Ist das antisemitisch?

Eigentlich müsste es jedem und jeder klar sein: wenn ein Mensch auf Israelis schimpft, dann meint er eigentlich Juden & Jüdinnen. Doch ist das so klar? Und ist genau diese Annahme nicht selbst antisemitisch?

Schließlich ist es ein Kriterium des israelbezogenen Antisemitismus, Juden & Jüdinnen mit Israelis gleichzusetzen. Denn wer dies tut, der behauptet damit, Juden & Jüdinnen könnten keine Deutschen, Russ*innen, Amerikaner*innen etc sein, sondern eben ausschließlich Israelis; sie seien also „anders“. Wie es das Wesen des Antisemitismus ist, schwingt hier auch stets eine völkische Note mit – deutsche Juden & Jüdinnen seien Vaterlandsverräter*innen, Betrüger*innen am völkischen Kollektiv. Häufig erfahren deutsche (ebenso wie französische, englische, russische etc.) Juden & Jüdinnen diese Gleichsetzung von Juden & Jüdinnen mit Israelis, wenn ihnen die angeblichen Verbrechen des jüdischen Staates vorgehalten werden, ganz so, als könnten sie etwas dafür oder hätten auch nur etwas damit zu tun, schlicht weil sie jüdisch sind.

Was ich im obigen Absatz beschrieben habe, ist eindeutig Antisemitismus. Was aber ist nun mit der Aussage: „Wer auf Israelis schimpft, der meint eigentlich Juden & Jüdinnen“? Hier werden ja auch Israelis und Juden & Jüdinnen gleichgesetzt, oder nicht?

Nun ist es hier nicht ganz so einfach; schließlich nimmt, wer diese Meinung vertritt, keinesfalls an, jede*r Jude/Jüdin sei Israeli, sondern unterstellt, der Mensch, der auf Israelis schimpfe, meine damit gar nicht wirklich Israelis, sondern vielmehr Juden & Jüdinnen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Es gilt also zu betrachten, warum denn nun anzunehmen ist, jemand meine eigentlich Juden & Jüdinnen, wenn er auf Israelis schimpft. Eigentlich ist das ganz einfach. Betrachten wir beispielhaft diese Aussage: „Die Israelis verüben einen Genozid an den Palästinenser*innen“. Diese Aussage ist faktisch falsch, stellt also eine Diffamierung dar – nur wer ist Ziel dieser Diffamierung? Sind es sämtliche Israelis, egal welcher ethnischen Zugehörigkeit, egal welcher Religion? Sind muslimische Israelis genauso gemeint wie jüdische Israelis, sind arabische Israelis genauso gemeint wie nicht-arabische Israelis? Nein. Wer den Israelis einen Völkermord an den Palästinenser*innen vorwirft, der*die glaubt höchstwahrscheinlich nicht, für diesen Völkermord seien muslimische und/oder arabische Israelis verantwortlich. Vielmehr wirft diese Person den Israelis Rassismus gegenüber Araber*innen/Palästinenser*innen vor; dieser sei schließlich der Grund für den angeblichen Genozid. Nun liegt es in der Natur der Sache, dass die meisten Araber*innen von einem Genozid an Araber*innen nicht gerade begeistert sein dürften, und wer den Israelis eliminatorischen Rassismus unterstellt, weiß das. Es ist stark davon auszugehen, dass, wer Israel einen Völkermord vorwirft, auch der Meinung ist, arabische Israelis würden in Israel massiv diskriminiert und seien dort keine gleichberechtigten Bürger*innen, sondern vielmehr gleichfalls Opfer des jüdischen Staates.

Wer also den Israelis einen Völkermord an den Palästinenser*innen vorwirft meint damit nicht alle Israelis, sondern nur die jüdischen Israelis. Es ist also zu schließen: Wer auf Israelis schimpft, der meint damit vielleicht nicht alle Juden & Jüdinnen weltweit; aber er zielt auf eine ausschließlich jüdische Menschengruppe ab, eben weil sie jüdisch ist. Wer – betrachten wir etwa Abbas – den Israelis vorwirft, palästinensische Brunnen zu vergiften, der bezieht sich nicht bloß offensichtlich ausschließlich auf jüdische Israelis, sondern reproduziert überdies das alte antisemitische Stereotyp der jüdischen Brunnenvergifter*innen.

Und das alles soll nun wieder nicht bedeuten, du, aufrechte*r Deutsche*r, dürftest Israel nicht kritisieren. Es bedeutet lediglich, dass, wer seinen Antisemitismus hinter „Israelkritik“ versteckt, trotzdem nur ein scheiß antisemitisches Arschloch ist.

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S. Castro – überall Nazis

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel über S.Castro, in welchem ich auch auf der Grundlage des Liedes „Venganza“ über ihn ablästerte. Einige meiner Auslassungen irritieren mich heute selbst ein wenig stark, ich werde diesen Artikel wohl noch einmal gründlich überarbeiten. Wie dem auch sei; vor etwa einem Monat tauchte S.Castro, der bis dahin zwei Jahre nichts von sich hat hören lassen, plötzlich wieder auf, und veröffentlichte einen Trailer zu „Venganza II“. Das ließ schonmal Schlimmes fürchten.

Was S.Castro dann in „Venganza II“ für einen Müll erzählt, hat mich trotz meiner schlechten Erwartungen noch einmal überrascht. Aber der Reihe nach.

(Alle eingeklammerten Zeitangaben beziehen sich auf Venganza II)

S.Castro beginnt mit ein paar pathetischen Wörtern über die geknechtete Menschheit, um bereits innert der ersten Minute wie schon in „Venganza“ krude Verschwörungstheorien zu verbreiten: dieses Mal sind es freilich nicht die WTC-Türme, die von den Amis gesprengt wurden, sondern gleich der bevorstehende 3. Weltkrieg (0:45). Irgendwelche bösen Mächte würden diesen planen, um damit ihre Macht auszubauen oder dergleichen – der übliche Unsinn. Dass Rüstungsunternehmen sich freuen, wenn es auf der Welt Krieg gibt, weil sie mit Waffenverkauf Geld verdienen – geschenkt. Dass so ziemlich sämtliche Regierungen dieser Welt nur dann etwas gegen Krieg haben, wenn er ihren Interessen zuwiderläuft – geschenkt. Aber wie irre müssten die ominösen Verschwörer*innen denn sein, um in einer Welt von mit Nuklearwaffen bestückten Militärmächten einen Weltkrieg anzuzetteln? Überhaupt ist S.Castro davon überzeugt, sämtliche Politiker*innen seien Marionetten von „der Herrscherklasse“ (6:20, vgl. auch 1:59). Wer wohl diese Herrscherklasse ist? Überraschung, Überraschung: das raffende Kapital. Schließlich nennt S.Castro ausgerechnet Bankenchef*innen als Profiteure von westlichen Kriegseinsätzen (1:35), obwohl doch die Rüstungsindustrie der erste Wirtschaftszweig sein sollte, der hier als Profiteur in den Sinn kommen sollte. Aber nein, natürlich stecken die Banker*innen hinter allem Übel, und das wird dann auch mit dem passenden Bild unterlegt:

Screenshot (173)

(Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TI1RNVSY_EY )

Das in den Hintergrund projizierte Bild zeigt einen irr blickenden Mann mit Hakennase, Bart und schlechten Zähnen. Das ist per se nicht antisemitisch – das Bild zeigt Blackbeard, einen Piraten aus One Piece, und ich habe diese Serie zwar nie gesehen, aber nach oberflächliche Recherche nichts darüber gefunden, dass diese Figur antisemitisch aufgeladen wäre (Freilich wäre das Platz für eine weitere Untersuchung: Warum wird ein Bösewicht in One Piece auf diese Weise dargestellt? Aber das würde hier zu weit führen, und ich kenne mich wie gesagt dafür zu wenig mit One Piece aus). Problematisch für die Verwendung in „Venganza II“ wird das Bild erst durch den spezifischen Kontext: „Und schon grinsen die Bankchefs“, ist die Line von S.Castro, der dieses Bild als Illustration dient. Einen geldgierigen Menschen nun mit eben jenen Stereotypen darzustellen, die die Nazis verwendeten, um Juden und Jüdinnen zu dämonisieren, ist klar antisemitisch.

Das wird auch nicht besser dadurch, dass S.Castro rappt, „sie“ würden sich „wie Bakterien vermehren“ (3:49), ist solches pseudo-biologische Gewäsch doch nichts anderes als Nazisprech. Etwas im Unklaren bleibt darüber hinaus, wer genau „sie“ denn sein sollen. Er spricht zuvor von der Regierung – aber war nicht die Regierung nur die Marionette der Herrscherklasse? Und es wäre ja auch seltsam, wenn die Regierung sich vermehren würde. Also vermehrt sich wohl die Herrscherklasse wie Bakterien, und, was haben wir eben gelernt, wer repräsentiert die Herrscherklasse? Die geldgierigen Bankenchef*innen. Aha, aha.

Wer so einen Müll verzapft, der rappt dann natürlich gegen Ende des Liedes auch noch in unfassbar peinlicher Manier – nämlich Buchstabe für Buchstabe -, die Menschen sollten doch bitte endlich aufwachen (8:08). Aus welcher Richtung diese Phrase kommt, sollte wohl eigentlich jedem klar sein; die Frage ist bloß, wann S.Castro seine abgewetzte Cap gegen einen Aluhut tauscht.

