S. Castro – überall Nazis

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über S.Castro, in welchem ich auch auf der Grundlage des Liedes „Venganza“ über ihn ablästerte. Einige meiner Auslassungen irritieren mich heute selbst ein wenig stark, ich werde diesen Artikel wohl noch einmal gründlich überarbeiten. Wie dem auch sei; vor etwa einem Monat tauchte S.Castro, der bis dahin zwei Jahre nichts von sich hat hören lassen, plötzlich wieder auf, und veröffentlichte einen Trailer zu „Venganza II“. Das ließ schonmal Schlimmes fürchten.

Was S.Castro dann in „Venganza II“ für einen Müll erzählt, hat mich trotz meiner schlechten Erwartungen noch einmal überrascht. Aber der Reihe nach.

(Alle eingeklammerten Zeitangaben beziehen sich auf Venganza II)

S.Castro beginnt mit ein paar pathetischen Wörtern über die geknechtete Menschheit, um bereits innert der ersten Minute wie schon in „Venganza“ krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: dieses Mal sind es freilich nicht die WTC-Türme, die von den Amis gesprengt wurden, sondern gleich der bevorstehende 3. Weltkrieg (0:45). Irgendwelche bösen Mächte würden diesen planen, um damit ihre Macht auszubauen oder dergleichen – der übliche Unsinn. Dass Rüstungsunternehmen sich freuen, wenn es auf der Welt Krieg gibt, weil sie mit Waffenverkauf Geld verdienen – geschenkt. Dass so ziemlich sämtliche Regierungen dieser Welt nur dann etwas gegen Krieg haben, wenn er ihren Interessen zuwiderläuft – geschenkt. Aber wie irre müssten die ominösen Verschwörer*innen denn sein, um in einer Welt von mit Nuklearwaffen bestückten Militärmächten einen Weltkrieg anzuzetteln? Überhaupt ist S.Castro davon überzeugt, sämtliche Politiker*innen seien Marionetten von „der Herrscherklasse“ (6:20, vgl. auch 1:59). Wer wohl diese Herrscherklasse ist? Überraschung, Überraschung: das raffende Kapital. Schließlich nennt S.Castro ausgerechnet Bankenchef*innen als Profiteure von westlichen Kriegseinsätzen (1:35), obwohl doch die Rüstungsindustrie der erste Wirtschaftszweig sein sollte, der hier als Profiteur in den Sinn kommen sollte. Aber nein, natürlich stecken die Banker*innen hinter allem Übel, und das wird dann auch mit dem passenden Bild unterlegt:

Screenshot (173)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TI1RNVSY_EY )

Das in den Hintergrund projizierte Bild zeigt einen irr blickenden Mann mit Hakennase, Bart und schlechten Zähnen. Das ist per se nicht antisemitisch – das Bild zeigt Blackbeard, einen Piraten aus One Piece, und ich habe diese Serie zwar nie gesehen, aber nach oberflächliche Recherche nichts darüber gefunden, dass diese Figur antisemitisch aufgeladen wäre (Freilich wäre das Platz für eine weitere Untersuchung: Warum wird ein Bösewicht in One Piece auf diese Weise dargestellt? Aber das würde hier zu weit führen, und ich kenne mich wie gesagt dafür zu wenig mit One Piece aus). Problematisch für die Verwendung in „Venganza II“ wird das Bild erst durch den spezifischen Kontext: „Und schon grinsen die Bankchefs“, ist die Line von S.Castro, der dieses Bild als Illustration dient. Einen geldgierigen Menschen nun mit eben jenen Stereotypen darzustellen, die die Nazis verwendeten, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren, ist klar antisemitisch.

