Sun Diego hat wieder zwei Tracks veröffentlicht, und in beiden kommt er – in dem einen mehr, in dem anderen weniger ausführlich – auf seine jüdische Herkunft zu sprechen. Ich sage hier absichtlich jüdische Herkunft und nicht jüdischen Glauben, denn ob es mit dem so weit her ist, wage ich zu bezweifeln.

Da wäre zum einen der recht offensichtliche Widerspruch vom Inhalt seiner Raptexte zum jüdischen Glauben; aber auch einige weitere Punkte lassen zumindest stutzen. Beim Hören des Liedes fällt jedenfalls auf, dass er entweder kein Hebräisch beherrscht, oder aber die Grammatik zugunsten seines Flows leiden lässt. In Vers 3 bis 4 rappt er: „Und seit meiner Begegnung mit dem Mafiaclan/ Such ich nur noch um Vergebung bei dem Ha-Satan“. Ha-Satan soll dabei die hebräische Form von Satan sein, hat Sun Diego doch den hebräischen Artikel Ha vor Satan gesetzt. Gleichzeitig hat er aber auch den deutschen Artikel dem verwendet – einer von beiden hätte weg gelassen werden müssen. Entweder Sun Diego wusste dies schlicht nicht, weil er eigentlich kein Hebräisch spricht, und er den hebräischen Artikel einfach nur verwendet wollte, um damit jüdisch zu klingen; oder er wusste es, ließ das dem aber im Satz, um einen Flowfehler zu vermeiden. Was auch immer zutrifft, mangelnde Hebräisch-Kenntnisse wären ja auch kein Beweis dafür, dass der jüdische Glauben ihm egal ist. Sun Diego hat einen russischen Migrationshintergrund, und viele deutsche Jüd*innen mit russischem Migrationshintergrund sprechen aufgrund der Unterdrückung der Jüd*innen in der Sowjetunion kein Hebräisch.

Ein anderer Grund ist aber gewichtiger. Als Juliensblog damals seinen Kindermob zu einer Hatewelle gegen Sun Diego hetzte, war dessen kaum gestartete Karriere auch schon zu Ende. Erst sein Zusammenschluss mit Julien und das Kostümieren als Spongebob konnte Sun Diego in der Deutschrapszene wieder Fuß fassen lassen. Seit einiger Zeit aber versucht Sun Diego, sich von dem Image als Spongebozz zu befreien. Der Stimmverzerrer wird immer unauffälliger, er trägt das Kostüm immer weniger, er gibt immer offener zu, dass hinter Spongebozz Sun Diego steckt (in „Yellow Bar Mitzvah“ formuliert er es in der letzten Zeile in aller Deutlichkeit). Vielleicht ist ihm mittlerweile das Image als Gangsterrap-Spongebob selbst ein wenig peinlich, vielleicht ist er es auch nur leid, sich beim Rappen so sehr verstellen zu müssen. Aber ohne ein Image geht es nunmal nicht. Würde er einfach das Kostüm beiseite legen, wäre er nur noch ein x-beliebiger Gangsterrapper. Was hätte er denn, was ihn besonders macht, was ihn herausstechen lässt, was dafür sorgt, dass er Leuten im Gedächtnis bleibt? Von dem rappenden Schwamm hat jeder, der sich ein wenig mit Rap beschäftigt, irgendwann mal gehört, und sei es nur Spott über ihn. Aber von einem weiteren Rapper, der total dummen Gangsterrapscheiß produziert? Von denen gibt es dutzende.

Als jüdischer Gangsterrapper hingegen sticht er heraus. Es gibt nicht allzuviele jüdische Rapper*innen in Deutschland. Ben Salomo, sicher – den kennt man aber eher weniger wegen seiner Rapkünste. Sentino, glaube ich. Irrelevanter Typ. Und schon fällt mir keiner mehr ein.

Das extrem offensive zur Schau stellen seiner jüdischen Herkunft macht Sun Diego zu etwas besonderem, es ist ein Markenzeichen, das den Verlust des alten Markenzeichens (Schwammkostüm) ausgleichen kann. Gleichzeitig kann man damit so wunderschön provozieren – was Sun Diego mit dem Tragen eines Judensternes in „Yellow Bar Mitzvah“ auch gleich tut. Es bietet sich plötzlich eine Vielzahl von „kontroversen“ Lines über Konzentrationslager, Verfolgung, vielleicht auch Reichtum und Weltverschwörung an; all das birgt das Potenzial für Provokation, und damit für zusätzliche Aufmerksamkeit. In ACAB2 rappt Sun Diego: „Erst verbrennen sie mein Volk und dann meine CDs“, womit er sich auf die Indizierung seines letzten Albums bezieht – ein vollkommen überflüssiger, platter Nazi-Vergleich, den es absolut nicht gebraucht hätte. Die Shoah mit etwas so Banalem wie der Indizierung eines Albums auf eine Stufe zu stellen ist geschmacklos und zeugt lediglich von dem verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit.

