Es ist nicht alles schlecht.

Nein, es ist nicht alles schlecht, auch an Marcus Staiger nicht. Ohne Zweifel hat er viel für den deutschen Rap geleistet, und mit seiner tendenziell kritischen Haltung zu Homophobie, Sexismus, Antisemitismus und Rassismus ist er eine wichtige Stimme gegen die beunruhigenden Geschehnisse im deutschen Rap. Und er erhebt seine Stimme auch immer wieder gerne für die so dringend nötige Kritik – etwa an Fards und Snagas hetzerischem Track „Contraband“, oder an der „Palästina“-„Doku“ von Kollegah. Und er ist sich durchaus darüber im Klaren, dass Antisemitismus sich in unseren Zeiten gerne hinter Antizionismus versteckt. Das sind eigentlich wirklich gute Ansätze – aber, und jetzt kommt das große Aber (und jeder weiß: was vor dem Aber steht …):

Neben diesen guten Ansätzen hetzt Staiger gegen den jüdischen Staat, dämonisiert ihn, und verbreitet gar plumpe Lügen über ihn. Auch ist er zwar tendenziell kritisch gegenüber Antisemitismus und den Beweggründen für Antizionismus, allerdings mindestens auf einem Auge blind. So solidarisiert er sich mit dem Islamisten nahestehenden und antisemitische Aussagen likenden Fußballer Ben Hatira und spricht bei Kritik an diesem von „antimuslimischen Beißreflexen“ . Er behauptet, die Vorwürfe an der Organisation Ansaar seien veraltet – nun, diese Organisation wird im Verfassungsbericht des Landes NRW von 2015 thematisiert und ihre enge Verpflechtung mit der salafistischen Szene erläutert, sowie ihre Bejahung von islamistischem Terrorismus. Staiger ist also entweder extrem naiv oder extrem uninformiert – in beiden Fällen hätte er besser geschwiegen.

Auch seine Kritik an der äußerst problematischen „Doku“ von Kollegah ist prinzipiell begrüßenswert und enthält einige aufmerksame Hinweise auf Unstimmigkeiten. So kritisiert Staiger, dass Kollegah überhaupt nicht erwähnt, warum denn das von ihm besuchte Flüchtlingslager nichts von den Hilfszahlungen der EU erhält, er bemängelt das Fehlen fast jeglicher weiblicher Personen im Film und das direkte Interpretieren jeder Aussage durch Kollegah. Doch hin und wieder kommt dann doch die Lust in Staiger durch – die Lust, jetzt auch mal was gegen diese Juden zu sagen. Und so liest man dann, die israelischen Checkpoints seien „bestimmt eine der ekelhaftesten Erfindungen der Menschheitsgeschichte“ . Nun ist Kritik an den Checkpoints durchaus angebracht, doch in solch drastischen Worten die Checkpoints in die Nähe der Konzentrationslager der Nazis zu rücken, ist schlicht widerlich.

Auch kann man es Staiger einfach nicht recht machen. Zwar würdigt er die Bereitschaft Kollegahs zu helfen, gleichzeitig zieht er allerdings über die Art und Weise her. „Was dann passiert, ist Entwicklungshilfe 1950. Der weiße Mann packt an und die lila Scheine aus, fährt los und regelt das.“ Hätte Kollegah nicht sein eigenes Geld ausgegeben, sondern lediglich seine Fans zu Spenden aufgefordert, hätte Staiger dies nicht völlig zurecht kritisiert? Ist es nicht begrüßenswert, wenn ein wohlhabender Mann sein Geld einsetzt, um zu helfen? Und warum dieses Lamentieren über „den weißen Mann“ – bin ich der Einzige, der da einen rassistischen Unterton hört?

Ein wenig stutzig macht dann das Ende des Artikels über die „Doku“ von Kollegah, wenn Staiger das Video „Hardcore“ von Kollegah richtigerweise als faschistoid kritisiert – die extreme Nazi-Symbolik darin aber mit keinem Wort erwähnt.

Doch zurück zum Thema Israel, denn hier dreht Staiger in anderen Ergüssen noch mal richtig auf, und zieht gegen den Jud nochmal deftig vom Leder. In einem Beitrag aus dem Jahr 2014 zum Nahostkonflikt finden sich widerliche Aussagen, in denen sich der sekundäre Antisemitismus Staigers offenbart. Wer Israel als „Brückenkopf einer imperialistischen und kolonialistischen Politik des Westens“ und als „zu allem bereite[s], aggressive[s], hochgerüstete[s] Ungetüm“ bezeichnet, der betreibt eine ungeheuerliche Dämonisierung des jüdischen Staates. Da hilft auch Staigers Anmerkung, dass „Israel […] dieses aggressive, hochgerüstete und waffenstarrende Ungetüm sein muss“ nichts, wird hier doch zum einen die Bedrohungssituation Israels auf eine sehr abstrakte Ebene enthoben, ja nicht einmal direkt erläutert, und zum anderen Israel nach wie vor als „Ungetüm“ verunglimpft. In dem Tenor geht es weiter, wenn Staiger den jüdischen Staat ein „völkische[s], israelische[s] Apartheidsystem“ nennt, und damit nicht nur Assoziationen zu Nazis aufkommen lässt, sondern auch die Opfer wahrer Apartheid etwa in Südafrika verhöhnt.

