Tolkiens Werk und Antisemitismus

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag vom guten Taubiola.

Liebe*r Leser*in,

Der folgende Text wird einiges von ihnen abverlangen. Denn – Sie ahnen es – die Antisemitismuskeule wird heute mal wieder losgelassen. Und nicht auf irgendjemanden, nein, auf J.R.R. Tolkien höchstpersönlich, jenen Mann, dessen linguistisches Interesse und die Hingabe für die Erfindung seiner Sprachen so bewundernswert, sein mangelndes literarisches Talent so bedauernswert und das von ihm geschaffene Universum so prägend für so viele Kindheiten von uns war. Wie, werden Sie sagen, dieser Mann soll ein Antisemit gewesen sein? Pfui! Wie kann man dieses schmutzige Wort nur in den Mund nehmen? Die A-Bombe verletzt auch außerhalb Kartoffellands Gefühle!

Jaja, blabla. Bevor Sie entsetzt wegklicken und einen Onlineartikel der Linken Zeitung lesen, ein kleiner Disclaimer: Mir geht es im Folgenden nicht darum, Tolkien zu verteufeln und ihnen zu verbieten, seine Werke toll zu finden. Ich möchte Sie lediglich einladen, sich meine Gedanken zu problematischen (weil antisemitischen) Tendenzen in seinen Werken, insbesondere dem „Hobbit“, anzuhören – vielleicht sind Sie nachher ja schlauer. Ach so, und bevor irgendwer auf die Idee kommt: Nein, Tolkien ist nicht schlimmer als Hitler.

These: Tolkiens Werke transportieren antisemitische Stereotype, die die Gefahr in sich bergen, den*die Leser*in ohne dessen*deren Bewusstsein darum zu korrumpieren.

Wie komme ich darauf? Ich möchte Ihnen zuerst beweisen, dass sich Tolkien in seinen Werken (wenn nicht explizit anders formuliert beziehe ich mich im weiteren Verlauf vor allem auf den „Hobbit“) mit der jüdischen Kultur auseinandersetzt. (Dass die Art der Auseinandersetzung das Problem ist, mag dem mitdenkenden Leser nun schon klar sein, dazu aber später mehr, wir wollen ja nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen.)

Wenn wir uns den „Hobbit“ vor Augen halten, und das darin vorkommende Volk der Zwerge, so fallen, kaum dass man den Blick schärft, geradezu erstaunliche Parallelen zwischen diesem Volk der Zwerge und dem jüdischen Volk auf:

Die Zwerge (jedenfalls eines ihrer Reiche) leben im Berg Erebor, einem bekannten und beeindruckenden Berg. Die (meisten) Juden lebten und leben im Land Zion, das nach dem Berg Zion benannt ist, dem Berg, auf dem ihre Tempel standen.

Die Zwerge des Erebor besaßen ein wunderschönes Artefakt, dass ihnen mehr wert war als alles anderes; ihr Königsjuwel: Der Arkenstein. Die Juden besaßen die Bundeslade, aufbewahrt im Allerheiligsten, Zeichen und Beweis für die Anwesenheit ihres lebendigen Gottes, das wichtigste aller Geräte des Tempels.

Die Zwerge des Erebor wurden vertrieben vom Drachen Smaug, dem Ungetüm, der kam, den Erebor eroberte, ihre Stadt zerstörte, ihre Schätze raubte und sie vertrieb. Die Juden wurden vertrieben vom Römischen Reich, das ihren Aufstand niederschlug, Jerusalem zerstörte, umbenannte („Aelia Capitolina“), ihnen die Beschneidung verbot, ihnen das Leben in Jerusalem verbot, den Tempel plünderte und mit dieser Plünderung den Bau des Colosseums in Rom finanzierte.

Fortan nun zogen die Zwerge durch Mittelerde, heimatlos und stets kritisch beäugt, immer unter sich bleibend (was so weit ging, dass sie sogar ihre eigene Sprache vor Nicht-Zwergen geheim hielten). Die Juden verteilten sich ebenfalls in der Welt, überdauerten die Diaspora in neuen Heimaten, dennoch ihren kulturellen Zusammenhalt bewahrend.

Schließlich macht sich nun der Zwerg Thorin auf, um mit seiner Gefolgschaft, „Thorins Company“, die alte Heimat zurückzufordern. Der Name Theodor Herzl und der Begriff Zionismus muss den häufigeren Lesern dieses Blogs wohl kaum erklärt werden, für die Leser der Linken Zeitung unter ihnen sei jedoch gesagt, dass das so ein Jude war, der die Idee eines jüdischen Staates ganz schnafte fand, eine Idee, die (mehr oder weniger) durch den Zionismus und den Staat Israel Realität wurde (sry für den Spoiler).

Die Sprache der Zwerge wurde bereits angeschnitten, diese ist ein weiteres starkes Indiz: Sie ähnelt nämlich dem Hebräischen; Konsonantenschrift mit dreibuchstabigen Wortwurzeln. Oder lassen wir doch den Meister himself sprechen:

„The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.“

[Die Zwerge sind natürlich recht naheliegend; würden sie nicht sagen, dass sie sie auf vielerlei Art an die Juden erinnern? Ihre Worte sind semitisch, offensichtlich, dafür geschaffen, semitisch zu sein.]

Quelle: http://www.timesofisrael.com/are-tolkiens-dwarves-an-allegory-for-the-jews/

Ich fasse zusammen: Will man sich nicht in die Beliebigkeit flüchten und behaupten, alle diese Übereinstimmungen seien Zufall, so gibt es keinen Zweifel daran, dass die Zwerge des Erebor nicht nur auf dem jüdischen Volk basieren, sondern dieses sogar explizit darstellen.

These: Die Art der Darstellung erfüllt und transportiert gängige antisemitische Klischees.

Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden, würde die Geschichte der Zwerge einfach nur das Diasporaschicksal des jüdischen Volkes nacherzählen. Problematisch ist aber die Darstellung, die Pointierung des zwergischen Charakters.

Über allem fällt bei der Lektüre die unfassbare Gier des zwergischen Volkes ins Auge. Die Zwerge des Erebor beispielsweise häufen riesige Schätze an, Reichtümer unendlicher Größe – man kann hierin ohne große Mühe das antisemitische Konstrukt des bösen „raffenden Kapitals“ sehen, das als Gegensatz zum guten „schaffenden Kapital“ konstruiert wird. Die Ereborzwerge nun raffen so dermaßen viel, dass dadurch der Drache Smaug angelockt wird, der sie aus ihrer Heimat vertreibt. Den Zwergen Morias wiederfährt überdies ein ähnliches Schicksal: In ihrer maßlosen Gier schürfen sie so tief in den Berg hinein, dass sie einen Balrog aufwecken, und verlieren nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Leben.

Doch traurigstes Beispiel für die Gier der Zwerge bleibt Dain Eisenfuß, Vetter Thorins, den Thorins Gemeinschaft (neben den anderen Zwergenkönigen) zu Beginn der Reise um Hilfe bei der Rückeroberung des Erebor bittet. Wie auch alle anderen Zwergenkönige verweigert ihnen Dain diese Hilfe jedoch, um dann am Ende bei der Schlacht der Fünf Heere doch noch seinen Arsch zum Berg zu bewegen – denn ihm war Nachricht überbracht worden, dass der Drache tot und das viele viele Gold nun ganz einfach zu erobern sei. Nicht die familiären Bande sind es, die Dain zum Erebor holen, neinnein, die dienen ihm nur als Instrument, um selber den Schatz zu erbeuten, wird er doch nach Thorins Tod König unter dem Berg. Es ist das Gold, das ihn anlockt. Nach dem Sieg über die Heere des Bösen schließlich teilt er den Schatz mit Elben und Menschen, ein Bruch in der Charakterisierung möchte man meinen, doch könnte man auch unken, dass er sich damit nach einer verlustreichen Schlacht den für das Happy End nötigen Frieden erkauft.

Man könnte nun unablässig weitere Beispiele für Darstellungen der Zwerge als raffgierig nennen, ich belasse es an dieser Stelle bei den oben erläuterten; das Grundmotiv sollte klar sein.

Dass Raffgier eines der hartnäckigsten antisemitischen Stereotype und in seiner Einfachheit anders als andere antisemitische Ressentiments wenig Wandlung erlebt, brauche ich wohl keinem zu erklären (man denke an das Schwanken der Antisemiten, ob die Juden nun doof seien, weil sie keinen eigenen Staat hätten, oder eben weil sie nun einen haben; an die Verschiebung von Brunnenvergifter- zu Wasserstehlerlegenden etc.) und so widmen wir uns gleich dem nächsten Punkt.