Das wird auch nicht besser dadurch, dass S.Castro rappt, „sie“ würden sich „wie Bakterien vermehren“ (3:49), ist solches pseudo-biologische Gewäsch doch nichts anderes als Nazisprech. Etwas im Unklaren bleibt darüber hinaus, wer genau „sie“ denn sein sollen. Er spricht zuvor von der Regierung – aber war nicht die Regierung nur die Marionette der Herrscherklasse? Und es wäre ja auch seltsam, wenn die Regierung sich vermehren würde. Also vermehrt sich wohl die Herrscherklasse wie Bakterien, und, was haben wir eben gelernt, wer repräsentiert die Herrscherklasse? Die geldgierigen Bankenchef*innen. Aha, aha.

Wer so einen Müll verzapft, der rappt dann natürlich gegen Ende des Liedes auch noch in unfassbar peinlicher Manier – nämlich Buchstabe für Buchstabe -, die Menschen sollten doch bitte endlich aufwachen (8:08). Aus welcher Richtung diese Phrase kommt, sollte wohl eigentlich jedem klar sein; die Frage ist bloß, wann S.Castro seine abgewetzte Cap gegen einen Aluhut tauscht.

Nun, nun, damit könnte man diese Beitrag an und für sich beenden, und es wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen, aber eine Sache wäre da noch: S.Castro bagatellisiert in diesem Lied die Verbrechen der Nationalsozialist*innen. Oder wie genau will man eine solche Line rechtfertigen: „Euer Überwachungsstaat übertrifft schon bei weitem die Nazis“ (3:36)? Alleine aufgrund der heute gegebenen technischen Möglichkeiten mag das sogar den Tatsachen entsprechen, doch wo genau der Sinn des Vergleiches liegt, erschließt sich mir nicht. Schließlich könnte man hier zuvorderst einwenden, dass, hätten die Nazis die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, sie diese ganz sicher auch eingesetzt hätten, und zwar in noch größerem Maße als die derzeitige Regierung. Darüber hinaus hat der Vergleich aber keinen tieferen Sinn, als die Verbrechen der Nazis als harmloser denn die der derzeitigen Regierung darzustellen, und das ist in letzter Konsequenz nichts anderes als Holocaustrelativierung. Umso abstruser, dass S.Castro dann auch noch rappt, man solle ihm doch jetzt nichts von Stasi erzählen – dabei war doch schon die Stasi in Sachen Überwachung den Nazis um einiges voraus.

Nun gut, ein unangebrachter Nazivergleich, das ist doch keine Holocaustrelativierung, werden jetzt viele sagen. Aber es ist nicht EIN unangebrachter Nazivergleich (die sind ja ohnehin fast immer unangebracht, aber das wäre wieder ein anderes Thema), sondern zig davon. Bei 2:44 rappt S.Castro: „Joseph Goebbels wird heut represented von der Bild“. Jaja, die Bild ist scheiße und ein mieses Hetzblatt. Aber ausgerechnnet Joseph Goebbels zum Vergleich heranzerren? Das ist in den Dimensionen einfach vollkommen absurd. Nun, dann kommt natürlich noch „Germanys next Hitler“ (4:20), und, in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (5:00):

Seid willkommen in den 30ern, die SS steht Schmiere
Und wartet auf den Einsatz im brutalsten ihrer Spiele
Die Juden dienten damals als ein Sündenbock für Kriege
Aber heute machen wir ihnen einen Strich durch ihre Ziele

30er? Wie bitte? SS? Wovon rappt der Kerl bitte? Wie bescheuert muss man sein, um soetwas zu verbreiten? Ohne Zweifel ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung grausam und rassistisch, und ja, im „deutschen Volk“ brodelt wie immer die Lust aufs Pogrom, die sich auch immer häufiger Bahn bricht – aber das mit der Deportierung von Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen etc. in Konzentrationslager durch die SS zu vergleichen ist absurd.

Die dermaßen inflationäre und völlig sinnlose Benutzung des Nazivergleichs führt schlussendlich nur zur Bagatellisierung der deutschen Verbrechen und ist ein Instrument der Täter-Opfer-Umkehr. Ob S.Castro sich dessen bewusst ist?

