Nicht lange ist es her, da wurde ein Auftritt Kollegahs in Rüsselsheim abgesagt, weil man gemerkt hatte, dass ein frauen-, schwulen- und judenfeindlicher Rapper auf einem Konzert für Toleranz nicht ganz so gut kommt. Eine interessante Fußnote in Bezug auf die deutsche Rapszene bleibt, dass viele Hip-Hop-Medien die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs nicht einmal für erwähnenswert befanden, und stattdessen nur über den Vorwurf des Antisemitismus berichteten. Der arme Kollegah war sich natürlich keiner Schuld bewusst, und das Trauma, dass er durch diese unerquickliche Angelegenheit erlitten haben muss, scheint er nun auf einem neuen Track verarbeiten zu wollen.

Legacy“ heißt dieser Track, wo er ab 5:58 rappt:

Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe

In deren Heimat es aussieht wie in Vietnamkrieggebieten

Ich kritisier das Siedlungsprojekt, kritisier die Milizen

Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess

Also jammert ma nicht rum, ihr seht den Kamerablickpunkt

Kid, ich war da mit meiner Mannschaft von der Anpackerstiftung

Das war ne Anfangsentwicklung, statt zu labern, fangt an, nehmt’s in die Hand man

Lenkt das ganze langsam in ne andere Richtung

Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem

Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr

Sagt mein Konzert ab, weil ihr kein Plan von der Kunstform habt

Digga, Battlerap ist wie deine Blowjobskills – ne Mundsportart

Fühl dich kompetent und wichtig, doch sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig

Kid, du weißt vom Genre Rap hier nichts, Bitch

Journalistensnitch, ich piss auf dich, wenn ich dich in die Knie zwing

Kriegst du Pickind Goldenshower wie der Bruder von Khaleesi

Ey, der Big Boss, der den Rauch auspustet

Und Staiger so in Bauch haut, dass er seine Niere durch sein Maul raushustet

Interessant ist nur zuallererst Folgendes: Damals, als der offene Brief der jüdischen Organisationen erschien, schrieb Kollegah in einem Statement auf Facebook:

Die Tatsache, dass in meinen bislang 13 Jahren Musikkarriere nie der Vorwurf des Antisemitismus auch nur im Raum stand und dies erstmalig ausgerechnet jetzt, kurz nach meiner Wohltätigkeitsreise in Palästina geschieht, mutet sonderbar an, jedoch will ich hier keinen Zusammenhang unterstellen.

Schon damals war klar, dass er eben doch genau diesen Zusammenhang herstellt – und nun gibt er es auch offen zu. „Macht mich zum Antisemiten, weil ich Palästinensern helfe“, behauptet er völlig faktenwidrig – denn de facto hat ihn wegen dieser Aktion ja niemand einen Antisemiten genannt (obwohl man sogar Grund dazu gehabt hätte). Es war die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“, die Stein des Anstoßes war. Kollegah also fantasiert sofort einen Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt her und plustert sich selbst zum Tabubrecher auf – ein beliebtes Topos antisemitischer Israelkritiker.

Und heute behauptet er ja nicht einmal, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Israel dämonisiert. Nein, er behauptet, man würde ihm Antisemitismus vorwerfen, weil er Palästinensern hilft. Das ist total absurd, und zeigt, dass für Kollegah Juden äußerst missgünstige Leute sind, die ihrem Nachbarn nicht die Butter auf dem Brot gönnen.

Schon beim ersten Hören des Tracks fragte ich mich übrigens, wie Kollegah darauf kommt, in Palästina – konkreter: in der Nähe von Ramallah – sehe es aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Wäre es wenigstens in Gaza gewesen, ok, da gibt es in der Tat zerstörte Häuser. Wessen Schuld das ist wäre dann ein eigenes Thema. Aber in der Nähe von Ramallah sieht es doch nicht aus wie in Vietnamkriegsgebieten. Der Mann hat entweder keine Ahnung, wovon er spricht – was unwahrscheinlich ist, immerhin war er ja selber vor Ort – oder er lügt und hat Freude daran, Israel zu dämonisieren. Wer worauf tippt, das ist jedem selbst überlassen.

Eine weitere Frage stellte sich mir sofort danach: Was meint Kollegah genau mit dem „Siedlungsprojekt“? Meint er damit Israel? Schließlich gibt es Rapper, die allen Ernstes Israel als „Kolonie der Vampire“ bezeichnen, wie es generell unter Antisemiten nicht unüblich ist, Israel als westliche Kolonie zu bezeichnen. Oder meint Kollegah vielleicht doch nur die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria? Es ist nicht zweifelsfrei klar, man wird ihn nicht auf die erstere, zweifelsfrei antisemitische Aussage festnageln können – und genau das ist das Kalkül, wie man annehmen kann. Es ist die selbe Taktik, die auch die AfD anwendet. Provokante, menschenverachtende Aussagen tätigen, und sich nachher darauf zurückziehen, das sei ja gar nicht so gemeint gewesen, und wer sei denn bitte Boateng. Eine widerliche Taktik – aber anscheinend sind sehr viele Menschen sehr dumm, und darum funktioniert sie so gut.