Das Schicksal der Erebor- und Moriazwerge wurde oben bereits angeschnitten – beide Reiche fallen ihrer eigenen Gier zum Opfer. Erkennt man hier ein weiteres Element des Antisemitismus? Dass die Juden an ihrer Verfolgung selbst schuld seien, ja diese durch ihr schlechtes Verhalten sogar erst hervorrufen würden, ist schließlich eine Argumentation, die so alt ist wie der Hass auf das jüdische Volk selbst. In jedem Fall ist eine gewisse Süffisanz in der Darstellung nicht zu bestreiten. Zwei mächtige zwergische Reiche, voll von Wohlstand und ohne Nöte, die einzig durch die eigene Gier zu Fall gebracht werden. Das Tolkien hierbei wenn dann latentem Antisemitismus frönt und sowohl Drache als auch Balrog als Diener des Bösen die Schurken der Geschichte darstellen, ändert dann leider auch nichts daran, dass die Zwerge ihr Schicksal durch die eigenen Verfehlungen besiegelt haben. Der Erzähler sieht ihnen, so möchte man meinen, mit einer gewissen Schadenfreude zu wie sie von den bösen Buben verkloppt werden, fast so, wie „Critical Whiteness“ Anhänger, die es bejubeln, wenn ein Mensch mit Dreadlocks von Neonazis geschlagen wird.

https://twitter.com/dannytastisch/status/854731285083942912

https://youtu.be/c8GVtXfATtI?t=29

Eine weitere interessante Notiz ist die Tatsache wert, dass im Film „Die Gefährten“, als besagte Gefährten das Nebelgebirge durchziehen wollen und von Saruman durch Moria gezwungen werden, Gimli keinen blassen Schimmer davon hat, was dort geschehen ist – dass nämlich Balin mit seiner Expedition gescheitert und tot ist und das auch schon 25 Jahre vor den Ereignissen des Ringkrieges. Der gute Gimli kümmert sich anscheinend keinen Deut um das Schicksal seiner Verwandten, es sei denn, diese sollen ihn und seine Freunde (und einen Elb) bewirten. Freilich ist dieser Mist auf Peter Jacksons Unfähigkeit gewachsen (der ansonsten bei den HdR-Filmen aber einen unglaublich guten Job gemacht hat (über die Hobbitfilme schweigen wir lieber)). Da kann Tolkien ausnahmsweise nichts für.

Wir gelangen zum letzten Punkt, den ich beleuchten möchte: Die Unfähigkeit des zwergischen Volkes, seine Souveränität selber zu errichten. Denn wer ist es, der im „Hobbit“ den Tag rettet? Jedes Mal? Immer? Wirklich immer! Dieser verdammte Hobbit. Bilbo muss alles machen, ob nun die Düsterwaldspinnen umbringen/hereinlegen, die Zwerge aus den Verliesen Thranduils befreien, die Tür in den Erebor finden (nicht mal ihre eigene Heimat hätten die Zwerge ohne ihn betreten können!), die Stimme der Vernunft sein, nachdem der Erebor zurückerobert wurde und so weiter und so weiter. Und wen repräsentiert Bilbo? Die Engländer (so Tolkien selbst, siehe oben verlinkten Artikel der Times of Israel). Erst das Mandat des Hobbits macht es den wirklich vollkommen inkompetenten, kindischen, obendrein auch noch hochgradig undankbaren Zwergen möglich, die eigene Heimat wieder in Besitz zu nehmen. Das ist nicht nur herablassend, sondern nervt beim Lesen auch noch unfassbar, Kinderbuch hin oder her.

Dieses Stereotyp des unfähigen Juden findet sich auch im modernen Antisemitismus, besonders im israelbezogenen Antisemitismus, wo die Menschlichkeit der Juden, also die Tatsache, dass tatsächlich auch Juden Fehler machen (unfassbar, oder?) als Argument gegen die Juden (oder verklausuliert: gegen Israel) verwendet wird. Werden bei einem israelischen Kriegseinsatz Zivilisten getötet, so wird gleich dem ganzen Kriegseinsatz oder auch dem ganzen Staat seine Legitimation abgesprochen.

Fazit

Leider übernimmt Tolkien im Hobbit nicht nur Charakteristika des jüdischen Volkes und dessen Geschichte, sondern auch antisemitische Vorurteile und mengt diese munter unter seine Erzählung, sodass ein Brei entsteht, der nur noch schwerlich zu trennen ist. Umso beunruhigender ist es, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich beim Hobbit um ein Kinderbuch handelt. Noch bevor dem Menschen die Problematik des Antisemitismus bewusst sein kann, nämlich, wenn er noch ein kleines Kind ist, werden ihm durch diese Geschichte bereits antisemitische Denkmuster ins Gehirn geträufelt.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Müssen sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Eins nach dem Anderen.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? Er selber hat es bestritten und an und für sich auch durchaus glaubhaft. Als ihn im Jahr 1938 deutsche Verleger, die den Herrn der Ringe ins Deutsche übersetzen wollten, fragten, ob er arischer Abstammung sei, antwortete Tolkien nach längerer Nachhakerei von Seiten der Nazis Folgendes:

„If I am to understand that you are enquiring whether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people.“

[„Falls ich das so zu verstehen habe, dass sie in Erfahrung bringen wollen, ob ich von jüdischer Herkunft bin, so kann ich nur antworten, dass ich es bedaure keine Vorfahren dieses auserwählten Volkes zu haben.“]

 http://tolkiengateway.net/wiki/Letter_30

Mit ein bisschen Übermotivation könnte man eine solch dezidierte Antwort in einer Zeit wie der damaligen an Leute wie die Betreffenden durchaus als Chuzpe, mindestens, bzw. darüber hinaus in jedem Falle als höchst anständig bezeichnen. Tolkien selber, so lässt sich aus diesem Brief schließen, hätte also wohl bestritten, Antisemit zu sein. Nun könnte man sagen, dass das nur eine weitere Parallele zu heutigen Antisemiten sei und schaut man sich an, was für antisemitischen Mist Tolkien verwurstet hat, so scheint dieser Schluss gar nicht mal unangebracht. Tolkien war, so meine bescheidene Einschätzung, ein Mensch mit antisemitischen Vorurteilen, der diese, ohne es selber zu bemerken, geschweige denn zu wollen – sogar geschweige denn sich der Existenz dieser Vorurteile bewusst zu sein –, in seinen Werken reproduzierte.

War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Ich würde behaupten, beide sind gleich schlimm, begehen doch beide die 8. Todsünde: In ihrem Buch den Ausgang der Geschichte spoilern. Abseits dieses geschmacklosen Witzes: Natürlich nicht. Hitlervergleiche sind und bleiben das Werkzeug der Dummen.

Müssen Sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all Ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Ich denke nicht. Nur kann es nicht schaden, sich einmal mit den problematischen Aspekten der tolkienschen Werke auseinanderzusetzen. Ist man sich dieser bewusst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, von den unabsichtlich eingearbeiteten antisemitischen Motiven korrumpiert zu werden um ein vielfaches. Und Mittelerde ist schlichtweg zu spannend, zu faszinierend, zu facettenreich, um es mir nichts dir nichts in die Tonne zu kloppen. Da nehme ich lieber einen Aufruf zu Awareness in Kauf (steinigt mich). Die übrigens bei Antisemitismus nicht aufhören muss: (Sogar auf Vernichtung abzielender) Rassismus (Stichwort Orks), Elitarismus (Stichwort Dunedain, Elben), Frauenfeindlichkeit (ja, da hilft auch Eowyn nichts, denn die mag zwar voll emanzipatorisch kämpfen und so, aber was ist das Ende vom Lied? Sie heiratet Faramir und wird zum Hausmütterchen. Was sie brauchte, so suggeriert die Geschichte, war also keine Selbstbestimmung, sondern einfach nur ein Schwanz. Na super, voll feministisch!), Monarchismus (muss man da Beispiele nennen?) usw. Im Wesentlichen also all die Probleme, mit der (fast) alle Fantasy zu  kämpfen hat.

Tolkien war nicht böse und grundverdorben, doch sollten sein Werk und die Bedeutung dieses Werkes ihn und betreffendes Werk nicht vor Kritik schützen.

Antisemitismuskeule over.

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Wie man einem Antisemiten einen Persilschein ausstellt

Nun war es endlich soweit. Kollegah hat sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira getroffen, um darüber zu diskutieren, ob Kollegah nun ein Antisemit ist oder nicht, und in welchem Rahmen Kritik an Israel ok ist.

(Sämtliche Zeitangaben in diesem Artikel sind nur ungefähre Angaben und beziehen sich auf dieses Video)

Eines vorweg: Wider Erwarten gelang es nicht, in diesem 50 minütigen Gespräch den Nahostkonflikt zu lösen, wie Kollegah irgendwann ernüchtert feststellt (30:35). Man wird also im Nahen Osten nicht von einer weiteren deutschen Endlösung der Judenfrage profitieren können, um es mal ein wenig zynisch auszudrücken.

Wie dem auch immer sei. Zwei Dinge fallen gleich zu Beginn des Videos auf: 1. Kollegah braucht anscheinend eine ganze Mannschaft an Bodybuildern um sich herum, um sich sicher zu fühlen, und 2. Kollegah hat offensichtlich keine Ahnung, mit wem er sich da getroffen hat, weiß er doch nicht einmal, dass es sich bei seinem männlichen Gast nicht um einen Herrn „Shapiri“ handelt, sondern um Shahak Shapira (0:05). Klar, er hätte ja nicht gleich deren Biographien auswendig lernen müssen – aber den Namen seiner Gäste sollte man schon drauf haben. Die nennen ihn ja auch nicht Kolligah. Aber nicht nur das – an späterer Stelle des Gespräches hält Kollegah Shapira auch vor, er, Kollegah, mache ja richtige Kunst, Shapira hingegen habe lediglich ein Buch darüber geschrieben, wie er von Nazis verprügelt worden sei (43:30). Auf Shapiras verdutzte Antwort, er sei nie von Nazis verprügelt worden, gibt Kollegah zu, das Buch nicht gelesen zu haben. Er wisse nur, es gehe da „grundsätzlich um ne Opferrolle“. Von nix eine Ahnung, aber Juden einfach auf Verdacht unterstellen, in die Opferrolle zu schlüpfen – bravo Kollegah.