Nun, nun, damit könnte man diese Beitrag an und für sich beenden, und es wäre auch ein guter Schlusssatz gewesen, aber eine Sache wäre da noch: S.Castro bagatellisiert in diesem Lied die Verbrechen der Nationalsozialist*innen. Oder wie genau will man eine solche Line rechtfertigen: „Euer Überwachungsstaat übertrifft schon bei weitem die Nazis“ (3:36)? Alleine aufgrund der heute gegebenen technischen Möglichkeiten mag das sogar den Tatsachen entsprechen, doch wo genau der Sinn des Vergleiches liegt, erschließt sich mir nicht. Schließlich könnte man hier zuvorderst einwenden, dass, hätten die Nazis die technischen Möglichkeiten gehabt, die es heute gibt, sie diese ganz sicher auch eingesetzt hätten, und zwar in noch größerem Maße als die derzeitige Regierung. Darüber hinaus hat der Vergleich aber keinen tieferen Sinn, als die Verbrechen der Nazis als harmloser denn die der derzeitigen Regierung darzustellen, und das ist in letzter Konsequenz nichts anderes als Holocaustrelativierung. Umso abstruser, dass S.Castro dann auch noch rappt, man solle ihm doch jetzt nichts von Stasi erzählen – dabei war doch schon die Stasi in Sachen Überwachung den Nazis um einiges voraus.

Nun gut, ein unangebrachter Nazivergleich, das ist doch keine Holocaustrelativierung, werden jetzt viele sagen. Aber es ist nicht EIN unangebrachter Nazivergleich (die sind ja ohnehin fast immer unangebracht, aber das wäre wieder ein anderes Thema), sondern zig davon. Bei 2:44 rappt S.Castro: „Joseph Goebbels wird heut represented von der Bild“. Jaja, die Bild ist scheiße und ein mieses Hetzblatt. Aber ausgerechnnet Joseph Goebbels zum Vergleich heranzerren? Das ist in den Dimensionen einfach vollkommen absurd. Nun, dann kommt natürlich noch „Germanys next Hitler“ (4:20), und, in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung (5:00):

Seid willkommen in den 30ern, die SS steht Schmiere
Und wartet auf den Einsatz im brutalsten ihrer Spiele
Die Juden dienten damals als ein Sündenbock für Kriege
Aber heute machen wir ihnen einen Strich durch ihre Ziele

30er? Wie bitte? SS? Wovon rappt der Kerl bitte? Wie bescheuert muss man sein, um soetwas zu verbreiten? Ohne Zweifel ist die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung grausam und rassistisch, und ja, im „deutschen Volk“ brodelt wie immer die Lust aufs Pogrom, die sich auch immer häufiger Bahn bricht – aber das mit der Deportierung von Juden und Jüdinnen, Sinti und Roma, Kommunist*innen etc. in Konzentrationslager durch die SS zu vergleichen ist absurd.

Die dermaßen inflationäre und völlig sinnlose Benutzung des Nazivergleichs führt schlussendlich nur zur Bagatellisierung der deutschen Verbrechen und ist ein Instrument der Täter-Opfer-Umkehr. Ob S.Castro sich dessen bewusst ist?

Zu guter letzt darf natürlich ein Gruß S.Castros an die Antideutschen nicht fehlen: „Antideutsche Pest findet geil, dass Palästina brennt“ (8:53). Nun, erste Frage: Palästina brennt? Habe ich was verpasst? Zweite Frage: Soll die Wortwahl „verbrennen“ – und dieser Verdacht drängt sich angesichts all der Nazivergleiche nun wirklich auf – etwa einen Bezug zum Holocaust (von griech. „Brandopfer“) darstellen, also die Juden und Jüdinnen als Täter*innen eben jenes Verbrechens schuldig sprechen, das sie einst erlitten haben?

Achso, und das mit der „Pest“ ist irgendwie auch nicht so nett.

PS: Vielleicht machst du ja wieder ein paar Jahre Pause und bringst dann Venganza III raus, in welchem du noch herberen Müll erzählst. Mich würde es freuen. Nicht wegen des Liedes, aber wegen der Pause.

Rooz und die Allmacht der Juden und Jüdinnen

Während ein anderer Hip-Hop-Reporter gerade damit beschäftigt ist, Nazis bei ihrem Einzug in den Bundestag zu helfen, würde ich gerne ein Wort über Rooz verlieren. Dass Rooz über keinerlei Haltung verfügt und eigentlich nicht viel mehr als ein Speichellecker ist, dürfte jedem klar sein, der*die auch nur eines seiner Interviews gesehen hat. Neben dieser einen unsympathischen Persönlichkeitsfacette ist Rooz allerdings auch richtig eklig unterwegs – nämlich wenn es um Antisemitismus geht.

Klar, irgendwie ist er schon dagegen, ist man ja heute. Und so erzählt er im Interview mit Ben Salomo auch, dass er mal mit jemandem gesprochen hätte, der gesagt habe, Juden und Jüdinnen würden die Welt kontrollieren, woraufhin Rooz ironisch geantwortet habe: „Dann lass uns doch Juden werden.“

Ganz soweit her ist es mit seiner Haltung gegen Antisemitismus dann aber doch nicht – nur wenige Minuten später, im selben Interview, verharmlost er Antisemitismus. Viele deutsche Rapper würden doch nur aus Like-Geilheit antisemitische Sachen posten („Juden haben wieder das gemacht“, gibt Rooz diese Postings sinngemäß wider), die wären aber auf gar keinen Fall wirklich Antisemiten! Ja klar. Wer schreibt „Juden haben wieder dies und jenes schlimme Verbrechen verübt“, der ist gewiss kein Antisemit … wer ist dann überhaupt noch Antisemit?

Ben Salomo weist ihn entsprechend zurecht, und erklärt nicht nur, warum genau der von Rooz zitierte Satz eben doch antisemitisch ist, sondern auch, warum dieser „Antisemitismus für Likes“ besonders gefährlich ist: weil er nämlich Jugendliche mehr oder minder unterschwellig mit Antisemitismus in Kontakt bringt und diese so indoktriniert. Rooz fühlt sich ertappt: wie es seine Art ist, stimmt er seinem Interviewpartner sofort ohne jede Einschränkung zu, ganz so, als hätte er genau das schon immer eigentlich sagen wollen.

Interessanterweise hat Rooz dies offensichtlich schon knapp anderthalb Minuten später wieder vergessen. Er erzählt nämlich alsbald, es sei ja doch in Ordnung, in Raptexten Verschwörungstheorien über die Rothschild-Familie zu verbreiten, weil … weil … „bis zu einem gewissen Punkt finde ich es ok, mit Lyrics zu spielen.“

Also fassen wir dieses eine (!) Interview mal zusammen: Es ist nicht antisemitisch, wenn man auf Facebook schreibt, „Juden haben wieder dieses oder jene Verbrechen verübt“, gleichzeitig ist genau das viel gefährlicher als „richtiger“ Antisemitismus, aber in Raptexten ist es ok, weil man ja damit spielen darf. Das ergibt offensichtlich keinen Sinn, aber es zeigt, wie Rooz denkt: Antisemitismus ist ok, solange man ihn nicht als solchen bezeichnet; man könnte ihn also einen verkappten Antisemiten nennen.

Denn auch ist Rooz selber einer dieser Menschen, die auf Facebook antisemitischen Müll posten, etwa während des Gazakrieges 2014:

Offensichtlich bemüht Rooz hier den Mythos herbei, es stelle in Deutschland einen Tabubruch dar, Israel zu kritisieren. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass Rooz ganz explizit davon spricht, Israel würde Deutschland „beherrschen“, also ein uraltes antisemitisches Stereotyp hervorkramt. Die Aufforderung an seine Follower, in den Kommentaren keinen Hass zu verbreiten, wirkt angesichts dessen nur noch zynisch.

Es würde mich ja wundern, dass Rooz diesen offensichtlich antisemitischen Facebookpost nicht längst gelöscht hat – aber nun ja, das hier ist Deutschland.

Ein jüdischer Gangsterrapper?

Sun Diego hat wieder zwei Tracks veröffentlicht, und in beiden kommt er – in dem einen mehr, in dem anderen weniger ausführlich – auf seine jüdische Herkunft zu sprechen. Warum er das auf einmal tut? Nun, schauen wir uns mal seine Karriere an.

Als Juliensblog damals seinen Kindermob zu einer Hatewelle gegen Sun Diego hetzte, war dessen kaum gestartete Karriere auch schon zu Ende. Erst sein Zusammenschluss mit Julien und das Kostümieren als Spongebob konnte Sun Diego in der Deutschrapszene wieder Fuß fassen lassen. Seit einiger Zeit aber versucht Sun Diego, sich von dem Image als Spongebozz zu befreien. Der Stimmverzerrer wird immer unauffälliger, er trägt das Kostüm immer weniger, er gibt immer offener zu, dass hinter Spongebozz Sun Diego steckt (in „Yellow Bar Mitzvah“ formuliert er es in der letzten Zeile in aller Deutlichkeit). Vielleicht ist ihm mittlerweile das Image als Gangsterrap-Spongebob selbst ein wenig peinlich, vielleicht ist er es auch nur leid, sich beim Rappen so sehr verstellen zu müssen. Aber ohne ein Image geht es nunmal nicht. Würde er einfach das Kostüm beiseite legen, wäre er nur noch ein x-beliebiger Gangsterrapper. Was hätte er denn, was ihn besonders macht, was ihn herausstechen lässt, was dafür sorgt, dass er Leuten im Gedächtnis bleibt? Von dem rappenden Schwamm hat jeder, der sich ein wenig mit Rap beschäftigt, irgendwann mal gehört, und sei es nur Spott über ihn. Aber von einem weiteren Rapper, der total dummen Gangsterrapscheiß produziert? Von denen gibt es dutzende.

Als jüdischer Gangsterrapper hingegen sticht er heraus. Es gibt nicht allzuviele jüdische Rapper*innen in Deutschland. Ben Salomo, sicher – den kennt man aber eher weniger wegen seiner Rapkünste. Sentino, glaube ich. Irrelevanter Typ. Und schon fällt mir keiner mehr ein.

