Schaut man sich an, was Kollegah in der letzten Zeit so von sich gibt und tut, dann zeigt sich ein äußerst zwiegespaltenes Bild. Einerseits ist da der Kollegah, der einem wehrlosen Fan die Fresse poliert, der Kollegah, der wegen des „Beefs“ mit Bushido und dem sonstigen Personal von egj täglich in den News von Rap-Nachrichten-Youtubern ist. Andererseits ist da aber auch der Kollegah, der sich in seinem Tourblog unglaublich Fan-nah gibt, ständig Selfies mit Konzertbesuchern macht, ihre CDs unterschreibt – und der sehr gerne Mütter, generell Frauen, aber auch ältere Herren und Menschen mit Behinderung vor der Linse präsentiert, wenn sie sich auf sein Konzert verirren.

Der böse Kollegah rappt Lines wie „Du behinderter Versager, Bitch, es ist der Pimp im Game“, „Nutte, dein Rap ist wie Blindenschrift, nur Behinderte fühlen ihn“, oder „Behinderter Penner, wer ist hier der Internetgangster?“, und spricht in Interviews davon, seine Fans seien keine „perspektivlosen Spastis“. Der gute Kollegah hingegen geht zu seinen Fans mit Behinderung, macht Fotos mit ihnen, erkundigt sich, was er tun kann, um ihnen zu helfen.

Aber welcher ist der wahre Kollegah? Nun, die Sache ließe sich ziemlich leicht beantworten: Sowohl als auch. Einerseits ist Kollegah der Böse, der Schläger, der sich mit einem unheimlichen, wohl in Mafia-Geschäfte verstrickten Bushido beeft, und damit spricht er all jene kleinen Internet-Rambos an, die sich mal so richtig hart fühlen wollen. Andererseits ist er aber auch der Nette, der Behindertenfreundliche, der Kümmerer, der keinem etwas Böses will, und findet damit Anklang bei einer moralisch etwas anspruchsvolleren Käuferschicht, die sich die abscheulichen Lines Kollegahs damit schönreden kann, dass er das ja „alles nicht so meint“.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, der auf der dick und fett „PROMO“ steht. An dieser Stelle könnte man die Augen verdrehen und sein Leben wieder relevanteren Themen widmen. Viel spannender als die Frage, warum Kollegah sich mal so und mal so gibt, ist aber die Frage: Wie tickt er denn nun wirklich?

Nun, wie oben aufgezeigt rappt Kollegah sehr gerne ableistischen Müll, und benutzt selbst in seiner Alltagssprache Wörter wie „Spasti“ als Beleidigung. Behindert sein ist für Kollegah demnach eindeutig negativ konnotiert – und wen würde das wundern, ist es doch gerade Kollegah, der einem wahnhaften Körperkult fröhnt, der in seinen Tourblogs ständig im Fitnesscenter zu sehen ist, der seine „Bosstransformation“, ein Fitnessprogramm, geschäftsmännisch vermarktet. In Realtalk-Tracks wie „Du bist Boss“  rappt er: „Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst/ Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst/ Wenn du rigoros trainierst, um deine Muskeln zu stählen“. Generell ist die Essenz des Liedes: Perfektioniere deinen Körper und deinen Geist, werde zur Maschine, nur dann bist du gut.

Der Körperkult Kollegahs fügt sich in sein antisemitisches Weltbild ohne weiteres ein, in die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, in „ehrliche“ physische Arbeit und die ominösen Hinterbänkler. Das gesellt sich mit faschistoiden Zügen, wenn etwa Kollegah im Interview sagt, Diktatur sei per se nichts Schlechtes; und sich dabei auf ein Lied bezieht, in dem er eindeutig nationalsozialistische Symbolik benutzt.

Dass nun ein behindertenfeindlicher Mensch sich gegenüber Individuen mit Behinderung auf einmal sehr zuvorkommend verhält, ist zunächst nichts ungewöhnliches – man könnte hier einen Vergleich ziehen zum Antisemitismus. Im deutschen Kaiserreich war dieser in der Gesellschaft bereits weit verbreitet, die Juden, gedacht als Kollektiv, wurden von den nicht-jüdischen Deutschen gehasst; paradoxerweise hatten zahlreiche dieser Antisemiten ihren „Lieblingsjuden“, also den netten Nachbarn, den freundlichen Gemüsehändler, den hilfsbereiten Rabbi. Der Hass richtete sich gegen das (konstruierte) Kollektiv, nicht gegen das Individuum. Ähnlich verhält es sich mit Kollegahs Abwertung von Menschen mit Behinderung.

Diese Abwertung wird in zweifacher Hinsicht deutlich:

Zum einen benutzt Kollegah die Menschen mit Behinderung, die seine Konzerte besuchen, um sich selbst ein gutes Image verpassen zu können – was letztlich sowohl der Profitmaximierung als auch der Schaffung von Akzeptanz für seine ableistischen Lines dient. Genau diese Akzeptanz für seine ableistischen Lines in Teilen der Gesellschaft trägt aber dazu bei, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verfestigen. Kollegah benutzt diese Menschen also, um Abneigung gegen sie schüren zu können. Die Strategie hinter Kollegahs Verhalten zeigt sich, wenn man sich die Häufigkeit vor Augen ruft, in der er in einer einzigen Woche seine vergiftete Wohltätigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung zur Schau gestellt hat (28.03.29.03.01.04.03.04.).

Hinzu kommt dann die äußerst eklige Art und Weise, in der Kollegah mit diesen Menschen mit Behinderung umgeht – er spricht mit ihnen, wie andere Menschen mit kleinen Kinder sprechen. Besonders deutlich wird dies in diesem Video: 03.04. Menschen mit Behinderung – sind das denn für Kollegah keine zurechnungsfähigen Menschen? Sind das denn Kinder, denen man mit verstellter Stimme und in dümmlicher Satzstruktur ein paar nette Worte sagen muss? Diese subtile Abwertung über den Sprachduktus ist es, die Kollegahs Ableismus am deutlichsten entlarvt.

Die Instrumentalisierung Kollegahs von Gruppen, die zu seinen Opfern gehören, ist freilich nichts Neues – auch mit den Juden hat er dies versucht, doch glücklicherweise ging der Zentralrat der Juden in Deutschland auf dieses vergiftete Angebot nicht ein. Die Menschen mit Behinderung, die sich von Kollegah vor der Kamera ausschlachten lassen, fallen hingegen leider auf ihn herein.

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