Während sich Shapira nun also kurz vorstellt, fällt die Sprache auch auf den Großvater Shapiras, der bei den olympischen Spielen 1972 ebenso wie 10 weitere israelische Athleten von palästinensischen Terroristen entführt und ermordet wurde (2:15). Leider versäumt Shapira es schon hier, Kollegah darauf anzusprechen, was dieser von der antisemitischen Terrororganisation Hamas hält, die in Artikel 7 ihrer Charta die Vernichtung aller Juden weltweit fordert, oder von der Fatah, auf deren Facebook-Seite regelmäßig zum Judenmord aufrufende Graphiken veröffentlicht werden, und deren autokratisch regierender „Präsident“ Mahmud Abbas in seiner Dissertation die Shoah relativiert und die Schuld an ihr den Juden in die Schuhe schiebt. Genau dies wäre die Gelegenheit gewesen, Kollegah zu fragen, was er von eben solchem Terror und Hass hält, und ob es nicht auch höchst unsolidarisch gegenüber der palästinensischen Bevölkerung ist, die Kleptokraten und Unterdrücker von Hamas und PA völlig unbeachtet zu lassen. Doch Shapira lässt diese Gelegenheit verstreichen.

Als nach ihm Kat Kaufmann das Wort ergreift, erklärt sie, zwar das Statement Kollegahs gesehen und sich ein bisschen informiert, die Doku allerdings aus zeitlichen Gründen nicht gesehen zu haben (4:10). Hier zeigt sich schon die Problematik des gesamten Gespräches: Der Eine (Kollegah) hat keine Ahnung, wer seine Gesprächspartner überhaupt sind, die Andere (Kaufmann) hat das Filmchen, über das gesprochen werden soll, nicht gesehen, und beide als Vertreter der jüdischen Seite Eingeladenen (Shapira und Kaufmann) begreifen sich selbst gar nicht als Juden und wollen mit dem Zentralrat der Juden darum gar nichts zu tun haben (28:00, 37:20) – wer sollte hier nochmal mit wem warum diskutieren?

Kaufmann stellt Kollegah schon gleich zu Beginn dieses komplett absurden Gespräches seinen Persilschein aus – das immerhin ist lobenswert, da muss man nicht bis ganz zum Ende warten, um die Gewissheit eines Happy Ends zu haben. Kollegah könne ja gar kein Antisemit sein, erklärt Kaufmann, da er schließlich dem Zentralrat der Juden seine Hilfe angeboten hätte, und überhaupt sei es der Zentralrat der Juden, der „armselig“ gewesen sei, weil er auf dieses Angebot gar nicht eingegangen sei (4:25). Dass der Zentralrat der Juden sich vielleicht schlicht nicht von einem Antisemiten instrumentalisieren lassen will, der sich mit ein paar hingeworfenen Euros einen Freifahrtschein für seine antisemitische Hetze erkaufen will, kommt ihr anscheinend nicht in den Sinn.

Kollegah brummt sogleich dankbar, als er den Freispruch aus dem Mund einer nicht-so-ganz-aber-naja-passt-schon-Alibi-Jüdin hört, und erklärt anschließend, er habe ja keine „Zensur“ betreiben wollen und daher antisemitische Kommentare auf seiner Facebook-Seite einfach stehen gelassen (6:00). Dieses Verhalten wird im Verlaufe des Gespräches von Kaufmann verteidigt, von Shapira kritisiert (20:30), und man fragt sich wirklich: Was sind das für Zeiten, in denen ernsthaft darüber diskutiert wird, ob es ok ist, antisemitische Hetze unkommentiert stehen zu lassen? Was sind das für Menschen, die so etwas in Ordnung finden? Antisemitische Kommentare müssen entweder gelöscht werden – was gerade bei als Antizionismus getarntem Antisemitismus leicht zu Gejammere über die „Antisemitismuskeule“ führen kann und daher vielleicht nicht ganz optimal ist – oder aber wenigstens kommentiert werden. Wenn Kollegah seine Fans einfach toben und zum Massenmord an Juden aufrufen lässt, macht er sich mitverantwortlich.

Aber was kann man schon von einem Mann erwarten, der die Ressentiments gegenüber Juden ernsthaft mit den Vorurteilen gegenüber Gangsterrappern vergleicht (6:50)? Klar, sicher, die „Vorurteile“ (Vorwurf der Misogynie, Homophobie etc.), mit denen Gangsterrapper zu tun haben, sind ja völlig unbegründet, schließlich rappen die ja nur misogynes, homophobes, ableistisches Zeug … Mir ist jetzt auch unverständlich, wo diese „Vorurteile“ herkommen (Man wird ja wohl noch „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ rappen dürfen, ohne gleich frauenverachtend genannt zu werden, oder? Oder?!). Oder will Kollegah ausdrücken, Juden seien ja ebenso wie Gangsterrapper an ihrem schlechten Image selber schuld, ja würden sich sogar extra ein schlechtes Image verpassen, um damit Geld zu verdienen? Dritte Deutungsmöglichkeit: Vielleicht bagatellisiert Kollegah Antisemitismus auch einfach, indem er seine lächerlichen „Diskriminierungserfahrungen“ aufgrund seiner Gangsterrapperkarriere mit den Diskriminierungserfahrungen von Juden gleichsetzt. Oder es ist ein Mix aus alle dem – wer weiß das schon? Vermutlich nicht einmal Kollegah selbst.

Irgendwann geht es dann auch tatsächlich mal um das euphemistisch „Doku“ genannte Schmieren-Filmchen. Kollegah erblödet sich sogleich, zu sagen, sein Gepose mit dem Raketen-förmigen Luftballon sei ja kein antisemitisches Statement gewesen, sondern vielmehr Kritik an der Politik der israelischen Regierung (8:25) – ohne Scheiß. Für diesen Mensch ist die Verherrlichung von tödlichen Raketen, die auf israelische Zivilisten abgeschossen werden und oft genug so schlecht konstruiert sind, dass sie noch im Gazastreifen abstürzen, Israel-Kritik. Wer das Ermorden von Juden für berechtigte , ja notwendige Kritik hält, der hat wahrlich den deutschen Lifestyle verinnerlicht.

Shapira lässt sich hier immerhin zu zaghafter Kritik verleiten. Diese Aktion sei ja keine gehaltvolle Kritik gewesen, merkt er an, worauf Kollegah mit dem seltsamen Einwand aufwartet, dies sei ja nur Kritik an der „Doku“ selbst, und also kein Beweis für seinen Antisemitismus. In Kollegahs Kopf ergibt das bestimmt irgendwo Sinn – und Shapira stimmt ihm auch noch zu, behauptet, es wäre nicht antisemitisch, Terrorangriffe auf Juden (denn gegen diese richten sich die Raketenangriffe ja) gutzuheißen, und kritisiert lediglich, das sei ja aber schon irgendwie ein bisschen gewaltverherrlichend. Klingt wie ein schlechter Witz, ist aber tatsächlich so passiert. Ali As wendet nun noch beflissen ein, man müsse das Publikum ja irgendwo abholen – eine kryptische Aussage. Will Ali As damit sagen, Kollegahs Fanbase vertrete einen eliminatorischen Judenhass? Und dass man halt ein bisschen Judenmord propagieren müsse, um Platten zu verkaufen, aber das wäre dann ja ok?

Kollegah würgt Ali As jedenfalls schnell ab, bevor dieser den Karren unrettbar in den Dreck fahren kann. Auf Shapiras Kommentar, Kollegah vermittle durch die Szene mit dem Luftballon den Eindruck, es sei cool, Raketen auf Israel zu schießen, fällt Kollegah der geistreiche Kommentar ein, dies sei ja nur, was Shapira da reindeute, und wenn die Szene allgemein so gedeutet würde, dann sei das halt so, aber habe ja nichts zu bedeuten (9:20). Dies ist eine Aussage, die der geneigte Leser sich dringend für eine spätere Stelle dieses Wohlfühlgeplauders merken sollte – aber ich werde dann ohnehin nochmal hierauf verweisen. Wie es aussieht, ufer ich mehr aus als der Nil in der Regenzeit, also wird das dann als kleine Gedächtnisstütze dringend nötig sein. Wenn ich mich selbst dann noch hieran erinnere – es bleibt kompliziert.

Nunja, auch für das unmittelbar Folgende ist Kollegahs Äußerung interessant, behauptet er doch erneut, der Zentralrat der Juden habe ihn wegen seiner „Doku“ einen Antisemiten genannt (9:50). Eine Unterstellung, die zum einen eine merkwürdige Verbindung zwischen dem Zentralrat der Juden und Israel zieht – ganz so, als sei der Zentralrat der Juden in Deutschland eine israelische Organisation. Der Gedanke, es könne sich beim Zentralrat schlicht um eine deutsche Organisation von Menschen jüdischen Glaubens handeln, kommt Kollegah nicht – wer Jude ist, der hat für ihn automatisch mit Israel zu tun. Wer Jude ist, der ist für Kollegah automatisch jemand, der jedem, der was gegen Israel sagt, die „Antisemitismus-Keule“ über den Kopf zieht. Das verrät einiges über Kollegahs Weltbild, aber wenig über die Motivation des Zentralrates der Juden, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen. Von Shapira korrigiert, der Zentralrat der Juden habe kein Wort über die „Doku“ verloren, sagt Kollegah, der Zusammenhang sei ja offensichtlich – hier zählt also, was Kollegah in die Äußerung seines Kontrahenten hineindeutet. Was der Zentralrat der Juden sagt, darf er deuten, wie er will – aber die Raketen-Aktion, da sei ja nicht seine Sache, wie andere die deuten würden.