Zu guter letzt darf natürlich ein Gruß S.Castros an die Antideutschen nicht fehlen: „Antideutsche Pest findet geil, dass Palästina brennt“ (8:53). Nun, erste Frage: Palästina brennt? Habe ich was verpasst? Zweite Frage: Soll die Wortwahl „verbrennen“ – und dieser Verdacht drängt sich angesichts all der Nazivergleiche nun wirklich auf – etwa einen Bezug zum Holocaust (von griech. „Brandopfer“) darstellen, also die Juden und Jüdinnen als Täter*innen eben jenes Verbrechens schuldig sprechen, das sie einst erlitten haben?

Achso, und das mit der „Pest“ ist irgendwie auch nicht so nett.

PS: Vielleicht machst du ja wieder ein paar Jahre Pause und bringst dann Venganza III raus, in welchem du noch herberen Müll erzählst. Mich würde es freuen. Nicht wegen des Liedes, aber wegen der Pause.

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Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 2

Ein bisschen lang ist es jetzt her, dass ich den ersten Teil dieser Quadrologie schrieb – Hausarbeiten und Lustlosigkeit kamen mir dazwischen. Wie auch immer. Was bisher geschah: Thawra und Kaveh hatten 2015 ein Lied veröffentlicht, in dem sie mit unverhohlenem Antisemitismus die antideutsche Bewegung angriffen. Im ersten Part besticht besonders ein Abschnitt in seiner Deutlichkeit: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya/ Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert/ Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“. In drei Versen eine Entmenschlichung, ein Rückgriff auf religiöse Bewertungsmaßstäbe, und auf zwei antisemitische Stereotype – Respekt, da meint es jemand ernst.

Thawra retweetete meinen Artikel zum ersten Part mit dem Kommentar „Hallo, es ist 2017“ (oder so ähnlich, ich habe den Tweet nicht mehr gefunden, vielleicht hat sie ihn gelöscht). Meine Nachfrage, ob das eine halbherzige Distanzierung von dem Track sei, wurde nicht beantwortet – vermutlich ärgert sie sich lediglich darüber, dass Antisemitismus auch nach zwei Jahren noch thematisiert wird, und wollte auf etwas kryptische Art einen Schlussstrich ziehen. Das ist ja so lange her!

Wie dem auch sei; auf das dumme Intro Kavehs und einen Part Thawras folgt die Hook, in der die beiden Interpreten vor zwei Flaggen der palästinensischen Nationalbewegung und zwei roten Flaggen posieren, zusammen mit einer Meute in Palästinenser-Tücher gehüllter Menschen. Einer dieser Menschen ist übrigens Roldán Mendívil, und unter anderem wegen der Beteiligung an diesem Video erhält sie von der Freien Universität Berlin keinen weiteren Lehrauftrag mehr. Tja, dumm gelaufen.

Was rappen Thawra und Kaveh nun in der Hook? Folgende Verse:

Tahya Falastin, tahya Falastin
Kein Frieden mit dem Besatzungsregime
Tahya Falastin, tahya Falastin
Rote Fahnen über Ghazza und Jenin!
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Kein Frieden mit dem Apartheidregime
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Rote Fahnen über al-Quds und Tal Abib!

Israel wird also sowohl als „Besatzungsregime“ als auch als „Apartheidregime“ verunglimpft, was nicht nur die Opfer wahrer Apartheid verhöhnt, sondern zusammen mit der Forderung „Freiheit für Falastin“ offensichtlich die Vernichtung Israels fordert. Obendrein solle auch kein Frieden mit Israel geschlossen werden – offener kann man antisemitischen Terrorismus kaum legitimieren. Wer Frieden mit Israel ablehnt und die „Befreiung“ Palästinas fordert, will nichts anderes als die völlige Vernichtung Israels. Das zeigt auch die Verwendung der arabischen Städtenamen „al-Quds“ und „Tal Abib“ statt „Jerusalem“ und „Tel Aviv“ – die Auslöschung betrifft nicht nur den jüdischen Staat, nicht nur die jüdischen Menschen, sondern sämtliche Aspekte jüdischer Präsenz in Eretz Israel/Palästina. Über diesen Städten sollen „rote Fahnen“ wehen, im Video sind allerdings ebenso viele Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung zu sehen. Anscheinend wird also eine Art nationaler Sozialismus gefordert, ein ethnisch reiner Nationalstaat mit (pseudo)sozialistischer/(pseudo)kommunistischer Ausrichtung. Die Querfront lässt grüßen.

