Nachdem Kollegah sich mit Kat Kaufmann und Shahak Shapira traf, um sich von ihnen die Absolution erteilen zu lassen, legte er gleich nach, dieses Mal in seinem Tourblog. Im Video vom 23.3.2017 über den Auftritt in Hannover greift er gleich zwei Themen auf – seine Homophobie, und seinen Antisemitismus.

Fast sechs Minuten Belanglosigkeit muss man skippen, um zu der ersten relevanten Stelle zu kommen; und bei dieser bin ich mir nicht sicher, ob Kollegah dabei auf das Gespräch mit Kaufmann und Shapira anspielt, oder ob er einfach nur ein unfassbar stumpfer  Schwulenhasser ist.

Die ganze Sache läuft wie folgt ab: Seyed – der in den Tourblogs dabei ist, um ein wenig von Kollegahs Fame abzukriegen – und Kollegah selbst stehen vor dem Auftritt in einem Treppenhaus. Seyed sagt zu Kollegah: „Bist du eigentlich auch so nervös?“ Beide lachen. Dann Kollegah, kichernd: „Wie schwul.“

Der Verdacht liegt nahe, es handele sich hier um eine Referenz auf das Persilschein-Gespräch, da in diesem Kollegah ein, äh, interessantes Beispiel nutzte, um zu zeigen, warum ja das Wort „Schwuchtel“ nicht homophob sei. Dort sagte Kollegah (ungefähr bei Minute 14:20 in diesem Video):

Wenn ich jetzt zu Seyed sage, wenn er sich irgendwie gerade, weiß ich nicht … Er ist im Tourbus, und er stößt sich den kleinen Zeh und sagt ‚aua‘, dann sagt man: ‚Heul nicht rum du Schwuchtel.‘ So. Ist man deswegen homophob?

Eine strunzdumme rethorische Frage, die man trotz ihrer Eigenschaft als rethorische Frage sehr gerne mit „Ja – und wer hat dir eigentlich ins Hirn geschissen?“ beantworten würde. Denn jeder denkende Mensch muss eigentlich die dieser Frage zu Grunde liegende Hommophobie glasklar erkennen. Nun, wie dem auch – in dem von Kollegah benutzen Beispiel ging es um Seyed, und wie er als „Schwuchtel“ beleidigt wurde, und im Tourblog ist es ebenfalls Seyed, der, dieses Mal tatsächlich, als „schwul“ beleidigt wird.

Eine Referenz könnte es daher sein, nur würde sich die Frage stellen: Warum ausgerechnet auf diese Sequenz des Persilschein-Gespräches rekurieren? Nicht einmal Kollegah und Seyed können so merkwürdig sein, dieses Beispiel noch im Nachhinein für eine gelungene Argumentation zu halten. Und Shapira (geschweige denn Kaufmann) war auf dieses Beispiel auch – komischerweise – überhaupt nicht eingegangen („Ne, aber ich rede ja von was ganz anderem“), sondern ist gleich zum nächsten Thema gehüpft. Der Grund für eine Referenz scheint also nicht unbedingt gegeben.

Vielleicht ist Kollegah halt einfach ein stumpfer Schwulenhasser, und das ist tatsächlich sein alltäglicher Sprachgebrauch. Das würde – nach der Aktion in Leipzig, die auch nicht das erste Mal war, dass Kollegah jemanden zusammengeschlagen hat – ein weiteres Mal zeigen, wie wenig die von Kollegah in seinen Tracks transportierten Werte und sein tatsächliches Weltbild auseinander liegen.

Hat man sich nach den ersten fünf geskippten Minuten die sechste angetan, geht es in der siebten nicht minder erschreckend weiter. Kollegah trifft nach dem Konzert einen Fan, um sich mit diesem zu unterhalten. Die ganze Atmosphäre dieses Gespräches erzeugt Fremdscham, haben die beiden doch offensichtlich zu Beginn wenig Ahnung, worüber sie jetzt eigentlich sprechen sollen, und es kommt eine gezwungene Halbunterhaltung über das Dog-Tag des Fans – das diesen als Kollegah-Fanboy outet, aber wen überrascht das schon – herum. Um die unangenehmen Gefühle zu minimieren, die der Zuschauer unweigerlich erleiden muss angesichts einer solch gezwungenen Konversation, gibt es dann einen Cut, und man hört, wie die beiden sich über Israel unterhalten. Auweia. Kollegah beklagt sich gleichmal, er käme ja gar nicht mehr nach „Palästina“, aber es gebe ja Schleichwege. Daraufhin enwickelt sich folgende Gesprächssequenz:

