Gestern erst habe ich einen Blogeintrag zu Kollegahs Track „Apokalypse“ geschrieben, und darin ausführlich den darin enthaltenen Antisemitismus dargelegt. Ich habe dort vorhergesagt, dass man mir entgegenhalten wird, der Track sei ja nur Fiktion und daher unbedenklich – und siehe da, ich hatte Recht. Am Abend bin ich nämlich über ein Interview mit Kollegah gestolpert, und in diesem sagt er:

Ich distanziere mich von jeglicher Art von Rassismus, Faschismus, ähm, Antisemitismus. Ich hab mit sowas nichts am Hut. Ich will auch gar nichts wissen von – äh, klar ich verpack das natürlich manchmal in, äh, in Songs wie Armageddon, oder, oder Apokalypse. Natürlich werden da gewisse Verschwörungstheo- theorien zu ner, zu ner stimmigen Gesamtsincefictionstory gewoben. Ich mach aber keine Aussagen darüber, ob das jetzt die Wahrheit ist oder nicht. Also man sollte schon wirklich, wenn man wissen will, wie meine, wie meine Position ist, soll man bitte meine Interviews schauen. So. Da wird sowas nicht thematisiert. Ob man das glaubt oder nicht, ob, ob man glaubt, da sind jetzt die Illuminaten dran schuld, oder das sind gewisse familiäre elitäre Kreise oder, oder wer auch immer. Das ist gar nicht das Thema. Da kann jeder seine Ansicht zu haben. Weil erstens kriegen wir das nie genau raus, und zweitens können wir nichts daran ändern. Wir müssens so sehen wie es ist. Wir sind viel zu klein um die Komplexität, die, die wirklich hinter den Kullisen stattfindet zu durchschauen. Wir können keine Strukturen, die über Jahrhunderte aufgebaut worden sind, brechen.

Kollegah sagt hier also, er hätte mit Antisemitismus nichts am Hut, und die antisemitischen Äußerungen in „Apokalypse“ seien ja nur Spaß gewesen. Interessanterweise folgt darauf eine längere Ausführung, der  zu entnehmen ist, dass Kollegah selbst solche antisemitischen Verschwörungstheorien gar nicht so abwegig findet.

Ich denke übrigens nicht, dass ich tatsächlich Kollegahs Interviews schauen muss, um seine Position kennen zu lernen – gerade, da Kollegah in Interviews selten wirklich ernsthaft ist, sondern zuallermeist Witze reißt und seine Rolle als Gangstarapper spielt. Seine Position bringt er schon deutlich genug in seinen Tracks rüber. Und das nicht nur in Storytellingtracks wie „Apokalypse“, wo antisemitische Verschwörungstheorien vielleicht noch irgendwie ins Setting passen. In „Hardcore“ setzt er massiv auf Nazi-Symbolik. Diese fängt schon an, bevor er beginnt zu rappen:

Screenshot (235).png

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=VLmJv4ElNRE

Das Video ist in schwarz-weiß gehalten, darum kann man hier wohl nur mutmassen – aber ich vermute ganz stark, dass die langen Flaggen, die dort herabhängen, rot sind. Auf halber Höhe der Flaggen ist jeweils ein schwarzes „K“ auf einem weißen Kreis zu sehen. Ich kann nicht der einzige sein, den diese Flaggen sehr stark an die Hakenkreuzflaggen erinnern, die die Nazis bei ihren Massenveranstaltungen aufhängten. Und vor diesen Flaggen posierend rappt Kollegah: „Imperator, Diktator, fick das Game hardcore“. Welcher Diktator hier wohl gemeint ist, wird noch ein wenig deutlicher, wenn Kollegah und seine Gefolgsleute den rechten Arm zum Hitlergru-, äh, zum „Ave“ heben.

Screenshot (236).png

Seine Rede hält Kollegah dabei vor einem altmodisch erscheinenden Mikrophon:

Screenshot (237).png

Jeder dieser Aspekte für sich allein genommen mag ja keine eindeutige Ausdruckskraft haben. Die Kombination all dieser Aspekte ergibt allerdings ein äußerst unschönes Bild. Es lässt sich kaum leugnen, dass Kollegah hier absichtlich Assoziationen zu Hitler und dem Nationalsozialismus aufkommen lässt. Die einzige Frage ist also: Warum legt er es darauf an? Will er nur provozieren, Aufmerksamkeit erzeugen? Oder steckt mehr dahinter?