Bevor Kollegah dann allzu lang über „den Basis-Vorwurf des Antisemitismus“ jammern kann (10:25), womit er wohl die klügste Erfindung des modernen Antisemitismus meint, nämlich die angebliche, hier schon mehrfach angesprochene „Antisemitismus-Keule“, lenkt Kaufmann das Gespräch mit einem ihrer seltenen Redebeiträge in eine andere Richtung, indem sie darauf hinweist, neben Antisemitismus sei Kollegah auch Frauenfeindlichkeit und Homophobie vorgeworfen worden. Darauf folgt die Standard-Ausrede eines jeden Gangsterrappers dieses Planeten: Das sei ja nur Rap, nur eine „Kunstform“ (11:30), und Wörter wie „Bitches“ und „Schwuchtel“ würden hier in einem anderen Kontext fallen als im alltäglichen Sprachgebrauch. Daher sei der Gebrauch der Wörter nicht frauenverachtend oder homophob. Welcher andere Kontext als im alltäglichen Sprachgebrauch das sein soll wird – absichtlich? – offengelassen, und gleich darauf demontiert sich Kollegah selbst ziemlich gründlich. Ihn rege diese „spießerartige Mentalität“ auf, derzufolge ganz alltägliche Wörter wie „Schwuchtel“ homophob seien (14:10). Aha – Begriffe wie „Bitch“ und „Schwuchtel“ sind für Kollegah also nicht nur in Kontext eines Raptextes völlig ok, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Damit greift aber die zuvor konzipierte Legitimation von diskriminierenden Wörtern im Rap nicht mehr, kommt es doch anscheinend doch irgendwie nicht auf den Kontext an. Kollegah hat wohl selbst schon wieder vergessen, welche Rechtfertigung er sich noch vor zwei-einhalb Minuten zurechtgebogen hatte – kann ja mal passieren.

Shapira, der sich immer wieder gequält äußert, wenn Kollegah seine frauen- und schwulenfeindlichen Aussagen mit der Ausrede „ist doch Kunst“ versieht, wird von Kollegah gnadenlos ausgekontert: Er, Kollegah, würde ja haufenweise CDs verkaufen, und seine Fans seien ja alle total klug und gebildet, also sei es Kunst, was er so verbreche (12:30). Das ist für sich schonmal ein merkwürdiges Argument, sagt doch Massenkompatibilität nichts über die Qualität von irgendetwas aus. Aber wenn er anfügt, seine Fans seien ja schlau und keine „perspektivlosen Spastis“, hat Kaufmann ihre ersten von zwei guten Augenblicken: Hier „Spasti“ als abwertenden Begriff zu benutzen sei gemein, merkt sie an. Nun, mir wären da ein paar drastischere Worte als „gemein“ eingefallen, aber immerhin, es ist wenigstens ein Mensch anwesend, der sich nicht zu schade dafür ist, sich gegen Ableismus auszusprechen – wenn auch recht zaghaft.

Jedenfalls glaubt Ali As hier dann, wieder seinen Unsinn zu Protokoll geben zu müssen. Das Wort „Spasti“ sei hier ja in einem anderen Zusammenhang gebraucht worden, und überhaupt hätten sie diese ganzen Wörter ja nicht erfunden. Das ist in etwa so sinnvoll, wie sich bei einem Mord damit herausreden zu wollen, man habe das Gewehr, mit dem man das Opfer erschossen habe, ja nicht selbst erfunden, sondern lediglich benutzt. Und man habe das Jagdgewehr ja nicht zur Jagd, sondern zum Mord benutzt, und darum sei das schon in Ordnung (weil: anderer Kontext!). Ähnlich Hirnschmerz-auslösend gibt sich auch Kollegah, wenn er sagt, er habe die Leute, die auf seiner Facebook-Seite von der „Endlösung“ fantasieren würden, ja nicht erschaffen, die „waren schon vorher da“ (15:10). Ahja, das macht es natürlich besser. Antisemitismus „nur“ zu fördern statt zu erschaffen ist ja so moralisch vertretbar.

Und jetzt Achtung, es kommt eine rethorische Frage von Kollegah, die jedem denkenden und empathifähigen Menschen das Hirn zu den Ohren raus suppen lässt: „Er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘ dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?“ (14:30)

Äh … Ja? Oder, wenn wir ganz kleingeistig sein wollen: Nein, Kollegah, du bist nicht homophob, weil du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung benutzt – sondern weil du homophob bist, benutzt du das Wort „Schwuchtel“ als Beleidigung.

Und es wird noch doller. Irgendwann gegen Beginn des Rumgeschleimes der kritischen Diskussionsrunde merkt Koree in Richtung Shapira investigativ an, ihn störe dieses „wir-ihr“-Denken (7:40). Nun die spannende Frage: Wird Koree Kollegah in der gleichen Weise korrigieren? Wir werden es gleich erfahren …

Ne, tut er nicht. Bei Kollegah ist es ihm egal, wer hätte damit gerechnet. Hier ein kleiner Gesprächsausschnitt zwischen Kollegah und Shapira (16:15):

Kollegah: „Komischerweise checkt jede Ethnie den Humor dahinter – ich hab albanische Freunde, ich hab afrikanische Freunde, keiner regt sich auf – die Einzigen, die sich immer in diese Opferrolle setzen … [dramatische Pause, dann leise:] … seid ihr.“

Shapira: „Ihr?“

Kollegah: „Ja.“

Shapira: „Was ist das, ihr?“

Kollegah: „Ihr Juden.“

Ungläubiges Kichern, kurze Stille.

Vorhang zu. Eigentlich wäre an dieser Stelle alles gesagt gewesen. Eigentlich müssten Shapira und Kaufmann an dieser Stelle aufstehen und gehen. Tun sie aber nicht. Sie kommentieren nicht einmal Kollegahs haarsträubende Erklärung, Juden seien eine „Ethnie“, eine Äußerung, die üblen Antisemitismus nur so ausdünstet. Sie widersprechen nicht der Aussage, Juden wären die einzige „Ethnie“, die sich immer in die Opferrolle dränge, obwohl hier schon mit einem Verweis auf das Gehabe des Zentralrates der Muslime in Deutschland das „Argument“ Kollegahs komplett demontiert worden wäre. Sie lassen es über sich ergehen, hier auf ihr jüdisch-sein reduziert zu werden, sie kritisieren nicht die Tatsache, wie Kollegah hier Juden als Kollektiv begreift – nichts. Stattdessen erklärt Shapira lieber, er würde ja darauf achten, jede Minderheit zu beleidigen, da schließlich jede Minderheit das Recht darauf habe, beleidigt zu werden (17:10).

Es folgt ekliges Blabla. Ich überspringe die ganz kleinen Aufreger mal, dieser Artikel wird sonst nie fertig.

Jedenfalls kritisiert Shapira irgendwann, Kollegah gebe durch sein Facebook-Statement zum offenen Brief des Zentralrates der Juden und anderer jüdischer Organisationen dem Zentralrat die Schuld am Antisemitismus in den Kommentarspalten von Kollegahs Facebook-Seite (21:45). Eine durchaus berechtigte Kritik, man wittert Morgenluft. Wird Kollegah zugeben, den Juden die Schuld am Antisemitismus zu geben, oder wird er einlenken und diese Aussage zurücknehmen?

Wen hätte es überrascht – ersteres. Der Zentralrat habe die antisemitischen Ausraster von Kollegahs Fans provoziert. Unter der „Doku“ sei der Antisemitismus „marginal“, erst durch die Einmischung des Zentralrates hätten sich die antisemitischen Kommentare gehäuft. Dass der Zentralrat damit ganz sicher keinen Antisemitismus hervorgerufen hat, sondern lediglich die hasserfüllten Antisemiten dazu gebracht hat, ihren Antisemitismus offen zu artikulieren, kommt ihm nicht in den Sinn – dass der Hass auf Juden auch dann da ist, wenn der Antisemit ihn gerade nicht mit Schaum vor dem Mund herausschreit, zu dieser Erkenntnis fehlen Kollegah dann doch ein paar Reflexionsebenen, wie es scheint. Wir sollten den Antisemitismus-Forscher Kollegah mal fragen, ob es nicht auch sein kann, dass die Juden selbst an der Shoa schuld waren – vielleicht macht Kollegah ja eine Dissertation zu dem selben Thema wie Mahmud Abbas, das wäre doch spannend. Die geistigen Voraussetzungen scheinen da zu sein.

Aber bevor er sich derart großen Fragestellungen widmet, erklärt Kollegah uns noch, woher denn die Menschen kommen. Denn, so predigt Kollegah seiner muslimischen Gemeinde, Fremdenhass wäre ja unlogisch, da wir doch alle von einem Menschen abstammen würden (23:30). Naja, vermutlich eher von zwei Menschen, oder? Vielleicht sollte man Kollegah nochmal erklären, wie das mit der Fortpflanzung zu funktioniert, er scheint da eine kleine Wissenslücke zu haben …

Apropos Wissenslücke. Kollegah wäre wohl eines der Opfer von Ali As, wenn der irgendwas zu melden hätte. Denn, wie Ali As blasiert verkündet, es gäbe nur eine logische Art, nur eine begrüßenswerte Art von Rassismus, und das wäre Rassismus gegenüber weniger intelligenten Menschen (23:50). Als „IQ-Rassist“ bezeichnet er sich, und fühlt sich … witzig? Schlau? Provokant? Wie auch immer – so etwas zu sagen ist schlicht widerlich. Damit setzt Ali As nämlich weniger intelligente Menschen auf eine niedere Stufe, heißt Diskriminierung gegenüber diesen gut – was zum einen bedeutet, dass Babys seiner Meinung nach diskriminiert werden sollten, befinden sich diese doch unbestreitbar intelligenzmäßig nicht unbedingt auf dem höchsten Level, zum anderen aber auch bedeutet, dass geistig behinderte Menschen als minderwertig dargestellt werden. Nicht zu vergessen diejenigen, die einfach nicht so einen hohen IQ haben – seinen IQ sucht man sich ja nicht aus. Aber jo, seien wir doch mal allen weniger intelligenten Menschen gegenüber schön rassistisch (was auch immer „Rassismus“ als Begriff hier zu suchen hat, sind diese Menschen jetzt auch noch eine „Rasse“, oder wie?). Geil! Ich geh dann mal Menschen mit geistiger Behinderung versklaven, dieser eine Rapper da hat gesagt das wäre gut …

Neben dieser Art von Rassismus, die Ali As „logisch“ findet, gibt es noch eine weitere, diese will er aber nicht verraten – „das würde zu weit führen“. Obs was mit Juden zu tun hat? Man kann nur spekulieren.

