Im deutschen Rap-Geschäft kommt es ja immer gut, ein wenig gegen Israel zu hetzen. Warum das so ist? Nun, mit stumpfer Israel-Hetze erreicht man ganz gute Medienaufmerksamkeit, man bekommt seinen kleinen Skandal, weil sich Leute über einen aufregen, aber so wirklich Probleme bekommt man nicht, denn Israel-Hass ist ja heutzutage irgendwie schick. Die jugendliche, meist muslimisch geprägte und sozial abgehängte Käuferschicht (die deutscher Rap nunmal überwiegend hat), die in dem Hass auf Israel und arabischem Nationalismus eine Flucht aus der Ohnmacht findet, applaudiert, und kauft kräftig das Album. Aufmerksamkeit und Geld – das ist alles, was der durchschnittliche Rapper haben will.

Und da spielt es dann auch keine Rolle, ob der/die Rapper(in) nun linksradikal, ein Macho und/oder ein(e) islamistischer Fundamentalist(in) ist. Bei Israel sind sie sich alle einig: Israel ist böse – und natürlich an allem Schuld.

Auch Kaveh und Thawra profilieren sich über Israel-Hass. In ihrem Lied „Antideutsche / Tahya Falastin“ bringen sie ihren Hass gegenüber allem, was nicht gegen den Staat Israel ist, zum Ausdruck. O-Ton Thawra: „Ich wollte vor allem erstmal meinen Hass auf die Antideutschen zeigen und deutlich machen.“

Interessant ist dabei zuallererst die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff. Im Intro sagt Kaveh:

Viele Linke, die sich selbst nicht als Antideutsche sehen, benutzen trotzdem antideutsche Argumente. Antideutsche solidarisieren sich unkritisch mit Israel und den USA. Für sie ist Antizionismus gleichbedeutend mit Antisemitismus.

Für Kaveh definiert sich „antideutsch“ also zuallererst – das macht auch der Text des Liedes deutlich, in dem es fast ausschließlich um Israel geht, klar – über die Solidarität zum jüdischen Staat. Wenn er nun sagt, auch nicht antideutsche Linke würden „antideutsche Argumente“ benutzen, verkommt das Wort „antideutsch“ zu einem Kampfbegriff – einem Kampfbegriff, der all das diffamieren soll, was gegen Antizionismus ist. Dass Israel-solidarische Linke, vollkommen unabhängig zu ihrer tatsächlichen Positionierung zum Thema Deutschland, als „antideutsch“ bezeichnet werden, überträgt antisemitische Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen. Denn jedem, der Israel-solidarisch ist, wird so vorgeworfen, ein „Vaterlandsloser Geselle“ zu sein, einer, der nicht loyal zu Deutschland, sondern nur loyal zum jüdischen Staat ist. Diese antisemitische Denke schlägt sich also in Kavehs Benutzung des Wortes „antideutsch“ nieder.

Die von Kaveh im Intro begonnene Übertragung antisemitischer Stereotype auf all jene, die sich gegen Antizionismus einsetzen, führt Thawra fort. „Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert“ rappt Thawra über Antideutsche. Die Unterstellung von Blutdurst und Arroganz ist ein Jahrhunderte altes antisemitisches Stereotyp, und wird hier nicht zufällig auf Israel-solidarische Menschen übertragen.

Und Thawra macht gleich munter weiter mit der Diffamierung von Antideutschen: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya“ rappt sie – Dehumanisierung gleich innerhalb der ersten fünf Verse, na, das geht ja gut los! Leider habe ich keine Ahnung, was „Shuja3ya“ meint, dabei feiere ich Tier als Verwender „antideutscher Argumente“ das doch angeblich. Interessant ist hier allerdings neben der Dehumanisierung auch der Rückgriff auf islamische Kategorien zur Verurteilung des Gegners. „Haram“ wird den Antideutschen entgegengeschleudert – wer aber religiöse Kategorien als Maßstab für Gut und Böse heranzieht, der geht eine unheilige Allianz mit der Religion ein. Kommunistisch ist ein solches Anbiedern bei Klerikalen gewiss nicht. In der Religion entscheidet Gott darüber, was richtig und was falsch ist, und sein Urteil darf von Menschen nicht angezweifelt werden – schließlich ist Gott der anbetungswürdige, Unterwerfung fordernde Allwissende. Gott in Zweifel zu ziehen bedeutet Gott erniedrigen. Wenn Gott aber definiert, was Gut ist und was Böse, so entziehen sich diese Kategorien jeder Logik. Der Erfinder Gottes diktiert, was gut ist und was nicht, der Mensch ist entmachtet. So wird der Mensch Untertan der Religion. Wenn also Thawra das Wort „haram“ als abwertende Beschreibung Antideutscher verwendet, so offenbart sie, wie fremd ihr – zumindest in Bezug auf Israel und Juden – sowohl Rationalität als auch Kommunismus sind.

Dieser Eindruck verstärkt sich nur, beachtet man folgende Zeile von Thawra: „[Antideutsche] Sind für Zivilisation gegen den Islam“. Nun, selbstverständlich sind Antideutsche für Zivilisation – und welcher vernünftige Mensch ist das nicht? Und ja, da Kommunisten antiklerikal sind – was Thawra wohl zu begreifen partout nicht im Stande ist – sind sie auch gegen den Islam. Ebenso, wie sie gegen jede Religion sind, ob es nun Christentum, Judentum, olympische Götter oder was der Geier was ist.

