Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag vom guten Taubiola.

Liebe*r Leser*in,

Der folgende Text wird einiges von ihnen abverlangen. Denn – Sie ahnen es – die Antisemitismuskeule wird heute mal wieder losgelassen. Und nicht auf irgendjemanden, nein, auf J.R.R. Tolkien höchstpersönlich, jenen Mann, dessen linguistisches Interesse und die Hingabe für die Erfindung seiner Sprachen so bewundernswert, sein mangelndes literarisches Talent so bedauernswert und das von ihm geschaffene Universum so prägend für so viele Kindheiten von uns war. Wie, werden Sie sagen, dieser Mann soll ein Antisemit gewesen sein? Pfui! Wie kann man dieses schmutzige Wort nur in den Mund nehmen? Die A-Bombe verletzt auch außerhalb Kartoffellands Gefühle!

Jaja, blabla. Bevor Sie entsetzt wegklicken und einen Onlineartikel der Linken Zeitung lesen, ein kleiner Disclaimer: Mir geht es im Folgenden nicht darum, Tolkien zu verteufeln und ihnen zu verbieten, seine Werke toll zu finden. Ich möchte Sie lediglich einladen, sich meine Gedanken zu problematischen (weil antisemitischen) Tendenzen in seinen Werken, insbesondere dem „Hobbit“, anzuhören – vielleicht sind Sie nachher ja schlauer. Ach so, und bevor irgendwer auf die Idee kommt: Nein, Tolkien ist nicht schlimmer als Hitler.

These: Tolkiens Werke transportieren antisemitische Stereotype, die die Gefahr in sich bergen, den*die Leser*in ohne dessen*deren Bewusstsein darum zu korrumpieren.

Wie komme ich darauf? Ich möchte Ihnen zuerst beweisen, dass sich Tolkien in seinen Werken (wenn nicht explizit anders formuliert beziehe ich mich im weiteren Verlauf vor allem auf den „Hobbit“) mit der jüdischen Kultur auseinandersetzt. (Dass die Art der Auseinandersetzung das Problem ist, mag dem mitdenkenden Leser nun schon klar sein, dazu aber später mehr, wir wollen ja nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen.)

Wenn wir uns den „Hobbit“ vor Augen halten, und das darin vorkommende Volk der Zwerge, so fallen, kaum dass man den Blick schärft, geradezu erstaunliche Parallelen zwischen diesem Volk der Zwerge und dem jüdischen Volk auf:

Die Zwerge (jedenfalls eines ihrer Reiche) leben im Berg Erebor, einem bekannten und beeindruckenden Berg. Die (meisten) Juden lebten und leben im Land Zion, das nach dem Berg Zion benannt ist, dem Berg, auf dem ihre Tempel standen.

Die Zwerge des Erebor besaßen ein wunderschönes Artefakt, dass ihnen mehr wert war als alles anderes; ihr Königsjuwel: Der Arkenstein. Die Juden besaßen die Bundeslade, aufbewahrt im Allerheiligsten, Zeichen und Beweis für die Anwesenheit ihres lebendigen Gottes, das wichtigste aller Geräte des Tempels.

Die Zwerge des Erebor wurden vertrieben vom Drachen Smaug, dem Ungetüm, der kam, den Erebor eroberte, ihre Stadt zerstörte, ihre Schätze raubte und sie vertrieb. Die Juden wurden vertrieben vom Römischen Reich, das ihren Aufstand niederschlug, Jerusalem zerstörte, umbenannte („Aelia Capitolina“), ihnen die Beschneidung verbot, ihnen das Leben in Jerusalem verbot, den Tempel plünderte und mit dieser Plünderung den Bau des Colosseums in Rom finanzierte.

Fortan nun zogen die Zwerge durch Mittelerde, heimatlos und stets kritisch beäugt, immer unter sich bleibend (was so weit ging, dass sie sogar ihre eigene Sprache vor Nicht-Zwergen geheim hielten). Die Juden verteilten sich ebenfalls in der Welt, überdauerten die Diaspora in neuen Heimaten, dennoch ihren kulturellen Zusammenhalt bewahrend.