Hier dann der zweite und letzte Lichtblick bei Kaufmann: Sie weist wieder darauf hin, es sei „sehr gemein“, Diskriminierung weniger intelligenter Menschen gutzuheißen, denn „es gibt so furchtbar, furchtbar nette Menschen die soo dumm sind, aber niemals irgendetwas Schlechtes tun würden.“ Zwar ist auch hier ein gewisser Beigeschmack von Verachtung für weniger intelligente Menschen nicht abwesend, aber immerhin – sie widerspricht. Shapira windet sich ein wenig – nicht sicher, ob er die Behindertenfeindlichkeit, die er bei Ali As bemerkt, einfach nur witzig finden oder kritisieren soll. Es kommt so ein Mittelding bei rum, das nicht wirklich appetitlich ist.

Sogar Kollegah weist Ali As zurecht – Menschen könnten nun einmal nichts für die Intelligenz, mit der sie geboren werden. Es komme letztlich nur darauf an: „moralisch integer oder eben nicht“. Das ist so ziemlich der erste Satz von Kollegah in diesem Gespräch, den ich gut finde – ich befürchte nur, es wird auch der letzte gewesen sein.

Ali As rudert hektisch zurück, und schließt sich Kollegah an. „Aber wenn ich sowas als Statement mache wird das niemand jucken“, sagt er dann noch. Was genau er meint, ist nicht ganz klar. Ob er meint, es würde niemanden jucken, wenn er sagt, es käme nur darauf an, ob man moralisch integer sei oder nicht, weil die Leute so ein Statement nicht spektakulär fänden? Da würde sich mir die Frage stellen, warum Ali As denn die Aufmerksamkeit, die er für eine Stellungnahme bekommt, so viel wichtiger ist als die Aussage, die er darin trifft. So etwas ist doch plumpe Effekthascherei, sowas – genau sowas ist unmoralisch. Oder meint er, es würde niemanden jucken, wenn er sich behindertenfeindlich äußere, und nur Juden würden sich ja immer als Opfer darstellen? Das wäre zumindest insofern merkwürdig, als er ja gerade eben noch von den übrigen Anwesenden zurecht gewiesen wurde und seine Aussage komplett zurücknehmen musste. Wie auch immer – Ali As sollte lieber schweigen, das wäre angenehmer für alle.

Kleriker Kollegah hat noch eine wichtige Message: Wer Juden hasst ist kein richtiger Muslim, weil der Islam das irgendwie verbieten würde oder so. Nunja, an der Stelle sei mal kritisch investigativ nachgefragt: Wie erklärt Kollegah dann all die judenfeindlichen Suren des Islam? Nur so als Beispiel seien hier Sure 4:46 (Verfluchung der Juden durch Allah), Sure 3:71 (Juden sind Lügner), Sure 5:60 (Verwandlung von Ungläubigen (vermutlich Juden) in Affen und Schweine) und Sure 5:78 (Verfluchung der Juden durch David und Jesus) genannt. Ich will damit nicht behaupten, eine friedliche Auslegung des Koran sei unmöglich – nur erscheint es mir vor dem Hintergrund der antijudaistischen Suren im Koran einigermaßen absurd, zu behaupten, der Koran verbiete es, Juden zu hassen.

Kollegah jedenfalls hat gleich noch eine Forderung an die deutschen Juden (27:50): Diese sollten sich doch bitte mal besser integrieren. Äh, bitte was? In welchem Jahrzehnt ist Kollegah geistig bitte stecken geblieben? Muss man das noch kommentieren?

Zwei Sternstunden hatte Kaufmann, nun muss natürlich noch was ziemlich Peinliches kommen. So lacht Kaufmann darüber, dass Kollegah rappt, Juden seien seine Anwälte (28:00), und meint dem Zentralrat der Juden erklären zu müssen, es handele sich dabei um „Propz“, und nicht um Vorurteile (36:50). Nun, aber warum meinen Rapper denn bitte, erwähnen zu müssen, ihre Anwälte seien jüdisch? Was spielt das für eine Rolle? Ist es nicht das Bild von Juden als Intellektuellen, als Paragraphenreitern, als Verweigerer „ehrlicher“, körperlicher Arbeit, das hier tradiert wird? Es ist ein Vorurteil, ein Ressentiment – selbst, wenn es nicht negativ gemeint ist.

Ein wenig Palaver hier, ein wenig Palaver da. Schließlich wieder eine verpasste Gelegenheit, bei der Shapira seinen Gastgeber mal hätte kritisieren können. Nachdem Kollegah völlig begeistert schon ein Feature mit Kaufmann und Shapira plant, scherzt Shapira: „Bring deine Sonnenbrille lieber nicht mit“ (29:20). Das wäre eine Gelegenheit gewesen, Kollegah ein bisschen auf den Zahn zu fühlen, wie er es mit seiner zur Schau gestellten Menschenfreundlichkeit wirklich hält. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, was das für eine scheiß Aktion war, einem alkoholisierten, offensichtlich eingeschüchterten Fan in den Bauch zu treten und ins Gesicht zu schlagen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, darauf hinzuweisen, dass Raptext und Wirklichkeit bei Kollegah anscheinend doch nicht so weit auseinander liegen, wie er so gerne betont. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, ihn zu fragen, ob er auch seine Frauenfeindlichkeit und Homophobie so offen auslebt wie seine Gewaltbereitschaft. Aber Shapira reißt lieber einen halbgaren Witz und lässt die Sache auf sich beruhen. Ein Armutszeugnis.

Shapira startet dann nochmal einen Versuch, so langsam wieder über die „Doku“ von Kollegah zu reden. Er würde Kollegah gerne die israelische Seite zeigen, er, Shapira, dürfe zB. nicht nach Ramallah, denn die letzten Juden, die dort hineingingen, seien von einem Lynchmob ermordet worden (31:00). Kollegahs Antwort: Ja, aber beide Seiten. Und wer da im Recht sei, das könne man ja auch nicht sagen (31:40). Wie bitte? Wenn Juden von einer wütenden Meute in Stücke gerissen werden kann man nicht sagen, wer da im Recht und wer im Unrecht ist? Ahja. Alles klar. Vielleicht verbucht Kollegah antisemitische Lynchmobs ja genauso wie Raketenbeschuss auf jüdische Zivilisten unter „legitime Israelkritik“. Wundern würde es mich nicht.

Auch auf Shapiras Anmerkung, Israel habe den Gazastreifen geräumt und dort Millionen an Hilfsgeldern reingepumpt, mit dem einzigen Effekt, dass die Hamas Cocktails geschlürft und nebenbei Terrortunnel gegraben habe, antwortet Kollegah in terrorverharmlosender Manier. So ein Argument könne man sich ja hin und her werfen, das führe ja zu nichts, man könne ja nie sagen, wer jetzt mehr angestellt habe (32:40). Dabei sollte man eigentlich annehmen, die Sache, wer mehr angestellt habe, sei klar, wenn die eine Seite der anderen Millionen in den Arsch pumpt und diese Seite dies mit Terroranschlägen vergilt.

Was mir noch bei Shapira übel aufstößt, ist seine Äußerung über die israelischen Siedlungen – diese könnten mit keinem Argument gerechtfertigt werden (31:45). Ich probiers mal: No Nation no Border. Ups, das war einfach. Nächster Versuch: Juden dürfen ihre Häuser bauen wo sie wollen. Ganz passabel. Oder wie wäre es damit: Judäa und Samaria (das sog. „Westjordanland“) waren vor 1967 illegal von Jordanien annektiert und daher nie rechtmäßig Teil eines Staates. Sie gelten daher juristisch nicht als besetzte, sondern als umstrittene Gebiete. Bei denen greifen die diversen UN-Verordnungen, die die israelischen Siedlungen angeblich illegal machen, überhaupt nicht. Und wie wäre es mit diesem Zusatz: In Judäa und Samaria gilt (noch immer) das osmanische Recht, und nach diesem Recht sind die israelischen Siedlungen völlig legal.

Naja, das war ein kleiner Strauss voll Argumente. Ich will damit nicht behaupten, die israelischen Siedlungen seien wunderbar, ihr Bau verlaufe vollkommen problemlos in Niemandsland ab, und generell sei alles tutti – aber es ist schlicht absurd, zu behaupten, die Siedlungen seien durch nichts zu rechtfertigen. Es erinnert ein wenig an die ekelhafte Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis: Nur die Palästinenser dürfen auf diesem Land leben, denn nur sie wurden dort geboren! So hat man vielleicht vor 70 Jahren argumentiert, aber doch bitte nicht mehr heute. Und ist nicht die Forderung nach einem Siedlungsstopp, ja nach einem Rückbau der Siedlungen von Grund auf antisemitisch? Schließlich werden hier Häuser bauende Juden zu einem Hindernis für den Frieden erklärt. Aber warum dürften denn Juden nicht in einem zukünftigen palästinensischen Staat leben (wenn man schon voraussetzt, diese Gebiete sollten zu einem zukünftigen palästinensischen Staat gehören, was ja durchaus zu diskutieren wäre)? Warum sollten die Siedlungen nicht irgendwann Teil eines palästinensischen Staates sein? Warum soll dieses „Palästina“ denn ein ethnisch und religiös reines Gebilde sein? Niemand, der Recht bei Trost ist, sieht in der Anwesenheit von Juden ein Friedenshindernis. Und wer in ihnen ein Friedenshindernis sieht, der will keinen Frieden mit Juden, sondern einen Frieden von Juden. Und das ist antisemitisch.

