Nachdem einige Hip-Hop-Medien über die Antisemitismus-Affäre des Herrn Kollegah derartig berichteten, dass man schon beinahe von Fake-News sprechen könnte, schlägt der Youtube-Kanal „Rap Slap | Deutschland Rap News“ dem Fass den Boden aus. In dem Video „Kollegah steht wieder in der Kritik | Julien & Webber alles Fake? | Chakuza pleite?“ verdreht Rap Slap die Fakten beinahe bis zur Unkenntlichkeit und begibt sich auf argumentative Abwege, die ihresgleichen suchen.

Nicht nur glaubt Rap Slap, die im Offenen Brief des Zentralrates der Juden und anderer jüdischer Organisationen genannten Lines, die die Frauen- und Schwulenfeindlichkeit Kollegahs aufzeigen, würden in diesem Brief als Argument für Kollegahs Antisemitismus benutzt. Nein, er behauptet überdies auch noch, Kollegah werde mit der Begründung, er sei in Palästina gewesen und hätte dort den Menschen geholfen, Antisemitismus vorgeworfen. Dann darf natürlich ein Gejammere über Political Correctness nicht fehlen, und eine Prise Frauenfeindlichkeit ist auch noch drinn, wenn Frauen, die im Sommer gerne Haut zeigen, als „Nutten“ bezeichnet werden.

Wie man dieser kurzen Zusammenfassung schon entnehmen kann, hat Rap Slap es grundsätzlich nicht mit neutraler Berichterstattung – nein, Rap Slap ist ein Kanal, der davon lebt, sich bei Kollegah und Sun Diego einzuschmeicheln. Schließlich macht er mit News hauptsächlich über diese beiden Rapper seine Aufrufe, wie schon ein Blick auf die Titel seiner letzten 24 Videos zeigt; in fast jedem Titel taucht entweder „Spongebozz“, „Sun Diego“ oder „Kollegah“ auf.

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Es ist also in seinem Interesse, dass die Fanboys dieser beiden Künstler seine Meinung über diese Künstler gut finden – sonst fehlt es bald an Klicks. Zudem arbeitet Rap Slap eng mit dem Kanal Koenichsklasse zusammen, ein Kanal, der Alexander von Koenichsteyn gehört. Dieser war intensiv in die Promophase zu Kollegahs Album „King“ involviert und produzierte die Videos für Kollegah. Die Verbindung hält noch immer an – so ist auf Koenichsteyns Facebook-Seite der YT-Kanal Bosshaft TV verlinkt, der wiederum Kollegah gehört; auch benutzt Koenichsklasse die Beats von BosshafteBeats, den Beatproduzenten von Kollegah. Ein Schelm, wer denkt, Rap Slap wolle sich so dem Klientel des Herrn Kollegah anbiedern.

Nun ist es also nicht verwunderlich, dass Rap Slap für Kollegah Partei ergreift. Doch die Frage, wie das getan wird, ist ja entscheidend.

Rap Slap beginnt sein Geschimpfe über den Zentralrat der Juden mit folgender Aussage über dessen Offenen Brief, die der geneigte Leser im Hinterkopf behalten sollte: „Hier werden Sachen aus dem Zusammenhang gerissen, wo man sich echt fragen muss, ob die Leute überhaupt in irgendeiner Form recherchiert haben.“

Nun kommt Rap Slap zunächst mit dem langweiligen, allerdings in ziemlich empörtem Tonfall vorgetragenen „Argument“, die Line „Ich leih dir Geld, doch nie ohne nen jüdischen Zinssatz mit Zündsatz“ sei ja überhaupt nicht von Kollegah und dieser daher kein Antisemit. Bis zu dem Gedanken, dass Kollegah durchaus auch für die Texte seiner Feature-Parts auf seinem Album Verantwortung trägt, ist Rap Slap anscheinend nicht durchgedrungen. Kollegahs fehlender Einwand gegen judenfeindliche Lines ist selbst schon judenfeindlich – von wem genau die Line gesagt wurde, spielt eine untergeordnete Rolle, Fakt ist, sie ist auf Kollegahs Album.

Es folgt dieser denkwürdige Ausspruch: „Dazu werden – in Anführungszeichen – frauenverachtende Lines aufgeführt – was hat das jetzt mit der Thematik zu tun? Selbst wenn die Lines ernst gemeint wären – wo ist das jetzt Antisemitismus?“

Oh man, da fehlen einem echt die Worte … Das kann, das darf doch nicht wahr sein … Rap Slap glaubt nicht ernsthaft, die vom Zentralrat der Juden zitierten misogynen Lines sollten den Vorwurf des Antisemitismus stützen, oder? Bitte, das muss doch ein Scherz gewesen sein! Aber … nein. Offensichtlich hat Rap Slap den Offenen Brief entweder überhaupt nicht gelesen, oder war zu dumm, ihn zu verstehen.