Das extrem offensive zur Schau stellen seiner jüdischen Herkunft macht Sun Diego zu etwas besonderem, es ist ein Markenzeichen, das den Verlust des alten Markenzeichens (Schwammkostüm) ausgleichen kann. Gleichzeitig kann man damit so wunderschön provozieren – was Sun Diego mit dem Tragen eines Judensternes in „Yellow Bar Mitzvah“ auch gleich tut. Es bietet sich plötzlich eine Vielzahl von „kontroversen“ Lines über Konzentrationslager, Verfolgung, vielleicht auch Reichtum und Weltverschwörung an; all das birgt das Potenzial für Provokation, und damit für zusätzliche Aufmerksamkeit. In ACAB2 rappt Sun Diego: „Erst verbrennen sie mein Volk und dann meine CDs“, womit er sich auf die Indizierung seines letzten Albums bezieht – ein vollkommen überflüssiger, platter Nazi-Vergleich, den es absolut nicht gebraucht hätte. Die Shoah mit etwas so Banalem wie der Indizierung eines Albums auf eine Stufe zu stellen ist geschmacklos und zeugt lediglich von dem verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit.

Sun Diegos jüdischer Hintergrund würde allerdings erklären, warum er damals im JBB-Finale Gio so hart attackiert hatte. Angeblich war Sun Diego von einem Fan ein manipuliertes Fotos zugeschickt worden, auf dem Gio in eine Nazi-Demo gephotoshoppt war. Sun Diego, bzw. damals noch Spongebozz, überzog Gio geradezu mit Nazi-Lines, und verpasste ihm damit ein denkbar schlechtes Image – das Video wurde wegen der zahlreichen Falschanschuldigungen später um den letzten Part gekürzt. Sollte also Sun Diego damals wegen seines jüdischen Hintergrundes so überengagiert auf die haltlosen Vorwürfe gegen Gio reagiert haben, könnte der Beef mit Kollegah noch einmal etwas mehr Fahrt aufnehmen. Schließlich äußert Kollegah sich immer wieder antisemitisch.

Wobei die Frage ist, inwiefern man diesen Beef überhaupt ernst nehmen kann. Das Video zu „Yellow Bar Mitzvah“ wurde von Streetcinema produziert. Streetcinema.tv allerdings ist ziemlich eng mit Kollegah verbandelt – von „loyalen Geschäftbeziehungen“ zu Kollegah spricht man bei Streetcinema. Kollegah sei vor dem Dreh um sein Einverständnis gefragt worden und habe dieses auch gegeben, verkündete die Produktionsfirma auf Facebook. Damit kann sich Kollegah als „Ehrenmann“ präsentieren und sein Image ein wenig aufpolieren – allzu böses Blut, das zeigt die Sache allerdings auch, kann es zwischen den beiden nicht geben. Generell köchelt der Beef schon länger so vor sich hin, und Sun Diego wird – wohl zu recht – darauf spekulieren, durch die Auseinandersetzung mit Kollegah seine Verkaufszahlen zu erhöhen. Bei Kollegah ist es nicht viel anders; auch bräuchte er nach dem peinlichen Fanpost2 mal wieder einen Beef, in dem er sich ordentlich präsentiert.

RapUpdate macht derweil ein wenig Werbung für Sun Diegos Album, indem die offensichtliche Präsentation von Boxinhalten im Musikvideo als spektäkuläre Neuigkeit verkauft wird. „Oha, ob das mit Absicht war?“, beginnt der Artikel. Naja, warum sonst sollte die Kamera volle Lotte drauf halten? Aus Versehen? Sicherlich.

Die Berichterstattung von komischen Rapnews-Youtubern über Sun Diegos neues Lied treibt unterdessen seltsame Blüten. „ALPHA KENAN“ kann Juden und Israelis nicht auseinanderhalten, und packt gleich mal die israelische Flagge auf das Thumbnail eines Videos, in dem es Sun Diego und seine jüdische Identität geht – als hätte Sun Diego irgendetwas mit Israel zu tun.

ALPHA KENAN

In eben diesem Video heißt es dann bei Minute 5:30: „Wie ist eure Meinung darüber, dass Spongebozz ein Jude ist?“ Äh, wie bitte? Was soll man denn da für eine Meinung haben? Immerhin, in den Kommentaren zum Video gibt man sich generös:

ALPHA KENAN2.png

Er macht ja gute Musik, dann sei ihm das Jude-Sein mal verziehen! Oha. Der Typ da drunter macht es nicht besser. Aber dann wäre da ja auch noch dieser Spezialist, der bei Juden auch zuerst an Israel denkt:

ALPHA KENAN3.png

„Pälistina“ soll also befreit werden – die komischen arabischen Fantasiestaaten in der Region scheinen sich zu vermehren. Aber immerhin – mindestens 55 Anhänger hat dieser obskure neue Staat. Neunmalklug wendet noch einer ein, nicht jeder Jude sei Zionist – was auch immer das nochmal mit Sun Diego zu tun hat. Diese automatische Verknüpfung von Jüd*innen mit dem Staat Israel, nein die Reduktion von Jüd*innen auf den Staat Israel – hier auch inklusive der Dämonisierung Israels – ist eine typisch antisemitische Vorgehensweise.

ALPHA KENAN4

Hier wird dann auch schonmal präventiv die Antisemitismus-Keule-Keule geschwungen. Das ist aber auch überaus praktisch – da hat sich schon vor der Artikulation seines Antisemitismus‘ gegen berechtigte Kritik immunisieren.

Und damit hört es noch lange nicht auf:

ALPHA KENAN5.png

„Selbst wenn“, „trotzdem“ ist er ein Mensch. Alles klar.

Nun, immerhin gibt es unter dem Video neben diesen äußert ekligen Verbal-Antisemitismen auch einige Kommentare, die darauf hinweisen, es sei egal, welcher Religion ein Mensch angehöre, die Frage von „ALPHA KENAN“ sei dumm gewesen, uä. Und wenn auch die Besinnung auf seine jüdischen Wurzeln ein reiner Promo-Move von Sun Diego sein mag – vielleicht trägt die Etablierung eines jüdischen Gangsterrappers ja wenigstens ein bisschen dazu bei, antisemitische Stereotype abzubauen? Vielleicht gelingt es Sun Diego ja, ein paar seiner Fans davon zu überzeugen, dass Antisemitismus scheiße ist. Damit wäre dann immerhin ein bisschen was gewonnen.

 

 

 

Anmerkung: Ich habe die ursprüngliche Version dieses Artikels um einen Abschnitt gekürzt, da es sich im Nachhinein doch ziemlich eklig las, wie ich als nicht-jüdischer Deutscher darüber spekuliere, wie ernst es Sun Diego mit seinem Glauben nimmt. Es könnte an Görings „Wer Jude ist, bestimme ich“ erinnern; ich hoffe, der Artikel in seiner jetzigen Form lässt keine derartigen Assoziationen aufkommen.

Wenn sich Rechts und Links die Hände reichen

Es gibt viel an dem Lied „Antideutsche/Tahya Falastin“ von Thawra und Kaveh zu kritisieren. Die dummen Vergleiche und peinlichen Reimketten von Kaveh, den antisemitischen und völkischen Gehalt, die üblen Diffamierungen gegenüber der antideutschen Bewegung – eine Komponente aber sticht noch einmal extrem heraus. Und das ist Kaveh selbst, denn offensichtlich handelt es sich bei ihm um einen Querfröntler – was nebenbei bemerkt auch kein gutes Licht auf Thawra wirft. Da wirkt die halbherzige Distanzierung Thawras von der Querfront in „Antideutsche/Tahya Falastin“ noch lächerlicher – zusammen mit einem Querfröntler ein antisemitisches Lied machen, und in diesem sagen, man wäre ja gegen die Querfront, ist, äh … naja, seltsam bis dumm.

Nun ja, jetzt aber zu Kaveh. Ich könnte diesen Artikel nun mit dem Hinweis darauf beenden, dass dieser Mensch sich von Russia Today und Ken Jebsen zu Interviews einladen lässt, also von einem Propagandakanal des Kreml und einem Verschwörungstheorien verbreitenden Antisemiten, die beide ein rechtes Publikum ansprechen. Aber dann würde ja völlig unter den Tisch fallen, was für verbalen Abfall er in diesen Interviews produziert hat.

Im Interview mit RT etwa halluziniert er eine Verschwörung der Medien herbei, die seiner Aussage nach gezielt Leute aus ihrer Berichterstattung ausschlössen, die propalästinensisch sind (Minute 1:30). Angesichts der Einstellung der meisten deutschen Journalist*innen zum Nahostkonflikt und der tendenziösen, antiisraelischen Berichterstattung der meisten Medien ist diese Aussage schlicht lachhaft; kaum ein Land wird von deutschen Medien so oft kritisiert und so oft mit Nazi-Deutschland verglichen wie Israel. Und in den Hip-Hop-Medien ist dies noch um ein Vielfaches verstärkt, wie sich etwa in der Berichterstattung über Kollegahs Antisemitismusskandal zeigte. Wenn Kaveh also von deutschen (Hip-Hop)Medien nicht wahrgenommen wird, so liegt das nicht an einer anti-palästinensischen Haltung dieser, sondern vielleicht einfach an der Irrelevanz von Kaveh.