Auf dieses Gejohle nach der völligen Vernichtung jeder jüdischen Präsenz in Eretz Israel/Palästina folgt Kavehs erster Part. Er beginnt gleich in dem selben Ton wie Thawra: „Ihre Ideologie geht über Leichen und verursacht Tote“. Während allerdings Thawra rappt, Antideutsche würden den Tod „lieben“, beschränkt sich Kaveh immerhin darauf, das Töten nicht als Selbstzweck, sondern als Begleiterscheinung der unterstellten Ideologie zu bezeichnen. Oder doch nicht – nur ein bisschen später heißt es dann auch bei Kaveh:

Die Empathie ist hinter ihrer Maske verblutet
Ich würds ja gerne sachte versuchen
Doch muss ich ihre Menschenverachtung verfluchen
Sie freuen sich, wenn Israel das Land zerbombt
Es sichert seine Kolonie dadurch, dass die Panzer kommen

Aber nicht nur seien Antideutsche empathielose Gesellen, die den Tod bejubelten – wenn er schon dabei ist, bezeichnet Kaveh natürlich auch noch gleich ganz Israel als „Kolonie“. Was in der Hook schon deutlich wurde, wird hier erneut unter Beweis gestellt: Vom Existenzrecht Israels halten weder Thawra noch Kaveh irgendetwas.

Auf diese Zeilen folgt allerdings auch auf einer rein ästhetischen Ebene der komplette Absturz. Man führe sich diese Reimkette zu Gemüte:

Egal ob von der Osten-Sacken oder BAK Shalom:
Ihre Köpfe sind so hohl wie n leerer Pappkarton
Völlig verloren wie ein entgleister Nachtwaggon
Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon

Ok, Köpfe, die hohl wie ein leerer Pappkarton sind – der Vergleich ist nicht sonderlich kreativ, genau genommen ist er sogar ziemlich dämlich. Denn zu sagen, etwas sei hohl wie etwas das leer sei, ist textlich ungefähr auf einem Niveau mit dem Refrain von Bibis „How it ist (Wap Bap)“. Mir fallen spontan ähnlich gute Lines ein, vielleicht hat Kaveh ja Bedarf, er kann sich gerne bedienen:

Hier ist es hell, wie an einem Ort, wo Licht scheint
Es ist als wär der Eingang zu, denn du kommst nicht rein
Wir stehen fest auf dem Boden wie ein Tisch, der nicht wackelt
Du bist es, der hier wie so ein komischer kleiner langgezogener Hund mit kurzen Beinen rumdackelt

Aber Kaveh war mit seiner Reimkette ja noch nicht fertig. Dass es sich um einen „Pappkarton“, nicht um einen „Karton“ handelt, liegt natürlich am Reim – aus dem selben Grund ist es auch ein „Nachtwaggon“, kein „Zugwaggon“, der engleist. Der Vergleich („verloren wie etwas engleistes“) ist nicht nur schief, sondern fast ebenso unterirdisch wie der Vergleich in der Line davor, und die letzte Line dieser Reimkette sprengt nochmal alle Dimensionen der blöden Vergleiche. „Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon“ – hä? Ist Israel ein Marathon? Oder bezieht sich der Marathon auf das Feiern? Aber ein Marathon ist doch ein sportlicher Wettbewerb, der sich durch seine zu Fuß zurückzulegende elendlange Distanz auszeichnet, nicht dadurch, dass man unaufhörlich jubelt. Oder bezieht sich das auf die Menschen am Rand, die den Läufern zujubeln? Aber dann wäre das ja ein „jubeln wie jubeln“ Vergleich. Naja, er wollte halt eine sicke Reimkette. Und wenn die Endreime inhaltlich eigentlich absolut nicht zusammenpassen, dann wurstet man das eben mit billigen Vergleichen hin. Wie ein Anfänger. Ich dachte Kaveh würde schon länger Rap machen?

