Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über S.Castro, in welchem ich auch auf der Grundlage des Liedes „Venganza“ über ihn ablästerte. Einige meiner Auslassungen irritieren mich heute selbst ein wenig stark, ich werde diesen Artikel wohl noch einmal gründlich überarbeiten. Wie dem auch sei; vor etwa einem Monat tauchte S.Castro, der bis dahin zwei Jahre nichts von sich hat hören lassen, plötzlich wieder auf, und veröffentlichte einen Trailer zu „Venganza II“. Das ließ schonmal Schlimmes fürchten.

Was S.Castro dann in „Venganza II“ für einen Müll erzählt, hat mich trotz meiner schlechten Erwartungen noch einmal überrascht. Aber der Reihe nach.

(Alle eingeklammerten Zeitangaben beziehen sich auf Venganza II)

S.Castro beginnt mit ein paar pathetischen Wörtern über die geknechtete Menschheit, um bereits innert der ersten Minute wie schon in „Venganza“ krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: dieses Mal sind es freilich nicht die WTC-Türme, die von den Amis gesprengt wurden, sondern gleich der bevorstehende 3. Weltkrieg (0:45). Irgendwelche bösen Mächte würden diesen planen, um damit ihre Macht auszubauen oder dergleichen – der übliche Unsinn. Dass Rüstungsunternehmen sich freuen, wenn es auf der Welt Krieg gibt, weil sie mit Waffenverkauf Geld verdienen – geschenkt. Dass so ziemlich sämtliche Regierungen dieser Welt nur dann etwas gegen Krieg haben, wenn er ihren Interessen zuwiderläuft – geschenkt. Aber wie irre müssten die ominösen Verschwörer*innen denn sein, um in einer Welt von mit Nuklearwaffen bestückten Militärmächten einen Weltkrieg anzuzetteln? Überhaupt ist S.Castro davon überzeugt, sämtliche Politiker*innen seien Marionetten von „der Herrscherklasse“ (6:20, vgl. auch 1:59). Wer wohl diese Herrscherklasse ist? Überraschung, Überraschung: das raffende Kapital. Schließlich nennt S.Castro ausgerechnet Bankenchef*innen als Profiteure von westlichen Kriegseinsätzen (1:35), obwohl doch die Rüstungsindustrie der erste Wirtschaftszweig sein sollte, der hier als Profiteur in den Sinn kommen sollte. Aber nein, natürlich stecken die Banker*innen hinter allem Übel, und das wird dann auch mit dem passenden Bild unterlegt:

Screenshot (173)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TI1RNVSY_EY )

Das in den Hintergrund projizierte Bild zeigt einen irr blickenden Mann mit Hakennase, Bart und schlechten Zähnen. Das ist per se nicht antisemitisch – das Bild zeigt Blackbeard, einen Piraten aus One Piece, und ich habe diese Serie zwar nie gesehen, aber nach oberflächliche Recherche nichts darüber gefunden, dass diese Figur antisemitisch aufgeladen wäre (Freilich wäre das Platz für eine weitere Untersuchung: Warum wird ein Bösewicht in One Piece auf diese Weise dargestellt? Aber das würde hier zu weit führen, und ich kenne mich wie gesagt dafür zu wenig mit One Piece aus). Problematisch für die Verwendung in „Venganza II“ wird das Bild erst durch den spezifischen Kontext: „Und schon grinsen die Bankchefs“, ist die Line von S.Castro, der dieses Bild als Illustration dient. Einen geldgierigen Menschen nun mit eben jenen Stereotypen darzustellen, die die Nazis verwendeten, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren, ist klar antisemitisch.

Das wird auch nicht besser dadurch, dass S.Castro rappt, „sie“ würden sich „wie Bakterien vermehren“ (3:49), ist solches pseudo-biologische Gewäsch doch nichts anderes als Nazisprech. Etwas im Unklaren bleibt darüber hinaus, wer genau „sie“ denn sein sollen. Er spricht zuvor von der Regierung – aber war nicht die Regierung nur die Marionette der Herrscherklasse? Und es wäre ja auch seltsam, wenn die Regierung sich vermehren würde. Also vermehrt sich wohl die Herrscherklasse wie Bakterien, und, was haben wir eben gelernt, wer repräsentiert die Herrscherklasse? Die geldgierigen Bankenchef*innen. Aha, aha.

Wer so einen Müll verzapft, der rappt dann natürlich gegen Ende des Liedes auch noch in unfassbar peinlicher Manier – nämlich Buchstabe für Buchstabe -, die Menschen sollten doch bitte endlich aufwachen (8:08). Aus welcher Richtung diese Phrase kommt, sollte wohl eigentlich jedem klar sein; die Frage ist bloß, wann S.Castro seine abgewetzte Cap gegen einen Aluhut tauscht.