Rap Slap treibt hier die Reduktion der Vorwürfe des Zentralrates auf die Spitze. Wo andere Medien die Kritik des Zentralrates verkürzt als Antisemitismus-Vorwurf bezeichnen, und die Vorwürfe des Rassismus, der Misogynie und der Homophobie schlicht unter den Tisch fallen lassen – vermutlich mit dem Hintergedanken, Antisemitismus-Vorwürfe wären das spektakulärere, skandalträchtigere, klickstärkere Thema – nimmt Rap Slap diese Vorwürfe nicht mehr als eigene Vorwürfe wahr, sondern deutet sie zu Argumenten für den Antisemitismus-Vorwurf um. Das ist Realitätsverzerrung, das sind Fake-News par excellence. Und eine solch dumme und/oder uninformierte Person wirft nun dem Zentralrat der Juden vor, schlecht recherchiert zu haben – es wäre zum Kaputtlachen, könnte man die fatale Wirkung dieses Videos außer Acht lassen.

Obendrein sagt Rap Slap auch noch allen Ernstes, die zitierten Lines seien „in Anführungszeichen“ frauenfeindlich – ganz so, als könne man bei der Line „Hure eins und Schlampe zwei, ich vergewaltige euch brutal“ davon ausgehen, dies sei nicht frauenfeindlich gemeint. Aber ne, Vergewaltigungen sind ja Komplimente, und Bezeichnungen wie „Hure“ und „Schlampe“ nett gemeint … oder so.

Doch natürlich belässt es Rap Slap bei dieser einen Dummheit nicht. Nein, ganz tollkühn prescht man nun hervor: „Und mal nebenbei bemerkt, lieber Zentralrat der Juden: Was ist denn bitte so schlimm daran, wenn man die israelische Politik kritisiert? Ist man dann automatisch ein Judenhasser?“

Nein, natürlich ist man nicht automatisch ein Judenhasser, wenn man die israelische Politik kritisiert. Aber was genau hat das jetzt mit dem Thema zu tun? Rap Slap bezieht sich hier wohl auf die angebliche Antisemitismus-Keule, die auf jeden niederschmettern würde, der Israel kritisiere. Dieser imaginisierte Tabubruch der Israelkritik ist kompletter Unsinn – oftmals völlig überzogene Kritik an Israel ist in Deutschland ohne weiteres gesellschaftfähig, was schon jeder weiß, der ab und zu mal eine Zeitung liest. Die Antisemitismus-Keule-Keule ist allerdings längst etabliert: Jeder, der gegen Israel hetzt, zieht sich bei berechtigten Antisemitismus-Vorwürfen darauf zurück, es würde ja jede Kritik an Israel gleich als Antisemitismus bezeichnet. Das ist praktisch, erspart es dem Israelhasser doch eine sachliche Diskussion, an deren Ende er um so deutlicher als Antisemit entlarvt wäre.

Die Antisemitismus-Keule-Keule ist ein wirksames Instrument. Mit ihr lässt sich jeder antizionistische Antisemitismus gegen jedwede Kritik immunisieren. Darum will Rap Slap sie wohl auch für diesen Fall anwenden. Blöd nur, dass der Zentralrat der Juden an keiner Stelle seines Offenen Briefes auch nur irgendwie auf Israelkritik eingeht. Nicht einmal die umstrittene „Doku“ von Kollegah, diese Mischung aus Albumpromo und Israelhetze, wird vom Zentralrat erwähnt. Und ich wiederhole: Eine so dermaßen dumme und/oder uninformierte Person wirft nun dem Zentralrat der Juden vor, schlecht recherchiert zu haben. Ich schwanke mittlerweile zwischen Lachen und Weinen.

Im Anschluss an die Kollegah-Thematik folgt dann ein Gejammere über die „weichgespülte Scheißwelt“, in der man ja nichts mehr sagen dürfe, ohne dafür „an den Pranger gestellt“ zu werden. Nun muss man wirklich fragen, wer hier weichgespült ist: Derjenige, der Kritik übt, oder derjenige, der mit dieser Kritik nicht klar kommt? Wäre nicht gerade eine Welt, in der niemand für irgendetwas kritisiert wird, eine „weichgespülte Scheißwelt“?

Oh, und natürlich kann Rap Slap es nicht fassen, dass Feministinnen ihm Frauenfeindlichkeit vorwerfen, wenn er sagt, „dass Frauen im Sommer fast wie Nutten aus dem Saunaclub rumlaufen“. Vollverschleierung jetzt! Oder was will Rap Slap mit diesem intellektuellen Absturz ausdrücken? Ganz ehrlich: Wer glaubt, allen Frauen pauschal vorwerfen zu können, sich im Sommer zu freizügig zu kleiden, der hat offensichtlich ein Problem mit weiblicher Selbstbestimmung. Der Körper eines jeden Menschen gehört nur ihm selbst, und so gehört auch der Körper einer Frau nur ihr selbst – und natürlich darf sie im Sommer so knapp bekleidet rumlaufen, wie sie will, denn es ist ihre Sache, ob sie ihren Körper zeigt oder nicht. Doch obendrein sämtliche (!) Frauen als „Nutten aus dem Saunaclub“ abzuwerten kann überhaupt nicht anders als frauenfeindlich genannt werden.

Es ist bei dem Unsinn, den Rap Slap in diesem Video erzählt, kein Wunder, dass ein Kommentar wie dieser Topcomment ist:

rap-slap-antisemitismus

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Ein Gedanke zu “„Rap Slap“ – uninformiert, dumm, oder antisemitisch?

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