Die Youtuber haben es schon lange erkannt: Heutzutage reicht es nicht mehr, einfach nur Kunst zu machen, um Geld zu verdienen, insbesondere, wenn man künstlerisch absolut unbegabt ist und am liebsten einfach nur Geld scheißen würde, ohne etwas dafür zu tun. Daher werden sie zu Werbefiguren. Sie halten Produkte in die Kamera und werden dafür bezahlt, sie packen Affiliate-Links in die Videobeschreibung, und sie verkaufen Werbung auf ihren Social-Media-Plattformen. Um dem Klickvieh den Blick darauf zu verstellen, dass das de facto nichts anderes ist als Werbung, nennen sie sich „Influencer“ – ein auch nicht sonderlich schöner Ausdruck, aber welches durchschnittliche zwölfjährige Kind kann schon vernünftiges Englisch?

Aber ich will hier ja gar nicht über Youtuber lästern, sondern über einen Rapper. Majoes Promophase ist vorbei, sein Album draußen, und die letzten paar Singleauskopplungen seines Albums werden mit Videos versehen auf Youtube hochgeladen. Eines dieser Musikvideos heißt wie folgt: „Majoe & McFIT present XWENN DIE SONNE AUFGEHTX[ official Video ] #ProudToBeMcFIT

Wie gesagt, es handelt sich um ein Musikvideo, und dieser Fakt alleine lässt den Titel schon absurd wirken. Es scheint ja fast, als hätte Majoe hier ein Feature vom Rapper McFIT bekommen, steht der Name des Rappers und eventueller Featuregäste bei Rapvideos doch immer an genau der Stelle, wo bei diesem Video „Majoe & McFIT“ steht. Aber nein, McFIT ist kein Rapper, sondern eine Firma, und ein Feature mit einer Firma wäre ja doch sehr seltsam. McFIT hat Majoe anscheinend schlicht und ergreifend dafür bezahlt, im Videotitel zu stehen. Der peinliche Hashtag „#ProudToBeMcFIT“ am Ende des Videotitels macht die Sache nicht besser, sondern nur noch lächerlicher.

Würde McFIT in dem Video wenigstens irgendeine Rolle spielen, könnte ich die Sache ja verstehen. Hätte Majoe in einem Fitnesscenter gedreht, oder wenigstens darüber gerappt was für krasse Muskeln er hat – dann hätte die Sache ja noch irgendwie Sinn ergeben. Das hätte man mit McFIT in Verbindung bringen können, und es wäre nicht mehr so absurd, dass McFIT im Videotitel steht. Aber nein, der Song ist nur der durchschnittliche Motivationstrack, der auf keinem Mainstream-Rap-Album fehlen darf. Es besteht absolut kein Bezug zu McFIT. Außer einer guten Bezahlung für die Werbung, versteht sich.

Wie er generell so zu Werbung und dem Job als „Influencer“ steht, verrät Majoe im Interview mit BMTV Urban. Auf die Frage, ob er es gut fände, dass Rapper zunehmend durch Werbung Geld verdienen können (ab ca. 1:30), antwortet Majoe:

Ja, auf jeden Fall. Also ich glaub auch, dass wir ne riesen Vorbildfunktion für die Jugend haben. Und das ist ja dann auch für die Fans super natürlich, ihr Vorbild, sag ich mal, als Gesicht von McFIT oder einfach nur in ner Fernsehwerbung oder in ner Kooperation in nem Musikvideo zu sehen.

Majoe ist also der Meinung, er würde seinen Fans einen Dienst erweisen, indem er in den Videotitel „McFIT“ und einen peinlichen Werbehashtag schreibt. Was genau seine Fans nun davon haben verrät er nicht so genau. Vermutlich dürfen sie stolz darauf sein, dass ihr Vorbild doch tatsächlich für Werbung bezahlt wird.

Seine Antwort verrät allerdings noch viel mehr: Er nutzt seine Fans aus. Er ist sich über seine Vorbildfunktion für die Kinder, die seine Musik hören, durchaus im Klaren, und setzt dies gezielt ein, um als „Influencer“ tätig zu werden und ordentlich Geld zu scheffeln. Anstatt seinen Fans vernünftige Werte zu vermitteln, funktioniert er sie lieber zu Gelddruckmaschinen um. Und seine Fans sollen ihm auch noch dankbar sein dafür. So funktioniert Rap heute.

Gibt es noch etwas Interessantes zum Song selbst zu sagen? Eigentlich nicht. Wie gesagt, es ist der Standard „oh-ich-brauch-noch-was-Deepes-damit-sich-das-Album-besser-verkauft“-Song. Rein handwerklich nicht schlecht gemacht, die E-Gitarrenelemente täuschen ein wenig über die Durchschnittlichkeit hinweg, die Reime sind solide – nur der Inhalt, oh, der Inhalt. Eine Line war ganz gut: „Auf grader Strecke um die Welt, doch wir drehen uns im Kreis“. Warum genau wir uns nun auf gerader Strecke um die Welt bewegen ist nicht ganz ersichtlich, wodurch die Line natürlich etwas zusammenhanglos ist und schwächer ist, als sie es verdient hätte. Aber das Wortspiel mit der geraden Strecke, trotz derer wir uns im Kreis drehen, hat was. Wäre die Line besser in den Kontext eingearbeitet, könnte ich sie wirklich feiern. So viel zu den guten Lines in diesem Lied. Der Rest ist Einheitsbrei. Verlorene Liebe, der doofe Chef – worüber man sich eben so auslässt, wenn einem sonst nichts besseres einfällt.

Unschöne Elemente, die wohl Produkt eines bedenklichen Weltbildes sind, finden sich allerdings auch. So ist der Ausbruch aus der Bedrückung und Niedergeschlagenheit im Video durch Gewalt gekennzeichnet. Begleitet von lauten Drumms und dem aggressiven Geschrebbel der E-Gitarren haben die Darsteller im Video auf einmal riesige Hämmer in ihren Händen. Ein Hammerkopf wird auf den Boden gestampft, das Bild wackelt. Manisch brüllende Menschen werden gezeigt, sie prügeln mit den riesigen Hämmern auf eine Steinwand ein. Der Weg aus der Bedrückung wird so unnötig brutalisiert. Nicht das Schöne, das Hoffnungsvolle wird in den Fokus gerückt, sondern Wut, Zerstörung und animalische Triebe. In den Lyrics findet sich dieses brutalisierende Element ebenfalls, wenn deutlich reduzierter. In der Line „zu jedem Sieg gehört ein Kampf“ spiegelt sich das Denken in Gewaltakten wieder, wird doch hier behauptet, jedes Erfolgserlebnis komme nur durch das Unterdrücken anderer Menschen zustande. Dem jugendlichen Zuhörer wird durch die Kombination von Video und Text Gewalt als Lösung allen Übels verkauft.

Vielleicht findet sich hier die Brücke zu McFIT? Vielleicht ist die Message: Wenn du deine Probleme lösen willst, dann hilft dir nur brachiale Gewalt, und für brachiale Gewalt brauchst du dicke Muskeln, und bei McFIT bekommst du dicke Muskeln.

Majoe jedenfalls, der Eindruck entsteht, begreift Rap vor allem als ein durchkalkuliertes Geschäft, und was er mit seinen Produkten bei der jugendlichen Käuferschicht anrichtet, ist ihm zwar bewusst, aber völlig egal.

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