In einem anderen Interview mit RT – Kaveh scheint dort Stammgast zu sein – behauptet Kaveh, Deutschland habe aufgrund der Shoah eine Verantwortung gegenüber den jüdischen Menschen, aber eben auch den Palästinenser*innen, schließlich hätte, so Kaveh, der israelische Staat es ohne die Shoah sehr viel schwerer gehabt (7:30). Diese perverse Verdrehung muss ein Mensch erstmal hinkriegen: Die Deutschen, die noch vor 70 Jahren Juden industriell getötet haben, hätten eben darum die Aufgabe, den Jüd*innen auf die Finger zu schauen, dass sie auch ja nichts Böses tun.

Diesen sehr deutschen Gedanken gräbt Kaveh auch im Interview mit Ken Jebsen aus, wo er behauptet, Deutschland hätte ebenso eine Verantwortung für die Palästinenser*innen wie für die Jüd*innen, da Deutschland mit der Shoah „schuld“ an der Gründung Israels gewesen sei und es in diesem Rahmen zur „Nakba“ gekommen sei (38:45). Den auf die Vernichtung der Jüd*innen abzielenden Überfall der arabischen Staaten auf Israel nur Stunden nach dessen Gründung, in dessen Rahmen es überhaupt erst zu den Vertreibungen kam, lässt Kaveh natürlich unter den Tisch fallen. Ebenso vergisst er, dass es 1948 mehr jüdische Menschen gab, die aus arabischen Staaten vertrieben wurden, als arabische Menschen, die aus dem jüdischen Staat vertrieben wurden – weil all das antiisraelische Gejaule von der „Nakba“ in einem völlig anderen Licht erscheinen ließe. Überhaupt ist der deutsche Staat ganz gewiss nicht schuld an der Vertreibung irgendeines Arabers aus Israel und hat auch keine besondere Verantwortung gegenüber den Palästinensern, schon gar nicht eine irgendwie vergleichbare wie die gegenüber den Jüd*innen. Die arabischen Staaten, die den jungen israelischen Staat überfielen, sind schuld, denn ohne diesen Überfall hätte es auch die Vertreibungen nicht gegeben.

Heute würden 6 Millionen Palästinenser*innen „außerhalb des ursprünglichen Staatsgebietes“ leben – was genau Kaveh wohl mit „ursprünglichem Staatsgebiet“ meint? Da es nie einen palästinensischen Staat gab, kann es schließlich kein solches Gebiet geben. Er meint wohl das Land, das im UN-Teilungsplan für einen weiteren arabischen Staat vorgesehen war. Bloß haben die Araber eben diesen Teilungsbeschluss abgelehnt – heute von diesem Gebiet als dem „usprünglichen Staatsgebiet“ Palästinas zu sprechen ist also im höchsten Maße heuchlerisch.

In diesem Zuge empfiehlt Kaveh dann auch gleich noch Bücher von Norman Finkelstein (40:35), einem Hisbollah-Sympathisanten, der bei Rechten und anderen Antisemiten sehr beliebt ist, weil er zB. den Kampf der Hisbollah gegen Israel mit dem Kampf von Partisanen gegen Nazideutschland gleichsetzte.

Natürlich verbreitet ein Mensch wie Kaveh dann auch munter die Mär vom „größten Freiluftgefängnis der Welt.“ (1:02:20) Gaza sei „eine der am meisten unterdrückten Regionen der Welt“, und Israel „das aggressivste siedlerkolonialistischste Land der Welt.“ Dass Ägypten den Gazastreifen völlig abgeriegelt hat, weil es keinen Bock auf Terroristen hat – geschenkt. Laut Kaveh ist es alleine Israel, welches Gaza in dieses „Gefängnis“ verwandelt. Dabei lässt er die Versorgung Gazas durch Israel natürlich außen vor, ebenso die faktische Möglichkeit, den Gazastreifen zu verlassen, etwa bei medizinischen Notfällen. Der Aussage mit dem Grad der Unterdrückung könnte man vielleicht noch gerade so zustimmen – wenn er damit die Hamas meinen würde, die die Bewohner des Gazastreifens unterdrückt und immer wieder sogenannte „Kollaborateure“ abschlachtet. Aber soweit kann Kaveh nicht denken, für ihn ist immer der Jud schuld. Der Siedler-Jud. Der Kolonialisten-Jud. Nein schlimmer: Der Siedler-Kolonialisten-Jud. Daher, so Kaveh: „Ich denke, es ist die Pflicht jedes Menschen, sich für Palästina einzusetzen“. Für ihn ist Judenfeindschaft also ein konstituierendes Element von Menschlichkeit, Antisemitismus nicht nur ein Menschenrecht, sondern gar eine Menschenpflicht.

Antideutsche hingegen seien böse Rassisten. Immerhin würden sie doch glatt behaupten, dass die Palästinenser*innen, gäbe es eine Einstaaten-„Lösung“, die Jüd*innen in Eretz Israel/Palästina töten würden (43:45). Nun, diese Annahme ist keinesfalls rassistisch, sondern leider richtig. Die Hamas fordert in Artikel 2 ihrer Charta die völlige Vernichtung Israels; behauptet in Artikel 7, das komplette Land gehöre nur den Muslimen; die Hamas erzieht Kinder gemäß ihrer ekelhaften antisemitischen Ideologie; steckt sie in Terrorcamps; indoktriniert sie mit antisemitischen Kindersendungen; Hamas-Offizielle leugnen den Holocaust und behaupten, die Juden seien schlimmer als die Nazis; Hamas-Kleriker rufen zur Tötung jedes einelnen Juden auf. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer Stiftung von 2014 waren 94% der Bewohner des Gazastreifens zufrieden mit dem militärischen Handeln der Hamas, also mit dem Raketenbeschuss auf israelische Zivilisten, dem Missbrauch von palästinensischen Zivilisten als menschliche Schutzschilde, und dem Graben von Terrortunneln, um Jüd*innen umzubringen. Hätte es zu diesem Zeitpunkt Wahlen in den palästinensischen Gebieten gegeben, so wird in der Studie auch festgehalten, hätte die Hamas gewonnen. Aber nunja, selbst ein Herr Abbas preist ja jeden Tropfen Blut, um Jerusalem willen vergossen werde; also ist das eigentlich auch egal. Es ist nunmal eine traurige Tatsache, dass Jüd*innen ziemlich übel dran wären, wenn es Israel nicht mehr gäbe.

Israel aber sei natürlich sowohl eine Theokratie als auch eine Ethnokratie (1:03:50), und überhaupt genauso schlimm wie der Iran. Natürlich, Israel ist eine Ethnokratie – das beweisen ja die zahlreichen arabischen Abgeordneten in der Knesset, die arabischen Richter, die drusischen Soldaten. Welch gar schröckliche Ethnokratie! (Dass es auch in Israel Rassismus gibt ist eine Tatsache – aber wo gibt es keinen Rassismus? Wäre dann nicht jedes Land eine Ethnokratie?) Der Vergleich mit dem Iran ist schon deshalb völlig deppert, weil im Iran der Ayatollah das Staatsoberhaupt ist. Der Iran ist also tatsächlich eine Theokratie – Israel aber nicht.

Das iranische Regime, so Kaveh, sei natürlich schon irgendwie doof, aber immerhin habe es seit 200 Jahren keinen Krieg angefangen, während Israel „mindestens fünf Kriege vom Zaun gebrochen hat“. Die zahlreichen Drohungen des iranischen Regimes, Israel auszulöschen, nimmt Kaveh nicht wahr, die Hinrichtungen Oppositioneller, die Unterdrückung der Frauen, die Unterdrückung von generell so ziemlich allem im Iran, die Finanzierung von Terrororganisationen und die Unterstützung für Assad – aber hey, die Juden, das sind Kriegstreiber! Sie „brechen Kriege vom Zaun“, wie Kaveh im schönsten antisemitischen Code von sich gibt. Welchem Zweck diese Kriege dienten, ob sie notwendig, wer die Gegner waren – egal. Die Gazakriege wurden natürlich auch nicht von der Hamas begonnen, die tausende Raketen auf Israel abschoss, sondern immer von Israel (man merke: Wenn die Jüd*innen sich wehren, dann haben sie angefangen) Die Juden, das sind Landräuber und Kriegstreiber, das weiß Kaveh. So sei Israel natürlich auch am Syrienkonflikt schuld (1:11:00) – äh, wie bitte?

Wenn Ken Jebsen dann den Drohnenkrieg mit dem Holocaust vergleicht, hat Kaveh keinerlei Einwände (1:23:10), und wenn Jebsen Verschwörungstheorien verzapft von irgendwelchen ominösen Leuten, die wollen, dass Flüchtlinge nach Europa kommen, erfolgt von Kaveh nur ganz schüchterner Widerspruch (1:29:30). „Sog. ‚Verschwörungstheoretiker‘ wie Ken Jebsen werden partout und zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt“, schrieb Kaveh mal. Ja … man merkt’s …

Der völkische Schulterschluss mit Jebsen muss auch noch erfolgen. Kaveh bemängelt, es gebe im Nahen Osten keine starke nationalistische Bewegung (1:26:50). Schon zuvor, als es um das Thema Fluchtursachen ging, hatte Kaveh darauf hingewiesen, die bösen USA würden all die schönen Nationalstaaten in der Region kaputt machen. Diese Faible für Nationalisten hat nun wirklich so gar nichts linkes an sich.

Wen würde es also schon wundern, wenn in der Kommentarsektion eines Interviews von Kaveh mit RT Nazis und Stalinisten Hand in Hand die Vernichtung der Antideutschen fordern würden?