Schließlich macht sich nun der Zwerg Thorin auf, um mit seiner Gefolgschaft, „Thorins Company“, die alte Heimat zurückzufordern. Der Name Theodor Herzl und der Begriff Zionismus muss den häufigeren Lesern dieses Blogs wohl kaum erklärt werden, für die Leser der Linken Zeitung unter ihnen sei jedoch gesagt, dass das so ein Jude war, der die Idee eines jüdischen Staates ganz schnafte fand, eine Idee, die (mehr oder weniger) durch den Zionismus und den Staat Israel Realität wurde (sry für den Spoiler).

Die Sprache der Zwerge wurde bereits angeschnitten, diese ist ein weiteres starkes Indiz: Sie ähnelt nämlich dem Hebräischen; Konsonantenschrift mit dreibuchstabigen Wortwurzeln. Oder lassen wir doch den Meister himself sprechen:

„The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.“

[Die Zwerge sind natürlich recht naheliegend; würden sie nicht sagen, dass sie sie auf vielerlei Art an die Juden erinnern? Ihre Worte sind semitisch, offensichtlich, dafür geschaffen, semitisch zu sein.]

Quelle: http://www.timesofisrael.com/are-tolkiens-dwarves-an-allegory-for-the-jews/

Ich fasse zusammen: Will man sich nicht in die Beliebigkeit flüchten und behaupten, alle diese Übereinstimmungen seien Zufall, so gibt es keinen Zweifel daran, dass die Zwerge des Erebor nicht nur auf dem jüdischen Volk basieren, sondern dieses sogar explizit darstellen.

These: Die Art der Darstellung erfüllt und transportiert gängige antisemitische Klischees.

Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden, würde die Geschichte der Zwerge einfach nur das Diasporaschicksal des jüdischen Volkes nacherzählen. Problematisch ist aber die Darstellung, die Pointierung des zwergischen Charakters.

Über allem fällt bei der Lektüre die unfassbare Gier des zwergischen Volkes ins Auge. Die Zwerge des Erebor beispielsweise häufen riesige Schätze an, Reichtümer unendlicher Größe – man kann hierin ohne große Mühe das antisemitische Konstrukt des bösen „raffenden Kapitals“ sehen, das als Gegensatz zum guten „schaffenden Kapital“ konstruiert wird. Die Ereborzwerge nun raffen so dermaßen viel, dass dadurch der Drache Smaug angelockt wird, der sie aus ihrer Heimat vertreibt. Den Zwergen Morias wiederfährt überdies ein ähnliches Schicksal: In ihrer maßlosen Gier schürfen sie so tief in den Berg hinein, dass sie einen Balrog aufwecken, und verlieren nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Leben.

Doch traurigstes Beispiel für die Gier der Zwerge bleibt Dain Eisenfuß, Vetter Thorins, den Thorins Gemeinschaft (neben den anderen Zwergenkönigen) zu Beginn der Reise um Hilfe bei der Rückeroberung des Erebor bittet. Wie auch alle anderen Zwergenkönige verweigert ihnen Dain diese Hilfe jedoch, um dann am Ende bei der Schlacht der Fünf Heere doch noch seinen Arsch zum Berg zu bewegen – denn ihm war Nachricht überbracht worden, dass der Drache tot und das viele viele Gold nun ganz einfach zu erobern sei. Nicht die familiären Bande sind es, die Dain zum Erebor holen, neinnein, die dienen ihm nur als Instrument, um selber den Schatz zu erbeuten, wird er doch nach Thorins Tod König unter dem Berg. Es ist das Gold, das ihn anlockt. Nach dem Sieg über die Heere des Bösen schließlich teilt er den Schatz mit Elben und Menschen, ein Bruch in der Charakterisierung möchte man meinen, doch könnte man auch unken, dass er sich damit nach einer verlustreichen Schlacht den für das Happy End nötigen Frieden erkauft.

Man könnte nun unablässig weitere Beispiele für Darstellungen der Zwerge als raffgierig nennen, ich belasse es an dieser Stelle bei den oben erläuterten; das Grundmotiv sollte klar sein.

Dass Raffgier eines der hartnäckigsten antisemitischen Stereotype und in seiner Einfachheit anders als andere antisemitische Ressentiments wenig Wandlung erlebt, brauche ich wohl keinem zu erklären (man denke an das Schwanken der Antisemiten, ob die Juden nun doof seien, weil sie keinen eigenen Staat hätten, oder eben weil sie nun einen haben; an die Verschiebung von Brunnenvergifter- zu Wasserstehlerlegenden etc.) und so widmen wir uns gleich dem nächsten Punkt.

