach diesem Track genau so schlau wie vorher: Kollegah mag Juden nicht so sehr, steht nicht so auf Demokratie, aber kann ganz passabel reimen. Im Rap nichts Neues.

*Sorry, war nur ein Spaß. 😦

Banksys Antisemitismus

„Ich finde Banksy scheiße“ rappte Danger Dan auf „Ibiza“, und ich kann mich ihm nur anschließen. Banksy, das ist dieser britische Graffiti-Künstler, relativ bekannt, hat etwa „Dismaland“ gestaltet.

Oh, apropos, eine kleine Anekdote dazu: In „Dismaland“ wurden die Kunstwerke von Israelis und Palästinensern Seite an Seite ausgestellt. Der palästinensische Künstler Shadi Alzaqzouq fand das nicht ganz so cool – er forderte, Israel zu boykottieren, und startete eine peinliche Aktion, indem er sich vor seinem Kunstwerk auf den Boden warf und sich tot stellte.

Dies ist eigentlich der Nahostkonflikt in einer einzigen Andekdote: Die (meisten) Israelis wollen Seite an Seite mit den Palästinensern in Frieden leben – die (meisten) Palästinenser wollen, dass die Juden verschwinden. In Banksys Gehirn konnte dies aber nicht vordringen – für ihn ist, natürlich, Israel an allem Schuld.

Im Jahr 2015 veröffentlichte Banksy eine kleine „Mini-Dokumentation“ über Gaza. Darin betritt er Gaza über einen der Schmuggler-/Terrortunnel der Hamas – nur um später scheinheilig zu fragen, warum es denn keinen Beton für Häuser gebe. Kein Witz. Ebenfalls behauptet Banksy in diesem Video, Israel habe nach dem Gazakrieg 2014 kein Beton in den Gazastreifen einführen lassen – was schlicht eine dreiste Lüge ist. Aber wenn es um das Dämonisieren Israels geht, kennt Banksy keine Hemmungen mehr. Ironisch bezeichnet er die Israelis als „friendly neighbours“, gefolgt von dem Schriftzug: „In 2014 Operation Protective Edge destroyed 18,000 homes“. Hier werden also die Israelis homogenisiert, zu einem Kollektiv verschmolzen, jeder Israeli denkt genau dasselbe – und die Israelis als Kollektiv hätten die Zerstörung des Gazastreifens auf dem Gewissen. Aus purer Freude, das legt Banksy nahe, hätten sie dies getan. Der Beschuss Israels durch die Hamas findet keine Erwähnung, generell scheint es für Banksy die Hamas gar nicht zu geben (außer, wenn er ihre Terrortunnel nutzt), er suggeriert, der kollektive Jude Israel hätte Gaza aus reiner Böswilligkeit in Schutt und Asche gelegt. Und natürlich darf am Ende des Videos ein theatralisches „denkt an die Kinder“ nicht fehlen.

Banksys Fans feiern ihn dafür. Denn wie sie in den Kommentaren kund tun, wissen sie eines: Israel und die USA sind die größte Bedrohung für menschliche Leben auf der ganzen Welt!

Banksy Kommentare.png

Ein anderer freut sich darüber, dass seine Nachbarn nicht jüdisch, bzw.“nicht solche Arschlöcher sind“. Auch die paranoiden Leute, die hinter jedem kritischen Kommentaren einen Mossad-Agenten und/oder israelischen Textbot vermuten, dürfen nicht fehlen, ebensowenig wie der Vorwurf des Kindermordes (aka Ritualmordlegende 2.0).

Banksy dürfte also zufrieden sein, denn was sonst wollte er mit diesem Video erreichen, als Antisemitismus zu verbreiten?

Nun hat Banksy wieder ein neues Projekt. Eines, das nicht nur Kunst ist, sondern ihm auch ordentlich Geld in die Kassen spülen soll – ein Hotel. „Banksy ist zurück und eröffnet das einzigartige ‚Walled Off Hotel‘ in Palästina„, titelt hiphop.de. In diesem Hotel sind allerlei Kunstwerke, es ist quasi ein Museum, in dem man schlafen kann. Vom Hotel aus ist der israelische Sicherheitszaun zu sehen, und ihm ist das Hotel auch gewidmet – es ist letzendlich nichts anderes als klug vermarkteter Antisemitismus. Doch natürlich versucht Banksy sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus gleich vorweg zu immunisieren, indem er auf seiner Homepage schreibt, das Projekt sei nicht antisemitisch, und „[w]e offer an especially warm welcome to young Israelis.“ Diese Extrawerbung in Richtung junger Israelis und die Schlagzeile von hiphop.de leiten uns in eine interessante Richtung, doch bevor ich verrate, worauf ich hinaus will, hier noch ein kleines Puzzlestück: Auf seiner Homepage schreibt Banksy auch:

You don’t need a visa to enter Israel as a tourist and you can stay for up to 3 months. Visitors entering via Tel Aviv airport are given an entry card in their passport. So, unlike the locals, you’ll be permitted to travel wherever you wish.

Airport security at Tel Aviv, however, is legendary. Expect to be asked about the purpose of your stay and if you intend travelling to the West Bank. If you answer ‚yes‘ you may be held up for some time, consequently many visitors choose not to highlight that particular part of their holiday.

Die lokal Ansässigen dürfen also nicht reisen, wohin sie wollen. Und zwar, das suggeriert Banksy hier, weil sie dafür keine Genehmigung der Israelis bekommen. Und natürlich muss auch die israelische Security sarkastisch als „legendär“ bezeichnet werden, um ihre herausragende Bösartigkeit herauszustreichen.

So, nun haben wir also dieses Hotel, das in „Palästina“ steht, und in das nicht nur Palästinenser und Touristen aus aller Welt, sondern auch gerne Israelis kommen sollen. Und wir wissen, dass Banksy die Mauer und Reiserestriktionen sehr sehr blöd findet. Jetzt kommt der Witz:

Das palästensische Gesetz verbietet es jüdischen Israelis, Betlehem zu betreten. Daher liegt das Hotel leicht außerhalb Betlehems (nicht in Betlehem, wie einige Zeitungen irrtümlich behaupten – hiphop.de hat diesen Fauxpass durch die Formulierung „in Palästina“ vermieden). Banksy also, im vollen Bewusstsein, dass die Palästinensische Autonomiebehörde aus antisemitischen Beweggründen heraus Juden die Einreise in bestimmte Gebiete untersagt*, klagt Israel wegen angeblich rassistischer Reisebeschränkungen an. Und damit es keinem auffällt, legt er sein Hotel gerade so knapp außerhalb Betlehems an, dass Juden es noch gerade so betreten dürfen.

Denn natürlich weiß Banksy: Israel MUSS an allem schuld sein.

Ein Mensch, der ganz „Palästina“ (nur Gaza war ihm wohl zu langweilig) als „world’s largest open prison“ bezeichnet, glaubt natürlich auch zu wissen, dass Israel nicht nur generell an allem schuld ist, sondern natürlich das absolute Böse, das non-plus-ultra des Bösen ist. Böser geht es gar nicht mehr! Nichts ist so schlimm wie Israel, und so muss ein Raum im Hotel, von dem aus man geradewegs auf den israelischen Sicherheitszaun blickt, „Worst view in the world“ heißen.

*EDIT: Zudem liegt das Hotel so in einem Bereich, in dem Israel für die Wahrung der öffentlichen Ordnung verantwortlich ist – Banksy erkennt also auch, dass Israel, anders als die PA, für Sicherheit sorgen kann.