Werfen wir doch einen Blick in seine Interviews. Zum Beispiel in dasjenige Interview, das ich zu Beginn dieses Artikels zitiert habe. Dort sagt Kollegah auch vollkommen ernst: „Das Wort Diktator per se würde ich erstmal neutral sehen.“

Er macht dann darüber noch Witzeleien, von wegen die Leute sollten ihm doch einfach mal die Chance geben, und einfach mal schauen, wie er als Diktator so wäre. Also meint er es gar nicht ernst, dass er eine Diktatur nicht ablehnt? Oder war das nur ein Witz? Genau das ist das Problem bei Kollegahs Interviews, bzw. deshalb unterscheiden sie sich nicht von seinen Tracks: Man weiß nie, ob er gerade seine Kunstfigur, Kollegah, verkörpert, oder ob er gerade Felix Blume ist. Es ergibt also keinen Sinn, Interviews und Tracks künstlich auseinanderzudividieren.

Neben dem äußerst problematischen Video zum Track „Hardcore“, bei dem Kollegah nun vielleicht so etwas sagen würde wie „Das ist ja nur Battelrap, das ist ja nicht ernst gemeint, das ist Übertreibung“, gibt es auch einen jüngst veröffentlichten Realtalk-Track von Kollegah, „Fokus“. Darin nennt er nicht nur den korrupten, antisemitischen Terroristen Jassir Arafat einen „Freund“, sondern rappt auch:

Eiskalte Menschen, hart wie steinerne Wälle

Herrschen über diesen Erdball mit eisernen Händen

Dazu sieht man im Video eine Sequenz mit Aufnahmen vom israelischen Grenzzaun:

Screenshot (238).png

Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=kLHAxNDA2ck

Um das nochmal in aller Deutlichkeit durchzukauen: Kollegah rappt, Menschen, die „hart wie steinerne Wälle“ sind, würden die Welt beherrschen, und zeigt dazu einen Abschnitt des israelischen Grenzwalles. Das läd zu der Überlegung ein, die Israelis seien jene Menschen, die hart wie Stein sind – immerhin ist es ihre Mauer! -, und würden ergo den Erdball beherrschen. Nein, nicht die Israelis – die Juden. Denn Israelis, das würde auch die arabischen Israelis einschließen, und die sind – aus Kollegahs Sicht zumindest – keineswegs Freunde des israelischen Grenzwalles, immerhin diene dieser ja – so Kollegah – zur Unterdrückung der Palästinenser. Kollegah meint hier aussschließlich die jüdischen Israelis – also die Juden.

Ein wenig später rappt er dann:

Und weil kaum einer Geld oder Finanzen versteht

Versklaven sie die Welt durch das moderne Bankensystem

Ups, das kommt mir irgendwie bekannt vor … Achja, in „Apokalypse“ von Kollegah sitzt ja der Anführer der Dämonen in einem Bankgebäude. Na, so ein Zufall.

Solch eine verkürzte Kapitalismuskritik ist ohnehin schon bedenklich, in diesem Video allerdings zusätzlich unterlegt mit Bildern aus einem palästinensischen Flüchtlingslager und einem Spaziergang vor dem israelischen Grenzzaun. Wer hier gemeint ist, ist eindeutig, gerade in Anbetracht der gängigen Verschwörungstheorien, denen zufolge die Juden die Banken beherrschen.

Schließlich wäre da noch die „Palästinadoku“, in der permanent Israel – bzw. die Juden – für alles Schlechte auf der Welt verantwortlich gemacht werden, in der Kollegah ständig gegen Israel hetzt, und die ganze Zeit nur mit Palästinensern spricht – mit keinem einzigen Juden/Israeli spricht er während der gesamten Doku! Nun könnte man diesem unseeligen Propagandastück einen eigenen, ellenlangen Blogartikel widmen, das würde hier allerdings den Rahmen sprengen. Was für das Thema dieses Blogartikels allerdings besondere Relevanz hat, ist das Ende dieser „Doku“. Dort sagt Kollegah zum Beispiel:

Ich sag euch ganz ehrlich: Die Fotzen, die in irgendwelche Länder einmarschieren und Kriege anzetteln, die Völker zerbomben, die machen das ja auch nicht im Verborgenen. Die machen das hier schön in aller Öffentlichkeit.

Hier werden also die Juden als Eindringlinge, als Landräuber dargestellt, die Kriege anzetteln (was eine völlige Verdrehung der Geschichte ist, die arabische Seite war es, die jeden einzelnen Krieg mit Israel angezettelt hat), die die Palästinenser willkürlich todbomben. Passend dazu wird anschließend der Song „NWO“ von Kollegah eingespielt, und es erklingen die Lines:

NWO, Camouflage, Langstreckenraketen

Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten

Wer nun dieser Schandfleck des Planeten ist, ist jedem Zuschauer nach einer Stunde und 17 Minuten Geschimpfe über Israel klar.

Antisemitismus ist also in Kollegahs Tracks vielfach anzufinden, sowohl in Storytelling-Tracks, als auch Gangstarap-Tracks, als auch in Realttalk-Tracks – und sogar in seiner „Dokumentation“. Es lässt sich nicht leugnen, das Kollegah mit seiner Tätigkeit Antisemitismus fördert – ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, das ist eine andere Frage.

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5 Gedanken zu “Kollegah und der Antisemitismus

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