Das „Ungetüm“ und „Apartheidsystem“ Israel ist laut Staiger natürlich auch fleißig dabei, die Palästinenser verdursten zu lassen. Ein Palästinenser hätte nur einen Liter Wasser am Tag, ein Israeli hingegen acht, fantasiert er die krudesten Zahlen herbei. Dass man sich nicht einmal mit acht Litern duschen kann und Israelis (und Palästinenser erst recht) von daher wie die Hölle stinken müssten, ist nur eine merkwürdige Fußnote dieser antisemitischen Faktenverdrehung. Doch wie weit man mit derlei antisemitischem Unfug kommen kann, beweist ja der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, der sich tatsächlich erdreistete, vor der Knesset auf deutscher Sprache die Wasserlüge neu aufzukochen.

Absolut rätselhaft wird Staiger dann, wenn er schreibt: „Ich möchte solidarisch sein mit der geschundenen palästinensischen Bevölkerung, ohne gleichzeitig an das reaktionäre Regime der Hamas denken zu müssen.“ Ohne Zweifel ist die palästinensische Bevölkerung geschunden. Ohne Zweifel ist mehr Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung notwendig. Aber wer das grausame Hamas-Regime ignoriert und stattdessen stumpf gegen Israel hetzt, der ist eben nicht solidarisch mit den Palästinensern, sondern zeigt damit lediglich, dass es ihm nur darum geht, über Juden schimpfen zu dürfen, und keineswegs um die palästinensische Bevölkerung. Wer wahrlich solidarisch mit den Palästinenser ist, dessen erster und sorgenvollster Gedanke muss stets der Hamas gelten, die die eigene Zivilbevölkerung foltert, abschlachtet, unterdrückt und ausraubt. Und der zweite Gedanke sollte dem diktatorischen PA-Regime gelten, dessen „Präsident“ Mahmud Abbas, ein Holocaust-Leugner, sich im dreizehnten Jahr seiner vierjährigen Amtszeit befindet und offen gegen Juden hetzt, dem PA-Regime, das Gehälter für Judenmord vergibt. Es ist nicht möglich, solidarisch mit den Palästinensern zu sein, ohne ihnen die Befreiung von ihrer eigenen korrupten und islamofaschistischen Führung zu wünschen!

Unfreiwillig komisch wird Staiger in seinem Abschlusssatz:

Ich möchte in naher Zukunft eine Mannschaft aus dem Vorderen Orient oder Mesopotamien sehen, in der Menschen mit kurdischer, arabischer, persischer oder sonstiger Herkunft sowie mit jüdischem und muslimischem oder ganz ohne Glauben spielen.

Nun, er sollte vielleicht einfach mal einen Blick nach Israel werfen. In der israelischen Nationalmannschaft spielen Fußballer mit arabischen Wurzeln, und, man mag es kaum für mögliche halten, islamischem Glauben. Kannst du Staiger fragen? Bei so viel Unwissenheit: lieber nicht.

Nicht nur mit seinen eigenen Worten offenbart Staiger seinen sekundären Antisemitismus, er teilt auch die Worte anderer verkappter Antisemiten. So etwa das Positionspapier der ARAB zum Nahostkonflikt.

In diesem wird behauptet, die israelische Selbstverteidigung gegen den Raketen- und Tunnelterror der Hamas würde nur eine „größere Eskalation“ herbeiführen – erst das zur Wehr setzen der Juden gegen Judenmord wird hier also als Problem, als „Eskalation“ gesehen. Fast schon komisch wird es, wenn behauptet wird: „Das mit der Erziehung durch Waffen und dem Wegbomben von unliebsamen Nachbarn, das geht nicht gut. Das haben die Deutschen probiert und es ging schief.“ Da weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ja, welchem Land wurde denn die Demokratie eingebombt? Welches Land musste zweimal mit Waffengewalt in die Knie gezwungen werden, welchem Land musste man die Demokratie mit Waffengewalt aufstülpen? Und ist es gelungen? Ist Deutschland heute eine Demokratie? Da paart sich Geschichtsvergessenheit mit Antisemitismus, eine widerwärtige Mischung.

Es wird behauptet, die Hamas würde nicht palästinensische Zivilisten als Schutzschilde benutzen (totaler Blödsinn), und das Vorgehen der islamofaschistischen Hamas mit dem Vorgehen der israelischen Verteidigunsstreitkräfte gleichgesetzt.

Natürlich kann auch der standardmäßige Israel-Nazideutschland-Vergleich nicht fehlen. Es wird gefragt, „wo der Unterschied zwischen einer getöteten Mutter aus Gaza und einer jüdischen Mutter liegt, die in einem KZ getötet wurde?“ Damit wird das Leid der Juden während der Shoa bagatellisiert – ja, Gaza wird mit einem KZ gleichgesetzt, und Israel mit den Nazis.

Staiger, Staiger. Über die ganze Kritik, die du – nicht unberechtigter Weise – an vielen deutschen Rappern übst, vergisst du anscheinend die Reflexion deines eigenen Weltbildes. Vielleicht solltest du dich ein wenig mehr mit deinem sekundären Antisemitismus beschäftigen, und erst dann mit den Fehlern anderer.

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