Das Schicksal der Erebor- und Moriazwerge wurde oben bereits angeschnitten – beide Reiche fallen ihrer eigenen Gier zum Opfer. Erkennt man hier ein weiteres Element des Antisemitismus? Dass die Juden an ihrer Verfolgung selbst schuld seien, ja diese durch ihr schlechtes Verhalten sogar erst hervorrufen würden, ist schließlich eine Argumentation, die so alt ist wie der Hass auf das jüdische Volk selbst. In jedem Fall ist eine gewisse Süffisanz in der Darstellung nicht zu bestreiten. Zwei mächtige zwergische Reiche, voll von Wohlstand und ohne Nöte, die einzig durch die eigene Gier zu Fall gebracht werden. Das Tolkien hierbei wenn dann latentem Antisemitismus frönt und sowohl Drache als auch Balrog als Diener des Bösen die Schurken der Geschichte darstellen, ändert dann leider auch nichts daran, dass die Zwerge ihr Schicksal durch die eigenen Verfehlungen besiegelt haben. Der Erzähler sieht ihnen, so möchte man meinen, mit einer gewissen Schadenfreude zu wie sie von den bösen Buben verkloppt werden, fast so, wie „Critical Whiteness“ Anhänger, die es bejubeln, wenn ein Mensch mit Dreadlocks von Neonazis geschlagen wird.

https://twitter.com/dannytastisch/status/854731285083942912

https://youtu.be/c8GVtXfATtI?t=29

Eine weitere interessante Notiz ist die Tatsache wert, dass im Film „Die Gefährten“, als besagte Gefährten das Nebelgebirge durchziehen wollen und von Saruman durch Moria gezwungen werden, Gimli keinen blassen Schimmer davon hat, was dort geschehen ist – dass nämlich Balin mit seiner Expedition gescheitert und tot ist und das auch schon 25 Jahre vor den Ereignissen des Ringkrieges. Der gute Gimli kümmert sich anscheinend keinen Deut um das Schicksal seiner Verwandten, es sei denn, diese sollen ihn und seine Freunde (und einen Elb) bewirten. Freilich ist dieser Mist auf Peter Jacksons Unfähigkeit gewachsen (der ansonsten bei den HdR-Filmen aber einen unglaublich guten Job gemacht hat (über die Hobbitfilme schweigen wir lieber)). Da kann Tolkien ausnahmsweise nichts für.

Wir gelangen zum letzten Punkt, den ich beleuchten möchte: Die Unfähigkeit des zwergischen Volkes, seine Souveränität selber zu errichten. Denn wer ist es, der im „Hobbit“ den Tag rettet? Jedes Mal? Immer? Wirklich immer! Dieser verdammte Hobbit. Bilbo muss alles machen, ob nun die Düsterwaldspinnen umbringen/hereinlegen, die Zwerge aus den Verliesen Thranduils befreien, die Tür in den Erebor finden (nicht mal ihre eigene Heimat hätten die Zwerge ohne ihn betreten können!), die Stimme der Vernunft sein, nachdem der Erebor zurückerobert wurde und so weiter und so weiter. Und wen repräsentiert Bilbo? Die Engländer (so Tolkien selbst, siehe oben verlinkten Artikel der Times of Israel). Erst das Mandat des Hobbits macht es den wirklich vollkommen inkompetenten, kindischen, obendrein auch noch hochgradig undankbaren Zwergen möglich, die eigene Heimat wieder in Besitz zu nehmen. Das ist nicht nur herablassend, sondern nervt beim Lesen auch noch unfassbar, Kinderbuch hin oder her.

Dieses Stereotyp des unfähigen Juden findet sich auch im modernen Antisemitismus, besonders im israelbezogenen Antisemitismus, wo die Menschlichkeit der Juden, also die Tatsache, dass tatsächlich auch Juden Fehler machen (unfassbar, oder?) als Argument gegen die Juden (oder verklausuliert: gegen Israel) verwendet wird. Werden bei einem israelischen Kriegseinsatz Zivilisten getötet, so wird gleich dem ganzen Kriegseinsatz oder auch dem ganzen Staat seine Legitimation abgesprochen.