Kavehs Fanboys

Sehen Antideutsche scheiße aus? Teil 2

Ein bisschen lang ist es jetzt her, dass ich den ersten Teil dieser Quadrologie schrieb – Hausarbeiten und Lustlosigkeit kamen mir dazwischen. Wie auch immer. Was bisher geschah: Thawra und Kaveh hatten 2015 ein Lied veröffentlicht, in dem sie mit unverhohlenem Antisemitismus die antideutsche Bewegung angriffen. Im ersten Part besticht besonders ein Abschnitt in seiner Deutlichkeit: „Haram, diese Tiere feiern Shuja3ya/ Sie lieben den Tod, sie sind übelst kultiviert/ Sie lieben Israel, denn ihr Geist ist okkupiert“. In drei Versen eine Entmenschlichung, ein Rückgriff auf religiöse Bewertungsmaßstäbe, und auf zwei antisemitische Stereotype – Respekt, da meint es jemand ernst.

Thawra retweetete meinen Artikel zum ersten Part mit dem Kommentar „Hallo, es ist 2017“ (oder so ähnlich, ich habe den Tweet nicht mehr gefunden, vielleicht hat sie ihn gelöscht). Meine Nachfrage, ob das eine halbherzige Distanzierung von dem Track sei, wurde nicht beantwortet – vermutlich ärgert sie sich lediglich darüber, dass Antisemitismus auch nach zwei Jahren noch thematisiert wird, und wollte auf etwas kryptische Art einen Schlussstrich ziehen. Das ist ja so lange her!

Wie dem auch sei; auf das dumme Intro Kavehs und einen Part Thawras folgt die Hook, in der die beiden Interpreten vor zwei Flaggen der palästinensischen Nationalbewegung und zwei roten Flaggen posieren, zusammen mit einer Meute in Palästinenser-Tücher gehüllter Menschen. Einer dieser Menschen ist übrigens Roldán Mendívil, und unter anderem wegen der Beteiligung an diesem Video erhält sie von der Freien Universität Berlin keinen weiteren Lehrauftrag mehr. Tja, dumm gelaufen.

Was rappen Thawra und Kaveh nun in der Hook? Folgende Verse:

Tahya Falastin, tahya Falastin
Kein Frieden mit dem Besatzungsregime
Tahya Falastin, tahya Falastin
Rote Fahnen über Ghazza und Jenin!
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Kein Frieden mit dem Apartheidregime
Freiheit für Falastin, Freiheit für Falastin
Rote Fahnen über al-Quds und Tal Abib!

Israel wird also sowohl als „Besatzungsregime“ als auch als „Apartheidregime“ verunglimpft, was nicht nur die Opfer wahrer Apartheid verhöhnt, sondern zusammen mit der Forderung „Freiheit für Falastin“ offensichtlich die Vernichtung Israels fordert. Obendrein solle auch kein Frieden mit Israel geschlossen werden – offener kann man antisemitischen Terrorismus kaum legitimieren. Wer Frieden mit Israel ablehnt und die „Befreiung“ Palästinas fordert, will nichts anderes als die völlige Vernichtung Israels. Das zeigt auch die Verwendung der arabischen Städtenamen „al-Quds“ und „Tal Abib“ statt „Jerusalem“ und „Tel Aviv“ – die Auslöschung betrifft nicht nur den jüdischen Staat, nicht nur die jüdischen Menschen, sondern sämtliche Aspekte jüdischer Präsenz in Eretz Israel/Palästina. Über diesen Städten sollen „rote Fahnen“ wehen, im Video sind allerdings ebenso viele Fahnen der palästinensischen Nationalbewegung zu sehen. Anscheinend wird also eine Art nationaler Sozialismus gefordert, ein ethnisch reiner Nationalstaat mit (pseudo)sozialistischer/(pseudo)kommunistischer Ausrichtung. Die Querfront lässt grüßen.

Auf dieses Gejohle nach der völligen Vernichtung jeder jüdischen Präsenz in Eretz Israel/Palästina folgt Kavehs erster Part. Er beginnt gleich in dem selben Ton wie Thawra: „Ihre Ideologie geht über Leichen und verursacht Tote“. Während allerdings Thawra rappt, Antideutsche würden den Tod „lieben“, beschränkt sich Kaveh immerhin darauf, das Töten nicht als Selbstzweck, sondern als Begleiterscheinung der unterstellten Ideologie zu bezeichnen. Oder doch nicht – nur ein bisschen später heißt es dann auch bei Kaveh:

Die Empathie ist hinter ihrer Maske verblutet
Ich würds ja gerne sachte versuchen
Doch muss ich ihre Menschenverachtung verfluchen
Sie freuen sich, wenn Israel das Land zerbombt
Es sichert seine Kolonie dadurch, dass die Panzer kommen

Aber nicht nur seien Antideutsche empathielose Gesellen, die den Tod bejubelten – wenn er schon dabei ist, bezeichnet Kaveh natürlich auch noch gleich ganz Israel als „Kolonie“. Was in der Hook schon deutlich wurde, wird hier erneut unter Beweis gestellt: Vom Existenzrecht Israels halten weder Thawra noch Kaveh irgendetwas.

Auf diese Zeilen folgt allerdings auch auf einer rein ästhetischen Ebene der komplette Absturz. Man führe sich diese Reimkette zu Gemüte:

Egal ob von der Osten-Sacken oder BAK Shalom:
Ihre Köpfe sind so hohl wie n leerer Pappkarton
Völlig verloren wie ein entgleister Nachtwaggon
Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon

Ok, Köpfe, die hohl wie ein leerer Pappkarton sind – der Vergleich ist nicht sonderlich kreativ, genau genommen ist er sogar ziemlich dämlich. Denn zu sagen, etwas sei hohl wie etwas das leer sei, ist textlich ungefähr auf einem Niveau mit dem Refrain von Bibis „How it ist (Wap Bap)“. Mir fallen spontan ähnlich gute Lines ein, vielleicht hat Kaveh ja Bedarf, er kann sich gerne bedienen:

Hier ist es hell, wie an einem Ort, wo Licht scheint
Es ist als wär der Eingang zu, denn du kommst nicht rein
Wir stehen fest auf dem Boden wie ein Tisch, der nicht wackelt
Du bist es, der hier wie so ein komischer kleiner langgezogener Hund mit kurzen Beinen rumdackelt

Aber Kaveh war mit seiner Reimkette ja noch nicht fertig. Dass es sich um einen „Pappkarton“, nicht um einen „Karton“ handelt, liegt natürlich am Reim – aus dem selben Grund ist es auch ein „Nachtwaggon“, kein „Zugwaggon“, der engleist. Der Vergleich („verloren wie etwas engleistes“) ist nicht nur schief, sondern fast ebenso unterirdisch wie der Vergleich in der Line davor, und die letzte Line dieser Reimkette sprengt nochmal alle Dimensionen der blöden Vergleiche. „Feiern sie Israel als wäre es ein Marathon“ – hä? Ist Israel ein Marathon? Oder bezieht sich der Marathon auf das Feiern? Aber ein Marathon ist doch ein sportlicher Wettbewerb, der sich durch seine zu Fuß zurückzulegende elendlange Distanz auszeichnet, nicht dadurch, dass man unaufhörlich jubelt. Oder bezieht sich das auf die Menschen am Rand, die den Läufern zujubeln? Aber dann wäre das ja ein „jubeln wie jubeln“ Vergleich. Naja, er wollte halt eine sicke Reimkette. Und wenn die Endreime inhaltlich eigentlich absolut nicht zusammenpassen, dann wurstet man das eben mit billigen Vergleichen hin. Wie ein Anfänger. Ich dachte Kaveh würde schon länger Rap machen?

Nach dem Beweis seiner Inkompetenz in Sachen Rap geht es dann auch mal wieder inhaltlich voran. Natürlich würden Antideutsche Muslime hassen, wären eigentlich selber total deutsch – naja, unkreativer als die depperten Vergleiche vorher kann es nicht mehr werden. Aber natürlich muss Kaveh noch schnell ein „Kauft nicht bei Juden“ raushauen: „Ich geb n Scheiß drauf, dass ich euch schockier/ Nur weil ich die Produkte Israels boykottier“. Schockieren dürfte das nur die wenigsten Leute – es widert mich an, wundert mich gleichzeitig aber nicht. Nur wer sich über die Virulenz des Antisemitismus nicht im Klaren ist und mit deutschem Rap selten bis gar nicht in Berührung kommt, würde sich über antisemitische Aussagen bei deutschen Rappern wundern, oder von diesen gar schockiert sein. Hm, naja – „euch schockier“ reimt sich eben ganz gut auf „boykottier“, sogar ohne dämlichen Vergleich.

Interessant ist an der Aussage von Kaveh übrigens besonders Folgendes: Anders als es normalerweise bei Antisemi- äh, Antizionisten der Fall ist, bezieht sich Kaveh nicht auf Produkte aus jüdischen Städten in Judäa und Samaria (sog. „Siedlerprodukte“), und redet sich also auch nicht damit heraus, er boykottiere ja nur ganz bestimmte Übeltäter und keinesfalls pauschal alle Juden in Eretz Israel/Palästina. Stattdessen ist es ganz explizit alles aus Israel – und wer würde daran zweifeln, damit sei nur alles jüdische in Israel gemeint, wo ihm doch an der palästinensischen Sache so viel liegt? Dies allerdings dürfte vor dem Hintergrund seiner Vernichtungsfantasien gegenüber Israel nur die wenigsten wundern. Und schockieren schon gar nicht.

Tolkiens Werk und Antisemitismus

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag vom guten Taubiola.

Liebe*r Leser*in,

Der folgende Text wird einiges von ihnen abverlangen. Denn – Sie ahnen es – die Antisemitismuskeule wird heute mal wieder losgelassen. Und nicht auf irgendjemanden, nein, auf J.R.R. Tolkien höchstpersönlich, jenen Mann, dessen linguistisches Interesse und die Hingabe für die Erfindung seiner Sprachen so bewundernswert, sein mangelndes literarisches Talent so bedauernswert und das von ihm geschaffene Universum so prägend für so viele Kindheiten von uns war. Wie, werden Sie sagen, dieser Mann soll ein Antisemit gewesen sein? Pfui! Wie kann man dieses schmutzige Wort nur in den Mund nehmen? Die A-Bombe verletzt auch außerhalb Kartoffellands Gefühle!