Nun, nun, damit könnte man diese Beitrag an und für sich beenden, und es wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen, aber eine Sache wäre da noch: S.Castro bagatellisiert in diesem Lied die Verbrechen der Nationalsozialist*innen. Oder wie genau will man eine solche Line rechtfertigen: „Euer Überwachungsstaat übertrifft schon bei weitem die Nazis“ (3:36)? Alleine aufgrund der heute gegebenen technischen Möglichkeiten mag das sogar den Tatsachen entsprechen, doch wo genau der Sinn des Vergleiches liegt, erschließt sich mir nicht. Schließlich könnte man hier zuvorderst einwenden, dass, hätten die Nazis die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, sie diese ganz sicher auch eingesetzt hätten, und zwar in noch größerem Maße als die derzeitige Regierung. Darüber hinaus hat der Vergleich aber keinen tieferen Sinn, als die Verbrechen der Nazis als harmloser denn die der derzeitigen Regierung darzustellen, und das ist in letzter Konsequenz nichts anderes als Holocaustrelativierung. Umso abstruser, dass S.Castro dann auch noch rappt, man solle ihm doch jetzt nichts von Stasi erzählen – dabei war doch schon die Stasi in Sachen Überwachung den Nazis um einiges voraus.

Nun gut, ein unangebrachter Nazivergleich, das ist doch keine Holocaustrelativierung, werden jetzt viele sagen. Aber es ist nicht EIN unangebrachter Nazivergleich (die sind ja ohnehin fast immer unangebracht, aber das wäre wieder ein anderes Thema), sondern zig davon. Bei 2:44 rappt S.Castro: „Joseph Goebbels wird heut represented von der Bild“. Jaja, die Bild ist scheiße und ein mieses Hetzblatt. Aber ausgerechnnet Joseph Goebbels zum Vergleich heranzerren? Das ist in den Dimensionen einfach vollkommen absurd. Nun, dann kommt natürlich noch „Germanys next Hitler“ (4:20), und, in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (5:00):

Seid willkommen in den 30ern, die SS steht Schmiere
Und wartet auf den Einsatz im brutalsten ihrer Spiele
Die Juden dienten damals als ein Sündenbock für Kriege
Aber heute machen wir ihnen einen Strich durch ihre Ziele

30er? Wie bitte? SS? Wovon rappt der Kerl bitte? Wie bescheuert muss man sein, um soetwas zu verbreiten? Ohne Zweifel ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung grausam und rassistisch, und ja, im „deutschen Volk“ brodelt wie immer die Lust aufs Pogrom, die sich auch immer häufiger Bahn bricht – aber das mit der Deportierung von Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen etc. in Konzentrationslager durch die SS zu vergleichen ist absurd.

Die dermaßen inflationäre und völlig sinnlose Benutzung des Nazivergleichs führt schlussendlich nur zur Bagatellisierung der deutschen Verbrechen und ist ein Instrument der Täter-Opfer-Umkehr. Ob S.Castro sich dessen bewusst ist?

Zu guter letzt darf natürlich ein Gruß S.Castros an die Antideutschen nicht fehlen: „Antideutsche Pest findet geil, dass Palästina brennt“ (8:53). Nun, erste Frage: Palästina brennt? Habe ich was verpasst? Zweite Frage: Soll die Wortwahl „verbrennen“ – und dieser Verdacht drängt sich angesichts all der Nazivergleiche nun wirklich auf – etwa einen Bezug zum Holocaust (von griech. „Brandopfer“) darstellen, also die Juden und Jüdinnen als Täter*innen eben jenes Verbrechens schuldig sprechen, das sie einst erlitten haben?

Achso, und das mit der „Pest“ ist irgendwie auch nicht so nett.

PS: Vielleicht machst du ja wieder ein paar Jahre Pause und bringst dann Venganza III raus, in welchem du noch herberen Müll erzählst. Mich würde es freuen. Nicht wegen des Liedes, aber wegen der Pause.

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2 Gedanken zu “S. Castro – überall Nazis

  1. Shalom aleichem Raptiloid,

    Hat mich sehr gefreut, endlich wieder einen Artikel von dir zu sehen! Allerdings muss ich sagen, dass mich der Part über One Piece enttäuscht hat. Ich rate dir nachdrücklich, dir die Serie anzusehen/sie zu lesen – es gibt nicht die geringsten Anzeichen antisemitischer Präsenz dort – da es nicht die geringsten Anzeichen jüdischer Präsenz gibt. Warte, das war komisch formuliert xD

    Weiter so und Gruß aus dem verschneiten Bregenzerwald!

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    1. Aleichem Shalom!

      Vielen Dank, das freut natürlich zu hören. 🙂
      Na, ich bin generell kein Fan von Animes oder Mangas, daher wird es wohl nie dazu kommen. xD Ich hatte allerdings versucht, das möglichst offen zu formulieren, also der Serie nicht gleich zu unterstellen, antisemitisch zu sein, sondern vielmehr die Frage aufzuwerfen, ob es so sein könnte. Das sollte natürlich keine Vorverurteilung darstellen; ich schaue mal, ob ich das noch ein wenig umformuliere.

      Gruß aus Antideutschland!

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