Wo wir gerade beim Thema sind. Die Siedlungen findet natürlich auch Kollegah ganz schrecklich. Die Menschen in dem Flüchtlingslager bei Ramallah, das er besucht hat, die hätten wegen der Siedlungen ihre Heimat verloren, erzählt Kollegah (33:50). Aber Moment: Hatte nicht Kollegah noch in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen würden schon seit mehreren Generationen dort leben? Hat Kollegah nicht in seiner „Doku“ erzählt, die Menschen seien 1948, im Rahmen des israelischen Unabhängigkeitskrieges, aus ihren Häusern vertrieben worden, und hätten noch Schlüssel für ihre ehemaligen Häuser – aber die Israelis ließen sie nicht zurück? Doch, genau das hatte Kollegah damals erzählt. Nun soll es plötzlich so gewesen sein, dass die Menschen von israelischen Siedlungen verdrängt wurden. Kollegah passt wohl seine Geschichte immer der momentanen Situation an. Je nachdem, was ihm argumentativ gerade besser in den Kram passt, wurden die Menschen durch den Krieg oder die Siedlungen vertrieben. Morgen wird es vielleicht das schlechte Wetter gewesen sein, und in einer Woche erzählt er uns vielleicht was von Gentrifizierung. Oder meint Kollegah etwa, Israel als Gesamtes sei eine illegale Siedlung? Das wäre freilich noch ekelhafter und noch eindeutiger antisemitisch.

Aber Kollegah wollte aus seiner „Doku“ ja kein riesen Politikum machen (34:00). Achso, und ich hatte mich schon gewundert, warum er Blumen am Grab des antisemitischen Terroristen Jassir Arafat niedergelegt hat. Das war wahrscheinlich, äh, Sightseeing. Und Moment, hatte Kollegah nicht noch zu Beginn des Gespräches darauf verwiesen, sein Gepose mit dem Raketen-Luftballon sei ein Statement gegen die israelische Politik gewesen? Ach ja – sowas passt Kollegah ja immer der momentanen Diskussionslage an. Wie mans gerade besser gebrauchen kann. Mensch, ist das praktisch.

Der übliche Kardinalsfehler in einer Diskussion um den Nahostkonflikt muss auch Shapira unterlaufen: Er bemängelt, im Nahostkonflikt werde man schnell einseitig, und alle würden einen auf eine Seite ziehen wollen. Man müsse aber neutral bleiben und sich nicht auf eine Seite schlagen (34:20). Shapira verwechselt hier Neutralität mit Äquidistanz. Äquidistanz bedeutet, zu beiden Seiten einen gleich großen Abstand einzuhalten, sodass man in der Mitte rumdümpelt und keiner Seite recht gibt. Neutralität bedeutet, die Sache objektiv zu betrachten. Betrachten wir den Nahostkonflikt aus dem Blickwinkel eines Äquidistanz wahrenden Menschen: Die Hamas fordert die weltweite Vernichtung aller Juden. Israel ist dagegen. Dieser Mensch würde verlangen, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen, also die Hälfte aller Juden weltweit getötet wird. Damit hätte er sich auf keine Seite geschlagen. Nun betrachten wir den Konflikt aus dem Blickwinkel eines neutralen Menschen: Er wird sagen, dass die Hamas vollkommen bescheuert ist und sich ihre Forderung gefälligst sonstwohin stecken soll. Er hat sich damit nicht einer Seite gegenüber unfair verhalten, sondern schlicht Vernunft walten lassen.

Es ist nicht Neutralität, sich im Nahostkonflikt auf keine Seite zu schlagen. Wer sagt, dass beide Seiten sich in der Mitte treffen sollen, der ist für Judenmord. Und das ist nicht neutral – das ist barbarisch.

Also widmen wir uns dem nächsten Gesprächsabschnitt. Shapira behauptet, es sei unklug, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, denn jeder plumpe Antisemitismusvorwurf sorge dafür, dass „echter“ Antisemitismus nicht mehr ernst genommen werde (35:50). Das ist nun wirklich lächerlich. Zum einen sollte Shapira nicht darüber urteilen, ob es dumm ist oder nicht, Kollegah Antisemitismus vorzuwerfen, wenn Shapira sich nicht mit dessen jüngsten antisemitischen Ergüssen auskennt (ich denke hier besonders an „Apokalypse„, „Hardcore“ und „Fokus„) – und wenn er sich doch damit auskennt, so ist er offensichtlich blind für Antisemitismus. Zum anderen ist es doch fatal, anzunehmen, der Vorwurf des Antisemitismus sei – denn das impliziert dieser Ausdruck – eine Waffe, mit der man Gegner niederstreckt. Dem ist nämlich keinesfalls so. Der Vorwurf des Antisemitismus ist keine Waffe, mit der man Gegner mundtot macht und für einen großen entsetzten Aufschrei sorgen will. Der Vorwurf des Antisemitismus sollte da angebracht werden, wo man ihn vermutet – und dann sollte der Vorwurf überprüft werden, sachlich und unaufgeregt. Wie man es mit jedem Vorwurf tun sollte.

Wer behauptet, der Vorwurf des Antisemitismus könne sich abstumpfen, der verkennt, dass es eine objektive Entscheidung ist, ob sich jemand antisemitisch äußert oder nicht. Und er verkennt, dass es keineswegs vom Gutdünken der Masse abhängen sollte, ob man jemanden einen Antisemiten nennt oder nicht. Wer soetwas sagt, nimmt selbst den Vorwurf des Antisemitismus nicht mehr ernst, schießt er sich doch auf den ein, der die Kritik geäußert hat, und nicht auf den, der kritisiert wurde.

Allerdings scheint Antisemitismus ja für Shapira generell nichts sonderlich Schlimmes zu sein, sagt er doch, es könne ja sein, dass Kollegah antisemitische Sachen mache, aber das wäre nicht schlimm, er, Shapira, mache das ja auch (36:20). So weit, so merkwürdig, so Antisemitismus bagatellisierend.

Noch merkwürdiger ist aber Kollegahs darauf folgendes Statement: „Ich als Mensch bin kein Antisemit“ (36:30) – also dieses Statement ist schon deshalb merkwürdig, weil es von einem Menschen kommt, der ständig Judenmord als Israelkritik verklärt. Zum anderen gibt Kollegah damit anscheinend zu, antisemitische Lines zu rappen, da er ja nur „als Mensch“ kein Antisemit sei, als Rapper aber schon (klingt komisch, ergibt für ihn aber anscheinend Sinn). Hier hätte man nun wieder ansetzen können, aber nein, Kaufmann muss ja mit ihrem peinlichen Statement bezüglich „jüdischer Anwälte“ in Richtung Zentralrat der Juden daher kommen (36:50).

Kaufmann behauptet in der Folge auch, der Zentralrat der Juden würde Konzerte verbieten, und was denn als nächstes käme (37:10). Shapira weist sie völlig zurecht daraufhin, der Zentralrat habe kein Konzert verboten, und Kollegah lamentiert sogleich, sie hätten aber Druck ausgeübt. Nun, wenn man Kritik äußern Druck ausüben nennt, dann ja: Der Zentralrat der Juden hat Druck ausgeübt. Ich finde es allerdings ziemlich erbärmlich, wenn Kritik derart tabuisiert wird. Wer Kritik wegen ihres kritischen Gehaltes verunglimpft, der ist totalitär, denn er lässt keinen Widerspruch gegen seine Äußerungen zu. Kollegah ist es, der hier Menschen Äußerungen verbieten will, nicht anders herum. Denn Kritik darf jeder äußern, ob es Kollegah nun passt, oder nicht.

Leider (oder zum Glück?) fällt Shapira Kaufmann ins Wort, weshalb sie nicht ganz zu Ende sprechen kann. So wird es nicht klar, was genau Kaufmann mit diesem Satz eigentlich sagen wollte: „Ja, aber in Deutschland sind wir in einem Land, das nach Holocaust [sic] vom Zentralrat einfach mal … [unverständlich]“ (37:20). Es gruselt mir ein wenig bei den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen Kaufmann diesen Satz womöglich zu Ende bringen wollte.

Hier ist dann auch die Sequenz, in der Shapira bekräftigt, seiner Ansicht nach kein Jude zu sein, und Kaufmann und Shapira einhellig sagen, sie fänden es blöd, vom Zentralrat der Juden repräsentiert zu werden. Einen großen Auftritt hat nun Koree: In seinen Sessel gefläzt gibt er süffisant zu Protokoll: „Das finde ich ist die erste schöne Einsicht aus diesem Gespräch.“ (37:40) Die Selbstzufriedenheit, mit der Koree sich in der Gewissheit räkelt, seine Alibi-Juden gefunden zu haben, die es ihm ermöglichen, in Zukunft guten Gewissens gegen den Zentralrat der Juden stänkern zu können, ließ mich das Video an dieser Stelle beinahe abbrechen. Noch schlimmer ist, dass Shapira und Kaufmann augenscheinlich noch immer nicht verstehen, zu welchem Zweck sie eingeladen wurden: Nämlich zu dem, einer Bande von Antisemiten einen Persilschein auszustellen. Sie werden nicht als Menschen begriffen, sondern als Argument, mit dem man sich zukünftig gegen jedweden Antisemitismusvorwurf, und sei er noch so treffend, immunisieren kann.

Darüber hinaus verrät Koree mit diesem Satz noch mehr: Es sei nämlich „die erste“ Einsicht – demzufolge hat sich sein Denken über den Antisemitismusvorwurf in keiner Weise gewandelt. Es geht ihm keinesfalls um eine ergebnisoffene Debatte, sondern er will, dass die beiden vielleicht-nicht-ganz-aber-passt-schon-Juden einknicken und ihm seinen Persilschein ausstellen, nichts sonst.