Jaja, blabla. Bevor Sie entsetzt wegklicken und einen Onlineartikel der Linken Zeitung lesen, ein kleiner Disclaimer: Mir geht es im Folgenden nicht darum, Tolkien zu verteufeln und ihnen zu verbieten, seine Werke toll zu finden. Ich möchte Sie lediglich einladen, sich meine Gedanken zu problematischen (weil antisemitischen) Tendenzen in seinen Werken, insbesondere dem „Hobbit“, anzuhören – vielleicht sind Sie nachher ja schlauer. Ach so, und bevor irgendwer auf die Idee kommt: Nein, Tolkien ist nicht schlimmer als Hitler.

These: Tolkiens Werke transportieren antisemitische Stereotype, die die Gefahr in sich bergen, den*die Leser*in ohne dessen*deren Bewusstsein darum zu korrumpieren.

Wie komme ich darauf? Ich möchte Ihnen zuerst beweisen, dass sich Tolkien in seinen Werken (wenn nicht explizit anders formuliert beziehe ich mich im weiteren Verlauf vor allem auf den „Hobbit“) mit der jüdischen Kultur auseinandersetzt. (Dass die Art der Auseinandersetzung das Problem ist, mag dem mitdenkenden Leser nun schon klar sein, dazu aber später mehr, wir wollen ja nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen.)

Wenn wir uns den „Hobbit“ vor Augen halten, und das darin vorkommende Volk der Zwerge, so fallen, kaum dass man den Blick schärft, geradezu erstaunliche Parallelen zwischen diesem Volk der Zwerge und dem jüdischen Volk auf:

Die Zwerge (jedenfalls eines ihrer Reiche) leben im Berg Erebor, einem bekannten und beeindruckenden Berg. Die (meisten) Juden lebten und leben im Land Zion, das nach dem Berg Zion benannt ist, dem Berg, auf dem ihre Tempel standen.

Die Zwerge des Erebor besaßen ein wunderschönes Artefakt, dass ihnen mehr wert war als alles anderes; ihr Königsjuwel: Der Arkenstein. Die Juden besaßen die Bundeslade, aufbewahrt im Allerheiligsten, Zeichen und Beweis für die Anwesenheit ihres lebendigen Gottes, das wichtigste aller Geräte des Tempels.

Die Zwerge des Erebor wurden vertrieben vom Drachen Smaug, dem Ungetüm, der kam, den Erebor eroberte, ihre Stadt zerstörte, ihre Schätze raubte und sie vertrieb. Die Juden wurden vertrieben vom Römischen Reich, das ihren Aufstand niederschlug, Jerusalem zerstörte, umbenannte („Aelia Capitolina“), ihnen die Beschneidung verbot, ihnen das Leben in Jerusalem verbot, den Tempel plünderte und mit dieser Plünderung den Bau des Colosseums in Rom finanzierte.

Fortan nun zogen die Zwerge durch Mittelerde, heimatlos und stets kritisch beäugt, immer unter sich bleibend (was so weit ging, dass sie sogar ihre eigene Sprache vor Nicht-Zwergen geheim hielten). Die Juden verteilten sich ebenfalls in der Welt, überdauerten die Diaspora in neuen Heimaten, dennoch ihren kulturellen Zusammenhalt bewahrend.

Schließlich macht sich nun der Zwerg Thorin auf, um mit seiner Gefolgschaft, „Thorins Company“, die alte Heimat zurückzufordern. Der Name Theodor Herzl und der Begriff Zionismus muss den häufigeren Lesern dieses Blogs wohl kaum erklärt werden, für die Leser der Linken Zeitung unter ihnen sei jedoch gesagt, dass das so ein Jude war, der die Idee eines jüdischen Staates ganz schnafte fand, eine Idee, die (mehr oder weniger) durch den Zionismus und den Staat Israel Realität wurde (sry für den Spoiler).

Die Sprache der Zwerge wurde bereits angeschnitten, diese ist ein weiteres starkes Indiz: Sie ähnelt nämlich dem Hebräischen; Konsonantenschrift mit dreibuchstabigen Wortwurzeln. Oder lassen wir doch den Meister himself sprechen:

„The dwarves of course are quite obviously, wouldn’t you say that in many ways they remind you of the Jews? Their words are Semitic, obviously, constructed to be Semitic.“

[Die Zwerge sind natürlich recht naheliegend; würden sie nicht sagen, dass sie sie auf vielerlei Art an die Juden erinnern? Ihre Worte sind semitisch, offensichtlich, dafür geschaffen, semitisch zu sein.]

Quelle: http://www.timesofisrael.com/are-tolkiens-dwarves-an-allegory-for-the-jews/

Ich fasse zusammen: Will man sich nicht in die Beliebigkeit flüchten und behaupten, alle diese Übereinstimmungen seien Zufall, so gibt es keinen Zweifel daran, dass die Zwerge des Erebor nicht nur auf dem jüdischen Volk basieren, sondern dieses sogar explizit darstellen.

These: Die Art der Darstellung erfüllt und transportiert gängige antisemitische Klischees.

Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden, würde die Geschichte der Zwerge einfach nur das Diasporaschicksal des jüdischen Volkes nacherzählen. Problematisch ist aber die Darstellung, die Pointierung des zwergischen Charakters.

Über allem fällt bei der Lektüre die unfassbare Gier des zwergischen Volkes ins Auge. Die Zwerge des Erebor beispielsweise häufen riesige Schätze an, Reichtümer unendlicher Größe – man kann hierin ohne große Mühe das antisemitische Konstrukt des bösen „raffenden Kapitals“ sehen, das als Gegensatz zum guten „schaffenden Kapital“ konstruiert wird. Die Ereborzwerge nun raffen so dermaßen viel, dass dadurch der Drache Smaug angelockt wird, der sie aus ihrer Heimat vertreibt. Den Zwergen Morias wiederfährt überdies ein ähnliches Schicksal: In ihrer maßlosen Gier schürfen sie so tief in den Berg hinein, dass sie einen Balrog aufwecken, und verlieren nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Leben.

Doch traurigstes Beispiel für die Gier der Zwerge bleibt Dain Eisenfuß, Vetter Thorins, den Thorins Gemeinschaft (neben den anderen Zwergenkönigen) zu Beginn der Reise um Hilfe bei der Rückeroberung des Erebor bittet. Wie auch alle anderen Zwergenkönige verweigert ihnen Dain diese Hilfe jedoch, um dann am Ende bei der Schlacht der Fünf Heere doch noch seinen Arsch zum Berg zu bewegen – denn ihm war Nachricht überbracht worden, dass der Drache tot und das viele viele Gold nun ganz einfach zu erobern sei. Nicht die familiären Bande sind es, die Dain zum Erebor holen, neinnein, die dienen ihm nur als Instrument, um selber den Schatz zu erbeuten, wird er doch nach Thorins Tod König unter dem Berg. Es ist das Gold, das ihn anlockt. Nach dem Sieg über die Heere des Bösen schließlich teilt er den Schatz mit Elben und Menschen, ein Bruch in der Charakterisierung möchte man meinen, doch könnte man auch unken, dass er sich damit nach einer verlustreichen Schlacht den für das Happy End nötigen Frieden erkauft.

Man könnte nun unablässig weitere Beispiele für Darstellungen der Zwerge als raffgierig nennen, ich belasse es an dieser Stelle bei den oben erläuterten; das Grundmotiv sollte klar sein.

Dass Raffgier eines der hartnäckigsten antisemitischen Stereotype und in seiner Einfachheit anders als andere antisemitische Ressentiments wenig Wandlung erlebt, brauche ich wohl keinem zu erklären (man denke an das Schwanken der Antisemiten, ob die Juden nun doof seien, weil sie keinen eigenen Staat hätten, oder eben weil sie nun einen haben; an die Verschiebung von Brunnenvergifter- zu Wasserstehlerlegenden etc.) und so widmen wir uns gleich dem nächsten Punkt.

Das Schicksal der Erebor- und Moriazwerge wurde oben bereits angeschnitten – beide Reiche fallen ihrer eigenen Gier zum Opfer. Erkennt man hier ein weiteres Element des Antisemitismus? Dass die Juden an ihrer Verfolgung selbst schuld seien, ja diese durch ihr schlechtes Verhalten sogar erst hervorrufen würden, ist schließlich eine Argumentation, die so alt ist wie der Hass auf das jüdische Volk selbst. In jedem Fall ist eine gewisse Süffisanz in der Darstellung nicht zu bestreiten. Zwei mächtige zwergische Reiche, voll von Wohlstand und ohne Nöte, die einzig durch die eigene Gier zu Fall gebracht werden. Das Tolkien hierbei wenn dann latentem Antisemitismus frönt und sowohl Drache als auch Balrog als Diener des Bösen die Schurken der Geschichte darstellen, ändert dann leider auch nichts daran, dass die Zwerge ihr Schicksal durch die eigenen Verfehlungen besiegelt haben. Der Erzähler sieht ihnen, so möchte man meinen, mit einer gewissen Schadenfreude zu wie sie von den bösen Buben verkloppt werden, fast so, wie „Critical Whiteness“ Anhänger, die es bejubeln, wenn ein Mensch mit Dreadlocks von Neonazis geschlagen wird.

https://twitter.com/dannytastisch/status/854731285083942912

https://youtu.be/c8GVtXfATtI?t=29

Eine weitere interessante Notiz ist die Tatsache wert, dass im Film „Die Gefährten“, als besagte Gefährten das Nebelgebirge durchziehen wollen und von Saruman durch Moria gezwungen werden, Gimli keinen blassen Schimmer davon hat, was dort geschehen ist – dass nämlich Balin mit seiner Expedition gescheitert und tot ist und das auch schon 25 Jahre vor den Ereignissen des Ringkrieges. Der gute Gimli kümmert sich anscheinend keinen Deut um das Schicksal seiner Verwandten, es sei denn, diese sollen ihn und seine Freunde (und einen Elb) bewirten. Freilich ist dieser Mist auf Peter Jacksons Unfähigkeit gewachsen (der ansonsten bei den HdR-Filmen aber einen unglaublich guten Job gemacht hat (über die Hobbitfilme schweigen wir lieber)). Da kann Tolkien ausnahmsweise nichts für.