Nach dem Beweis seiner Inkompetenz in Sachen Rap geht es dann auch mal wieder inhaltlich voran. Natürlich würden Antideutsche Muslime hassen, wären eigentlich selber total deutsch – naja, unkreativer als die depperten Vergleiche vorher kann es nicht mehr werden. Aber natürlich muss Kaveh noch schnell ein „Kauft nicht bei Juden“ raushauen: „Ich geb n Scheiß drauf, dass ich euch schockier/ Nur weil ich die Produkte Israels boykottier“. Schockieren dürfte das nur die wenigsten Leute – es widert mich an, wundert mich gleichzeitig aber nicht. Nur wer sich über die Virulenz des Antisemitismus nicht im Klaren ist und mit deutschem Rap selten bis gar nicht in Berührung kommt, würde sich über antisemitische Aussagen bei deutschen Rappern wundern, oder von diesen gar schockiert sein. Hm, naja – „euch schockier“ reimt sich eben ganz gut auf „boykottier“, sogar ohne dämlichen Vergleich.

Interessant ist an der Aussage von Kaveh übrigens besonders Folgendes: Anders als es normalerweise bei Antisemi- äh, Antizionisten der Fall ist, bezieht sich Kaveh nicht auf Produkte aus jüdischen Städten in Judäa und Samaria (sog. „Siedlerprodukte“), und redet sich also auch nicht damit heraus, er boykottiere ja nur ganz bestimmte Übeltäter und keinesfalls pauschal alle Juden in Eretz Israel/Palästina. Stattdessen ist es ganz explizit alles aus Israel – und wer würde daran zweifeln, damit sei nur alles jüdische in Israel gemeint, wo ihm doch an der palästinensischen Sache so viel liegt? Dies allerdings dürfte vor dem Hintergrund seiner Vernichtungsfantasien gegenüber Israel nur die wenigsten wundern. Und schockieren schon gar nicht.

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 1

Im deutschen Rap-Geschäft kommt es ja immer gut, ein wenig gegen Israel zu hetzen. Warum das so ist? Nun, mit stumpfer Israel-Hetze erreicht man ganz gute Medienaufmerksamkeit, man bekommt seinen kleinen Skandal, weil sich Leute über einen aufregen, aber so wirklich Probleme bekommt man nicht, denn Israel-Hass ist ja heutzutage irgendwie schick. Die jugendliche, meist muslimisch geprägte und sozial abgehängte Käuferschicht (die deutscher Rap nunmal überwiegend hat), die in dem Hass auf Israel und arabischem Nationalismus eine Flucht aus der Ohnmacht findet, applaudiert, und kauft kräftig das Album. Aufmerksamkeit und Geld – das ist alles, was der durchschnittliche Rapper haben will.

Und da spielt es dann auch keine Rolle, ob der/die Rapper(in) nun linksradikal, ein Macho und/oder ein(e) islamistischer Fundamentalist(in) ist. Bei Israel sind sie sich alle einig: Israel ist böse – und natürlich an allem Schuld.

Auch Kaveh und Thawra profilieren sich über Israel-Hass. In ihrem Lied „Antideutsche / Tahya Falastin“ bringen sie ihren Hass gegenüber allem, was nicht gegen den Staat Israel ist, zum Ausdruck. O-Ton Thawra: „Ich wollte vor allem erstmal meinen Hass auf die Antideutschen zeigen und deutlich machen.“

Interessant ist dabei zuallererst die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff. Im Intro sagt Kaveh:

Viele Linke, die sich selbst nicht als Antideutsche sehen, benutzen trotzdem antideutsche Argumente. Antideutsche solidarisieren sich unkritisch mit Israel und den USA. Für sie ist Antizionismus gleichbedeutend mit Antisemitismus.