Sun Diegos jüdischer Hintergrund würde allerdings erklären, warum er damals im JBB-Finale Gio so hart attackiert hatte. Angeblich war Sun Diego von einem Fan ein manipuliertes Fotos zugeschickt worden, auf dem Gio in eine Nazi-Demo gephotoshoppt war. Sun Diego, bzw. damals noch Spongebozz, überzog Gio geradezu mit Nazi-Lines, und verpasste ihm damit ein denkbar schlechtes Image – das Video wurde wegen der zahlreichen Falschanschuldigungen später um den letzten Part gekürzt. Sollte also Sun Diego damals wegen seines jüdischen Hintergrundes so überengagiert auf die haltlosen Vorwürfe gegen Gio reagiert haben, könnte der Beef mit Kollegah noch einmal etwas mehr Fahrt aufnehmen. Schließlich äußert Kollegah sich immer wieder antisemitisch.

Wobei die Frage ist, inwiefern man diesen Beef überhaupt ernst nehmen kann. Das Video zu „Yellow Bar Mitzvah“ wurde von Streetcinema produziert. Streetcinema.tv allerdings ist ziemlich eng mit Kollegah verbandelt – von „loyalen Geschäftbeziehungen“ zu Kollegah spricht man bei Streetcinema. Kollegah sei vor dem Dreh um sein Einverständnis gefragt worden und habe dieses auch gegeben, verkündete die Produktionsfirma auf Facebook. Damit kann sich Kollegah als „Ehrenmann“ präsentieren und sein Image ein wenig aufpolieren – allzu böses Blut, das zeigt die Sache allerdings auch, kann es zwischen den beiden nicht geben. Generell köchelt der Beef schon länger so vor sich hin, und Sun Diego wird – wohl zu recht – darauf spekulieren, durch die Auseinandersetzung mit Kollegah seine Verkaufszahlen zu erhöhen. Bei Kollegah ist es nicht viel anders; auch bräuchte er nach dem peinlichen Fanpost2 mal wieder einen Beef, in dem er sich ordentlich präsentiert.

RapUpdate macht derweil ein wenig Werbung für Sun Diegos Album, indem die offensichtliche Präsentation von Boxinhalten im Musikvideo als spektäkuläre Neuigkeit verkauft wird. „Oha, ob das mit Absicht war?“, beginnt der Artikel. Naja, warum sonst sollte die Kamera volle Lotte drauf halten? Aus Versehen? Sicherlich.

Die Berichterstattung von komischen Rapnews-Youtubern über Sun Diegos neues Lied treibt unterdessen seltsame Blüten. „ALPHA KENAN“ kann Juden und Israelis nicht auseinanderhalten, und packt gleich mal die israelische Flagge auf das Thumbnail eines Videos, in dem es Sun Diego und seine jüdische Identität geht – als hätte Sun Diego irgendetwas mit Israel zu tun.

ALPHA KENAN

In eben diesem Video heißt es dann bei Minute 5:30: „Wie ist eure Meinung darüber, dass Spongebozz ein Jude ist?“ Äh, wie bitte? Was soll man denn da für eine Meinung haben? Immerhin, in den Kommentaren zum Video gibt man sich generös:

ALPHA KENAN2.png

Er macht ja gute Musik, dann sei ihm das Jude-Sein mal verziehen! Oha. Der Typ da drunter macht es nicht besser. Aber dann wäre da ja auch noch dieser Spezialist, der bei Juden auch zuerst an Israel denkt:

ALPHA KENAN3.png

„Pälistina“ soll also befreit werden – die komischen arabischen Fantasiestaaten in der Region scheinen sich zu vermehren. Aber immerhin – mindestens 55 Anhänger hat dieser obskure neue Staat. Neunmalklug wendet noch einer ein, nicht jeder Jude sei Zionist – was auch immer das nochmal mit Sun Diego zu tun hat. Diese automatische Verknüpfung von Jüd*innen mit dem Staat Israel, nein die Reduktion von Jüd*innen auf den Staat Israel – hier auch inklusive der Dämonisierung Israels – ist eine typisch antisemitische Vorgehensweise.

ALPHA KENAN4

Hier wird dann auch schonmal präventiv die Antisemitismus-Keule-Keule geschwungen. Das ist aber auch überaus praktisch – da hat sich schon vor der Artikulation seines Antisemitismus‘ gegen berechtigte Kritik immunisieren.

Und damit hört es noch lange nicht auf:

ALPHA KENAN5.png

„Selbst wenn“, „trotzdem“ ist er ein Mensch. Alles klar.

Nun, immerhin gibt es unter dem Video neben diesen äußert ekligen Verbal-Antisemitismen auch einige Kommentare, die darauf hinweisen, es sei egal, welcher Religion ein Mensch angehöre, die Frage von „ALPHA KENAN“ sei dumm gewesen, uä. Und wenn auch die Besinnung auf seine jüdischen Wurzeln ein reiner Promo-Move von Sun Diego sein mag – vielleicht trägt die Etablierung eines jüdischen Gangsterrappers ja wenigstens ein bisschen dazu bei, antisemitische Stereotype abzubauen? Vielleicht gelingt es Sun Diego ja, ein paar seiner Fans davon zu überzeugen, dass Antisemitismus scheiße ist. Damit wäre dann immerhin ein bisschen was gewonnen.

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