Wir gelangen zum letzten Punkt, den ich beleuchten möchte: Die Unfähigkeit des zwergischen Volkes, seine Souveränität selber zu errichten. Denn wer ist es, der im „Hobbit“ den Tag rettet? Jedes Mal? Immer? Wirklich immer! Dieser verdammte Hobbit. Bilbo muss alles machen, ob nun die Düsterwaldspinnen umbringen/hereinlegen, die Zwerge aus den Verliesen Thranduils befreien, die Tür in den Erebor finden (nicht mal ihre eigene Heimat hätten die Zwerge ohne ihn betreten können!), die Stimme der Vernunft sein, nachdem der Erebor zurückerobert wurde und so weiter und so weiter. Und wen repräsentiert Bilbo? Die Engländer (so Tolkien selbst, siehe oben verlinkten Artikel der Times of Israel). Erst das Mandat des Hobbits macht es den wirklich vollkommen inkompetenten, kindischen, obendrein auch noch hochgradig undankbaren Zwergen möglich, die eigene Heimat wieder in Besitz zu nehmen. Das ist nicht nur herablassend, sondern nervt beim Lesen auch noch unfassbar, Kinderbuch hin oder her.

Dieses Stereotyp des unfähigen Juden findet sich auch im modernen Antisemitismus, besonders im israelbezogenen Antisemitismus, wo die Menschlichkeit der Juden, also die Tatsache, dass tatsächlich auch Juden Fehler machen (unfassbar, oder?) als Argument gegen die Juden (oder verklausuliert: gegen Israel) verwendet wird. Werden bei einem israelischen Kriegseinsatz Zivilisten getötet, so wird gleich dem ganzen Kriegseinsatz oder auch dem ganzen Staat seine Legitimation abgesprochen.

Fazit

Leider übernimmt Tolkien im Hobbit nicht nur Charakteristika des jüdischen Volkes und dessen Geschichte, sondern auch antisemitische Vorurteile und mengt diese munter unter seine Erzählung, sodass ein Brei entsteht, der nur noch schwerlich zu trennen ist. Umso beunruhigender ist es, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich beim Hobbit um ein Kinderbuch handelt. Noch bevor dem Menschen die Problematik des Antisemitismus bewusst sein kann, nämlich, wenn er noch ein kleines Kind ist, werden ihm durch diese Geschichte bereits antisemitische Denkmuster ins Gehirn geträufelt.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Müssen sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Eins nach dem Anderen.

Wie konnte es dazu kommen? War Tolkien Antisemit? Er selber hat es bestritten und an und für sich auch durchaus glaubhaft. Als ihn im Jahr 1938 deutsche Verleger, die den Herrn der Ringe ins Deutsche übersetzen wollten, fragten, ob er arischer Abstammung sei, antwortete Tolkien nach längerer Nachhakerei von Seiten der Nazis Folgendes:

„If I am to understand that you are enquiring whether I am of Jewish origin, I can only reply that I regret that I appear to have no ancestors of that gifted people.“

[„Falls ich das so zu verstehen habe, dass sie in Erfahrung bringen wollen, ob ich von jüdischer Herkunft bin, so kann ich nur antworten, dass ich es bedaure keine Vorfahren dieses auserwählten Volkes zu haben.“]

 http://tolkiengateway.net/wiki/Letter_30

Mit ein bisschen Übermotivation könnte man eine solch dezidierte Antwort in einer Zeit wie der damaligen an Leute wie die Betreffenden durchaus als Chuzpe, mindestens, bzw. darüber hinaus in jedem Falle als höchst anständig bezeichnen. Tolkien selber, so lässt sich aus diesem Brief schließen, hätte also wohl bestritten, Antisemit zu sein. Nun könnte man sagen, dass das nur eine weitere Parallele zu heutigen Antisemiten sei und schaut man sich an, was für antisemitischen Mist Tolkien verwurstet hat, so scheint dieser Schluss gar nicht mal unangebracht. Tolkien war, so meine bescheidene Einschätzung, ein Mensch mit antisemitischen Vorurteilen, der diese, ohne es selber zu bemerken, geschweige denn zu wollen – sogar geschweige denn sich der Existenz dieser Vorurteile bewusst zu sein –, in seinen Werken reproduzierte.

War Tolkien vielleicht doch schlimmer als Hitler? Ich würde behaupten, beide sind gleich schlimm, begehen doch beide die 8. Todsünde: In ihrem Buch den Ausgang der Geschichte spoilern. Abseits dieses geschmacklosen Witzes: Natürlich nicht. Hitlervergleiche sind und bleiben das Werkzeug der Dummen.

Müssen Sie nun ihre HdR-Blurays zerbrechen, die gesammelten tolkienschen Werke verbrennen und all Ihren Freunden und Bekannten erzählen, wie böse dieser alte englische Professor doch war? Ich denke nicht. Nur kann es nicht schaden, sich einmal mit den problematischen Aspekten der tolkienschen Werke auseinanderzusetzen. Ist man sich dieser bewusst, sinkt die Wahrscheinlichkeit, von den unabsichtlich eingearbeiteten antisemitischen Motiven korrumpiert zu werden um ein vielfaches. Und Mittelerde ist schlichtweg zu spannend, zu faszinierend, zu facettenreich, um es mir nichts dir nichts in die Tonne zu kloppen. Da nehme ich lieber einen Aufruf zu Awareness in Kauf (steinigt mich). Die übrigens bei Antisemitismus nicht aufhören muss: (Sogar auf Vernichtung abzielender) Rassismus (Stichwort Orks), Elitarismus (Stichwort Dunedain, Elben), Frauenfeindlichkeit (ja, da hilft auch Eowyn nichts, denn die mag zwar voll emanzipatorisch kämpfen und so, aber was ist das Ende vom Lied? Sie heiratet Faramir und wird zum Hausmütterchen. Was sie brauchte, so suggeriert die Geschichte, war also keine Selbstbestimmung, sondern einfach nur ein Schwanz. Na super, voll feministisch!), Monarchismus (muss man da Beispiele nennen?) usw. Im Wesentlichen also all die Probleme, mit der (fast) alle Fantasy zu  kämpfen hat.

Tolkien war nicht böse und grundverdorben, doch sollten sein Werk und die Bedeutung dieses Werkes ihn und betreffendes Werk nicht vor Kritik schützen.

Antisemitismuskeule over.

Mit Lügen gegen Israel

Die deutsche Presselandschaft ist in weiten Teilen ein Trauerspiel, wenn es um die Berichterstattung über Israel geht. Es werden Tatsachen verschwiegen, verdreht oder geleugnet was das Zeug hält, und der Böse ist am Ende immer wieder Israel als der kollektive Jude. Dieser sich an Israel reibende Antisemitismus tritt meist recht unauffällig zu Tage – aber manchmal geht mit dem deutschen Schreiberling und den Redakteuren der Judenhass ganz besonders durch, und dann liest man ganz und gar bescheuerte Sachen.

Die „Epoch Times“ ist da immer wieder für einen Kracher zu haben. Der jüngste bezichtigt in der Überschrift eines Artikels Israel, über 6500 Palästinenser ohne Anklage in Haft zu halten. Ein spektakulärer Vorwurf – es scheint ja, als sitze kein einziger Palästinenser in einem israelischen Gefängnis, gegen den es auch tatsächlich eine Anklage gebe.

Nun, das ist natürlich vollkommener Quatsch, und das weiß der Schreiberling wohl eigentlich auch selber, heißt es im Artikel im 4. Absatz doch plötzlich, von den 6500 in israelischen Gefängnissen inhaftierten Palästinensern seien lediglich 500 ohne Anklage in sogenannter „Administrativhaft“. Aber wie viele Leser dringen schon bis zum 4. Absatz vor, und lesen da noch so gründlich, dass ihnen auffällt, was für eine Lüge in der Überschrift steht? Die Überschrift eines Artikels prägt die Art und Weise, wie der Inhalt des Artikels wahrgenommen wird. In diesem konkreten Fall wird dem Leser die Anleitung zum Textverständnis mit dem Vorschlaghammer ins Hirn geprügelt: „Israel böse, Palästinenser gut“. Wer ohnehin täglich von den deutschen Massenmedien um die Ohren gehauen bekommt, dass Israel ein gieriger Moloch und Kindermörder sei, der wird keine Fragen mehr stellen, und den Artikel wie vorgegeben verstehen. Da spielt es dann keine Rolle mehr, wie sehr das, was im Artikel tatsächlich steht, von dieser Weltdeutung divergiert. Es zählt nur, den Antisemitismus gegen jeden Widerstand zu bewahren.