Fan: „Ich habe mir gestern noch das angeguckt was du gemacht hast, mit den, äh … mit den … Kat Kaufmann …“

Kollegah: „Mit den zwei Juden da.“

Fan (lacht, sagt dann, immernoch lachend): „Ja, genau“

Wer bei dem Wort „Jude“ schon so ein „Hoho, er hat ‚Jude‘ gesagt“ loslässt, hat offensichtlich eine andere Einstellung gegenüber Juden denn gegenüber anderen Religionsgemeinschaften. Oder würde er bei dem Wort „Christ“ ebenso lachen? Aber was ist denn am Wort „Jude“ so spektakulär? Jude, Jude, Jude. Kommt jetzt irgendwer und steinigt mich?

Offensichtlich hat dieser junge Mann also eine etwas verklemmte Ansicht bezüglich Juden, auf jeden Fall löst dieses Wort etwas in ihm aus, und zwar den Reiz des Tabubruches. Aber wie es dann weitergeht ist ja noch viel spannender. Der Typ regt sich nämlich im nächsten Atemzug darüber auf, er trenne ja strikt zwischen Juden und Zionisten und hätte nichts gegen Juden, sondern nur gegen Zionisten, aber es käme dann immer jemand und würde einen als Antisemit bezeichnen. Äh, bitte was?

Das ist an sich schonmal ein interessanter Sprung von „über das Wort ‚Jude‘ lachen, als hätte man heimlich genascht“ zu „Zionisten sind doof“ – aber das mag der Thematik des Persilschein-Gespräches geschuldet sein. Zudem stellt sich aber auch die Frage: Warum hat der Kerl was gegen Zionisten? Weiß er überhaupt, was Zionismus bedeutet? Wenn er es nicht weiß, und es dennoch mit etwas Negativem assoziiert, dann zeigt das höchstwahrscheinlich Antisemitismus. Und wenn er es doch weiß, dann frage ich mich – warum hat er nur etwas gegen die jüdische Nationalbewegung? Was ist an dieser denn so schlimm? Und ist es nicht vielmehr so, dass die jüdische Nationalbewegung auf dieser Welt eine der wenigen ist, die überhaupt einen vernünftigen Grund hat?

Kollegahs geistreicher Kommentar zu der Aussage seines Fanboys ist übrigens: „Die machen einen halt mundtot damit.“ Ahja, Kollegah, wie gut das mit dem „mundtot“ machen funktioniert, sieht man ja an deinen bestens besuchten Konzerten, an deinem Gespräch mit Shapira und Kaufmann, das schon jetzt über 250.000 Aufrufe auf Youtube hat, an deinem baldigen Auftritt beim Afrika-Karibik-Festival, an deiner „Doku“, die schon über 1,3 Mio Aufrufe auf Youtube hat, man sieht es daran, dass du mit der Single „Legacy“ Gold gegangen bist, dass du mit deinen Alben „Zuhältertape Volume 4“ und „Imperator“ Gold, und mit „King“ sogar dreifach Gold gegangen bist. Es ist ja wirklich furchtbar, wie man dich mundtot macht!

Mir drängt sich überdies die Frage auf: Wer sind „die“?

Aber der Fanboy setzt dem Ganzen noch die absolute Krönung des Unwissens auf:

Kollegah: „Man muss ja jede Politik kritisieren dürfen auf der Welt.“

Fan: „Würde man meinen, aber das ist ja auch in den staatlichen Medien ist es so, ne, sobald da was kommt, da wird die Kamera dann wieder weggeschwenkt, ne, wenn gerade wieder Gaza bombardiert wird.“

Offensichtlich guckt dieser Typ weder Tagesschau noch Heute Journal noch sonst irgendein Nachrichtenformat der Öffentlich-Rechtlichen, sonst wüsste er, was für einen Schwachsinn er da gelabert hat. Aber das sind eh die Witzigsten: Diejenigen, die sich über Medien ereifern, aber dort niemals einen Blick reinwerfen.

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