Für Kaveh definiert sich „antideutsch“ also zuallererst – das macht auch der Text des Liedes deutlich, in dem es fast ausschließlich um Israel geht, klar – über die Solidarität zum jüdischen Staat. Wenn er nun sagt, auch nicht antideutsche Linke würden „antideutsche Argumente“ benutzen, verkommt das Wort „antideutsch“ zu einem Kampfbegriff – einem Kampfbegriff, der all das diffamieren soll, was gegen Antizionismus ist. Dass Israel-solidarische Linke, vollkommen unabhängig zu ihrer tatsächlichen Positionierung zum Thema Deutschland, als „antideutsch“ bezeichnet werden, überträgt antisemitische Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen. Denn jedem, der Israel-solidarisch ist, wird so vorgeworfen, ein „Vaterlandsloser Geselle“ zu sein, einer, der nicht loyal zu Deutschland, sondern nur loyal zum jüdischen Staat ist. Diese antisemitische Denke schlägt sich also in Kavehs Benutzung des Wortes „antideutsch“ nieder.

Die von Kaveh im Intro begonnene Übertragung antisemitischer Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen, führt Thawra fort. „Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert“ rappt Thawra über Antideutsche. Die Unterstellung von Blutdurst und Arroganz ist ein Jahrhunderte altes antisemitisches Stereotyp, und wird hier nicht zufällig auf Israel-solidarische Menschen übertragen.

Und Thawra macht gleich munter weiter mit der Diffamierung von Antideutschen: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya“ rappt sie – Dehumanisierung gleich innerhalb der ersten fünf Verse, na, das geht ja gut los! Leider habe ich keine Ahnung, was „Shuja3ya“ meint, dabei feiere ich Tier als Verwender „antideutscher Argumente“ das doch angeblich. Interessant ist hier allerdings neben der Dehumanisierung auch der Rückgriff auf islamische Kategorien zur Verurteilung des Gegners. „Haram“ wird den Antideutschen entgegengeschleudert – wer aber religiöse Kategorien als Maßstab für Gut und Böse heranzieht, der geht eine unheilige Allianz mit der Religion ein. Kommunistisch ist ein solches Anbiedern bei Klerikalen gewiss nicht. In der Religion entscheidet Gott darüber, was richtig und was falsch ist, und sein Urteil darf von Menschen nicht angezweifelt werden – schließlich ist Gott der anbetungswürdige, Unterwerfung fordernde Allwissende. Gott in Zweifel zu ziehen bedeutet Gott erniedrigen. Wenn Gott aber definiert, was Gut ist und was Böse, so entziehen sich diese Kategorien jeder Logik. Der Erfinder Gottes diktiert, was gut ist und was nicht, der Mensch ist entmachtet. So wird der Mensch Untertan der Religion. Wenn also Thawra das Wort „haram“ als abwertende Beschreibung Antideutscher verwendet, so offenbart sie, wie fremd ihr – zumindest in Bezug auf Israel und Juden – sowohl Rationalität als auch Kommunismus sind.

Dieser Eindruck verstärkt sich nur, beachtet man folgende Zeile von Thawra: „[Antideutsche] Sind für Zivilisation gegen den Islam“. Nun, selbstverständlich sind Antideutsche für Zivilisation – und welcher vernünftige Mensch ist das nicht? Und ja, da Kommunisten antiklerikal sind – was Thawra wohl zu begreifen partout nicht im Stande ist – sind sie auch gegen den Islam. Ebenso, wie sie gegen jede Religion sind, ob es nun Christentum, Judentum, olympische Götter oder was der Geier was ist.

Ein Denkfehler, der sich über das gesamte Lied erstreckt, offenbart sich schon innerhalb der ersten beiden Verse. „Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus/ mit ihren Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“, rappt Thawra, polemisiert also gegen Antideutsche als angebliche Nationalisten. Dabei heißt das Lied, in dem sie diese Anschuldigung äußert „Tahya Falastin“, also „Freiheit für Palästina“, und in der Hook werden die Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung geschwenkt. Auch das Tragen von Palästinenser-Tüchern – ganz dezidiert als politische Botschaft, wird in dem Track doch der Verbot dieses Tuches in antideutschen Clubs bemängelt – durch Thawra und Kaveh zeigt, wie sehr diese sich selbst vom Nationalismus distanzieren. Nämlich gar nicht.