Wer auf diese Art Antisemitismus schürt, der verharmlost natürlich auch antisemitischen Terror. So präsentiert die „Epoch Times“ Marwan Barghuti als einen Unterstützer des „gemäßigten“ Mahmud Abbas, und als jemanden, der „wegen seiner Rolle während des zweiten Palästinenseraufstandes […] zu lebenslanger Haft verurteilt“ worden sei. Mahmud Abbas, einen Mann, der öffentlich zum Judenmord aufruft, den Holocaust leugnet und sich im 12. Jahr seiner 4-jährigen Amtszeit befindet, als „gemäßigt“ zu bezeichnen, sagt ebenso viel über den Zustand der palästinensischen Gesellschaft wie über den Schreiberling selbst aus. Da tut die Verniedlichungen von Barghutis Verbrechen nur ihr übriges. Er wurde nämlich nicht mit der nebulösen Begründung verurteilt, „eine Rolle“ in der antisemitischen Terrorwelle von 2000-2005 gespielt zu haben, sondern wegen der Ausführung von Terrorattentaten auf Juden. Wer das nicht klar benennt ist entweder uninformiert, dann sollte er schweigen; oder er ist ein Antisemit, und auch die sollten schweigen.

Der janusköpfige Kollegah

Schaut man sich an, was Kollegah in der letzten Zeit so von sich gibt und tut, dann zeigt sich ein äußerst zwiegespaltenes Bild. Einerseits ist da der Kollegah, der einem wehrlosen Fan die Fresse poliert, der Kollegah, der wegen des „Beefs“ mit Bushido und dem sonstigen Personal von egj täglich in den News von Rap-Nachrichten-Youtubern ist. Andererseits ist da aber auch der Kollegah, der sich in seinem Tourblog unglaublich Fan-nah gibt, ständig Selfies mit Konzertbesuchern macht, ihre CDs unterschreibt – und der sehr gerne Mütter, generell Frauen, aber auch ältere Herren und Menschen mit Behinderung vor der Linse präsentiert, wenn sie sich auf sein Konzert verirren.

Der böse Kollegah rappt Lines wie „Du behinderter Versager, Bitch, es ist der Pimp im Game“, „Nutte, dein Rap ist wie Blindenschrift, nur Behinderte fühlen ihn“, oder „Behinderter Penner, wer ist hier der Internetgangster?“, und spricht in Interviews davon, seine Fans seien keine „perspektivlosen Spastis“. Der gute Kollegah hingegen geht zu seinen Fans mit Behinderung, macht Fotos mit ihnen, erkundigt sich, was er tun kann, um ihnen zu helfen.

Aber welcher ist der wahre Kollegah? Nun, die Sache ließe sich ziemlich leicht beantworten: Sowohl als auch. Einerseits ist Kollegah der Böse, der Schläger, der sich mit einem unheimlichen, wohl in Mafia-Geschäfte verstrickten Bushido beeft, und damit spricht er all jene kleinen Internet-Rambos an, die sich mal so richtig hart fühlen wollen. Andererseits ist er aber auch der Nette, der Behindertenfreundliche, der Kümmerer, der keinem etwas Böses will, und findet damit Anklang bei einer moralisch etwas anspruchsvolleren Käuferschicht, die sich die abscheulichen Lines Kollegahs damit schönreden kann, dass er das ja „alles nicht so meint“.

Es sind also zwei Seiten einer Medaille, der auf der dick und fett „PROMO“ steht. An dieser Stelle könnte man die Augen verdrehen und sein Leben wieder relevanteren Themen widmen. Viel spannender als die Frage, warum Kollegah sich mal so und mal so gibt, ist aber die Frage: Wie tickt er denn nun wirklich?

Nun, wie oben aufgezeigt rappt Kollegah sehr gerne ableistischen Müll, und benutzt selbst in seiner Alltagssprache Wörter wie „Spasti“ als Beleidigung. Behindert sein ist für Kollegah demnach eindeutig negativ konnotiert – und wen würde das wundern, ist es doch gerade Kollegah, der einem wahnhaften Körperkult fröhnt, der in seinen Tourblogs ständig im Fitnesscenter zu sehen ist, der seine „Bosstransformation“, ein Fitnessprogramm, geschäftsmännisch vermarktet. In Realtalk-Tracks wie „Du bist Boss“  rappt er: „Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst/ Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst/ Wenn du rigoros trainierst, um deine Muskeln zu stählen“. Generell ist die Essenz des Liedes: Perfektioniere deinen Körper und deinen Geist, werde zur Maschine, nur dann bist du gut.

Der Körperkult Kollegahs fügt sich in sein antisemitisches Weltbild ohne weiteres ein, in die Unterscheidung zwischen schaffendem und raffendem Kapital, in „ehrliche“ physische Arbeit und die ominösen Hinterbänkler. Das gesellt sich mit faschistoiden Zügen, wenn etwa Kollegah im Interview sagt, Diktatur sei per se nichts Schlechtes; und sich dabei auf ein Lied bezieht, in dem er eindeutig nationalsozialistische Symbolik benutzt.

Dass nun ein behindertenfeindlicher Mensch sich gegenüber Individuen mit Behinderung auf einmal sehr zuvorkommend verhält, ist zunächst nichts ungewöhnliches – man könnte hier einen Vergleich ziehen zum Antisemitismus. Im deutschen Kaiserreich war dieser in der Gesellschaft bereits weit verbreitet, die Juden, gedacht als Kollektiv, wurden von den nicht-jüdischen Deutschen gehasst; paradoxerweise hatten zahlreiche dieser Antisemiten ihren „Lieblingsjuden“, also den netten Nachbarn, den freundlichen Gemüsehändler, den hilfsbereiten Rabbi. Der Hass richtete sich gegen das (konstruierte) Kollektiv, nicht gegen das Individuum. Ähnlich verhält es sich mit Kollegahs Abwertung von Menschen mit Behinderung.

Diese Abwertung wird in zweifacher Hinsicht deutlich:

Zum einen benutzt Kollegah die Menschen mit Behinderung, die seine Konzerte besuchen, um sich selbst ein gutes Image verpassen zu können – was letztlich sowohl der Profitmaximierung als auch der Schaffung von Akzeptanz für seine ableistischen Lines dient. Genau diese Akzeptanz für seine ableistischen Lines in Teilen der Gesellschaft trägt aber dazu bei, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zu verfestigen. Kollegah benutzt diese Menschen also, um Abneigung gegen sie schüren zu können. Die Strategie hinter Kollegahs Verhalten zeigt sich, wenn man sich die Häufigkeit vor Augen ruft, in der er in einer einzigen Woche seine vergiftete Wohltätigkeit gegenüber Menschen mit Behinderung zur Schau gestellt hat (28.03.29.03.01.04.03.04.).

Hinzu kommt dann die äußerst eklige Art und Weise, in der Kollegah mit diesen Menschen mit Behinderung umgeht – er spricht mit ihnen, wie andere Menschen mit kleinen Kinder sprechen. Besonders deutlich wird dies in diesem Video: 03.04. Menschen mit Behinderung – sind das denn für Kollegah keine zurechnungsfähigen Menschen? Sind das denn Kinder, denen man mit verstellter Stimme und in dümmlicher Satzstruktur ein paar nette Worte sagen muss? Diese subtile Abwertung über den Sprachduktus ist es, die Kollegahs Ableismus am deutlichsten entlarvt.

Die Instrumentalisierung Kollegahs von Gruppen, die zu seinen Opfern gehören, ist freilich nichts Neues – auch mit den Juden hat er dies versucht, doch glücklicherweise ging der Zentralrat der Juden in Deutschland auf dieses vergiftete Angebot nicht ein. Die Menschen mit Behinderung, die sich von Kollegah vor der Kamera ausschlachten lassen, fallen hingegen leider auf ihn herein.

Rückfall in Antijudaismus?

Die Süddeutsche Zeitung ist nicht eben bekannt dafür, über den Nahostkonflikt fair zu berichten – vielmehr handelt es sich hier überdies um eine Zeitung, die schon mehrfach antisemitische Karikaturen abgedruckt hat (siehe hier und hier).

Wen würde es wundern, wenn diese Zeitung auch den eigentlich längst verbrämten Antijudaismus wieder ausgraben würde? Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, schaut man sich diese Schlagzeile an: „Israel – Rückfall in alte Muster“. In dem Artikel geht es um einen Missbrauchsskandal innerhalb der Haredim-Gemeinde in Israel; und der Inhalt des Artikels selber ist eigentlich nicht problematisch. Also, natürlich ist der Missbrauchsskandal eine problematische Sache, aber in Hinblick auf Antijudaismus gibt es hier nichts zu beanstanden.

Warum aber diese Schlagzeile? Werden hier nicht Assoziationen mit dem Alten Testament provoziert? Mit dem Judentum als angeblich rückständiger Religion? Überdies erscheint es ja so, als würde GANZ Israel in diese alten Muster zurückfallen. Umso bedenklicher, dass in der Unterüberschrift nicht einmal zu erahnen ist, was genau die Überschrift zu bedeuten hat:

In Israel wurden 22 ultraorthodoxe Gläubige festgenommen, weil sie offenbar in einen Missbrauchsskandal verwickelt sind. Womöglich haben die Gemeinden dieser frommen Parallelwelt die Taten bisher vertuscht.

Alte Muster? Welche alten Muster? Tatsächlich wird erst nach der Hälfte des Artikels erklärt, worauf diese Überschrift sich bezieht, nämlich auf ähnliche Missbrauchsskandale bei den Haredim in aller Welt in der Vergangenheit.

So ergeben Überschrift und Unterüberschrift gemeinsam zunächst das Bild, als sei es ein Rückfall in alte jüdische Muster, Menschen sexuell zu missbrauchen. Dass das Wort Rückfall dabei auf die unterstellte Archaik und Rückwärtsgewandheit der jüdischen Religion Bezug nimmt, also auf das Judentum als in Vergleich zum Christentum veralteter Religion, darf nicht missachtet werden.

Es sei dahingestellt, ob Peter Münch diese Überschrift absichtlich so gewählt hat – besser würde sie dadurch aber ohnehin nicht.