Shapira kapituliert nun völlig. Kollegah dürfe es ruhig weiterhin cool finden, Raketenluftballons zu kaufen, auch wenn er, Shapira, das nicht tun würde (39:50). Was ist das anderes als ein: „Ja, dann sei halt ein Antisemit, solange du nicht von mir verlangst, auch einer zu sein“? Und nein: Niemand sollte es cool finden, Raketenluftballons zu kaufen und damit vor israelischen Wachtürmen rumzuposen. Denn das ist nicht nur gewaltverherrlichend, wie Shapira irrtümlich annimmt – es ist auch antisemitisch, und ruft zu antisemitischer Gewalt auf. Wer so etwas cool findet, mit dem sollte man sich nicht in einem Raum aufhalten. Und gewiss erst Recht nicht ganze 50 Minuten lang.

Was nun kommt, ist so absurd, es ist schon beinahe lustig. Die Fronten wechseln nun nämlich komplett. Während zuvor Shapira und Kaufmann recht schüchtern die Ansicht vertraten, Antisemitismus sei halt irgendwie doch nicht so cool, und man müsse ja darauf achten, wie sowas bei den Fans ankomme, gerät nun Shapira in die Defensive und muss sich für Witze über Minderheiten rechtfertigen. Und während Kollegah und Konsorten zuvor noch sagten, jede Minderheit habe ein Recht darauf, diskriminiert zu werden, erklären sie nun nachdrücklich, über Muslime dürfe man sich aber nicht lustig machen. Man könnte lachen, würde man nicht permanent kotzen.

Beginnen tut dieses Trauerspiel mit Kollegahs Erklärung, es sei nicht cool, Muslime zu beleidigen, und er hätte ja Respekt vor dem Glauben von Menschen (40:15). Nun frage ich mich wirklich, warum Kollegah etwas so Unsinniges wie religiöse Gefühle wichtiger ist als die körperliche Unversehrheit von Menschen – als das Leben von Menschen. Warum ist es nach Kollegahs Ansicht ok, Judenmord zu propagieren (Raketenluftballon), aber nicht ok, sich über eine Religion lustig zu machen? Ist es nicht pervers, den Glauben an einen imaginären Wolkenrüttler als wichtiger denn das menschliche Leben einzuschätzen? Es ist total absurd, vor der Würde des Menschen keinen Respekt zu haben, sich über Minderheiten lustig zu machen, sie zu verunglimpfen, antisemitische Stereotype zu reproduzieren – und die religiösen Gefühle von Menschen dann plötzlich zum unantastbaren, höchsten Gut zu verklären. Gerade anders herum ist es: Sich über Minderheiten, sich über Menschen lustig machen ist scheiße – sich über die Götter lustig machen, die diese Menschen sich ausgedacht haben, ist ok.

Aber Kollegah ist hier ja plötzlich der Vernünftige, derjenige, der darauf achtet, keine Gefühle zu verletzen. Und so erklärt er dann, auch im Rap gebe es ja Grenzen, und er würde viele Sachen nicht rappen (40:30). An der Stelle möchte ich mal ganz direkt Kollegah fragen: Warum findest du es ok, wenn Favorite auf deinem Track, auf deinem Album rappt: „Ich leih dir Geld doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“? Wird da deine Grenze noch nicht überschritten? Und warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du rappst: „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du, unterlegt mit Bildern vom israelischen Sicherheitszaun, rappst: „Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle/ Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen„? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du im selben Track kurz darauf rappst: „Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht/ Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem“? Weißt du nicht, dass genau das antisemitische Stereotype sind? Warum wird deine Grenze nicht überschritten, wenn du über an Naziflaggen erinnernenden Fahnen stehst, die geballte rechte Faust in den Himmel reckst und „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“ rappst? Deine Grenzen sind offenbar noch fließender als die von Gondor.

Shapira jedenfalls steuert hilflos bei, es lege ja jeder für sich selbst die Grenzen fest, Kollegah stimmt zu, und man wartet schon einen innigen Zungenkuss zwischen den beiden, da ruiniert Ali As die romantische Stimmung, indem er kritisch nachfragt, was denn sei, wenn man die Grenzen des anderen überschreite. Shapira ist immerhin nicht dement und wendet ein, man hätte sich doch vorher darauf geeinigt, jede Minderheit müsse diskriminiert werden (41:00). Ali As rettet sich damit, es komme darauf an, in was für einem Rahmen dies geschehe – womit er offensichtlich meint: Juden diskriminieren ok, Muslime diskriminieren nicht ok. Kollegah formuliert das so: „Wenns irgendwann geschmacklos wird hat das nichts mehr mit Humor zu tun.“ Nun bin ich ein wenig verblüfft. Was hat denn die Line „Hure eines und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ mit Humor zu tun? Warum genau ist das nicht geschmacklos? Was haben diese Lines aus „AKs im Wandschrank“ mit Humor zu tun: „Ich halte die Gun auf dein‘ Vater – Frrr/ Halte die Gun auf deine Mama – Frrr/ Halte die Gun in dein Face, Bitch – Frrr/ Kugeln aus der AK, Bitch – Frrr“? Was hat das mit Humor zu tun? Das sind doch einfach nur stumpfe Gewaltfantasien, oder habe ich da die großartige Pointe verpasst?

Nun fährt Kollegah mit seinem sinnlosen Salbader fort. Wenn Mohammed karikiert werde, rege ihn persönlich das nicht auf, aber es würde eben zu Hass aufstacheln, sagt er in bester Jürgen Todenhöfer-Manier (41:30). Mit ein bisschen Rücksicht ließen sich viele Konflikte vermeiden, so Kollegah. Ah ja. Das heißt, wenn Juden anfangen würden, wegen der antisemitischen Lines von Kollegah Terroranschläge zu verüben, dann würde er es sein lassen, sonst nicht? Und man soll vor bescheuerten Islamisten buckeln, die nicht auf Mohammed-Karikaturen klar kommen? Kleine Lektion für Kollegah: Wenn ein Mensch einen Terroranschlag begeht, weil sein Wicht von „Prophet“ beleidigt wurde, dann ist dieser Mensch ein erbärmliches Arschloch und trägt ganz alleine die Verantwortung für seine abscheuliche Tat. Und vorgehen sollte man gegen genau diese Arschlöcher, nicht gegen die Leute, die sich über deren Propheten lustig machen.

Und Moment – war es nicht Kollegah gewesen, der sich darüber beschwert hatte, diese Juden würden sich immer gleich in die Opferrolle begeben? Und nun lamentiert er wegen Mohammed-Karikaturen. Eine Frage – wann ist die jüdische Gemeinschaft das letzte Mal vollkommen ausgetickt, als jemand eine JAHWE-Karikatur gemacht hat? Charlie Hebdo hat ziemlich widerliche Karikaturen gemacht, nicht nur über den Islam, nein, auch über das Judentum (und das zum Teil mit eindeutig antisemitischen Stereotypen) und über das Christentum. Sind es nicht einzig die muslimischen Gemeinschaften, die sich über Karikaturen über ihre imaginären Freunde aufregen? Wer begibt sich hier in eine Opferrolle?

Und noch ein Moment – auf Mohammed-Karikaturen sollte man verzichten, weil das zu Hass aufstacheln würde. Aber mit einem Raketenluftballon vor israelischen Wachposten rumposen – das stachelt nicht zu Hass auf? Irgendwo in Kollegahs Kopf muss was falsch verdrahtet sein.

Bei Ali As auch. Der bringt nämlich das beste Argument, warum Kollegah (und er selbst auch) einfach aufhören sollte zu rappen. Denn: wenn man sich nicht sicher sei, wie und ob jemand die Äußerungen, die man von sich gebe, verstehe, sollte man aufpassen was man sage, und nicht zusätzlich Öl ins Feuer gießen (42:30). Naja, genau das ist doch der Punkt. Genau das kritisiert Shapira doch hier und da mal wieder: Dass Kollegah sich eben nicht sicher sein kann, wie seine Fans seine Tracks verstehen. Aber gut, bei Ali As sind eh Hopfen und Malz verloren.

Schließlich ist das der Typ, der ein paar Minuten später sagt, Homophobie, Misogynie und Antisemitismus seien „Gewürze“ in der „Suppe“ Rap (45:00), und man könne ja der Ansicht sein, diese Gewürze seien giftig, aber Arsen in kleinen Mengen habe ja noch keinen umgebracht (45:45). Ach so – das heißt, solange man Juden nicht gleich umbringt, ist Antisemitismus in Ordnung? Solange keine Konzentrationslager gebaut werden, gibt es nichts zu beanstanden? Ich verrate dir mal ein Geheimnis, Ali As: Wegen Homophobie und Antisemitismus wurden in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit verdammt viele Menschen abgeschlachtet. Und wegen Misogynie gibt es im muslimisch-arabischen Raum Frauen, die gesteinigt werden, als Strafe dafür, vergewaltigt worden zu sein. Also doch, Ali As, all diese „Gewürze“ haben schon Millionen von Menschen umgebracht.

Aber es geht dir ja um die geringen Mengen. Ja sicher – dass es mit der Zeit immer mehr und immer mehr Drogen braucht, um die vom Körper aufgebaute Toleranz zu überbieten, ist dir wohl fremd. Und dass antisemitische, misogyne, homophobe etc. Sprachstrukturen dafür sorgen, gesellschaftliche Missstände zu verfestigen, ist dir wohl ebenfalls fremd. Dass es immer mit den geringen Mengen anfängt, das ist dir wohl fremd.