Die Fragen hören nicht auf: Welche Milizien kritisiert Kollegah? Damit kann fast alles gemeint sein. Die IS-Milizen, die Hamas-Milizen, die Hizbollah-Milizen – oder das israelische Heer, denn selbst könnte man als „Miliz“ bezeichnen. Man kann fast jede bewaffnete Organisation als „Miliz“ bezeichnen. Was Kollegah mit dieser unfassbar schwammigen Aussage also tatsächlich sagen will, kann nicht einmal erahnt werden. Kritisiert er Islamisten? Oder doch Israel? Und bevor jetzt jemand mein obiges Urteil auf mich zurückwerfen will: Das ist ein völlig anders gelagerter Fall, schließlich gibt es hier eine Milliarde Deutungsmöglichkeiten, die alle Sinn ergeben würden, und es ist nicht ersichtlich, welche am ehesten in Frage käme. Aber wer Kollegah hier eine böse Absicht unterstellt, dem werde ich sicher nicht widersprechen.

Die Line „Bin für Free Palestine und den Befriedungsprozess“ vereint zwei interessante Elemente und macht eines klar: „Befriedung“, das ist für Kollegah das Verschwinden von Juden. Oder meint er mit „Free Palestine“ die Befreiung von den Islamofaschisten der Hamas und den Kleptokraten der PA? Nein, wohl eher Israel, denn die Juden müssen ja immer an allem Schuld und ergo das einzige Problem sein. Und hui, er ist für „den Befriedungsprozess“ – ja, wer genau ist denn bitte gegen Frieden? Wer weiterdenkt, wird ahnen, worauf Kollegah hinaus will … und wie groß dieses „Palästina“ ist, das er sich vorstellt.

Wer übrigens gegen die jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria ist, und sich gleichzeitig für „den Befriedungsprozess“ ausspricht, der macht klar, was für ihn Frieden bedeutet: Die Abwesenheit von Juden. Nicht Frieden mit Juden, sondern Frieden von Juden. Oder was ist das Problem daran, wenn Juden in Judäa und Samaria leben? Warum genau soll das schlecht sein? Menschen, die aus der Anwesenheit von Juden ein Problem machen, sind Antisemiten, und gegen die sollte man vorgehen, nicht gegen die Juden.

Kleines Rätselraten für zwischendurch: Wenn Kollegah seinen „Hatern“ vorwirft, neidisch auf sein Geld zu sein, welches antisemitische Stereotyp bedient er? Vielleicht als Hinweis nochmal die konkrete Line: „Ich hab den Ehrgeiz dafür, ihr könnt nur haten, gönnt nur jedem/ Immer das Beste, bis er dann mal mehr hat als ihr“. Auflösung am Ende, es gibt ein Gewinnspiel!*

Natürlich beklagt Kollegah sich auch über das abgesagte Konzert. Wobei hier bemerkenswert ist: er behauptet nicht, man würde ihn boykottieren, sondern spricht wahrheitsgemäß nur von der Absage dieses einen Konzertes – womit er deutschen Hip-Hop-Medien schon einmal einiges voraus hat. Die Begründung, warum die Absage doof gewesen sei, lässt allerdings zu wünschen übrig: man hätte ja die Kunstform nicht verstanden, das sei doch Battlerap – als würde dies den frauen-, schwulen- und judenfeindlichen Inhalt der Lieder irgendwie rechtfertigen. Und ja, mit der Line „sei konsequent, zitier die Songsequenzen richtig“ hat er einen oberflächlichen Treffer gelandet, denn der Fauxpass mit dem falsch zugeordneten Zitat war wirklich ein wenig peinlich – aber Kollegah ignoriert, dass er eben auch für Lines anderer Rapper in moralische Haftung genommen werden muss, wenn diese auf seinem Track, auf seinem Album antisemitische Scheiße rappen. Eine inhaltliche Distanzierung Kollegahs von Antisemitismus findet hier überhaupt nicht statt – es wird lediglich ein Formfehler kritisiert.

Die anschließenden Gewaltfantasien gegen Journalisten (der Kram mit dem Anpissen – man, Kollegah hat einen seltsamen Fetisch!) lassen dann Kollegahs faschistoide Züge erkennen – wer eine andere Meinung hat, der gehört gedemütigt, dem wird Gewalt angetan, oder, wie es Richtung Staiger heißt – da dieser die Dreistigkeit besaß, Kollegahs „Doku“ zu kritisieren -, dem wird in den Bauch geschlagen, „dass er seine Niere durch sein Maul raushustet“.

Und wer seinen Kritikern derart mit Gewalt droht, der kann es sich auch leisten, sich durch eine etwas verunglückte Line selbst zu beleidigen – „Ich bin dein Papa, du Hund“, rappt Kollegah gegen Sun Diego. Da hat wohl jemand nicht zu Ende gedacht. Achso: Und „Khaleesi“ ist keinesfalls ein Eigenname, sondern der Titel von Daenerys Targaryen.

Letztlich ist man nach diesem Track genau so schlau wie vorher: Kollegah mag Juden nicht so sehr, steht nicht so auf Demokratie, aber kann ganz passabel reimen. Im Rap nichts Neues.

*Sorry, war nur ein Spaß. 😦

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Ein Gedanke zu “Und immer wieder Kollegah

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