Ein Denkfehler, der sich über das gesamte Lied erstreckt, offenbart sich schon innerhalb der ersten beiden Verse. „Ich hasse Antideutsche sehen alle scheiße aus/ mit ihren Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“, rappt Thawra, polemisiert also gegen Antideutsche als angebliche Nationalisten. Dabei heißt das Lied, in dem sie diese Anschuldigung äußert „Tahya Falastin“, also „Freiheit für Palästina“, und in der Hook werden die Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung geschwenkt. Auch das Tragen von Palästinenser-Tüchern – ganz dezidiert als politische Botschaft, wird in dem Track doch der Verbot dieses Tuches in antideutschen Clubs bemängelt – durch Thawra und Kaveh zeigt, wie sehr diese sich selbst vom Nationalismus distanzieren. Nämlich gar nicht.

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Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=LpWzpLepDjo

Antideutschen aufgrund des Tragens von „Stars and Stripes und ihrem Weiß und Blau“ Nationalismus vorzuwerfen, während links und rechts von einem die Palästina-Flaggen wehen, ist schlichtweg absurd, und es muss sich die Frage gestellt werden, ob hier Dummheit oder Bosheit am Werk ist.

Ebenso widersprüchlich äußert sich Thawra, wenn sie zunächst den Antideutschen vorwirft: „Der deutsche Staat als Feind interessiert keine Sau“, dann aber nur ein paar Verse weiter behauptet, Antideutsche hätten „Komplexe wegen Opa in Stalingrad“. Ja, was denn nun – sind Antideutsche gegen Deutschland, oder nicht? Interessieren sie sich für Deutschland, oder nicht? Dass Thawra hier zudem auf den angeblichen „Schuldkult“ Bezug nimmt, ist offensichtlich, und zeigt ihre fatale Einstellung zur Holocaust-Bewältigung und -Erinnerung. Es würde nicht verwundern, käme als nächstes die Äußerung, Deutschland befände sich unter der Knute der Juden/Israelis.

Und tatsächlich, so ist es. „Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“, rappt Thawra allen Ernstes (an dieser Stelle sei an die Verwendung des Wortes „antideutsch“ als antisemitischer Kampfbegriff sowie die Übertragung antisemitischer Stereotype auf Israel-solidarische Menschen erinnert). Wo man nun früher von „Goi“ oder „Judenknechten“ sprach, okkupieren heute die Israelis den deutschen Geist. Man könnte es fast für einen Witz halten, für Satire, aber die Frau meint das tatsächlich ernst. Und wenn sich schon nach gerade einmal sieben Versen der unverhohlene, affektiv ausgedrückte Judenhass Bahn bricht, vergeht mir wirklich jede Lust, den Track bis zum Ende durchlaufen zu lassen. Wann kommt das Feature mit MaKss Damage? Man könnte ja zusammen ein bisschen „Giftgas in jüdische Siedlungen leiten“, dann würde bestimmt auch die Okkupation des deutschen Geistes beendet. Thawra und MaKss Damage würden sich bestimmt prächtig verstehen – eine musikalische Querfront, juhu. Die Erklärung, Thawra brauche „keine Querfront um für Freiheit zu kämpfen“ offenbart immerhin, dass sie sich ihrer ideologischen Nähe zu Nazis durchaus bewusst ist, befände sie es doch sonst nicht für nötig, sich halbherzig und oberflächlich von diesen abzugrenzen.

Vollkommen irrational wird Thawra, wenn sie den Antideutschen vorwirft, „die Atombombe auf den Iran“ zu fordern. Hier finden wir Täter-Opfer-Umkehr par excellence: Obwohl es die iranische Regierung ist, die die Vernichtung Israels immer wieder lautstark ankündigt, wird so getan, als wäre es Israel, bzw. die Antideutschen, die den Iran vernichten wollen. Kein Antideutscher fordert die Atombombe auf den Iran. Vielmehr muss die iranische Opposition gestärkt werden, um die wahnsinnige Theokraten des iranischen Regimes zu stürzen. Die sind nämlich das Problem, nicht der durchschnittliche Iraner.

Während Thawra also vorbei an der Realität Antideutschen Vernichtungsfantasien unterstellt, hegt sie selbst ebensolche gegen die antideutsche Bewegung: „Mir gehts gut, denn die Strömung wird bald verschwinden:/ Antideutsche sind keine Linken.“

Antideutsche seien also überdies keine Linken – dies von einer sich Klerikalen anbiedernden Antisemitin zu hören ist irgendwo zwischen „interessant“, „lustig“ und „erschreckend“.

Soviel zum ersten Part dieser antisemitischen Hetzpropaganda. Die Teile 2, 3 und 4 folgen alsbald.

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3 Gedanken zu “Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 1

  1. Die Atombombe auf den Iran – jede gute Lüge bindet ein Stück Wahrheit ein – lehnt Thawra an Folgendes an: als der IraK während des Zweiten Golfkriegs damit drohte, Israel mit Giftgas(!) auszulöschen, schrieb Wolfgang Pohrt in Konkret „Eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird“. Ein durchaus verständlicher und richtiger Wunsch, wie ich meine.
    Antideutsch-sein hat übrigens wenig mit Deutschland als Land zu tun http://www.cafecritique.priv.at/antideutsch.html
    Ansonsten danke für deine lesenswerten Artikel.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank, die Sache mit dem Zweiten Golfkrieg war mir tatsächlich unbekannt, insofern ist das eine sehr hilfreiche Anmerkung.
      Danke auch für den verlinkten Artikel!

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