Und nun können wir uns auch endlich dem Happy End widmen. Nachdem man nämlich festgehalten hat, Antisemitismus sei ja nur ein leckeres Gewürz, bringt Kaufmann noch die alte Rapper Weisheit: Die Mutter beleidigen geht gar nicht. Da ist Kollegah natürlich als echter Ehrenmann voll dabei: „Die Mutter ist das Heiligste, definitiv.“ (46:20) Ah, deshalb hat Kollegah Fler in „Fanpost 2“ ständig als „Hurensohn“, „Hundesohn“ und „Bastard“ bezeichnet – weil er so viel Respekt vor Müttern hat. Aber das Stückchen Rapper Klaumauk, auf das sich immer alle einigen können, darf halt nicht fehlen.

Ich sage es mal so: Dieses Gespräch war eine einzige Farce. Warum genau Kaufmann anwesend war, weiß ich nicht, wenn sie 1. sich selbst nicht als Jüdin sieht, 2. Kollegah nicht als Antisemiten sieht und 3. die „Doku“ nicht gesehen hat. Warum Shapira lieber hier und da einen halbgaren Witz reißt, anstatt Kollegah hart anzugehen, ist mir ein Rätsel. Weshalb der blasierte „IQ-Rassist“ Ali As anwesend ist, verstehe ich nicht – vielleicht wurde er ja eingeladen, damit jemand noch dümmeren Müll verzapft als Kollegah. Warum der selbstzufriedene Koree da rumsitzt und seine überheblichen Kommentare einstreuen muss, ist mir rätselhaft. Warum eine Handvoll Bodybuilder während dieses Gespräches anwesend sein muss, wenn nicht, um Leute einzuschüchtern, lässt mich ratlos zurück. Warum nicht alle im Strahl kotzen müssen, wenn Kollegah darüber sinniert, die Juden müssten sich eben mal richtig integrieren und nicht immer in eine Opferrolle schlüpfen, verwundert mich.

Warum ich mir das angetan habe, frage ich mich jetzt. Und das wird wohl nicht die einzige Frage sein, die unbeantwortet bleiben wird.

„Jud Süß“ geht halt nicht mehr

Man hat es als Antisemit heute wirklich schwer. Damals, unter Hitler, als die Welt noch in Ordnung war, da hat man in „Jud Süß“ und „Die Rothschilds“ noch ganz ungeniert im Kino gegen Juden hetzen können – sowas geht ja heute gar nicht mehr. Heute muss man verschleiern. Muss die ganz üblen Lügen rauslassen, sich ein wenig beim bauchlinken Publikum anbiedern, alles ein wenig hinter einer friedlichen Maskerade verschleiern.

Am besten klappt das, wenn der antisemitische Hetz-Film einen jüdischen Regisseur hat. Denn wie jeder weiß, kann ein Jude ja gar kein Antisemit sein! Jawohl! Völlig ausgeschlossen! Es gibt ja auch keine Selbstmörder, oder Leute, die sich ritzen! Hass gegen sich selbst oder eine Gruppe, der man zugerechnet wird, ist völlig unmöglich! Bei einem Juden fragt keiner, ob er ein Antisemit ist; ein Jude ist über jeden Antisemitismusverdacht erhaben.

Udi Aloni genießt diese Freiheit. Er ist Jude, und wenn ein Jude etwas sagt, was dem gemeinen Antisemiten gefällt, dann hält dieser Jude als Kronzeuge gegen all die bösen Juden her. Es ist ja so toll, denn schließlich hat der Antisemit endlich einen Juden gefunden, der seine Meinung teilt, ein Jude, der die Juden ebenso hasst wie er. Und ein Jude kann ja kein Antisemit sein, ergo ist das, was er sagt, nicht antisemitisch, und dadurch ist das, was der Antisemit sagt, nicht antisemitisch, und ergo er selbst kein Antisemit, und außerdem, wer die Meinung eines Juden toll findet, der kann ja selbst kein Antisemit sein, neinnein! Udi Aloni ist der beste Freund jedes Antisemiten.

Besonders, da man ihn als „israelische Seite“ des Konfliktes präsentieren kann, also als eine Person, die vorgeblich für die Israelis steht. Da muss dann natürlich auch noch schön deutlich auf die Nationalität von Aloni verwiesen werden, damit auch auf jeden Fall deutlich wird, dass er ein Alibi-Jude ist: „Der Regisseur Udi Aloni und seine Crew sind der lebendige Beweis für die Tatsache, dass der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern anders ist als wir denken: Aloni ist ein israelisch-amerikanischer Regisseur.“[Hervorhebung im Original] Ah, und wenn sogar er als Israeli das sagt, dann, ja dann!

Dabei ist Udi Aloni nichts anderes als ein leidenschaftlicher Israelhasser. Er hasst den jüdischen Staat so sehr, dass er ihn zerstört sehen will. Er bezeichnet allen Ernstes die israelische Regierung als faschistisch. Er unterstützt die antisemitische Organisation BDS. Er ist ein Israelhasser, ein Antisemit.

Und so wundert es nicht, dass er für seinen neuesten Schmierenfilm, „Junction 48“, einen Mann ins Boot holt, der ihn in Sachen Antisemitismus noch einmal eindrucksvoll übertrifft.

Tamer Nafar ist ein arabischer Israeli. Der erste „Palästinenser“, der mit Rap bekannt geworden ist. Und Tamer Nafar spielt in „Junction 48“ die Hauptrolle, den Rapper „Kareem“ – generell basiert der Film auf dem Leben von Tamer Nafar. Doch wer ist dieser Tamer Nafar?

Nun, auch Tamer Nafar ist ein leidenschaftlicher Antisemit und Israelhasser. In dem Track „Min Irhabi“, was in etwa so viel bedeutet wie „Wer ist hier der Terrorist?“, rappt er über Israel (Hier die Lyrics in der englischen Fassung, wie sie auf der Seite von Tamer Nafars Rap-Crew DAM stehen):

Democracy [gemeint ist Israel, Anm. d. Verf.]? Why? It reminds me of the Nazis

You’ve raped the Arab soul

and it became pregnant, giving birth to a child called “ terror attack“

And then you call us terrorists. You’ve killed and looted

Zunächst darf natürlich – wie in jedem Text, der gegen Israel und das jüdische Volk hetzt – die Gleichsetzung der Juden mit den Nazis nicht fehlen. Das ist klassischer Antisemitismus, und eigentlich so langweilig und durchschnittlich, dass man sich kaum mehr darüber ereifern will. Aber zum Glück fällt Nafar für den Hoho-Effekt noch etwas Spektakuläres ein: Die Juden haben die arabische Seele vergewaltigt! Ja, Vergewaltigung, damit kriegt man die Leute! Und natürlich, das weiß der eifrige Nafar, sind die Juden selbst schuld daran, wenn man sie umbringt. Würde man Nafar fragen, er würde sicher bestätigen können, dass die Juden auch am  Holocaust selbst schuld waren. Wahrscheinlich, um „Palästina“ besetzen zu können oder so. Wenn es den Holocaust überhaupt gab, vielleicht ist das ja auch eine Lüge der Juden. Nafar könnte es sicher sagen.

Man muss sich allerdings fragen, wie die arabische Seele Terror gebären kann, wenn doch laut Nafar Palästinenser überhaupt gar keine Terroristen sein können. Er vertritt eine Blut-und-Boden-Ideologie, derzufolge er alles tun und lassen darf was er will, weil er in „Palästina“ geboren wurde: „How can I be a terrorist if I live in my homeland?“, fragt er scheinheilig in „Min Irhabi“. Er legitimiert also Judenmord durch die Zugehörigkeit zum „palästinensischen Volk“. Noch abartiger geht es kaum. Es verwundert nicht, dass Nafar Juden im gleichen Track auch als „Feinde“ bezeichnet – alle, unterschiedslos.

Einer der Leute aus seiner Rap-Crew DAM, Mahmood Jrery, formuliert seinen Judenhass ebenso eindeutig in „Min Irhabi“: „I’m not against peace, peace is against me/ It wants to eliminate me, to erase my heritage“. Frieden mit Juden, das kommt für Jrery nicht in Frage. Sie müssen getötet, vernichtet werden, sämtlich abgeschlachtet, friedliche Koexistenz, das weiß Jrery, ist nicht möglich, schließlich zerstört Frieden ihn. Na, dann doch lieber Juden töten. Das muss man doch verstehen. Der arme Mann.

Die Rap-Crew DAM steht für eliminatorischen Judenhass. Das zeigt auch ihr Logo, wie es etwa auf ihrer Website prangt:

dam-ist-scheise

Zu sehen ist eine stilisierte Abbildung von ganz „Palästina“, mit einem ebenso stilisierten Pfeil, der von Jordanien aus nach „Palästina“ hineinragt (und somit Ähnlichkeit zum Logo der palästinensischen Terroroganisation PFLP aufweist). Israel ist hier völlig ausgelöscht, wie es in „Min Irhabi“ herbeifantasiert wird.

Wenn also sowohl der Regisseur als auch der Hauptdarsteller leidenschaftliche Antisemiten sind, und der Film das Leben eines leidenschaftlichen Antisemiten behandelt, wundert es nicht, dass in diesem Film kein einziger Jude irgendwie positiv dargestellt wird. Im Gegenteil: Jeder Jude, der in diesem Hetzfilm auftaucht, ist ein schlechter, verdorbener Mensch, der nur Böses will.

Damit ist „Junction 48“ nichts anderes als der Versuch, „den alten unversöhnlichen arabischen Befreiungsnationalismus aufzuhübschen.“ Ein antisemitischer Propagandafilm, der sich freilich nicht ganz so viel traut wie „Jud Süß“ und „Die Rothschilds“, aber die Grenzen des gesellschaftlich tolerierten Judenhasses gründlich auslotet. Dass ein solcher Film beim deutschen Publikum gut ankommt und auf der Berlinale mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, wundert dann allerdings auch nur die unverbesserlichen Optimisten.