Fazit

Leider übernimmt Tolkien im Hobbit nicht nur Charakteristika des jüdischen Volkes und dessen Geschichte, sondern auch antisemitische Vorurteile und mengt diese munter unter seine Erzählung, sodass ein Brei entsteht, der nur noch schwerlich zu trennen ist. Umso beunruhigender ist es, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich beim Hobbit um ein Kinderbuch handelt. Noch bevor dem Menschen die Problematik des Antisemitismus bewusst sein kann, nämlich, wenn er noch ein kleines Kind ist, werden ihm durch diese Geschichte bereits antisemitische Denkmuster ins Gehirn geträufelt.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Müssen sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Eins nach dem Anderen.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? Er selber hat es bestritten und an und für sich auch durchaus glaubhaft. Als ihn im Jahr 1938 deutsche Verleger, die den Herrn der Ringe ins Deutsche übersetzen wollten, fragten, ob er arischer Abstammung sei, antwortete Tolkien nach längerer Nachhakerei von Seiten der Nazis Folgendes:

„If I am to understand that you are enquiring whether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people.“

[„Falls ich das so zu verstehen habe, dass sie in Erfahrung bringen wollen, ob ich von jüdischer Herkunft bin, so kann ich nur antworten, dass ich es bedaure keine Vorfahren dieses auserwählten Volkes zu haben.“]

 http://tolkiengateway.net/wiki/Letter_30

Mit ein bisschen Übermotivation könnte man eine solch dezidierte Antwort in einer Zeit wie der damaligen an Leute wie die Betreffenden durchaus als Chuzpe, mindestens, bzw. darüber hinaus in jedem Falle als höchst anständig bezeichnen. Tolkien selber, so lässt sich aus diesem Brief schließen, hätte also wohl bestritten, Antisemit zu sein. Nun könnte man sagen, dass das nur eine weitere Parallele zu heutigen Antisemiten sei und schaut man sich an, was für antisemitischen Mist Tolkien verwurstet hat, so scheint dieser Schluss gar nicht mal unangebracht. Tolkien war, so meine bescheidene Einschätzung, ein Mensch mit antisemitischen Vorurteilen, der diese, ohne es selber zu bemerken, geschweige denn zu wollen – sogar geschweige denn sich der Existenz dieser Vorurteile bewusst zu sein –, in seinen Werken reproduzierte.

War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Ich würde behaupten, beide sind gleich schlimm, begehen doch beide die 8. Todsünde: In ihrem Buch den Ausgang der Geschichte spoilern. Abseits dieses geschmacklosen Witzes: Natürlich nicht. Hitlervergleiche sind und bleiben das Werkzeug der Dummen.

Müssen Sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all Ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Ich denke nicht. Nur kann es nicht schaden, sich einmal mit den problematischen Aspekten der tolkienschen Werke auseinanderzusetzen. Ist man sich dieser bewusst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, von den unabsichtlich eingearbeiteten antisemitischen Motiven korrumpiert zu werden um ein vielfaches. Und Mittelerde ist schlichtweg zu spannend, zu faszinierend, zu facettenreich, um es mir nichts dir nichts in die Tonne zu kloppen. Da nehme ich lieber einen Aufruf zu Awareness in Kauf (steinigt mich). Die übrigens bei Antisemitismus nicht aufhören muss: (Sogar auf Vernichtung abzielender) Rassismus (Stichwort Orks), Elitarismus (Stichwort Dunedain, Elben), Frauenfeindlichkeit (ja, da hilft auch Eowyn nichts, denn die mag zwar voll emanzipatorisch kämpfen und so, aber was ist das Ende vom Lied? Sie heiratet Faramir und wird zum Hausmütterchen. Was sie brauchte, so suggeriert die Geschichte, war also keine Selbstbestimmung, sondern einfach nur ein Schwanz. Na super, voll feministisch!), Monarchismus (muss man da Beispiele nennen?) usw. Im Wesentlichen also all die Probleme, mit der (fast) alle Fantasy zu  kämpfen hat.

Tolkien war nicht böse und grundverdorben, doch sollten sein Werk und die Bedeutung dieses Werkes ihn und betreffendes Werk nicht vor Kritik schützen.

Antisemitismuskeule over.

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