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LpWzpLepDjo

Antideutschen aufgrund des Tragens von „Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“ Nationalismus vorzuwerfen, während links und rechts von einem die Palästina-Flaggen wehen, ist schlichtweg absurd, und es muss sich die Frage gestellt werden, ob hier Dummheit oder Bosheit am Werk ist.

Ebenso widersprüchlich äußert sich Thawra, wenn sie zunächst den Antideutschen vorwirft: „Der deutsche Staat als Feind interessiert keine Sau“, dann aber nur ein paar Verse weiter behauptet, Antideutsche hätten „Komplexe wegen Opa in Stalingrad“. Ja, was denn nun – sind Antideutsche gegen Deutschland, oder nicht? Interessieren sie sich für Deutschland, oder nicht? Dass Thawra hier zudem auf den angeblichen „Schuldkult“ Bezug nimmt, ist offensichtlich, und zeigt ihre fatale Einstellung zur Holocaust-Bewältigung und -Erinnerung. Es würde nicht verwundern, käme als nächstes die Äußerung, Deutschland befände sich unter der Knute der Juden/Israelis.

Und tatsächlich, so ist es. „Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“, rappt Thawra allen Ernstes (an dieser Stelle sei an die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff sowie die Übertragung antisemitischer Stereotype auf Israel-solidarische Menschen erinnert). Wo man nun früher von „Goi“ oder „Judenknechten“ sprach, okkupieren heute die Israelis den deutschen Geist. Man könnte es fast für einen Witz halten, für Satire, aber die Frau meint das tatsächlich ernst. Und wenn sich schon nach gerade einmal sieben Versen der unverhohlene, affektiv ausgedrückte Judenhass Bahn bricht, vergeht mir wirklich jede Lust, den Track bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Wann kommt das Feature mit MaKss Damage? Man könnte ja zusammen ein bisschen „Giftgas in jüdische Siedlungen leiten“, dann würde bestimmt auch die Okkupation des deutschen Geistes beendet. Thawra und MaKss Damage würden sich bestimmt prächtig verstehen – eine musikalische Querfront, juhu. Die Erklärung, Thawra brauche „keine Querfront um für Freiheit zu kämpfen“ offenbart immerhin, dass sie sich ihrer ideologischen Nähe zu Nazis durchaus bewusst ist, befände sie es doch sonst nicht für nötig, sich halbherzig und oberflächlich von diesen abzugrenzen.

Vollkommen irrational wird Thawra, wenn sie den Antideutschen vorwirft, „die Atombombe auf den Iran“ zu fordern. Hier finden wir Täter-Opfer-Umkehr par excellence: Obwohl es die iranische Regierung ist, die die Vernichtung Israels immer wieder lautstark ankündigt, wird so getan, als wäre es Israel, bzw. die Antideutschen, die den Iran vernichten wollen. Kein Antideutscher fordert die Atombombe auf den Iran. Vielmehr muss die iranische Opposition gestärkt werden, um die wahnsinnige Theokraten des iranischen Regimes zu stürzen. Die sind nämlich das Problem, nicht der durchschnittliche Iraner.

Während Thawra also vorbei an der Realität Antideutschen Vernichtungsfantasien unterstellt, hegt sie selbst ebensolche gegen die antideutsche Bewegung: „Mir gehts gut, denn die Strömung wird bald verschwinden:/ Antideutsche sind keine Linken.“

Antideutsche seien also überdies keine Linken – dies von einer sich Klerikalen anbiedernden Antisemitin zu hören ist irgendwo zwischen „interessant“, „lustig“ und „erschreckend“.

Soviel zum ersten Part dieser antisemitischen Hetzpropaganda. Die Teile 2, 3 und 4 folgen alsbald.